mini|Charles de Gaulle (1963) rahmenlos|rechts|hochkant|klasse=skin-invert-image mini|Charles de Gaulle (1942)
Charles André Joseph Marie de Gaulle (; * 22. November 1890 in Lille, Département Nord; † 9. November 1970 in Colombey les Deux Églises, Département Haute-Marne) war ein französischer General und Staatsmann.
Im Zweiten Weltkrieg führte er den Widerstand des Freien Frankreichs gegen die deutsche Besatzung an. Danach war er von 1944 bis 1946 Präsident der Provisorischen Regierung.
Im Zuge des Algerienkriegs wurde er 1958 mit der Bildung einer Regierung als Ministerpräsident beauftragt und setzte eine Verfassungsreform durch, mit der die Fünfte Republik begründet wurde, deren Präsident er von Januar 1959 bis April 1969 war. Die auf ihn zurückgehende politische Ideologie des Gaullismus beeinflusst die französische Politik bis heute.
Herkunft und Bildung mini|Geburtshaus de Gaulles in Lille Charles de Gaulle wuchs in einer katholisch-konservativ geprägten und gleichzeitig sozial fortschrittlichen Intellektuellenfamilie aus Lille auf: Sein Großvater war Historiker, seine Großmutter Schriftstellerin. Sein Vater Henri Charles Alexandre de Gaulle (1848–1932),Genealogie der Familie der an verschiedenen katholischen Privatschulen lehrte, bevor er 1907 seine eigene freie Schule gründete, ließ ihn die Werke von Barrès, Bergson, Péguy und Maurras entdecken. Schließlich hatte er auch eine Vorliebe für den nordfranzösischen Dichter Albert Samain.Alain Larcan: Les passions littéraires du général de Gaulle, Väterlicherseits hatte de Gaulle Vorfahren, die zum alten Landadel der Normandie und Burgunds gehörten. Seine Mutter Jeanne Caroline Marie Maillot (1860–1940) stammte aus einer Familie reicher Unternehmer aus Lille mit französischen, irischen (MacCartan), schottischen (Fleming) und deutschen (Kolb)Ernst-Otto Braasch: „Die baden-württembergischen Vorfahren von General Charles de Gaulle“. in: Archiv für Sippenforschung Jg. 1965, Heft 20, S. 289–299. Vorfahren. Die Familie lebte in Paris, wo de Gaulle erste katholische Schulen besuchte. Während der Dreyfus-Affäre distanzierte sich die Familie von reaktionär-nationalistischen Kreisen und unterstützte den aus antisemitischen Gründen verurteilten Alfred Dreyfus. Im Vorfeld der Laizismus-Krise 1905 wurden christliche Schulen behindert, daher wich de Gaulle nach Belgien in eine Jesuitenschule im Château d’Antoing aus. Die Sommerferien 1908 verbrachte der damals siebzehnjährige Charles de Gaulle bei Pfarrer Mayer in Riedern am Wald im Südschwarzwald, um seine Deutschkenntnisse zu verbessern, und nutzte dabei die Gelegenheit, an einer Wallfahrt nach Einsiedeln (Schweiz) teilzunehmen.
Nach einem Vorbereitungsjahr auf die Aufnahmeprüfung am Collège Stanislas trat de Gaulle 1909 in die Militärschule Saint-Cyr ein, die er 1912 mit Diplom und Beförderung zum Sous-lieutenant (dt.: Leutnant) verließ. Dort lernte er auch Deutsch.Vor 50 Jahren: de Gaulles Rede an die deutsche Jugend. Interview Deutschlandfunk Anschließend wurde er in die französische Armee übernommen. Er wurde dem 33e régiment d’infanterie (dt.: 33. Infanterieregiment) in Arras zugeteilt, dessen Kommandeur seit 1910 Colonel (dt.: Oberst) Philippe Pétain war.
Erster Weltkrieg Zu Beginn des Ersten Weltkriegs stieg er vom Lieutenant zum Capitaine auf. Bereits im ersten Gefecht bei Dinant erlitt de Gaulle am 15. August 1914 eine Verwundung. Er kehrte dann als Chef der 7. Kompanie zum 33e régiment d’infanterie an die Champagne-Front zurück. Am 10. März 1915 wurde er erneut im Gefecht verwundet. Er war entschlossen weiterzukämpfen und widersetzte sich seinen Vorgesetzten, indem er auf die feindlichen Gräben feuern ließ. Wegen dieses Akts des Ungehorsams enthob man ihn für acht Tage seiner Funktionen. Dennoch hatte sich de Gaulle als fähiger Offizier hervorgetan und der Kommandant des 33e régiment d’infanterie bot ihm an, sein Adjutant zu werden.
Am 2. März 1916 wurde sein Regiment in der Schlacht um Verdun bei der Verteidigung des Dorfes Douaumont in der Flanke des Forts von Douaumont von den Deutschen attackiert. De Gaulles Kompanie war schließlich fast vollständig vernichtet, die Überlebenden in einer Ruine eingeschlossen. Laut offiziellem Bericht versuchte de Gaulle daraufhin einen Ausbruch, wurde durch einen Bajonettstich schwer verwundet und ohne Bewusstsein aufgefunden. Nach anderer Darstellung mehrerer Beteiligter ergab sich de Gaulle einer deutschen Einheit, ohne einen Ausbruchsversuch unternommen zu haben.
mini|links|Gedenktafel auf der Wülzburg In deutscher Gefangenschaft erholte er sich von seiner Verwundung. Während der Internierung in Deutschland – zunächst in Osnabrück und NeisseFondation Charles de Gaulle: Biographische Zeittafel Charles de GaulleDe Gaulle, Lettres, Notes et Carnets, tome I : « 1905–1918 », chez Plon. – brachte man ihn nach zwei erfolglosen Fluchtversuchen von der Festung Rosenberg in Kronach in ein speziell für aufsässige Offiziere vorgesehenes Lager in der Festung Ingolstadt. In der Gefangenschaft lernte er Michail Tuchatschewski kennen. Er versuchte auch von dort zu fliehen. Einmal kam er bis in die Nähe von Ulm, ehe man ihn erneut fasste. 1918 kam de Gaulle schließlich auf die Wülzburg bei Weißenburg in Bayern. Ein „jämmerliches Exil“ („lamentable exile“), mit diesem Ausdruck beschrieb er seiner Mutter sein Schicksal eines Gefangenen.
Um die Langeweile zu ertragen, organisierte de Gaulle für seine Mitgefangenen umfangreiche Exposés über den Stand des laufenden Krieges. De Gaulles fünf Fluchtversuche scheiterten nicht zuletzt an seiner Körpergröße von 1,95 m, mit der er schnell auffiel. Darüber hinaus unterstützte er mehrere teilweise erfolgreiche Fluchtversuche anderer inhaftierter Kameraden. Nach dem Waffenstillstand im November 1918 wurde er von der Wülzburg entlassen. Von den zweieinhalb Jahren der Gefangenschaft behielt er eine bittere Erinnerung und schätzte sich selbst als „Heimkehrer“ und Soldat ein, der seinem Land nichts genützt hatte.
Zwischenkriegszeit
Polnisch-Sowjetischer Krieg Während des Polnisch-Sowjetischen Krieges 1919/1920 meldete sich de Gaulle freiwillig für den Dienst in der französischen Militärmission in Polen und fungierte ab dem 17. April 1919 als Infanterieausbilder der neugeschaffenen polnischen Armee. Er wollte durch den Einsatz an diesem entlegenen Kriegsschauplatz seiner militärischen Karriere einen Schub geben, da er sich infolge der Kriegsgefangenschaft während des Ersten Weltkrieges kaum hatte Verdienste erwerben können.Eric Roussel: De Gaulle. Band I: 1890–1945. Éditions Gallimard, Paris 2002, zitiert nach der Taschenbuchausgabe: Editions Perrin, S. 51.
Da ihm in Frankreich lediglich ein untergeordneter Posten als Referent beim Premierminister angeboten wurde, bei dem er Soldaten und Offiziere für Auszeichnungen vorschlagen sollte, verlängerte de Gaulle seinen Dienst in Polen und nahm im Mai 1920 an dem Angriff der polnischen Armee auf Kiew teil (polnisch-sowjetischer Krieg).Eric Roussel: De Gaulle. Band I: 1890–1945. Éditions Gallimard, Paris 2002, zitiert nach der Taschenbuchausgabe: Editions Perrin, S. 52f. Er wurde zum Stabschef General Henri Albert Niessels in Warschau befördert und erhielt die höchste polnische Militärauszeichnung Virtuti Militari.
Einige Historiker nahmen fälschlich an, dass die Erfahrungen in Polen de Gaulles Ansichten in Bezug auf den Einsatz von Panzern und Flugzeugen und den Verzicht auf die traditionelle Kriegsführung mittels Schützengräben beeinflussten. Sein Biograph Eric Roussel (* 1951) weist demgegenüber darauf hin, dass das Konzept, Panzer für schnelle Vorstöße unabhängig von der Infanterie zu verwenden, erst 1927 durch den französischen General Aimé Doumenc entwickelt wurde.
Stabsoffizier in Paris und Kommando in Libanon Nach seiner Rückkehr aus Polen heiratete de Gaulle im April 1921 Yvonne Vendroux und nahm einen Posten als Lehrer an der renommierten Militärschule Saint-Cyr in Paris an, der Kaderschmiede der französischen Armee. De Gaulle war damit materiell gut abgesichert, geriet aber bald in Konflikt mit seinen Vorgesetzten aufgrund seines selbstbewussten Verhaltens und unkonventioneller Ansichten, die er in seinem Unterricht vertrat. Infolgedessen wurde er nicht befördert und wechselte 1925 in den persönlichen Stab des Marschalls Philippe Pétain. Gegenüber einem Freund soll er geäußert haben, dass er die Militärschule Saint-Cyr nicht wieder betreten würde, außer als Direktor.Eric Roussel: De Gaulle. Band I: 1890–1945. Éditions Gallimard, Paris 2002, zitiert nach der Taschenbuchausgabe: Editions Perrin, S. 62.
De Gaulles wichtigste Aufgabe bestand fortan darin, zwei Bücher vorzubereiten, die unter dem Namen des berühmten Marschalls erscheinen sollten, jedoch kam es mit Pétain zu Auseinandersetzungen über den Inhalt der Bücher und zu einer deutlichen Abkühlung in dem zuvor freundschaftlichen Verhältnis.Eric Roussel: De Gaulle. Band I: 1890–1945. Éditions Gallimard, Paris 2002, zitiert nach der Taschenbuchausgabe: Editions Perrin, S. 61 ff. Dennoch förderte Pétain de Gaulles Karriere: Im September 1927 übernahm de Gaulle als Bataillonschef ein aktives Kommando bei den französischen Besatzungstruppen in Trier. Ebenfalls setzte Pétain durch, dass de Gaulle im April 1927 eine Reihe von Vorträgen an der Militärschule Saint-Cyr halten durfte, gegen den Willen des Schulleiters, General Pierre Héring.
1932 veröffentlichte de Gaulle den Inhalt dieser Vorträge in seinem Buch Le fil de l’épée („Die Schneide des Schwertes“). Darin vertrat er die Ansicht, die französische Armee müsse das Amt eines Oberkommandierenden schaffen, der im Fall eines Krieges in alleiniger Verantwortung und mittels diktatorischer Vollmachten das Schicksal des Landes bestimmen solle. Diese Auffassung konnte sich wegen der Rivalität der Generäle im Generalstab und der traditionellen Feindschaft zwischen den Waffengattungen der französischen Streitkräfte nicht durchsetzen.Eric Roussel: De Gaulle. Band I: 1890–1945. Éditions Gallimard, Paris 2002, zitiert nach der Taschenbuchausgabe: Editions Perrin, S. 65ff., S. 71f.
Von 1929 bis 1931 übernahm de Gaulle ein Kommando im französischen Mandatsgebiet Libanon.Alexandre Najjar: De Gaulle et le Liban. 4 Bände (1. Vers L’Orient Complique 1929–1931; 2. De la guerre à l’Indépendance (1941–1943); 3. A l’Elysée [Beziehungen de Gaulles zu den Präsidenten Schihab und Helou, 1960er-Jahre]; 4. L’Embargo [Bruch mit Israel 1968]). Editions Terre du Liban, Beirut (Eintrag auf der Website Chemins de Mémoire des französischen Verteidigungsministeriums) Dieser Posten, weit entfernt vom Hauptquartier in Paris, diente kaum seiner Karriere und widersprach zudem seinen persönlichen Ansichten, wonach die Kolonialarmeen bei der Verteidigung Frankreichs nur eine untergeordnete Rolle spielten. Wegen des Zerwürfnisses mit Pétain wurde ihm jedoch kein besseres Kommando angeboten.Eric Roussel: De Gaulle. Band I: 1890–1945. Éditions Gallimard, Paris 2002, zitiert nach der Taschenbuchausgabe: Editions Perrin, S. 71ff.
Von 1932 bis 1937 bekleidete de Gaulle eine untergeordnete Rolle im Nationalen Verteidigungsrat (Conseil supérieur de la défense nationale), dessen Aufgabe unter der Leitung von Marschall Pétain darin bestand, die französischen Streitkräfte auf einen möglichen Krieg vorzubereiten und über Kriegsstrategien, Bewaffnung und Aufstellung zu entscheiden. De Gaulles Rolle beschränkte sich darauf, Denkschriften für die Sitzungen des Verteidigungsrates vorzubereiten. Da er für eine offensive Kriegführung eintrat, die den Ansichten der meisten Generäle entgegenlief, blieben seine Entwürfe weitgehend unbeachtet.Eric Roussel: De Gaulle. Band I: 1890–1945. Éditions Gallimard, Paris 2002, zitiert nach der Taschenbuchausgabe: Editions Perrin, S. 76f. De Gaulle fasste seine Tätigkeit im CSDN in seinen Memoiren folgendermaßen zusammen:
1934 kaufte er das Haus La Boisserie in Colombey les Deux Églises, das aber erst 1946 zu seinem ständigen Wohnsitz wurde.