alt=Louis Althusser|mini|hochkant=0.9|Louis Althusser, Porträt von Arturo Espinosa, 2013
Louis Althusser [] (* 16. Oktober 1918 in Bir Mourad Raïs im Département d’Alger, Französisch-Algerien (heute Algerien); † 22. Oktober 1990 in La Verrière im Département Yvelines) war ein französischer Philosoph. Insbesondere in den 1960er und 1970er Jahren hatte er großen Einfluss auf die Weiterentwicklung des Marxismus. Althusser war u. a. Lehrer von Alain Badiou, Michel Foucault, Jacques Derrida, Maurice Godelier, Nicos Poulantzas, Jacques Rancière, Étienne Balibar, Régis Debray, Bernard-Henri Lévy und Jacques-Alain Miller.
1980 ermordete er seine Ehefrau Hélène Rytmann. Althusser behauptete, sich nicht an die Tat erinnern zu können. Zu einer Anklage kam es nicht, da er vom Gericht als unzurechnungsfähig eingestuft wurde.
Leben Kindheit und Jugend Louis Althusser wurde am 16. Oktober 1918 in Algerien geboren. Seine Vorfahren stammten aus dem Elsass und waren nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 ins französische Algerien emigriert. In seinen autobiographischen Schriften Die Zukunft hat Zeit (L’avenir dure longtemps) und Die Tatsachen (Les faits) beschreibt Althusser, wie er im Norden des damals französischen Algeriens aufwuchs. Er schildert die gebirgige Landschaft und die politische Situation des Landes (aufständische Stämme). Sein Vater, Charles Althusser, war Bankier, und der Sohn beschreibt ihn als autoritär, streng katholisch und der Erziehung gegenüber gleichgültig; seine Mutter erscheint als frustriert und besitzergreifend. Sie wollte vor dem Ersten Weltkrieg den Bruder seines Vaters (Louis Althusser) heiraten, doch dieser starb an der Front bei Verdun. Althusser warf seiner Mutter vor, ihn als Ersatzpartner für ihren verstorbenen Ehemann in spe genommen zu haben. Er schildert sie als bürgerlich-katholisch.
Aus beruflichen Gründen zog die Familie 1930 nach Lyon, wo Althusser auf das konservative Lycée du Parc ging. Dort bewegte er sich in einem katholischen, monarchistischen und antisemitischen Milieu. In dieser Zeit startete er erste Versuche eines politischen Engagements, allerdings noch auf konservativ-katholischer Seite. Althusser meinte, er habe damit seine körperliche Schwäche und fehlende Durchsetzungsfähigkeit kompensieren wollen. Von 1936 an bereitete er sich intensiv auf ein Studium vor und gründete 1937 am Lycée de Paris in Lyon eine Sektion der Organisation katholischer Studenten. Bereits in diesen Jahren kam es zu ersten schweren Depressionen. 1939 wurde er Student an der Pariser Elitehochschule École normale supérieure.
Nach der französischen Niederlage geriet Althusser 1940 in Kriegsgefangenschaft, konnte das Studium nicht fortsetzen und war bis Kriegsende 1945 als Kriegsgefangener im Stalag X A bei Schleswig.Louis Althusser: Journal de captivité: Stalag XA. 1940-1945. Stock, 1992. ISBN 978-2-234-02491-5. Hier machte er beeindruckende Erfahrungen mit politisch aktiven kommunistischen Arbeitern. In der Gefangenschaft erlebte er weitere gesundheitlich beeinträchtigende Phasen mit Depressionen.
Studium und Politisierung Nach dem Krieg nahm er das Studium wieder auf und studierte gegen den Willen seines Vaters Philosophie an der École normale supérieure. 1946 lernte Louis Althusser seine spätere Frau Hélène Rytmann (Légotien) kennen. Nach einer längeren politischen Orientierungsphase entschied er sich für den Kommunismus und trat 1948 der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF) bei – möglicherweise auch durch den Einfluss seiner Frau. Beruflich entschied sich Althusser für eine Universitätslaufbahn.
In den 1950er Jahren betätigte er sich als Stalinist und bekämpfte reformistische Bestrebungen in der PCF. Seine erste wichtige Veröffentlichung kam 1959 heraus und hatte Charles de Secondat, Baron de Montesquieu zum Gegenstand. In weiteren Veröffentlichungen ging es ihm vorrangig um die Beantwortung der Frage, worin der Charakter des wissenschaftlichen Marxismus und der ihm entsprechenden Philosophie bestehe. Dabei war er auf der Suche nach einem „dritten Weg“ jenseits des offiziell in den kommunistischen Parteien verurteilten stalinistischen Dogmatismus. In seinen ersten beiden marxistischen Publikationen Pour Marx, erschienen 1965 (Für Marx, auf Deutsch 1968), und Lire le Capital, erschienen 1965 (Das Kapital lesen, auf Deutsch 1973), stellt er die Grundrisse seiner sehr „eigenwilligen wie rigorosen Marx-Interpretation“ vor.Thomas Schäfer: Biografie Louis Althusser. In: Philosophisches Lexikon. Springer Verlag 2015. Im Zuge der 68er-Bewegung und des Pariser Mai hoffte er auf die Revolution, deren Nichtzustandekommen ihn dann noch lange beschäftigte. Er hielt einen Umsturz gegen Charles de Gaulle und den Staat für greifbar nahe. Einer seiner wichtigsten Weggefährten war Étienne Balibar; andere Schüler waren Michel Foucault, Nicos Poulantzas und Bernard-Henri Lévy. Althusser ging davon aus, dass es in Marx’ Werken einen „epistemologischen Bruch“ zwischen dem frühen und dem reiferen Karl Marx gebe. Diese These wurde aber von vielen Kritikern, z. B. Raymond Aron, angezweifelt. Gleichzeitig unterzog er Marx einer philosophischen, strukturellen Betrachtung. Man kann die von Althusser getroffenen Erkenntnisse aber nur bedingt den damaligen Strukturalisten zuordnen.
In den 1970er Jahren ging Althusser zur Parti communiste français (PCF) zunehmend auf Distanz. Dieser Wandlungsprozess war vermutlich auch (wieder) durch seine Frau beeinflusst, die selbst aus der PCF austrat. Ansätze dazu finden sich in seinen Veröffentlichungen Was ist revolutionärer Marxismus? (erschienen 1973) und im 1974 veröffentlichten Essay Elemente der Selbstkritik (im Deutschen 1975 erschienen).
Gleichzeitig nahm Althusser ein neues Themenfeld auf. In seiner Arbeit Ideologie und ideologische Staatsapparate (ISA) – erschienen 1977 – untersuchte er, wie in Familie, Schule und Kirche das Bewusstsein der Menschen ideologisch geformt wird. Er sah diese ISA als notwendige Ergänzung zu den Repressiven Staatsapparaten (RSA) wie Polizei, Militär und Geheimdiensten an. Die ISA seien nicht nur im ideologischen Überbau lokalisiert, sondern hätten auch eine Verankerung in der materiellen Basis. Für großes Aufsehen sorgte Althusser 1977 auf einer internationalen Tagung in Venedig zur Dissidenz in Osteuropa, wo er seinen Vortrag unter die Überschrift Endlich ist die Krise des Marxismus angebrochen stellte.Peter Schöttler: Ein lebendiger Toter. In: Die Zeit, Nr. 24, Jahrgang 1992 Diese Auseinandersetzungen führte er in seiner Arbeit Die Krise des Marxismus (erschienen 1978) fort und übte zugleich heftige Kritik am politischen Kurs der Parti communiste français (PCF) unter Georges Marchais (1920–1997).
1977 unterschrieb er mit etwa sechzig weiteren Intellektuellen einen Appell zur Entkriminalisierung der Pädophilie, der in den Zeitungen Libération und Le Monde erschien. Initiator des Appells war der pädophile Schriftsteller Gabriel Matzneff.Pascale Hugues: Es war verboten, zu verbieten. In: Die Zeit vom 25. Januar 2020, S. 53.
Tötung seiner Frau Am 16. November 1980 erdrosselte Althusser seine Ehefrau Hélène Rytmann. Die genauen Umstände ihres Todes blieben ungeklärt. Althusser behauptete, er könne sich an das Ereignis nicht erinnern. Er kam nicht vor Gericht. Das Ermittlungsverfahren gegen ihn wurde 1981 eingestellt. Er war bis 1983 in der geschlossenen psychiatrischen Anstalt des Sainte-Anne-Krankenhauses untergebracht.
Zehn Jahre lebte Althusser in psychiatrischen Anstalten, die er auch nur für kurze Zeiten, in denen die Ärzte etwas Hoffnung schöpften, verlassen durfte. In einer dieser Phasen vermeintlicher Besserung, im Frühjahr 1985, arbeitete er an einem Manuskript mit einem Umfang von mehr als 300 Seiten, in dem er versuchte, sein Leben, seine Entwicklung und die ihn fast das ganze Leben begleitende Psychose bis zum Mord an seiner Frau darzustellen. Streckenweise liest sich dieses Manuskript nicht nur wie ein Querschnitt durch die Entwicklung der französischen Bourgeoisie des 20. Jahrhunderts, sondern auch durch die Entwicklung der Psychiatrie und der Psychopharmaka. Althusser schildert hier, wie er – beginnend mit familiären Konflikten und verstärkt seit seiner deutschen Kriegsgefangenschaft – psychische Störungen entwickelte. Er musste sich regelmäßig gegen depressive Schübe behandeln lassen, bekam Medikamente und Elektroschocks. Arbeitsunterbrechungen und manische Arbeitsanfälle wechselten sich immer wieder ab.
Später wurde die Tat Althussers in anderem Licht betrachtet und als Femizid bezeichnet. Während dem Opfer jahrelang keinerlei Beachtung geschenkt wurde und Althussers Tat mit seinen psychischen Problemen entschuldigt worden sein, legten spätere Forschungen den Fokus auf zum Teil unveröffentlichte Texte Althussers, die als antifeministisch eingeordnet wurden.
Spätwerk Louis Althusser verstarb am 22. Oktober 1990. Sein letztes Buch erschien posthum im April 1992 unter dem Titel Die Zukunft hat Zeit (L’avenir dure longtemps). Darin enthalten sind zwei Texte aus seinem Nachlass: eine kurze Skizze aus dem Jahre 1976, die er für ein Zeitschriftenprojekt seines Schülers Régis Debray angefertigt hatte, sowie jenes große Manuskript aus dem Jahre 1985, dem Althusser ursprünglich den Titel Kurze Geschichte eines Mörders gegeben hatte. Dieses Manuskript soll ausdrücklich keine Autobiographie, sondern, wie er schreibt, eher eine „Traumbiographie“ sein: „In diesen Erinnerungsassoziationen will ich mich ausschließlich an Tatsachen halten“.Louis Althusser, Die Zukunft hat Zeit, Fischer Verlag Frankfurt/Main 1992 Er beschreibt Episoden seines eigenen Lebens, das Versagen seines Elternhauses, die Rahmenbedingungen seiner intellektuellen Entwicklung, seine Hoffnungen und den Wunsch, an der Lösung der Weltprobleme teilzuhaben, aber auch die Zeit der Internierungen. Im Mittelpunkt dieses Textes steht jedoch seine Frau Helene und Althussers (Liebes-)Beziehung zu ihr.
Zum Spätwerk gehören weitere Essays, etwa über den „aleatorischen Materialismus“. Antonio Negri hat dieses Thema später aufgegriffen. Althusser untersucht darin die Bedeutung des Zufalls für materielle Prozesse und geht in seiner Untersuchung bis auf Rousseau, Hobbes, Spinoza und Machiavelli zurück, mit denen er sich schon zu Beginn seiner philosophischen Laufbahn beschäftigt hat.
Er bewertet in seinen Spätwerken auch die Sowjetunion: Die Politik der Sowjetunion sei weitgehend nachvollziehbar gewesen, und er zeigt sich überzeugt, dass die Reformpolitik Michail Gorbatschows die Systemschwächen überwinden könne.
Theorie Althusser, der unter anderem von der Psychoanalyse Jacques Lacans, von der politischen Theorie Antonio Gramscis, von der Philosophie Spinozas sowie von der Épistémologie Gaston Bachelards beeinflusst war, unterzog das Werk von Karl Marx einer strukturalistischen Analyse.
Althusser spielte in den marxistischen Diskussionen Frankreichs, Italiens und Lateinamerikas eine wichtige Rolle, doch in der DDR und BRD blieb Althusser die Anerkennung weitgehend verwehrt. Auch wenn er zwischendurch immer wieder in Vergessenheit zu geraten scheint, beeinflusst Althussers Denken wichtige Debatten. In den vergangenen Jahren integrierten zum Beispiel Judith Butler und Slavoj Žižek Althussers Begriff „Anrufung“ („Interpellation“) in ihre Subjekt-, Ideologie- und Gesellschaftstheorie. Die postmarxistischen Theoretiker Ernesto Laclau und Chantal Mouffe greifen außerdem seine Verwendung des psychoanalytischen Begriffs der Überdeterminierung auf. Elemente sind dann überdeterminiert, wenn sie nicht auf eine einfache Ursache zurückzuführen sind oder eine eindeutige Bedeutung haben, sondern sich aus mehreren Quellen speisen und sich gegenseitig beeinflussen.