Unter Zungenrede, auch „in Zungen reden“, „Glossolalie“, einem Lehnwort aus altgriechisch γλῶσσα glōssa („Zunge“, „Sprache“) und λαλεῖν lalein, („reden“, „lallen“), „Zungengebet“ oder „Sprachengebet“, versteht man ein unartikuliertes Sprechen, das insbesondere aus der charismatischen oder pfingstlerischen Gebetspraxis im frühen Christentum und in der Neuzeit bekannt ist. Ihre weltweite Verbreitung außerhalb des Christentums zeugt von hohem Alter, ebenso wie Erwähnungen in antiken Dokumenten. Es gibt Hinweise auf Glossolalie im Hinduismus und im Schamanismus.Felicitas D. Goodman: Glossolalia (1987), in: Encyclopedia of Religion, 2. Auflage, hrsg. von Lindsay Jones, Band 5, Thomson Gale, Farmington Hills, Ml/USA, ISBN 0-02-865738-1, S. 3504–3507.
Etymologie Deutsche Bibelübersetzungen verwenden „Zunge“ und „Sprache“ synonym und übersetzen daher das griechische „λαλῶν γλώσσῃ“ (redend mit ‹der› Zunge/in einer Sprache, ) schon in den ersten gedruckten Bibelausgaben1 Kor 14,39 in der Übersetzung von Heinrich Eggestein (vor 1470): Wan der do redt in d zunge Text Münchener Digitalisierungszentrum, wie dann 1545 auch in der Lutherbibel1 Kor 14,39 Luther 1545: „mit Zungen zu reden“ durch „in“ oder „mit“ „Zungen reden“, woraus in der Lutherbibel von 1984 das zwischenzeitlich gängige Substantiv Zungenrede wurde.revidierten 1 Kor 14,39, rev. Lutherbibel 1984. Dieses findet sich bereits in Herders Conversations-Lexikon von 1855 mit Bezug auf das Pfingstwunder. Auch im Englischen ist der an das Griechische angelehnte Ausdruck „mit Zungen reden“ schon früh, etwa in der Wyclif-Bibel aus dem 14. Jahrhundert, belegt.Aussendung der Jünger Mk 16,17: „And these tokenes schulen … speke with newe tungis.“ Das Fremdwort „glossolalia“ findet sich erstmals bei Frederic Farrar 1879.„glossolalia“. Oxford English Dictionary (2. Auflage) 1989.
Glossolalie wird manchmal mit der ebenfalls als Charisma (Gottesgabe) verstandenen Xenoglossie in Verbindung gebracht, der Gabe unvermittelt in fremden (altgriechisch ξένος xénos, „fremd“) Sprachen zu sprechen; ob sich bei dem in der Bibel in der Apostelgeschichte beim Pfingstfest beschrieben Ereignis um Glossolalie oder Xenoglossie handelt, wird in der Exegese (Theologie) kontrovers diskutiert.
Beschreibung Da Zungenrede unartikuliert ist, kann sie sprachlich schlecht ausgedrückt werden. Beobachtern kommt sie wie eine sehr fremde Sprache vor. Es ist aber weder Syntax noch Vokabular zu identifizieren. Sie kommt als Orakelspruch, vor allem aber beim privaten oder im gemeinschaftlichen Gebet vor. Sie drückt sich nicht nur in den geäußerten Lauten aus; zu ihrem Verständnis sind der soziale Kontext und der körperliche Ausdruck mit zu beachten. Die Betenden ihrerseits sind zwar bei vollem Bewusstsein und geben an, den Vorgang kontrollieren zu können (beispielsweise das Gebet beginnen oder beenden, laut oder leise beten). Dennoch scheint diese Art des Sprechens den bewussten Verstand auszuschließen, denn die Betenden geben an, meist nicht zu wissen, was sie sprechen, während es unter Umständen anderen möglich zu sein scheint, die Zungenrede zu deuten.
Der Religionswissenschaftler Volkhard Krech (* 1962), Centrum für Religionswissenschaftliche Studien, Bochum, beschreibt:
Der Linguist William J. Samarin (University of Toronto) hat 1972 eine Untersuchung der Pfingstglossolalie vorgelegt, die zu einem klassischen Werk über ihre linguistischen Merkmale der Zungenrede wurde. Seine Studie stützte sich auf Glossolalien, die im Laufe von fünf Jahren in öffentlichen und privaten christlichen Versammlungen in Italien, den Niederlanden, Jamaika, Kanada und den Vereinigten Staaten aufgezeichnet wurden; sein Spektrum umfasste die Puertoricaner in der Bronx, die Schlangenbeschwörer in den Appalachen und die charismatische Christen aus Russland in Los Angeles. Samarin stellte dabei fest, dass Zungenrede in mancher Hinsicht der menschlichen Sprache ähnelt. Der Sprecher verwendet Akzent, Rhythmus, Intonation und Pausen, um die Sprache in verschiedene Einheiten zu unterteilen. Jede Einheit besteht wiederum aus Silben, die aus Konsonanten und Vokalen einer dem Sprecher offenbar irgendwie bekannten Sprache gebildet werden.
Der Philologe und Neutestamentler Norbert Baumert (1932–2019) bestätigt aus der eigener Erfahrung mit charismatischen christlichen Gemeinen diese Beobachtungen:
Dass die Laute aus der Menge der dem Sprecher bereits bekannten Laute entnommen werden, wird von anderen bestätigt. Felicitas Goodman, eine psychologische Anthropologin und Linguistin, fand ebenfalls heraus, dass die Sprache von Glossolalisten die Sprachmuster der Muttersprache des Sprechers widerspiegelt.Felicitas D. Goodman: Phonetic Analysis of Glossolalia in Four Cultural Settings. In: Journal for the Scientific Study of Religion, Band 8, Heft 2, 1969, S. 227–235.Ähnlich: Heather Kavan „We don't know what we're saying, but it's profound“. The Language and Contexts of Glossolalia. New Zealand Linguistic Society, Massey University.
Da sie von sich aus mehrdeutig ist, wird in allen Kulturen die Glossolalie institutionell eingehegt. „Andernfalls kann es leicht zu Aus- und Abschweifungen kommen, die nicht mehr zu überprüfen und zu zügeln sind.“
Außerchristliches Vorkommen von Zungenrede Antike In der Antike war die Vorstellung weit verbreitet, dass göttliche Wesen Sprachen sprechen, die sich von den menschlichen Sprachen unterscheiden, und Religionshistoriker haben in der griechisch-römischen Literatur Hinweise auf esoterische Reden gefunden, die der Glossolalie ähneln und manchmal als Engels- oder Göttersprache erklärt werden, wie etwa beim Orakel von Delphi.Christopher Forbes: Prophecy and Inspired Speech in Early Christianity and its Hellenistic Environment (Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament, 2. Reihe 75), Tübingen, Mohr Siebeck 1995, S. 103–123.Platon schildert im Phaidron (244a und 265a) ekstatische Zustände als Gabe der Götter und nennt das Orakel als Beispiel.
Während im antiken Christentum außerhalb des NT Glossolalie nicht belegt ist, finden sich Schilderungen im Frühjudentum, etwa im pseudepigraphen Testament des Hiob,Testament Hiobs Michael Tilly, WiBiLex, Deutsche Bibelgesellschaft, 2007, abgerufen am 23. Dezember 2024 In dem nicht-kanonischen Text aus dem 1. oder 2. Jahrhundert wird beschrieben, dass die Töchter Hiobs Schärpen erhalten hätten, die es ihnen ermöglichten, „entsprechend dem Gesang der Engel“ zu beten, während eine andere dies zu deuten vermochte. Wolff nennt weitere Ähnlichkeiten zur paulinischen Zungenrede im Frühjudentum, z. B. Zephanja-Apokalypse (13,3) aus dem 1. Jahrhundert.Dale B. Martin: The Corinthian Body, New Haven, Connecticut, Yale University Press 1995, ISBN 978-0-300-08172-5, S. 88–91. Auf Zungenrede dürfte auch das „Leuchterorakel“ aus einem griechischen Zauberpapyrus hinweisen, das anweist, wie mit einem Jüngling als einem Medium zu verfahren ist; es enthält das Gebet: „Nahe mir, Geist, der die Luft durchfliegt, gerufen mit den Symbolen und unaussprechbaren Namen, zu dieser Leuchteroffenbarung, die ich vornehme, und steig hinein in seine (des Knaben) Seele, damit sie abbilden kann die unsterbliche Gestalt in machtvollem und unvergänglichem Licht […]“.Übersetzt bei: Karl Preisendanz (Hg.): Papyri graecae magicae. Die griechischen Zauberpapyri, Bd. 2., 2. Aufl., Leipzig, Teubner 1931, S. S.25. Zitiert bei Krecht 2015.
Alexander von Abonuteichos († um 175) könnte während seiner prophetischen Ekstase in Zungen gesprochen haben. Der neuplatonische Philosoph Iamblichos von Chalkis († um 320/325) verband die Glossolalie mit der Prophezeiung und schrieb, dass, wer eine Prophezeiung spricht, von einem göttlichen Geist ergriffen sei, der „Worte ausstößt, die von denen, die sie aussprechen, nicht verstanden werden; denn sie sprechen sie, wie man sagt, mit einem wahnsinnigen Mund (mainomenό stomati) aus und sind der Energie des herrschenden Gottes völlig unterworfen und ergeben sich ihm“.
Ob eine Schilderung im Buch des Propheten Jesaja als Beleg aus der Hebräischen Bibel für Zungenrede aufgefasst werden kann, ist strittig.Die Elberfelder Bibel (zu Jes 28,11) erklärt die geschilderte Unverständlichkeit der Rede durch Siegestaumel und Trunkenheit
Außerbiblische Religionen Auch in anderen religiösen Traditionen wurde beobachtet, dass sie eine Form der Glossolalie praktizieren. Am häufigsten ist sie vielleicht im Schamanismus und bei medialen religiösen Praktiken anzutreffen, die über personale Wesen angeben, Kontakt zu einer jenseitigen Welt herzustellen. In Japan gingen die Anhänger von Shinji Takahashi (1927–1976; God Light Association) davon aus, dass die Glossolalie sie dazu bringen kann, sich an vergangene Leben zu erinnern.Christal Whelan: Shifting Paradigms and Mediating Media: Redefining a New Religion as „Rational“ in Contemporary Society. Nova Religio. Band 10, Heft 3, 2007, S. 54–72.
Felicitas D. Goodman beschrieb weitere nicht-christliche Rituale aus Afrika, der Karibik, Borneo und Indonesien, in denen Zungenrede praktiziert wird. Häufig scheint Zungenrede im Zusammenhang von Riten zur religiösen Initiation zu stehen. Goodman vertritt die Auffassung, dass das Sprechen im Kontext von Besessenheit als Glossolalie verstanden werden kann. In einem christlich-katholischen Bereich belegt sie dies anhand der zahlreichen erhaltenen Audiomitschnitte im Fall der Anneliese Michel aus den 1970er Jahren und vergleicht dies mit Beobachtungen aus anderen Religionen. Ein höherer Geist werde da als Kraft und nicht als Persönlichkeit erlebt, aber die Geister der Toten der Trobriand-Insulaner, die Geister der Ahnen in Afrika und verschiedene Geister im haitianischen Vodou hätten ausgeprägte Persönlichkeitszüge, die in Glossolalie zum Ausdruck kommen. Es scheint ihr wie ein Rollenspiel oder ein Gespräch zu sein, als ob man sich in der Gegenwart eines eigenständigen Wesens befindet, das in einer Art Besessenheit durch das menschlichen Medium spricht und mit dem es spricht. Im Voodoo werden, so Goodman, weibliche Medien oft von männlichen Geistern besessen, wobei sich die Stimme und natürlich auch das Verhalten ähnlich verändern. In Umbanda, einem afro-brasilianischen synkretistischen Heilungskult, führt die Besessenheit durch den Kindergeist zu einer ebenso dramatischen Veränderung der Stimme. Sibirische Schamanen können von Helfern in Form von Tiergeistern besessen sein, ihre Sprache bestehe dann aus Tierstimmen oder einer „Tiersprache“.
Glossolalie gibt es im Hinduismus beispielsweise in den Veden (ca. 1000 v. Chr.), in den Yoga-Sutras von Pacaiijali und in tibetischen tantrischen Schriften.
Islamische Traditionen kennen zwar vor allem im Sufismus ekstatische Praktiken. Von Glossolalie hingegen wird nicht berichtet. Hintergrund ist die Ermahnung des Propheten zu verständiger Rede in Sure 73 al-Muzzammil, Vers 4. Vgl. Sure 25 Verse 32f (al-Furqan) über die Verständlichkeit des Korans. Spuren von Glossolalie meint Elisabeth Goodman in den Litaneien (Dhikrs) einiger Orden der islamischen Sufi-Mystiker zu finden.
Als besondere Ausprägung im 20. Jahrhundert kann die australische Bewegung des Vailala-Wahn gelten, deren Name auf die unartikulierte Rede verweist.
Zungenrede im Christentum
Neutestamentliche Zeit