mini|Krieg und Frieden, Band I, Kapitel 5 Krieg und Frieden ( (Originalschreibweise), deutsche Transkription Woina i mir, Transliteration Vojna i mir, Aussprache []) ist ein im realistischen Stil geschriebener, 1868/1869 publizierter historischer Roman des russischen Schriftstellers Lew Tolstoi.

Krieg und Frieden gilt als eines der bedeutendsten Werke der Weltliteratur (s. Rezeption und Adaptionen). In seiner Mischung aus historischem Roman und militär-politischen Darstellungen sowie Analysen der zaristischen Feudalgesellschaft während der napoleonischen Ära Anfang des 19. Jahrhunderts in Russland und den Kriegen zwischen 1805 und 1812 mit der Invasion Russlands 1812 nimmt Tolstois Werk die Montagetechnik moderner Romane des 20. Jahrhunderts vorweg.

Inhalt Erstes Buch Der Roman beginnt im Juli 1805Angaben im Roman nach dem Julianischen Kalender. in St. Petersburg und Moskau. Das Land bereitet sich auf den Krieg gegen Napoleon vor und beruft die jungen Männer zum Heer ein. Ihr Abschied von den Familien überschattet die Soireen und Feste der Oberschicht und kontrastiert mit der eingehenden Schilderung der luxuriösen Lebensumstände, der Vorbereitung der Bälle, der Präsentation der Garderoben, des Tafelgeschirrs, der Menüfolgen, des großen Stabes der Dienerschaft, der höfischen, floskelhaften Konversation in Französisch. Bei einer der Knüpfung nützlicher Verbindungen dienenden Abendgesellschaft im Adels- und Diplomatenmilieu, zu der Anna Pawlowna Scherer, eine Hofdame und Vertraute der Kaiserin, eingeladen hat, werden einige Hauptcharaktere eingeführt. Neben Annas Bekannten sind dies vor allem zwei die weitere Handlung bestimmende Personen: Pierre (Pjotr Kirillowitsch), der uneheliche, nach dem Tod seiner Mutter in Frankreich erzogene Lieblingssohn des wohlhabenden Grafen Besuchow, ist kürzlich vom todkranken Vater nach Russland zurückgeholt worden. Der in Paris zum Napoleon-Anhänger sozialisierte junge Mann ist wegen seiner naiven unkonventionellen Direktheit und gesellschaftlichen Unbeholfenheit in dem Feudalkreis mit seinen ritualisierten Umgangsformen ein von allen belächelter Fremdkörper. Tags darauf verweist ihn die Polizei, wegen einer nächtlichen Randale nach einem Gelage mit Anatol Kuragin und dessen Freunden, der Stadt; sein leichtsinniger Zechkumpan, der Offizier Fjodor Dolochow, wird zum gemeinen Soldaten degradiert (Teil I, Kap. VI). Bei der Soiree trifft er auf den desinteressiert bzw. spöttisch die Plaudereien der Gäste verfolgenden und daher arrogant wirkenden Fürsten Andrej Bolkonski, den Mann der von der Gesellschaft wegen ihrer Redseligkeit und Fröhlichkeit geliebten „kleinen Fürstin“ Lisa (I, IV). Dieser ist, ebenso wie Pierre, gelangweilt vom oberflächlichen Gesellschaftsklatsch und den Heiratsspekulationen der Anwesenden, fühlt sich nicht glücklich und in der Ehe eingeengt. Er möchte beidem durch Teilnahme am erwarteten Krieg gegen den von ihm ambivalent beurteilten Napoleon als Adjutant des Oberkommandierenden Kutusow entfliehen und dort einen Lebenssinn und Ruhm im Kampf finden. Die schwangere Lisa bringt er für diese Zeit zum Landsitz der Bolkonskis, das (so nur im Roman existierende) Gut Lyssyje Gori (Лысые Горы), im Gouvernement Smolensk, etwa 60 Werst von Smolensk entfernt. Dort residiert Andrejs Vater, Nikolai Andrejewitsch. Den einen exakten Stundenplan befolgenden und wegen seiner schroffen Strenge gefürchteten ehemaligen General nennt man insgeheim den „preußischen König“ („Der Dienst geht vor allem“, I, XXVZitiert wird, wie auch im Folgenden, nach der B. Conrad-Übersetzung. Lew Tolstoi: Krieg und Frieden. Dtv, München 2011.). Bei ihm lebt Andrejs fromme, ihrem Vater ergebene Schwester Marja (I, XXIII ff.).

Mit Pierre wechselt die Handlung nach Moskau zu den Familien Besuchow (I, XII ff.) und Rostow (I, VII ff.), wobei die Ereignisse kontrastieren: Graf Besuchow stirbt, und da er keine legitimen Nachkommen hat, machen sich einige nahe Verwandte, vor allem Fürst Wassili Kuragin und Prinzessin Katharina, Hoffnung auf die reiche Hinterlassenschaft. Die Testamentsöffnung offenbart jedoch, dass das Erbe allein Pierre, zusammen mit dem Grafentitel und damit der Legitimation, vom Vater zugesprochen wurde. Gleichzeitig feiert die Familie Rostow ausgelassen den Namenstag von Mutter und jüngster Tochter. Graf Ilja Andrejewitsch Rostow und die Gräfin Natalja Rostowa führen trotz ungeordneter Finanzen – ihren Besitz mussten sie verpfänden und nach und nach Dorf um Dorf verkaufen (2. Buch, III, XI) – ein großzügiges, gastfreies Haus. Die jugendlich-unbekümmerten Liebesbeziehungen und Heiratswünsche ihrer Kinder werden thematisiert: Die lebhafte, graziöse 13-jährige Natascha (Natalie) und der mittellose Garde-Fähnrich Boris Drubezkoi gestehen sich ihre Liebe, ebenso der zwanzigjährige Nikolai und die im Haus aufgewachsene und mit keiner Mitgift ausgestattete fünfzehnjährige Cousine Sonja. Vera, die kühle Älteste, spielt mit dem Gedanken an eine nicht ganz standesgemäße Ehe mit dem Sohn eines armen livländischen Landadligen, dem karrierebewussten Offizier Alfons Berg. Es ist die einzige Beziehung, die wegen der relativ geringen Mitgift der Braut und mangels Alternativen von den Eltern erlaubt wird (2. Buch, III, XI). Bei den anderen Kindern kommen ihre Gefühle im weiteren Verlauf immer mehr in Konflikt mit den enger werdenden finanziellen Spielräumen, die eine Geldhochzeit als Lösung nahelegen. So heiratet Boris mit seinem Gespür für Aufstiegsbeziehungen schließlich die reiche Julie Karagin (2. Buch, V, V). Nur Sonja verzichtet auf eine Ehe und bleibt ihrer Liebe treu. Eine besondere Rolle spielt in der Liebesromanhandlung die schnell begeisterungsfähige und gern im Mittelpunkt stehende Natascha mit ihren situativ wechselnden Gemütslagen.

mini|Die Batterie Hauptmann Tuschins hält dem Ansturm der französischen Armee stand. (1. Buch, II, XVII ff.)Illustration von Nikolai Nikolajewitsch Karasin

Im zweiten Teil zeichnet der Autor in den ersten Kapiteln ein Bild vom Leben der Soldaten in der Etappe in Oberösterreich und arbeitet die historischen Ereignisse des Dritten Koalitionskrieges in die Romanhandlung ein. Dabei treten einige vom ersten Teil her bekannte Personen wieder auf: Aus den Perspektiven Andrejs, jetzt Kutusows Adjutant (II, II ff.), und Nikolais, Junker im Pawlograder Husarenregiment (II, IV ff.), erlebt man die Kriegshandlungen. Auch Dolochow erscheint wieder, nun als einfacher Infanterist, der nach dem Wiederaufstieg in den Offiziersstand strebt (II, I ff.). Während die französischen Truppen vorrücken, inspiziert Oberbefehlshaber Kutusow nach der Kapitulation der österreichischen Armee vor Ulm russische Infanterieregimenter im Raum Braunau am Inn, wo über die Strategie der Koalition beraten wird. Sein Adjutant Andrej ahnt die kommende Niederlage, sieht aber für sich eine Bewährungssituation (II, III). Die russischen Truppen ziehen sich vor den zahlenmäßig weit überlegenen Franzosen zurück und versuchen deren Vormarsch zu behindern, indem sie Brücken zerstören. Bei einer solchen Aktion erahnt Nikolai im Kugelhagel an der Enns in Todesangst zum ersten Mal die Fragwürdigkeit seiner jugendlichen Heldenträume (II, VIII). Der Sieg der Alliierten über eine französische Division bei Dürnstein, an dem Andrej beteiligt ist, kann den Vormarsch Napoleons nicht aufhalten, sondern nur verzögern. Andrej begleitet den ungeordneten Rückzug der russischen Soldaten, die geplünderte Dörfer zurücklassen. Er schließt sich der Truppe Pjotr Iwanowitsch Bagrations an, der es unter großen Verlusten in der Schlacht bei Schöngrabern gelingt, die zahlenmäßig überlegene französische Vorhut aufzuhalten und Kutusows Hauptarmee Zeit zur Reorganisation zu verschaffen. Während Andrej im Kugelhagel Befehle des Kommandeurs an die Kompanien der Frontlinie zu überbringen und deren Rückzug zu organisieren versucht, hofft Nikolai in Rittmeister Denissows Schwadron bei seinem ersten Einsatz „das Vergnügen einer Attacke zu erleben, über das er so viel von seinen Husarenkameraden gehört hatte“ (II, XIX). Er muss jedoch, nachdem sein Pferd getroffen wird und er zu Boden stürzt, mit verletztem Arm und desillusioniert zu Fuß vor dem Feind fliehen, wogegen Dolochow sich im Kampf durch Gefangennahme eines französischen Offiziers auszeichnen kann (II, XX).

Inzwischen hat sich im dritten Teil in Moskau Fürst Wassili Kuragin dem unerfahrenen und seit seiner Erbschaft gesellschaftlich umworbenen Pierre geschickt als Berater aufgedrängt, ihm zur Aufnahme ins diplomatische Corps und zum Titel eines Kammerjunkers verholfen und ihm nicht uneigennützig die Führung seiner Geschäfte aus der Hand genommen. Er hat ihn als Schwiegersohn vorgesehen und beherbergt ihn in seinem Haus in Petersburg, damit er täglich mit seiner schönen Tochter Hélène zusammentrifft. Deren Attraktivität erregt Pierre zwar, doch er weiß, dass das keine Liebe ist. Er empfindet sie als „dumm“, da sie an seinen Gesprächsthemen nicht interessiert ist. Beim Gedanken an eine Ehe stören ihn auch die Gerüchte von einer vielleicht intimen Liebesgeschichte mit ihrem Bruder Anatol: „Und wieder sagte er sich, es sei unmöglich, etwas Widerwärtiges, Widernatürliches und, wie ihm schien, Unehrenhaftes wäre in dieser Ehe.“ (III, I). Doch er hat nicht die Kraft, das Kuragin-Haus zu verlassen. Er spürt die Erwartung der Familie und die ausweglose Situation, denn er will die gastfreundlichen Leute nicht enttäuschen, zögert aber unentschlossen eine Entscheidung hinaus. Schließlich ergreift der Vater die Initiative, indem er einfach seine Zustimmung zu Pierres angeblicher Werbung gibt, wodurch Pierre sich zu einem Heiratsantrag gedrängt fühlt. Nach anderthalb Monaten ziehen die Neuvermählten in sein frisch renoviertes Petersburger Haus ein (III, II). Letztlich erfolglos bleibt Kuragin hingegen, als er beim Fürsten Bolkonsky für seinen leichtlebigen und verschwenderischen Sohn Anatol um dessen wenig attraktive und scheue Tochter Marja wirbt. Die Hochzeit mit der reichen Erbin würde Anatols ausschweifenden Lebensstil finanziell absichern. Bolkonsky durchschaut die versteckte Absicht sofort und rät seiner Tochter von einer traurigen Ehe ab (III, III). Marja gerät durch den Antrag in eine Konfliktsituation: Ihr gefällt der schöne junge Mann, sie träumt von einer eigenen Familie und könnte ihr einsames Leben auf dem Land beenden, sie leidet aber unter der Vorstellung, ihren alten Vater, der sie in seiner egozentrischen Liebe zugleich an sich bindet und demütigt, allein zurückzulassen. Ihre Entscheidung fällt, als sie ihren Freier kurz nach der Werbung bei der Umarmung ihrer schönen französischen Gesellschafterin Mademoiselle Bourienne überrascht, und sie lehnt enttäuscht das Ehe-Projekt ab (III, V.).