Die Gigue (französisch [], italienisch Giga [], englisch Jig [], Gigge oder Gique, spanisch Jiga) ist ein lebhafter, heiterer Tanz aus dem 17. und 18. Jahrhundert, der gewöhnlich zweiteilig ist. Ursprünglich stand sie im 3/4 oder 6/4-Takt, ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts auch in 3/8, 6/8 oder 12/8.Carol G. Marsh: Gigue. in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Band A3, Sp. 1324–1329. Der Artikel folgt, soweit nicht ausdrücklich anders angegeben, der Darstellung dort. Die Gigue verbreitete sich von den Britischen Inseln aus, wo es bereits im 15. Jahrhundert Melodien und Tänze gab, die als Jig bezeichnet wurden. Sie gehörte zu den vier Grundtänzen der Suite, zusammen mit Allemande, Courante und Sarabande. Im Hoch- und Spätbarock wurde vor allem zwischen der französischen Gigue und der italienischen Giga unterschieden.
Laut Rousseau war sie 1768 sowohl in Italien als auch in Frankreich „völlig aus der Mode“ (Dictionnaire de musique, Paris 1768).«Les Opéra François contiennent beaucoup de Gigues , & les Gigues de Correlli (sic!) ont été long-tems célèbres: mais ces Airs sont entièrement passés de Mode ; on n’en fait plus du tout en Italie , & l’on n’en fait plus guère en France». Jean-Jacques Rousseau: Gigue, in: Dictionnaire de musique, Paris 1768, S. 234. Siehe auch auf IMSLP: https://imslp.org/wiki/Dictionnaire_de_musique_(Rousseau%2C_Jean-Jacques), gesehen am 12. August 2017.
Namensherkunft Die mittelalterliche italienische Giga und französische Gigue war ein Streichinstrument (mittelhochdeutsch gîge, Geige). Andererseits wird das Wort vom altfranzösischen giguer – herumtollen – abgeleitet und rückt somit in die Nähe der im 16. Jahrhundert in England als Jig bezeichneten, in Versform gekleideten Possen.Konrad Ragossnig: Handbuch der Gitarre und Laute. Schott, Mainz 1978, ISBN 3-7957-2329-9, S. 110.
Nationale Ausprägungen England
In der englischen Literatur des 16. Jahrhunderts finden sich Hinweise zur Jig, die auf einen pantomimischen Tanz mit schnellen Schritten hindeuten. Ferner gab es im England der elisabethanischen Epoche eine Form der improvisierten Posse, die als Jigg bezeichnet wurde, und außer komischen Fechtszenen und Clownerien aller Art auch gesungene und getanzte Jigs enthielt, zu deren Musik und Tanz wenig bekannt ist. Es ist jedoch bekannt, dass dabei Verse zu populären Melodien und grotesken Tänzen gesungen wurden,Konrad Ragossnig: Handbuch der Gitarre und Laute. Schott, Mainz 1978, S. 110. die uns teilweise überliefert sind. Der erste berühmte Clown dieser Bühnen-Jiggs war William Kempe. mini|page=269|John Bull, A Gigge "Doctor Bull's my selfe", Fitzwilliam Virginal Book|363x363px In der englischen Instrumentalmusik des frühen 17. Jahrhunderts finden sich mit Gigg(e) oder Jig überschriebene Tänze und Variationssätze beispielsweise in Sammlungen wie dem Fitzwilliam Virginal Book, William Byrds My Ladye Nevells Booke, oder in Anthony Holbornes The Cittharn Schoole. Diese Tänze weisen ganz unterschiedliche Merkmale und Taktarten auf. Drei bis vier Gigges im Fitzwilliam Virginal Book entsprechen bereits dem später weitverbreiteten barocken Typus; sie stehen im schnellen 6/4-Takt mit häufigen Punktierungen und sind zweiteilig (z. T. mit verzierten Reprisen). Zwei dieser Stücke sind von John Bull (darunter das berühmte Doctor Bull’s my selfe in 12/4,Mit Taktvorgabe "3". siehe Abb.), eins von William Byrd, und ein anonymes Watkins Ale direkt vor Byrds Gigg.The Fitzwilliam Virginal Book (revised Dover Edition), …, New York: Dover Publications, 1979/1980, Bd. 2, S. 236f (Watkin’s Ale), S. 237 (Byrd), & S. 257–258 (Bull). Ähnliche Tänze gibt es auch in John Dowlands Manuskripten, z. B. Mrs Vauxes Gigge oder Mistris Winters Jumpe – sehr fröhliche Stücke, die formal und auf dem Papier einer Courante oder Volta ähneln, und sich von diesen Tänzen wohl vor allem durch einen typisch englisch-populären Tonfall absetzen. Ein weiterer Unterschied dieser Gigges vor allem zur Corant lag sehr wahrscheinlich in einem noch schnelleren, ausgelassenen Tempo. Von Giles Farnaby (A Gigge) und seinem Sohn Richard Farnaby (Nobody’s Gigge) überliefert das Fitzwilliam Virginal Book zwei virtuose Variationswerke im geradtaktigen, aber nicht sehr schnellen Allabreve-TaktThe Fitzwilliam Virginal Book (revised Dover Edition), …, New York: Dover Publications, 1979/1980, Bd. 2, S. 162ff (Richard Farnaby) & S. 416f (Giles Farnaby). – diese vermutlich populären Melodien haben scheinbar nichts mit den oben beschriebenen Tänzen im 6/4 zu tun. Es gab englische Jigs in den Taktarten 2/4, 2/2, 6/4, 6/8, 3/8, 9/8, 9/4.
Diese frühen Formen des Jig in England galten als vulgär. In Shakespeares Komödie Much Ado About Nothing findet sich das Zitat: „Wooing is hot and hasty like a Scottish jigge.“ Thomas Morley schloss sie 1597 aus seiner Aufstellung der wichtigsten Tanzformen aus; Thomas Mace schloss sich 80 Jahre später dieser Auffassung an. In Streichersuiten jener Zeit stehen Jigs nach ernsthafteren Sätzen. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erschienen Jigs, die zum Tanz bestimmt waren, in verschiedenen Tanz- und Tastenmusiksammlungen, wie z. B. in Matthew Lockes Melothesia (1673).Nur drei Stücke sind als Jigg bezeichnet, aber möglicherweise sind auch einige unbezeichnete Stücke Jiggs, u. a. ein Stück von Banister auf S. 56. Siehe: MELOTHESIA , …, New York: Performer’s Facsimiles (01234), o. J., S. 18 (M. Locke, in 3/2!), S. 49 (W. Thatcher?), S. 70 (G. Diesner).
Bei dem spanischen Barockgitarristen finden sich in seinem Lehrwerk von 1674/1675 Gigues im englischen Stil.Jerry Willard (Hrsg.): The complete works of Gaspar Sanz. 2 Bände (Band 1: The complete musical contents of Gaspar Sanz’s masterwork, Instrucción de Música sobre la Guitarra Española. […]. Band 2: A selection of over forty-five musical gems from Gaspar Sanz’s masterwork, Instrucción de Música sobre la Guitarre Española, presented in arrangements for the modern classical guitar.) Amsco Publications, New York 2006 (Übersetzung des Originaltextes ins Englische durch Marko Miletich), ISBN 978-0-8256-1695-2, Band 1, S. 70–71 (Jiga al aire Ingles); vgl. zudem S. 96–97 (Fuga 2a, al aire de jiga, englisch “Fugue 2, in Gigue Style”) und 146–148 (Pavana por la con partidas al aire Español, una jiga Inglesa y bailete France und Jiga). Bei Henry Purcell finden sich Jigs in seiner Theatermusik und seiner Musik für Tasteninstrumente, aber nur zwei von seinen acht erhaltenen Cembalosuiten haben eine, und das nur in jeweils einer einzigen von mehreren Quellen.Die Suiten in C, Z. 665, und in a, Z. 663 var 1.
Henry Purcell, Piano Solo Complete Edition (Urtext), ed. by István Máriássy, Budapest: Könemann (o. J.), S. 87 (C, Z. 665) und S. 125 (a, Z. 663) & Notes. Die Jigs von Purcell und seinen Zeitgenossen ähneln grundsätzlich den frühen Beispielen von Byrd und Bull (siehe oben): Sie stehen normalerweise im 6/4- oder 6/8-Takt, häufig mit Punktierungen und pflegen einen ausgesprochen englischen Tonfall, selbst in Fällen, wo die französische Sitte von kontrapunktischen Imitationen übernommen wird, wie z. B. in der Jig aus Purcells Semi-Opera The Fairy Queen (1692). Manche Stücke verwenden auch den sogenannten Scotch Snab, eine Umkehrung des typischen punktierten Rhythmus mit der kurzen Sechzehntelnote nicht nach, sondern vor der punktierten Achtel.Für einen 3/8-Takt (oder die Hälfte eines 6/8) lautet die normale Punktierung der Jig: Punktierte Achtel-Sechzehntel-Achtel.
Mit "Scotch Snab" : Sechzehntel-Punktierte Achtel-Achtel.
Beispiele finden sich in Purcells Cembalosuite in C (Z. 665) und in einigen Bühnenmusiken, auch in Banisters (unbezeichneter) Jig in C in Melothesia 1673, S. 56. Ein besonderes Kunststück ist die Jig von Purcells The Gordian Knot Untied (1691?), wo der Bass die damals berühmte Melodie Liliburlero spielt.Text von Ludwig Finscher zur LP: Henry Purcell, Musik für das Theater (Musik aus Abdelazer, Distressed Innocence, The Married Beau, The Gordian Knot Untied) (LP), Academy of Ancient Music, dir. by Christopher Hogwood, erschienen bei: Decca-Telefunken, 1976.
Im frühen 18. Jahrhundert hatte der Jig seine fragwürdige Reputation abgelegt. 1711 publizierte Edward Pemberton eine Sammlung von Tänzen für junge Damen höheren Standes. Sie enthielt vier Jig-Choreographien. Die Musik steht im 6/4-Takt und ähnelt im Rhythmus den Jigs von Purcell.
Frankreich mini|page=62|Nicolas Lebègue, Gigue in a mi la re (Detail), Pièces de clavecin, 1677|280x280px Der Lautenist Jacques Gaultier, der von 1619 bis 1648 am englischen Hof musizierte, soll die Gigue um die Mitte des 17. Jahrhunderts nach Frankreich gebracht haben. In stilisierter Form verbreitete sie sich rasch, erreichte jedoch nie die Beliebtheit der Courante: Charakteristisch für die französische Gigue sind punktierte Rhythmen im 3/4 und 6/4-Takt, ausschweifende, unregelmäßig lange Phrasen, und häufig – aber nicht immer (!) – Imitationen im Sinne einer Fuge. Manche Gigues besitzen einen sogenannten Sautillantfrz. sautillant: hüpfend-Auftakt. Antoine Furetière beschreibt sie 1690 als "fröhlich und aufgeweckt" ("...gaye et éveilée...").Antoine Furetière (1619–1688), Dictionnaire universel contenant généralement tous les mots françois, tant vieux que modernes, et les termes de toutes les sciences et des arts (publ. 1690, posthum, mit einem Vorwort von Pierre Bayle).
Frühe französische Gigues zeichnen sich oft durch eine große kontrapunktische und rhythmische Komplexität aus, nicht selten changiert das Metrum zwischen 6/4 und 3/2, beinahe wie in der französischen Courante. Solche Kompositionen findet man bei den Clavecinisten Jacques Champion de Chambonnières, Louis Couperin, Nicolas Lebègue und Jean-Henri d’Anglebert. Louis Couperin fügte in einige seiner Préludes non mésuré Fugen im Stil der Gigue ein.Bekanntestes Beispiel ist das Prélude à l'imitation de Mr. Froberger in a-moll, aber auch im großen Prélude in g-moll, und in einem Prélude in F.
Manuscrit Bauyn, …, deuxième Partie: Pièces de Clavecin de Louis Couperin, …, Facsimile, …, Courlay: Édition J. M. Fuzeau, 2006, S. 12–14 (g-moll), S. 20–22 (a-moll), S. 34f (F-Dur). In der französischen Cembalomusik wurde auch oft ausgiebiger Gebrauch des style brisé oder luthé gemacht, d. h. von einem durchbrochenen lautenhaften Satz mit Akkordbrechungen und lang liegenden Noten – der größte Meister dieses Stils war d'Anglebert, der solche Giguen auch im 12/8 Takt kreierte.In den Suiten in G-Dur und g-moll seiner Pièces de Clavecin von 1689. Jean-Henry d'Anglebert, Pièces de Clavecin – Édition de 1689, Facsimile, publ. sous la dir. de J. Saint-Arroman, Courlay: Édition J. M. Fuzeau, 1999, S. 15–16 (G-Dur) und S. 47–48 (g-moll). Gelegentlich wurden Gigues in einem zweihebigen Metrum geschrieben; solche Stücke nannte man auch allemande giguée oder allemande en gigue (siehe unten: Zweihebige Gigues).Also: Allemande auf S. 54 bzw. S. 56 = Gigue auf S. 90 bzw. S. 85. Der Begriff "Allemande giguée" erscheint dabei nicht, und die Unterschiede zwischen der jeweiligen Version "Allemande" und "Gigue" sind so gering, dass sie auf zufällige Nachlässigkeiten beim Abschreiben zurückgeführt werden können. Es lässt sich also nicht nachweisen, dass eine Allemande in eine Gigue "umgeschrieben" wurde oder umgekehrt, wie manchmal behauptet wird. Vielmehr handelt es sich offenbar um einen bestimmten Typus von Komposition, der offenbar verschieden benannt werden konnte. Als Autor wird einmal "Mr. Joseph de la Barre" genannt (Blatt 43r oder S. 85), alle anderen Male nur "Mr. de la Barre". Die Autorschaft ist also in den meisten Fällen nicht eindeutig, da es mehrere Komponisten namens de la Barre gab. Allerdings liegt die Annahme nahe, dass es sich in den genannten Fällen um denselben Autor handelt, also vermutlich um Joseph Chabanceau de la Barre. Dafür spricht auch der Stil der beiden Stücke.