mini|Schweizer Walzenspieldose Die Spieldose ist ein selbstspielendes mechanisches Musikinstrument. Daneben gibt es die Spieluhr mit mechanischem Uhrwerk und Uhrfeder, die eine Melodie spielt.
Bei den Spieldosen unterscheidet man zwei Arten: Walzenspieldosen (engl. Cylinder Music Boxes) Plattenspieldosen (engl. Disc Music Boxes) mini|Spieldose mit drehbarer Figur; links daneben die Mechanik
Die Erfindung der Musikdose geht auf den Genfer Uhrmacher Antoine Favre-Salomon zurück, der 1796 das Prinzip der klingenden Stahlzunge für eine musizierende Taschenuhr anwendete (hier deutet sich der Ursprung für den Begriff „Spiel-Uhr“ an). Das Prinzip der klingenden Stahlzunge Jede Tonzunge musste einzeln angefertigt, abgestimmt und dann auf den Zungenbalken aufgeschraubt werden. Dies war eine ausgesprochen mühselige Arbeit. Wenige Jahre später gelang es, vier bis fünf Tonzungen in einem Stück Stahlblech vereint anzufertigen, was bereits eine bemerkenswerte Verbesserung war. Diese Musikdosen bezeichnet man als Segmentmusikdosen. 1814 erfand François Lecoultre (1782–1829) in Genf den Spielkamm in einem Stück. Lecoultres Onkel und dessen Sohn arbeiteten an Verbesserungen.Eduard Saluz: Klingende Stahllamellen – ihre Erfindung und Evolution von 1800–1850. In: Das mechanische Musikinstrument Nr. 82 (2001), S. 11–21.siehe auch Historisches Lexikon der Schweiz: Musikdosen
Der Spielkamm oder Tonkamm ist ein Federstahlkamm mit abgestuften Zinkenlängen, den Tonzungen. Jede Tonzunge wird durch spanabnehmende Dimensionierung auf einen bestimmten Ton abgestimmt. Ein sich drehender Zylinder (die Tonwalze), der mit eingeschlagenen Stahlstiften besetzt ist, reißt diese Zungen an und bringt sie zum Schwingen, wobei durch die Anordnung der Stifte eine bestimmte Melodie entsteht. Der Tonkamm besitzt in der Regel mehrere Zungen der gleichen Note nebeneinander, um zu verhindern, dass bei schnell aufeinanderfolgenden gleichen Noten die Zunge der gewünschten Note erneut angerissen werden muss. Die Berührung eines nachfolgenden Stahlstiftes mit der kurz zuvor angerissenen, noch vibrierenden Zunge würde einen unerwünschten Klang erzeugen.
Während die meisten mechanischen Musikinstrumente Klangerzeuger besitzen, die auch in handgespielten Musikinstrumenten vorkommen, ist der Tonkamm ein speziell für mechanische Musikinstrumente konzipierter Klangerzeuger. Das Klangbild der Spieldosen ähnelt dem eines Spinetts.
Die Spieldose trat einen Siegeszug um die ganze Welt an. Es gab und gibt sie in zahlreichen Ausführungen: als Spieldose im Holzkasten, als Spieluhren, eingebaut in Schmuckkästchen oder in Dosen mit tanzenden Puppen usw. Die Bauart und das Volumen des das mechanische Spielwerk enthaltenden Kastens beeinflussen die Klangfarben und die Lautstärke der Spieluhr.
Schweizer Spieldosen fanden weite Verbreitung und wurden weltweit exportiert. Ein großer Nachteil der Walzenspieldosen war ihr begrenztes Musikstückrepertoire. Oft spielte eine Walze nur sechs Stücke. Da die Walzen noch nicht austauschbar waren, musste man – war man dieser Stücke überdrüssig – eine neue Spieldose kaufen.
Plattenspieldose In Leipzig-Gohlis erfand 1886/87 Paul Lochmann die Plattenspieldose. Dadurch war eine starke Konkurrenz zu den Walzen-Spieldosen entstanden, denn diese Erfindung vereinigte den Vorteil der Austauschbarkeit der Informationsträger mit bedeutend geringeren Herstellungskosten. Die Fabrikation einer Blechplatte war um einiges einfacher und billiger als das zeitraubende Besetzen mit Stiften einer Walze.
Durch eine spezielle Technik gelang es, in runde Stahlplatten Haken zu stanzen. Alle in gleicher Entfernung vom Mittelpunkt angeordneten Haken sind dabei einer Note zugeordnet. Die Haken treiben beim Abspielen ein spitzzahniges Rad an, welches seinerseits die zugeordnete Tonzunge des Kammes anreißt und so den gewünschten Ton erzeugt. Auf diese Weise konnte der Kamm waagerecht liegen und war einigermaßen vor Beschädigungen, unter anderem durch defekte Platten, geschützt.
Die Platten konnten einfacher ausgewechselt werden als die Zylinder einer Zylinderspieldose, sodass zu einer Plattenspieldose eine individuelle Plattensammlung angeschafft werden konnte. Allerdings kann eine Platte, im Gegensatz zu einem Zylinder, bauartbedingt nur eine Melodie abspielen.
Plattenspieldosen hatten, wie auch die späteren ersten Grammophone, starke Federwerke als Antrieb. Die Drehzahl wurde durch einen Fliehkraftregler gleichbleibend gehalten. Der Aufzug erfolgte mit einer aufsetzbaren Kurbel. Oft war ein Steuerhebel vorhanden, mit dem zwischen einmaligem und wiederholtem Abspielen umgestellt werden konnte.
Platten- und Zylinderspieldosen sind Musikinstrumente, aber chronologisch betrachtet Vorläufer der Grammophone, welche Wiedergabegeräte sind.
Plattenspieldosen wurden vor allem in Deutschland und den USA produziert. Die Schweiz nahm die Entwicklung etwas später auf. Sie konnte zwar quantitativ nicht mit den oben genannten Nationen mithalten, entwickelte aber die Qualität des Instruments durch einige raffinierte Patente weiter. Im Zeitalter der beginnenden Industrialisierung – ab etwa 1880 – wurden diese Plattenspieldosen zu Hunderttausenden hergestellt und so preisgünstig angeboten, dass sie für jedermann erschwinglich waren.
Das Deutsche Reich entwickelte sich – neben den USA – zum bedeutendsten Exportland für mechanische Musikinstrumente.
Walzenspieldose Datierung
In der zumeist englischsprachigen Literatur über mechanische Musikinstrumente finden sich vielerlei Hinweise zur Datierung von Walzenspieldosen. Hier soll der Versuch gemacht werden, diese Informationen zusammengefasst darzustellen.
Die Erfindung der Walzenspieldose wird Antoine Favre aus Genf zugeschrieben, der 1796 ein Spielwerk in einer Zinndose, basierend auf Zungenkamm und Stachelrad einbaute. In den folgenden Jahren wurden Spielwerke dieser Art in Siegelringen, Taschenuhren, Schnupftabakdosen, Necessaires und in größerer Form auch in Sockel von Tischuhren eingebaut. Erst ab etwa 1820 wurden Walzenspieldosen in der Form gebaut, wie sie heute bekannt sind. Sie sind an ihrem schlichten Gehäuse zu erkennen, das nicht furniert ist. Der Kamm besteht nicht aus einem Stück, sondern aus einzeln verschraubten, später aus Gruppen mit zwei bis fünf Zungen. Der einteilige Kamm war vor 1820 nur vereinzelt zu finden, verdrängte aber im Laufe der Zeit immer mehr den Kamm aus einzelnen Zungen oder Zungengruppen.
Ab etwa 1850 wurde nur noch der einteilige Kamm eingebaut. Die Walzenspieldosen aus dieser Zeit zeichnen sich durch kleine Gehäuse aus, die kaum größer sind als das Spielwerk, sie bieten zumeist vier, höchstens sechs Musikstücke. Die Grundplatte besteht immer aus Messing. Um 1840 begann die industrielle Fertigung von Walzenspieldosen, das heißt, es wurden größere Stückzahlen produziert. Um konkurrenzfähig zu bleiben, mussten Verbesserungen angeboten werden – wie das Hinzufügen von Glocken und Trommeln. Zu Beginn wurde diese „Zusatzinstrumentierung“ versteckt unter dem Spielwerk eingebaut, später war sie dann sichtbar zumeist hinter der Walze angebracht. Ab 1870 wurde die polierte Messinggrundplatte durch eine gerippte Gusseisenplatte abgelöst, die mit Bronze- oder Silberfarbe lackiert war.
Die wohl bekanntesten Hersteller von Walzenspieldosen waren die Gebrüder Nicole (Nicole Frères). Sie produzierten von 1815 bis 1903 Walzenspieldosen von gleichbleibend hoher Qualität, die alle mit dem Namen Nicole Frères im Kamm gekennzeichnet sind und eine Seriennummer in der Grundplatte tragen. Auf Grund dieser Seriennummer lassen sich Walzenspieldosen von Nicole Frères leicht datieren. Man findet von keinem anderen Hersteller so genaue Daten über ihre Produktion.
Seriennummer bis Jahr bis 19.000 1839 25.000 1843 27.000 1845 29.000 1847 35.000 1860 38.000 1861 40.000 1863 41.000 1870 43.000 1872 44.000 1880 46.000 1882 50.000 1888 52.000 1903
Hilfsmittel zur Datierung können auch Opern- oder Musikführer sein, die den Zeitpunkt der Erstaufführung des entsprechenden Werkes angeben. Darüber kann z. B. bei Oper- und Operettentiteln auf das frühestmögliche Baujahr der Spieldose geschlossen werden.
Geschichte und Technik
mini|Werk einer Walzen-Spieldose Die durch ein unabhängiges Triebwerk bewegte Stiftwalze setzte sich im Laufe der Zeit mehr und mehr durch. Immer größere Spieldosen wurden gebaut, die nicht nur ein, sondern bis zu vier Federwerke aufwiesen. Dadurch wurde die Laufdauer der Musikdosen pro Aufzug stark erhöht. Stiftwalzen haben auch den Vorteil, dass man sie seitlich verschieben kann. Das ermöglicht das Aufzeichnen mehrerer Melodien auf derselben Walze.
Es gibt Zylinder, auf denen bis zu 20 Melodien gestiftet sind. Eine solche Vielzahl stellt allerdings eine Ausnahme dar. Die Anzahl der benötigten Stifte schwankt je nach Größe und Durchmesser eines Zylinders zwischen 100 und bis zu 30.000, ja sogar 40.000 Stück.
Eine raffinierte Neuerung war die so genannte Pianoforte-Spieldose. Um das Jahr 1840 führte man diese Spieldosen mit zwei Kämmen ein. Der eine Kamm tönt dabei laut, während der andere leise klingt. Erreicht wurde dies dadurch, dass die Tonzungen des Pianokamms dünner gemacht wurden, wodurch sie weicher und leiser klingen, und weil man zwei separate Kämme hat, kann auch der eine stärker abgeriegelt werden als der andere, und das mit gleich langen Stiften. Die Kämme wurden abwechselnd gespielt, was beachtliche Klangeffekte ergab. Bei besonders lauten Stellen des Musikstücks ließen sich beide Kämme zugleich anreißen. Eine aufwändigere Methode, um einen ähnlichen Effekt zu erreichen, ist, für den einen Kamm für die Forte-Passagen längere Stifte zu benutzen als für die Piano-Passagen. Weil die Forte-Stifte länger sind, klingt der Ton später; um das zu korrigieren, wurden diese Stifte nach vorne umgebogen. Ein großer Vorteil dabei ist, dass jede Tonzunge leise oder laut klingen kann. Letztendlich hat sich aber das Zwei-Kämme-System durchgesetzt, weil diese Methode weniger aufwändig war.
Bald wurden in die Musikdosen noch Zusatzinstrumente eingebaut. Beliebt war der Einbau eines zusätzlichen Glockenwerks. Die Glocken wurden von einem separaten Kamm – ebenfalls über die Walzenstifte – gesteuert. Erfolgreich war auch die Kombination mit einer Harmonika. Bei diesen Modellen befanden sich durchschlagende Zungensektionen in der Mitte des Tonkamms. Dazu war ein spezielles Gebläse nötig, welches durch dasselbe Federwerk angetrieben wurde, das auch die Stiftwalze drehte (Schöpfbälge). Sehr häufig wurde ein zu- und abschaltbarer Zither-Effekt eingebaut. Dazu wurde über eine entsprechende Mechanik eine spezielle Papierrolle ganz leicht auf den Tonkamm gepresst. Dies ist erkennbar an einem Metallstreifen über dem Tonkamm. Dem Erfindungsgeist waren offensichtlich keine Grenzen gesetzt. Zum Schluss wurden ganze Orchesterspieldosen gebaut. Zudem kam man auf die Idee, die „Puppen tanzen zu lassen“. Manche Modelle ließen nach Münzeinwurf zur Melodie kleine Püppchen im Kreise tanzen.
Ungefähr 1850 kamen die ersten Spieldosen mit auswechselbaren Walzen in den Handel. Dadurch erhielt der Käufer die Möglichkeit, auch später noch weitere Walzen mit neuen Melodien nachzubestellen. Diese auswechselbaren Walzen wurden gesondert für ein bestimmtes Spieldosenmodell angefertigt und mit diesem auch geliefert. Eine Austauschbarkeit mit den Walzen anderer Spieldosen war nicht gegeben. Mit austauschbaren Walzen befasste sich hauptsächlich die Firma Mermod Frères. Sie legte schließlich Wert darauf, dass man die Walzen in allen Spieldosen derselben Bauart abspielen konnte. Ganz ausgeklügelt war das System der Revolver-Spieldose. Ähnlich einem Patronenlager waren hier drei, vier oder sechs Walzen kreisrund angeordnet. Waren die sechs Melodien pro Walze abgespielt, drehte sich der Mechanismus um eine Walze weiter.