Der Begriff Klerikalfaschismus (seltener auch Klerikofaschismus) bezog sich seit seiner Entstehung um 1930 besonders auf eine Annäherung kirchlicher Amtsträger und konservativer, meist katholischer Parteien an faschistische Parteien oder Regierungen in manchen Staaten Europas und Lateinamerikas. Als klerikalfaschistisch werden faschistische Regimes bezeichnet, bei deren Aufbau, Organisation und Aufrechterhaltung der Klerus eine zentrale Funktion hatte.
In der Faschismusforschung wird der Begriff zurückgewiesen, da diese zwischen politischer Religion und theokratisch orientierten Ideologien unterscheidet.Astrid Bötticher, Miroslav Mareš: Extremismus. Theorien - Konzepte - Formen. (Lehr- und Handbücher der Politikwissenschaft). Oldenbourg Verlag, München 2012, ISBN 978-3-486-59793-6, S. 221.
Überblick Europa
Gruppierungen und (ihre) Regimes, die gelegentlich dem Klerikalfaschismus zugeordnet werden Land Partei/Bewegung Flagge/Symbol Ideologie Parteiführer Existenz Regimephase Anmerkung Belgien RexistenVerdinaso x40px|borderx40px|border Rexismus Léon DegrelleJoris Van Severen 1918–19451931–1941Der Verdinaso ist 1941 im Flämischen Nationalverband aufgegangen. Frankreich (Vichy-Regime) x50px|border Philippe PétainPierre Laval 1940–1944 1940–1944Das Vichy-Regime hatte keine führende Partei oder Organisation, sondern wurde von einer Ad-hoc-Koalition aus Konservativen, Faschisten und Neoliberalen geführt. Griechenland (Regime des 4. August)Aristotle A. Kallis: Fascism and Religion – The Metaxas Regime in Greece and the ‘Third Hellenic Civilization’. Some Theoretical Observations on ‘Fascism’, ‘Political Religion’ and ‘Clerical Fascism’. In: Matthew Feldman u. a.: Clerical Fascism in Interwar Europe, Routledge, New York 2008, S. 17–34. Partei der FreisinnigenEthniki Organosis Neoleas x50px|border Metaxismus Ioannis Metaxas 1922–19361936–1941 1936–1941 Irland Army Comrades AssociationJohn Pollard: ‘Clerical Fascism’. Context, Overview and Conclusion. In: Matthew Feldman u. a.: Clerical Fascism in Interwar Europe, Routledge, New York 2008, S. 221–233, auf S. 222. x50px|border Eoin O’Duffy 1932–1934 Königreich Jugoslawien Jugoslawische Nationalbewegung Zbor x50px|border Dimitrije Ljotić 1935–1945 Unabhängiger Staat Kroatien Ustascha x50px Ante Pavelić 1929–1945 1941–1945 Bundesstaat Österreich Vaterländische Front x40px|border Austrofaschismus/StändestaatDer Historiker Ernst Hanisch lehnt den Begriff „Klerikofaschismus“ für den österreichischen Ständestaat als unbrauchbar ab, weil er theoretisch überhaupt nicht reflektiert sei, und stuft ihn als politischen Kampfbegriff ein. (Ernst Hanisch: Der politische Katholizismus als Träger des „Austrofaschismus“. In: Emmerich Tálos (Hrsg.): Austrofaschismus. Politik – Ökonomie – Kultur 1933–1938. Lit-Verlag, Wien 2005, ISBN 978-3-8258-7712-5, S. 68–86, hier: S. 68.) Engelbert DollfußKurt Schuschnigg 1933–1938 1933–1938 Portugal Nationale Union x40px|border Estado Novo António de Oliveira SalazarMarcelo Caetano 1930–1974 1933–1974 Rumänien Eiserne Garde x40px|border Corneliu Zelea CodreanuHoria Sima 1927–1941 1940–1941Unterstützt von der rumänisch-orthodoxen Kirche.Während der Regimephase rumänische Staatspartei in einer Koalition mit dem Militär unter Ion Antonescu. SlowakeiTönsmeyer: Das Dritte Reich und die Slowakei. S. 95f. Hlinka-Partei x40px|border Christlicher Totalitarismus / Slowakischer Nationalsozialismus Andrej HlinkaJozef Tiso 1913–1945 1938–1945 Spanien Movimiento Nacional x40px|borderx40px|border Franquismus Francisco Franco 1937–1977 1937–1977 Tschechoslowakei Rodobrana x40px|border Rodobraner Katechismus Vojtech TukaAlexander Mach 1923–1929 — Die Rodobrana war über die längste Zeit ihrer Existenz die offizielle Wehrorganisation der slowakischen Ludaken, agierte aber ideologisch und teilweise auch politisch eigenständig. Ukraine Organisation Ukrainischer NationalistenJohn Pollard: ‘Clerical Fascism’. Context, Overview and Conclusion. In: Matthew Feldman u. a.: Clerical Fascism in Interwar Europe, Routledge, New York 2008, S. 221–233, auf S. 227. x50px|borderx50px|border Andrij MelnykJewhen KonowalezStepan Bandera 1929–1950er Königreich UngarnCharles Wei-hsün Fu und Gerhard E. Spiegler: Movements and Issues in World Religions: Religion, ideology, and politics Greenwood Press, Hardback 1987, ISBN 0-313-23238-5. Einheitspartei x40px|border Miklós Horthy 1921–1944 1921–1944 Laut Roger Griffin war Horthys Regime weder faschistisch, noch vom Klerus dominiert, weshalb die Bezeichnung als klerikalfaschistisch unzutreffend ist.Roger Griffin: The ‘Holy Storm’. ‘Clerical Fascism’ through the Lens of Modernism. In: Matthew Feldman u. a.: Clerical Fascism in Interwar Europe, Routledge, New York 2008, S. 1–15, auf S. 3.
Außerhalb Europas
Gruppierungen und (ihre) Regimes, die teilweise oder eindeutig dem Klerikalfaschismus zugeordnet werden Land Partei/Bewegung Flagge/Symbol Ideologie Führer/Führende Persönlichkeit Regime(beteiligung)/Existenz Anmerkung Brasilien Ação Integralista Brasileira x40px|border Brasilianischer Integralismus Plínio Salgado 1932–1937Bis 1937 gab es eine Kooperation der Integralisten mit Präsident Getúlio Vargas.
Sonderfall Italien Der Begriff „Klerikalfaschisten“ (clerico-fascisti) stammt mutmaßlich aus der italienischen Politik: So wurden Mitte der 1920er-Jahre abwertend die ehemaligen Mitglieder der katholischen Partito Popolare Italiano (PPI) genannt, die ihre Partei verließen und zu Mittlern zwischen dem faschistischen Staat und der katholischen Kirche wurden. Jedoch kann das Regime von Benito Mussolini nicht ohne weiteres dem Klerikalfaschismus zugeordnet werden. Das komplexe Verhältnis zwischen Staat und Kirche im Italien des 19. Jahrhunderts erschwert einfache Zuordnungen. Seit dem Risorgimento hatten sich Kirche und Staat offen, häufig und intensiv bekämpft, aber schon 1922 mit der Wahl des gegenüber dem Faschismus zunächst wohlwollenden Papstes Pius XI. gab der Vatikan zu verstehen, dass er sich einer Regierung Mussolini nicht widersetzen würde. Diese Entscheidung zu Gunsten des Faschismus wurde auch von weiten Teilen des Klerus mitgetragen, so hisste beispielsweise der Erzbischof von Mailand auf seiner Kathedrale faschistische Flaggen. Des Weiteren würdigte der Vatikan auch die Rolle des Faschismus bei der Niederwerfung der Linken.Stanley Payne: Geschichte des Faschismus. Tosa-Verlag, Wien 2006, S. 145 bzw. 159/160.
Nach der Regierungsübernahme Mussolinis kam es schrittweise zu einer Annäherung, die 1929 mit den Lateranverträgen zur gegenseitigen Anerkennung (riconciliazione) von Staat und Kirche führte. In diesem Vertrag verzichtete der Vatikan zwar endgültig auf die Restauration des Kirchenstaates und erkannte das Königreich Italien als souveränen Staat mit der Hauptstadt Rom an, erhielt aber dafür uneingeschränkte Verfügungsgewalt über den neu errichteten Staat Vatikanstadt sowie eine reichliche Abfindung in der Höhe von 750 Milliarden Lire und eine Milliarde in Staatsanleihen. Des Weiteren enthielt der Vertrag ein Konkordat, in dem der Katholizismus zur Staatsreligion erhoben, der Religionsunterricht verpflichtend eingeführt, eine zivile Scheidung untersagt und das italienische Rechtssystem dem Kanonischen Recht angepasst wurde.Für die katholische Kirche war dies eine Übereinkunft, die eine Rechristianisierung Italiens einleiten sollte und damit den Status der Religion wieder deutlich hervorhob; für Mussolini war es ein vorteilhafter Kompromiss, der seinem Regime in einem nie da gewesenen Maße Akzeptanz verschaffte.Stanley Payne: Geschichte des Faschismus. Tosa-Verlag, Wien 2006, S. 160.
Der Diktator selbst war zunächst eher antiklerikal eingestellt und bezeichnete noch 1920 die Religion als Unsinn und religiöse Menschen als krank. So sagte er unter anderem: „Mit den Beschimpfungen der Pfaffen schmücke ich mich wie mit einem duftenden Blumenkranz.“ Dem Christentum kündigte er gar in seiner Schrift Es gibt keinen Gott einen gnadenlosen Kulturkampf an. Doch schon 1921 war eine Wandlung erkennbar, als er plötzlich die Universalität des Katholizismus pries und Pius XI. nach dessen Wahl zum Papst als einen außerordentlichen Mann lobte, unter dem sich die Beziehungen zwischen Vatikan und Italien entscheidend verbessern könnten. Der Vatikan wiederum versuchte seinerseits ebenfalls auf den Faschismus zuzugehen, da er von Teilen der Kurie als wichtiger Verbündeter im Kampf gegen den Sozialismus, Kommunismus und Liberalismus angesehen wurde.
Wichtiges Indiz für die offizielle Billigung des faschistischen Kurses durch den Vatikan war die Aufforderung an den italienischen Klerus, sich künftig nicht mehr mit der Partito Popolare Italiano (PPI), einer christdemokratischen, dem Katholizismus nahestehenden, antifaschistischen Partei zu verbünden. Dagegen sollte sich der Klerus als neutral deklarieren, was einer Unterstützung Mussolinis gleichkam, der 1923 seine Macht ausbaute. Mussolini wiederum kooperierte nun noch intensiver mit dem Vatikan. So gab er beschlagnahmten Kirchen- und Klosterbesitz zurück und führte den Religionsunterricht wieder ein. Auch finanziell beteiligte er sich, indem er durch die Sanierung der maroden Bank Banco de Roma den Vatikan vor dem Staatsbankrott rettete.
Der Vatikan, nun unter Zugzwang, schränkte als eine Art Gegenleistung die Aktivitäten der PPI noch weiter ein. Er trieb dadurch den Sturz des Parteivorsitzenden und erklärten Mussolini-Gegners Luigi Sturzo voran, der 1924 nach Großbritannien emigrierte; ferner verbot er den Eintritt von katholischen Priestern in die Partei, was de facto deren Auflösung bedeutete.Karlheinz Deschner: Kirche und Faschismus. Verlag Arthur Moeweg GmbH, Rastatt 1990, S. 8–13.
Die Verschränkungen zwischen dem Vatikan und dem faschistischen italienischen Staat hatten somit eine Qualität erreicht. Was nicht bedeutete, dass es zu keinen Konflikten mehr gekommen wäre. Ein Beispiel war die Frage der Jugenderziehung, in der es fast zum Bruch mit Mussolini gekommen wäre. Da für Mussolini die Erziehung der Jugend fester Bestandteil der faschistischen Ideologie war, kam es hier zu Konflikten mit den katholischen und katholisch dominierten Jugendverbänden, die Mussolini ein Dorn im Auge waren; der Vatikan wiederum wollte seinen Einfluss auf die Jugend nicht preisgeben. So kam es 1932 zu einem Kompromiss, der von beiden Seiten als Sieg ausgegeben wurde: Zwar wurden die Jugendgruppen der Katholischen Aktion aufgelöst; alle anderen katholischen Jugendverbände wurden jedoch verschont. So konnten die Jugendverbände der Katholischen Aktion unter dem Deckmantel anderer Gruppen weiterbestehen und eine vorsichtige Rechristianisierung betreiben, während von Seiten des faschistischen Staates der „Hauptfeind“ in der Jugenderziehung erfolgreich bekämpft werden konnte und sich die verbleibenden katholischen Jugendverbände nicht politisch betätigen durften.Stanley Payne: Geschichte des Faschismus. Tosa-Verlag, Wien 2006, S. 270/271. Trotz dieses Zerwürfnisses und des Bekenntnisses Mussolinis, dass der Faschismus im Wesentlichen auf heidnischen Prinzipien beruhe, hielt die Unterstützung von Teilen des italienischen Klerus für Mussolini weiter an; sie halfen bei der Eroberung Abessiniens (Äthiopien) sowie bei militärischen Hilfestellungen Italiens im Spanischen Bürgerkrieg tatkräftig mit.Stanley Payne: Geschichte des Faschismus. Tosa-Verlag, Wien 2006, S. 271.
Auch die Expansionspolitik Mussolinis, die die Wiederherstellung eines neuen Imperium Romanum zum Ziel hatte, erfreute sich der Beliebtheit von Teilen des Klerus. So sandte der italienische Episkopat nach dem Eintritt Italiens in den Zweiten Weltkrieg am 10. Juni 1940 eine Grußbotschaft an Mussolini und den König Viktor Emanuel III. Er sprach darin von einem „Heiligen Krieg“, in dem die italienischen Katholiken Vorbild für alle Katholiken auf der Welt sein sollten.Karlheinz Deschner: Kirche und Faschismus. Moeweg, Rastatt 1990, S. 22.