mini|Botulismus Botulismus (von ), auch Fleischvergiftung, Wurstvergiftung oder Allantiasis (von ) genannt, ist eine lebensbedrohliche Vergiftung, die von Botulinumtoxin (auch Botulismus-Toxin) verursacht wird. Dieser Giftstoff wird vom Bakterium Clostridium botulinum produziert, das 1896 in Schinkenresten durch den Bakteriologen Emile van Ermengem als Verursacher nachgewiesen wurde. Meist wird die durch Lähmungen der Augenmuskeln und bulbären Zentren (vgl. Bulbärhirnsyndrom) charakterisierte Vergiftung durch verdorbenes Fleisch (auch Fisch und Wurst) oder nicht fachgerecht eingekochtes Gemüse hervorgerufen. In der Lebensmittelherstellung wird das Wachstum des Bakteriums durch Pökeln oder Hitzesterilisation verhindert.
Man unterscheidet zwischen der Erkrankung beim Menschen und beim Rind. Die Inkubationszeit (Ausbruchszeit nach der Infektion) beträgt beim Menschen in der Regel 12 bis 36 Stunden, kann aber auch kürzer oder länger sein, d. h. zwischen zwei Stunden und 14 Tagen liegen.B. Dorner: Botulismus: Aktuelle Fragestellungen und Diagnostik. (PDF; 1,7 MB) Robert Koch-Institut, Zentrum für Biologische Sicherheit, abgerufen am 27. November 2013.
Erreger
mini|links|Clostridium botulinum Botulinustoxin-TypenG. Eisenbrand, P. Schreier (Hrsg.): RÖMPP Lexikon Lebensmittelchemie. 2. Auflage. Thieme-Verlag, 2006, ISBN 3-13-736602-X, S. 148–149. Typ Betroffene Spezies/Gruppe Verbreitung Toxisch f.Menschen A MenschKüken USA ja B Mensch„Kinder-Botulismus“Pferde, Rinder Europa ja C1 Wasservögel weltweit nein C2 Rinder, Pferde, Nerze weltweit nein D Rinder, Geflügel weltweit nein E Mensch weltweit ja F Mensch weltweit ja G Vergiftungsfällebisher unbekanntvon Clostridium argentinense – nein Clostridium botulinum bzw. seine Sporen sind in der Umwelt weit verbreitet und äußerst widerstandsfähig gegen Hitze, Frost und Austrocknen. Im Boden können sie sehr lange überdauern. Unter anaeroben Bedingungen keimen sie aus und setzen das Gift Botulinumtoxin frei, eines der gefährlichsten Gifte. Streng genommen ist Botulinumtoxin eine Sammelbezeichnung, denn es werden klassischerweise sieben Botulinumneurotoxine unterschieden (A, B, C, D, E, F und G), die teilweise wirtsspezifisch und unterschiedlich stark giftig sind.Botulinustoxin. In: Wissenschaft-Online-Lexika, Lexikon der Biologie; abgerufen am 15. Oktober 2013. Der ferner beschriebene Typ C2 ist ein zwar toxisches, aber nicht neurotoxisch wirksames Protein. Rinder werden vor allem von den Typen C und D betroffen, seltener vom Typ B, der bevorzugt in pflanzlichem Material (fehlgegorenen Silagen) vorkommt.Norbert Rossow: Botulismus – eine Gefahr für unsere Rinderbestände?, Portal-Rind.de, 4. Februar 2004 (nicht mehr verfügbar; Version im Webarchiv vom 23. März 2016, abgerufen am 25. Februar 2020). Für den Menschen toxisch sind die Typen A, B, E und F.
Clostridium botulinum wächst wie alle Clostridien nur anaerob, d. h. unter Luftabschluss. Es vermehrt sich rasch in Tierkadavern, selten auch in eiweißhaltigem Pflanzenmaterial (z. B. mit Erde kontaminierte Hülsenfrüchte in ungenügend erhitzten Konserven). Gelangen Tierkadaver z. B. in Heu oder Silage, werden die Futtermittel mit Botulinumtoxinen kontaminiert.
Meldepflicht Meldepflichtig sind Botulismus beim Menschen im D-A-CH-Raum (in Deutschland Verdacht einer Erkrankung, die Erkrankung sowie der Tod nach des Infektionsschutzgesetzes sowie Vergiftungen auch bei Verdacht nach des Chemikaliengesetzes, in Österreich als bakterielle Lebensmittelvergiftung Verdachts-, Erkrankungs- und Todesfälle nach Abs. 1 Epidemiegesetz 1950 und in der Schweiz Klinischer Verdacht und Verabreichung des Antitoxins nach , Nr. 5 der Verordnung des EDI über die Meldung von Beobachtungen übertragbarer Krankheiten des Menschen) sowie in Australien,Australia: Australian national notifiable diseases list and case definitions. Belgien und Frankreich, Hongkong,Hong Kong: List of statutory notifiable diseases and case definitions; Centre for Health Protection, Department of Health Malaysia, dem Vereinigten KönigreichUK: Botulism: diagnosis, data and analysis und den USA.USA: Nationally Notifiable Infectious Conditions from CDC (public domain resource) Botulismus beim Tier ist hingegen bisher nicht meldepflichtig. Deutscher Bundestag, 27. Juli 2011.
Krankheit beim Menschen Ursache Botulismus ist beim Erwachsenen in der Regel eine reine Vergiftung und deshalb nicht ansteckend. Ursache ist üblicherweise der Verzehr verdorbener Lebensmittel, meist aus Konserven (Einweckglas oder Konservendose), in denen sich das anaerobe Botulinumbakterium vermehrt und Botulinumtoxin produziert hat. Konservendosen sind dann in den meisten Fällen aufgebläht. (Das Aufblähen wird jedoch durch andere Vorgänge, die häufig gleichzeitig stattfinden, hervorgerufen. Die Botulinumbakterien verursachen keine Aufblähung.bfr.bund.de (PDF; 134 kB) ) Bekannt sind auch Fälle, in denen vor allem Säuglinge mit Honig Sporen des Botulinumbakteriums aufgenommen haben, die erst im Darm aktiviert wurden, sich dort vermehrten und dadurch zu einer Vergiftung führten. Die orale Aufnahme der in der Natur z. B. in Honig vorkommenden Bakteriensporen führt nur äußerst selten bei empfindlichen Menschen und Säuglingen zu einer Infektion mit anschließenden Vergiftungssymptomen.Hinweise für Verbraucher zum Botulismus. (PDF; 107 kB) Bundesinstitut für Risikobewertung.
Symptome Erstmals genau beschrieben wurde die Krankheit von dem Dichter und Weinsberger Amtsarzt Justinus Kerner 1820.Karl Wurm, A. M. Walter: Infektionskrankheiten. 1961, S. 198. Die Giftwirkung beruht auf der Blockade der Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln. Die Ausschüttung von Acetylcholin wird gehemmt. Zuerst sind meist die Augenmuskeln betroffen, der Patient sieht verschwommen und/oder doppelt, die Augen fallen immer wieder zu und die Pupillen sind geweitet. Im weiteren Krankheitsverlauf sind Lippen-, Zungen-, Gaumen- und Kehlkopfmuskel betroffen, es kommt zu starker Mundtrockenheit (dadurch Durst), Sprech- und Schluckstörungen. Die betroffene Person hat hierbei typischerweise kein Fieber. In schweren Fällen breitet sich die Lähmung vom Kopf absteigend auf die Muskulatur der inneren Organe aus, es kommt zu Erbrechen, Durchfall, später Verstopfung und Bauchkrämpfen, schließlich durch Lähmung der Herz- und Atemmuskulatur zum Tod durch Ersticken oder Herzstillstand.
Aufgrund der Seltenheit der Erkrankung und der Vielzahl scheinbar zusammenhangloser Symptome gibt es häufig Probleme bei der Differentialdiagnose.Robert Koch-Institut (PDF; 113 kB) Bericht über eine Erkrankung nach Verzehr von rohem Lammschinken aus einer Hausschlachtung.
Behandlung Die Behandlung zielt auf die Entfernung des noch nicht resorbierten Giftes aus dem Verdauungstrakt, die Linderung der Symptome sowie – durch Gabe von Gegengiften – die Inaktivierung des frei im Blut zirkulierenden Botulinumtoxins der Typen A, B, E und F. Je nach Toxin stehen ein trivalentes (Typen A, B, E) sowie ein polyvalentes Antiserum (Typen A–G) zur Verfügung, die beide aus Pferden gewonnen werden. Die Einführung des Gegengiftes reduzierte die Sterblichkeit bei Botulismus von über 90 Prozent auf 10 bis 15 Prozent. Die Lähmungserscheinungen der Muskulatur verschwinden sehr langsam, oft erst nach Monaten. Die Serotypen A–G können in den USA mit dem Heptavalent Botulism Antitoxin behandelt werden.
Viszeraler Botulismus Im Gegensatz zur Vergiftung steht der viszerale Botulismus, der als „Säuglingsbotulismus“ oder „infantiler Botulismus“ bei SäuglingenWerner Köhler, Rainer Ansorg: Medizinische Mikrobiologie. 8. Auflage. Elsevier, Urban & Fischer, 2001, ISBN 3-437-41640-5, S. 402. und als „adulter infektiöser Botulismus“ bei Erwachsenen mit seltener Prädisposition als Infektion vorkommt.Stellungnahme der „DVG-Fachgruppe Rinderkrankheiten“ zur Diskussion um das Thema „viszeraler Botulismus“ als Ursache von Bestandserkrankungen bei Rindern. (PDF; 55 kB) Deutsche Gesellschaft für Veterinärmedizin. Sie tritt vorwiegend bei Säuglingen auf und ist in den USA mit 1442 Fällen von 1976 bis 1996 relativ häufig.Hans-Jürgen Sinell: Einführung in die Lebensmittelhygiene. 4. Auflage. Georg Thieme, 2003, ISBN 3-8304-4095-2, S. 72. Bei Säuglingen werden dabei allgegenwärtig vorhandene Sporen über die Nahrung aufgenommen und aufgrund fehlender Magensäure nicht unschädlich gemacht. Die Sporen keimen und bilden im Dünndarm Botulinumtoxine. Dabei treten die oben beschriebenen Vergiftungserscheinungen auf.
Sporen einiger Bakterien können von Bienen aufgenommen werden und im Honig überleben. Bei einer Studie in Deutschland wurden Säuglingsnahrung und Honig aus Deutschland und Vietnam untersucht. „Acht (davon 6 Säuglingsnahrungs- und 2 Honigproben) von 46 in Deutschland gekauften Proben enthielten C.-botulinum-Sporen. Alle Säuglingsmilchpulverproben waren negativ, während 4 der 9 Getreidenahrungsproben, eine von 8 Kartoffelpüree- und eine von 7 Gemüsenahrungsproben positiv für Typ B waren.“Thi Lam An Vu: Vorkommen von Clostridium-botulinum-Sporen in Honig- und Säuglingsnahrungsproben aus Vietnam und Deutschland. Dissertation. Georg-August-Universität, Göttingen 2006. (Siehe dazu auch den Artikel Honig)
Fälle 2007 wurden von 26 EU-Mitgliedsstaaten zusammen mit Island und Norwegen insgesamt 171 Fälle von Botulismus beim Menschen gemeldet, von denen 129 bestätigt werden konnten. Dies war ein geringer Anstieg im Vergleich zu 109 bestätigten Vergiftungen aus 2006. Die meisten Fälle traten in Rumänien (31), Polen (24), Italien (16), UK (14), Portugal (10), Frankreich (10) und Deutschland (9) auf.European Centre for Disease Prevention and Control: In Deutschland wurden 2009 sieben Fälle, im Jahr 2010 noch vier Fälle gemeldet.Bundesministerium für Gesundheit: 2017 wurden drei Botulismus-Erkrankungen übermittelt, 2018 kam es zu neun Fällen und 2019 zu sieben Erkrankungen.Epidemiologisches Bulletin, Nr. 3/2020. (PDF; 2,5 MB) Robert Koch-Institut, 16. Januar 2020 2021 wurden sechs Fälle gemeldet, 2022 lediglich einer. 2023 wurden 37 Infektionen nachgewiesen, 2024 waren es neun Fälle. Im Juni 2024 kam es zu einem Ausbruch von Botulismus in Russland mit 139 Fällen.
Vorbeugung Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt grundsätzlich, bei selbst eingekochtem Gemüse oder Fleisch nach ein bis zwei Tagen Lagerung bei Zimmertemperatur eine erneute Erhitzung auf 100 Grad Kerntemperatur, da auf diese Weise die mittlerweile aus Sporen ausgekeimten Bakterien und die von ihnen gebildeten Toxine unschädlich gemacht werden (Tyndallisation). Vorbeugend können Lebensmittel auch durch Säuern (pH < 4,5), Salzen, Pökeln, Sterilisieren bei mindestens 121 °C sowie Lagern bei Temperaturen bis 5 °C vor der Entstehung des Gifts geschützt werden.
Besteht bei lange gelagerten Konserven der Verdacht auf eine Kontamination, so kann das Gift durch sechsminütiges Erhitzen auf 80 °C Kerntemperatur unschädlich gemacht werden. Beim Erhitzen auf 100 °C dauert der Vorgang des Unschädlichmachens nur einige Sekunden.
Krankheit beim Rind Bei Verzehr von kontaminiertem Futter kann es zu schweren Vergiftungen kommen. Hierbei lassen sich drei Verlaufsformen unterscheiden: