mini|Max Reinhardt auf einer Postkarte, Fotografie von Nicola Perscheid, 1911 rahmenlos|zentriert|klasse=notpageimage skin-invert-image|hochkant=0.8|Unterschrift Max Reinhardt Max Reinhardt (ursprünglich Maximilian Goldmann; * 9. September 1873 in Baden (Niederösterreich); † 31. Oktober 1943 in New York) war ein österreichischer Theater- und Filmregisseur, Intendant, Theaterproduzent und Theatergründer. Mit seiner Jedermann-Inszenierung am 22. August 1920 begründete er die Salzburger Festspiele. Reinhardt schätzte das „illusionistische, sinnenbetörende Theater-Fest, das nichts mit dem Alltag, schon gar nichts mit Politik zu tun haben sollte“.Art. „Max Reinhardt“, in: C. Bernd Sucher (Hrsg.): Theaterlexikon. Autoren, Regisseure, Schauspieler, Dramaturgen, Bühnenbildner, Kritiker. Deutscher Taschenbuch, München 1999 (2. Auflage), S. 569. Durch die dramaturgisch motivierte Verwendung der Drehbühne, plastische Dekorationen, die Arbeit mit festen Seitentürmen und Treppen als Auftrittsmöglichkeiten, den Rundhorizont mit seiner Tiefendimension, die indirekte Beleuchtung, das Spiel auf Podien, die in den Zuschauerraum hineinragen, und auf der Arenabühne, die Massenregie oder das Kammerspiel-Konzept setzte Reinhardt vielfältige, in der Breite wirksame Impulse zur Erneuerung der Theaterkunst.Arthur Kahane: Reinhardt als Bühnenreformator, zitiert nach: Max Reinhardt in Berlin. Hrsg. von Knut Boeser und Renata Vatková. Frölich & Kaufmann, Berlin 1984, S. 300 f.

Leben Herkunft und Jugend mini|Der fünfjährige Max Goldmann (links) neben seinen Geschwistern Jenny und Edmund, Wien, 1878 Reinhardts Eltern waren der aus Stampfen bei Pressburg stammende jüdische Kleinhändler Wilhelm Goldmann (1846–1911) und dessen Frau Rosa, geborene Wengraf (1851–1924), aus Brünn. Die erste Firma von Wilhelm Goldmann war gerade im Verlauf des Gründerkrachs in Konkurs gegangen, als Max am 9. September 1873 in Baden bei Wien zur Welt kam, wo die Familie den Sommer verbrachte. Max war das älteste von acht Kindern; er hatte vier Brüder und drei Schwestern.Sibylle Zehle: Max Reinhardt. Ein Leben als Festspiel. Brandstätter, Wien 2020, S. 35. Nach dem Besuch der Realschule, die er schon Anfang 1888 mit 15 Jahren verlassen musste, und der Bürgerschule ging der als „stiller, sehr scheuer Bub“Leonhard M. Fiedler: Max Reinhardt in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek 1975, S. 13. bekannte Schulabgänger zunächst anderthalb Jahre bei dem Fabrikanten Heinrich Teltscher in die Lehre. Sowohl in Teltschers Weberei als auch bei einer anschließenden einjährigen Bank-Lehre sollte Max Goldmann sich nach dem Willen seiner Eltern kaufmännisches Denken aneignen.Sibylle Zehle: Max Reinhardt. Ein Leben als Festspiel. Brandstätter, Wien 2020, S. 22–24.

Ausbildung zum Schauspieler und erste Engagements in Wien mini|Fürstlich Sulkowsky Privat-Theater in Matzleinsdorf (Wien), Stätte der ersten Auftritte Reinhardts Erst anschließend willigten seine Eltern ein, dass er Schauspielunterricht erhalten durfte, unter anderem bei dem Burgtheater-Statisten Rudolf Perak. Max Goldmann debütierte im April 1890 an einer Wiener Privatbühne, dem „Fürstlich Sulkowsky Privat-Theater“ in Matzleinsdorf. Er spielte auch auf Vorstadtbühnen und „erprobte sich in Schwänken, Possen, Volksstücken“.Sibylle Zehle: Max Reinhardt. Ein Leben als Festspiel. Brandstätter, Wien 2020, S. 24. Nach seinen ersten AuftrittenEine Aufstellung der von Max Reinhardt verkörperten Bühnenrollen enthält: Max Reinhardt. „Ein Theater, das den Menschen wieder Freude gibt …“ Eine Dokumentation. Hrsg. von Edda Fuhrich und Gisela Prossnitz. Langen Müller, München, Wien 1987, S. 207–212. nahm er Privatunterricht bei dem ehemaligen Königlich Sächsischen Hofschauspieler und Konservatoriums-Professor Emil Bürde.

Damals nahm er den Künstlernamen Reinhardt an. Vorbild war wahrscheinlich die Person des Reinhardt in Theodor Storms Novelle Immensee. 1904 wurde auch der Name seiner Frau und der Kinder in Reinhardt geändert.Leonhard M. Fiedler: Max Reinhardt in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek 1975, S. 17.

Mit achtzehn Jahren erhielt Max Reinhardt ein erstes festes Engagement an einem Wiener Vorstadttheater, dem Volkstheater Rudolfsheim. Dort spielte er im Januar 1893 neben dem wenige Monate jüngeren Karl Kraus den Spiegelberg in Schillers Die Räuber. Es erwuchs eine Rivalität von Kraus gegen ihn, die mehrere Jahrzehnte anhielt. „Karl Kraus wurde Reinhardts Intimfeind und sollte dessen Wirken in den nächsten drei Jahrzehnten mit galliger Kritik begleiten.“

Außerhalb Wiens trat Reinhardt erstmals zwischen Mai und September 1893 im Rahmen eines Sommerengagements in der Sommerarena Pressburg auf, unter anderem in dem allegorischen Zauberstück Fee Million von Karl Elmar und Karl Kleiber.Miloš Mistrík: Max Reinhardt und Bratislava/Pressburg. Bratislava: Theatermuseum Wien und VEDA 2019.

Schauspieler in Salzburg mini|Stadttheater Salzburg Im Oktober 1893 übernahm er ein Engagement am neueröffneten Stadttheater Salzburg. Dort spielte er 52 unterschiedliche Rollen an 175 Tagen in einer Spielzeit. „Verwandte waren mit einem Zuschuss eingesprungen, damit der Nachwuchsschauspieler ein Engagement am Salzburger Landestheater antreten konnte – mit der damals vorausgesetzten Grundgarderobe.“Sibylle Zehle: Max Reinhardt. Ein Leben als Festspiel. Brandstätter, Wien 2020, S. 25 f. Die Salzburger Presse lobte sein schauspielerisches Talent sehr.

Schauspieler am Deutschen Theater in Berlin Der designierte Direktor des Deutschen Theaters in Berlin Otto Brahm, der ein Vertreter der Moderne und des Naturalismus war, hatte Reinhardt bereits in Rudolfsheim entdeckt. In Salzburg bot er ihm nun ein Engagement an seinem Hause an. Max Reinhardt wechselte zum 1. September 1894 in das „künstlerisch bedeutendste und kulturpolitisch progressivste Theater der Reichshauptstadt.“Sibylle Zehle: Max Reinhardt. Ein Leben als Festspiel. Brandstätter, Wien 2020, S. 26.

Die Rollen, die er dort übernahm, füllten ihn aber zunächst nicht zur Gänze aus. Schon bald stellten sich Eindrücke der Stagnation ein, wie Reinhardt im Herbst 1895 notierte:

Erste eigene Ensembles mini|Max Reinhardt in Die Weber, Juli 1900 in Budapest mini|Max Reinhardt, Budapest Juli 1900 Max Reinhardt beteiligte sich mit Berliner Schauspielkollegen vom Deutschen Theater wie Josef Kainz, Friedrich Kayssler, Richard Vallentin und Eduard von Winterstein ab dem Sommer 1895 mehrere Jahre lang an Sommergastspielen unter eigenen Namen in Prag und anderen Städten. Eduard von Winterstein blieb diese Zeit im Kreis Gleichgesinnter als „einige Wochen reinster Freude in Erinnerung.“Sibylle Zehle: Max Reinhardt. Ein Leben als Festspiel. Brandstätter, Wien 2020, S. 36.

1897 kam Max Reinhardt mit Else Heims zusammen, einer Offizierstochter, deren gesellschaftliche Stellung ihm den Einstieg ins bürgerliche Leben erleichtern und die Türen in die besseren Berliner Kreise öffnen sollte.Sibylle Zehle: Max Reinhardt. Ein Leben als Festspiel. Brandstätter, Wien 2020, S. 37. Mit der Sängerin Auguste Kornfeld hatte er außerdem die uneheliche Tochter Jenny Kornfeld (1899–1972).

Etwa 1898 gründete Max Reinhardt mit jungen Kollegen vom Deutschen Theater wie Martin Zickel die Kabarettgruppe Die Brille, die bei kleinen Anlässen Satiren und Parodien aufführte. Im Juli 1900 reiste er mit Mitgliedern der Secessionsbühne, einem jungen Ensemble, das Zickel ebenfalls gegründet hatte, zu einem Gastspiel nach Budapest und Wien. Bei Ibsens Komödie der Liebe am 13. und 14. Juli 1900 wurde er erstmals als Regisseur genannt.Max Reinhardt Ibsen Stage, mit allen bekannten Auftritten in Ibsen-StückenLeonhard M. Fiedler: Max Reinhardt in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek 1975, S. 28, 140. Wahrscheinlich führte er auch bei weiteren Inszenierungen dieser Tournee Regie.Die deutschsprachige Budapester Zeitung Pester Lloyd erwähnte für die vorherigen Inszenierungen dieser Tournee keine Namen eines Regisseurs, wahrscheinlich hatte er auch dort Regie geführt, die Aufführungen in Budapest waren vom 2. bis 13. Juli 1900 Er glänzte in Charakterrollen, vor allem alter Männer, was ihm schon in seiner Jugend gelegen hatte, „da konnte ich meine Schüchternheit hinter einem langen weißen Bart verstecken.“Leonhard M. Fiedler: Max Reinhardt in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek 1975, S. 17.

Am Deutschen Theater übertrug ihm der Regisseur Otto Brahm zunehmend auch Hauptrollen wie Mephisto und Michael Kramer, doch die „ganz großen Rollen füllte Reinhardt nicht aus.“Sibylle Zehle: Max Reinhardt. Ein Leben als Festspiel. Brandstätter, Wien 2020, S. 39.

Kleines Theater in Berlin mini|hochkant=1.0|Martin Zickel, Friedrich Kayssler und Max Reinhardt, Schall und Rauch, 1901

Ab Herbst 1900 trat Reinhardt dazu mit befreundeten Schauspielern wie Martin Zickel und Friedrich Kayßler als Kabarett „Schall und Rauch“ auf und präsentierte satirische Szenen und Parodien, als willkommene Abwechslung vom „strengen Korsett des Naturalismus.“Sibylle Zehle: Max Reinhardt. Ein Leben als Festspiel. Brandstätter, Wien 2020, S. 38. 1901 konnten sie ein eigenes Theater Unter den Linden mieten. Ab Herbst 1902 spielten sie dort vor allem Stücke zeitgenössischer Autoren wie Hofmannsthal, Schnitzler und Wedekind, Ibsen und Strindberg, Gorki und Wilde.

Am 1. Januar 1903 übernahm Max Reinhardt die Leitung des Kleinen Theaters, nachdem er das Deutsche Theater verlassen hatte. Kurz danach gelang der größte Erfolg mit Maxim Gorkis Nachtasyl. Dieses konnte danach über 500 Mal aufgeführt werden. Alfred Kerr betonte in seiner Kritik:

Bei einem Gastspiel in Wien mit dieser Inszenierung brachte im Frühjahr 1903 der Schriftsteller Hermann Bahr Max Reinhardt mit Hugo von Hofmannsthal zusammen. „Es war der Beginn einer langen und intensiven schöpferischen Zusammenarbeit.“Sibylle Zehle: Max Reinhardt. Ein Leben als Festspiel. Brandstätter, Wien 2020, S. 42.

Die Reinhardt-Bühnen in Berlin mini|Max Reinhardt, Gustav Mahler, Carl Moll und Hans Pfitzner im Garten der Villa Moll, Wien, 1905

Von 1902 bis 1933 arbeitete Max Reinhardt als Regisseur an verschiedenen eigenen Bühnen und gründete selbst Theater, vor allem in Berlin. Dort baute er mit den Reinhardt-Bühnen ein regelrechtes Theater-Imperium auf. Nach dem sensationellen Erfolg von Gorkis Nachtasyl übernahm er als zweiten Spielort das in Konkurs gegangene Neue Theater am Schiffbauerdamm, ein neobarockes Haus für 890 Zuschauer. Reinhardt holte seinen jüngeren Bruder Edmund (1875–1929); oben Mitte „als Geschäftsführer an seine Seite, einen peniblen Buchhalter mit der Sensibilität eines Künstlers. Damit war der erste Grundstein zum Theaterkonzern Reinhardt gelegt.“Sibylle Zehle: Max Reinhardt. Ein Leben als Festspiel. Brandstätter, Wien 2020, S. 44. Als Eröffnungspremiere zeigte Reinhardt Maurice Maeterlincks Pelleas und Melisande (1903) mit Lucie Höflich und Louise Dumont. Der Abend war außerordentlich erfolgreich. „Reinhardt machte Theater gegen die pathetischen Klassiker des Königlichen Schauspielhauses, aber auch gegen den milieugetreuen Naturalismus des Deutschen Theaters unter Brahm. […] So wurde der Boden bereitet für den Zauber eines ganz anderen, sinnlichen Theaters.“Sibylle Zehle: Max Reinhardt. Ein Leben als Festspiel. Brandstätter, Wien 2020, S. 46.