mini|Kronprinz Rudolf (um 1880) rahmenlos|zentriert Rudolf, Kronprinz von Österreich und Ungarn (vollständiger Vorname Rudolf Franz Karl Joseph; * 21. August 1858 im Neuen Schloss Laxenburg; † 30. Jänner 1889 auf Schloss Mayerling) war Kronprinz des kaiserlichen Österreichs (Cisleithanien) und des königlichen Ungarns. Wie alle habsburgischen Prinzen trug er, den Gesetzen des Hauses Habsburg-Lothringen entsprechend, den Titel eines Erzherzogs ().
Kindheit und Jugend mini|hochkant|Kronprinz Rudolf an seinem 4. Geburtstag (1862) Er war der einzige Sohn von Kaiser Franz Joseph I. und Kaiserin Elisabeth. Der junge Kronprinz war sehr sensibel und sollte auf Wunsch des Vaters eine harte militärische Ausbildung erhalten. Der Sohn sollte ein guter Soldat, begeisterter Jäger und braver Katholik werden. Generalmajor Leopold Graf Gondrecourt wurde als Erzieher bestimmt. Er ließ das Kind stundenlang in Regen und Kälte exerzieren, weckte ihn auch gelegentlich mit Pistolenschüssen und ließ ihn in den Wäldern des Lainzer Tiergartens plötzlich alleine, das Kind in Panik versetzend. So entwickelte der junge Rudolf deutliche Anzeichen von Hospitalismus, die sich in Angstzuständen, Unehrlichkeit und einer hartnäckigen Anhänglichkeit gegenüber seinen Bezugspersonen äußerte. Sein Leben lang begleiteten ihn ein hysterisches Schuldgefühl und krankhafte Selbstvorwürfe.Brigitte Hamann: Kronprinz Rudolf. Ein Leben. Amalthea, Wien 2005, ISBN 3-85002-540-3, hier S. 33 und 152.
Diese Art der Ausbildung wurde auf Druck seiner Mutter beendet. Sie bestimmte Joseph Graf Latour von Thurmburg, Gondrecourts Adlatus, zu seinem Erzieher, der seine naturwissenschaftlichen Neigungen förderte. So kam beispielsweise der deutsche Tierforscher Alfred Brehm an den Hof, um ihn zu unterrichten. Rudolf war ein wissbegieriges und lerneifriges Kind und von schneller Auffassungsgabe.Konrad Kramar, Petra Stuiber: Die schrulligen Habsburger – Marotten und Allüren eines Kaiserhauses. Verlag Ueberreuter, Wien 1999, ISBN 3-8000-3742-4.
Unter dem Einfluss seines Lehrers Joseph von Zhishman kam Rudolf früh mit liberalem Gedankengut in Kontakt und begeisterte sich für das Idealbild des „Bürgerkönigs“ in Person von Louis-Philippe I. Auch in Kaiser Joseph II. sah Rudolf ein solches Vorbild.Brigitte Hamann: Kronprinz Rudolf. Ein Leben. Amalthea, Wien 2005, ISBN 3-85002-540-3, hier S. 61–64.
Späteres Leben Rudolf unternahm zahlreiche Reisen, zunächst in Europa, später auch auf anderen Kontinenten, über die er mehrfach Berichte – unter seinem Namen oder anonym – verfasste. Darüber hinaus regte er eine Enzyklopädie Österreich-Ungarns an, das so genannte Kronprinzenwerk, und schrieb darin selbst mit. Außerdem war Kronprinz Rudolf ein angesehener Ornithologe.
Rudolf äußerte sich schon in Jugendjahren häufig antiklerikal, was ihm die Kritik seines Vaters und seines erzkonservativen Großonkels Albrecht einbrachte. Er zeigte ein ausgeprägtes Interesse an der „sozialen Frage“, wobei es dem Kronprinzen vor allem um praktische Hilfestellung für die von Armut Betroffenen ging.Brigitte Hamann: Kronprinz Rudolf. Ein Leben. Amalthea, Wien 2005, ISBN 3-85002-540-3, hier S. 62–64 und 83.
Politisch stand Rudolf der liberalen Verfassungspartei nahe. Dementsprechend bevorzugte er einen starken Zentralstaat gegenüber einer Föderalisierung des Habsburgerreiches und eine Stärkung des „multinationalen Bewusstseins“ gegenüber nationalen Sonderrechten.Brigitte Hamann: Kronprinz Rudolf. Ein Leben. Amalthea, Wien 2005, ISBN 3-85002-540-3, hier S. 146–148 und 179.
Militärdienstzeit und Liebesaffäre in Prag Nach dem Ende seines Studiums übersiedelte Rudolf 1878 nach Prag, wo er im Infanterieregiment Nummer 36 seinen Militärdienst leistete (1878 Oberst, 1880 Generalmajor, 1882 Feldmarschallleutnant, 1888 Gen. Inf. Insp.).
mini|Hochzeitsmedaille von Tautenhayn, Vorderseite mini|Die Rückseite der Hochzeitsmedaille von 1881. Hymen, der Hochzeitsgott Rosen streuend Laut Berta Zuckerkandl, Tochter des Zeitungsverlegers und langjährigen Rudolf-Freunds Moriz Szeps, hatte Rudolf in Prag eine Liebesaffäre mit einer jungen Frau jüdischen Glaubens – seiner Enkelin Stephanie Windisch-Graetz (1909–2005) zufolge seiner großen und einzigen Liebe.Interview mit Stephanie von Windisch-Graetz in: Karo Wolm, Doris Plank: Der Fall Rudolf. (Fernsehdokumentation des ORF in der Sendereihe Tat-Sachen spezial) erstmals ausgestrahlt am 19. Mai 2006. Nach Spitzelberichten im Akt des Wiener Polizeipräsidenten Franz von Krauß begleitete diese Geliebte ihn sogar zur Brautschau an den Brüsseler Hof. Sie starb, nachdem sie aus ihrem Exil ausgebrochen war, in das man sie verbannt hatte.
Heirat mit Stephanie von Belgien mini|hochkant|Kronprinz Rudolf und Kronprinzessin Stephanie Auf Druck des Kaisers musste Rudolf 1881 Prinzessin Stephanie heiraten, Tochter des belgischen Königs Leopold II. Sie war die Nichte zweiten Grades von Rudolfs Vater Franz Joseph, da ihre Mutter Marie Henriette eine Enkelin von Kaiser Leopold II. war. Die Hochzeit fand in Wien statt.
Das Paar lebte einige Zeit in Prag, wo es wiederholt zu Auseinandersetzungen kam. Nach der Geburt ihrer Tochter, Erzherzogin Elisabeth Marie, 1883 in Laxenburg kehrten sie nach Wien zurück.
Mitte Februar 1886 wurde bei Rudolf Gonorrhoe diagnostiziert. Er wurde unter anderem mit Kopaivabalsam und Kokainzäpfchen behandelt und zur Erholung nach Dalmatien geschickt. Stephanie, die ihn begleitete, wurde von ihm infiziert und in der Folge unfruchtbar. Für die nachfolgende Kinderlosigkeit machte man dann Stephanie verantwortlich.Reinhardt Badegruber: Wiener Intrigen, Skandale und Geheimnisse. Haymon Verlag, 2018, ISBN 3-7099-3854-6, S. 73 (). Ungesichert ist, ob Rudolf zudem an Syphilis erkrankt war, was von einigen Autoren behauptet,Gerd Bock: Geschwister. neobooks, 2018, ISBN 3-7427-3961-1 ().Brigitte Hamann: Österreich. C.H.Beck, 2009, ISBN 3-406-57846-2, S. 96 (). aber von Medizinhistorikern und anderen Autoren bezweifelt wird.Thomas Köhler: Ruhm und Wahnsinn (Wissen & Leben). Klett-Cotta, 2018, ISBN 3-608-29105-9, S. 160 ().Katrin Unterreiner: Sisi, Kaiserin Elisabeth von Österreich. Herder, 2010, ISBN 3-451-06214-3, S. 132–134 ().
Tod in Mayerling mini|hochkant|Freiin Mary Vetsera (1887) mini|Das Schloss Mayerling, Sterbeort von Rudolf von Österreich-Ungarn und Mary Vetsera Vermutlich nahm Rudolf sich in der Nacht vom 29. auf den 30. Jänner 1889 in Schloss Mayerling durch einen Schuss in den Kopf das Leben. Die 17-jährige Freiin Mary Vetsera starb ebenfalls dort. Dem Bericht des Arztes zufolge war sie von Kronprinz Rudolf erschossen worden. Dass die Baroness tatsächlich durch einen Kopfschuss starb, ist inzwischen überprüft.Exhumierung der Leiche der M.V. und anschließende Gerichtsmedizinische Untersuchungen. Dargestellt in der Dokumentar-Fernsehsendung „Der Fall Rudolf“ (Österreich 2006) im Sender 3sat am 8. April 2012. Die Wiener Hofärzte obduzierten den Leichnam des Kronprinzen und attestierten aufgrund pathologischer Befunde des Gehirns, die Tat sei in einem „Zustande von Geistesverwirrung geschehen“, wodurch der Kronprinz mit allen kirchlichen Zeremonien beigesetzt werden konnte. Freiin Mary wurde in das Stift Heiligenkreuz gebracht und auf dem Friedhof der Zisterzienserabtei beerdigt.
Bereits Anfang Februar 1889 erschienen in der deutschen Presse verschiedene Berichte über Kronprinz Rudolf und die Baroness, deren Verbreitung in Österreich-Ungarn jedoch am 15. Februar aufgrund einer Entscheidung des k. k. Landesgerichts in Troppau verboten wurde.
Der exakte Verlauf der Todesnacht ist bis heute ungeklärt, nachdem die Zeugen (darunter Rudolfs Kammerdiener Johann Loschek) ihr Leben lang schwiegen oder widersprüchliche Aussagen machten. Loschek berichtete später von einem der Tat vorangegangenen langen Gespräch: „Ich hörte die ganze Nacht über Rudolf und Vetsera in sehr ernstem Tone sprechen. Verstehen konnte ich es nicht. 5 Minuten vor 1/4 Sieben Uhr früh kam Rudolf vollständig angezogen zu mir in das Zimmer heraus und befahl mir, einspannen zu lassen. Ich war noch nicht im Hof draußen, als ich zwei Detonationen hörte, ich lief sofort zurück, der Pulvergeruch kam mir entgegen, ich stürmte zum Schlafzimmer, doch es war entgegen der Gewohnheit Rudolfs abgesperrt.“Volltext der Loschek-Denkschrift. Abgerufen am 13. August 2015.
Viele Dokumente im Zusammenhang mit der Affäre wurden alsbald vernichtet. Der Wortlaut der im Sterbezimmer hinterlassenen Abschiedsbriefe der beiden Verstorbenen ist allerdings später bekannt geworden und diejenigen Mary Vetseras wurden 2015 bei einer Archivrevision der Schoellerbank, wo sie anonym hinterlegt worden waren, wiederentdeckt.orf.at - Abschiedsbriefe von Mary Vetsera gefunden. Artikel vom 31. Juli 2015, abgerufen am 31. Juli 2015.Österreichische Nationalbibliothek erhält verloren geglaubte Abschiedsbriefe von Mary Vetsera Pressemeldung vom 31. Juli 2015, abgerufen am 26. April 2020.
Rudolf benutzte seit langer Zeit Morphium- und Kokainzäpfchen sowie opiumhaltiges Gurgelwasser und trank stark.Vgl. Ein Gesundheitsbild von Wien um 1900, Neue Untersuchungen zweier Historikerinnen, in: Österreich-Bibliotheken im Ausland Er unterlag heftigen Stimmungsschwankungen. Seine Ehe war zerrüttet und sein konservativer Vater hielt den liberalen Sohn – der sich sehr für Politik interessierte – von allen Staatsgeschäften fern. Am Tag vor seinem Tod erregte Rudolf etwa eine oppositionelle Rede des mit ihm befreundeten Grafen Pista Károlyi im ungarischen Parlament, zumal in der Presse erwähnt wurde, dass Rudolf diesem zuvor einen Brief geschrieben hatte, was er als kompromittierend ansah.Vgl. Mayerling Remains A Mystery, in: New York Times, 26. Januar 1964 Jedoch pflegte Rudolf bereits eine Art Todeskult, als Mary Vetsera ihn erstmals in der Wiener Hofburg besuchte; in einem Brief an ihre ehemalige Erzieherin beschrieb sie, wie sie auf seinem Schreibtisch einen Totenschädel sowie einen geladenen Revolver entdeckte.Nora Fugger: Im Glanz der Kaiserzeit, Amalthea, Wien 1932, Neuauflage Meistersprung Verlag 2016, ISBN 3-85002-132-7, S. 130: „Auf seinem Schreibtisch lag ein Revolver und ein Totenkopf. Ich nahm letzteren in die Hand und besah ihn von allen Seiten. Plötzlich kam er herein und nahm ihn mir ganz erschrocken aus der Hand. Als ich ihm sagte, daß ich mich gar nicht fürchte, lächelte er.“
Die angebliche Tatwaffe gelangte später in den Besitz Ottos von Habsburg (1912–2011), der sie zeitlebens nicht herausgab. Der Suizid des Kronprinzen erschütterte das Vertrauen in die habsburgische Monarchie. Zita, Ottos Mutter und Ehefrau des letzten Kaisers Karl, beharrte in ihren letzten Lebensjahren Historikern gegenüber darauf, dass Rudolf und Mary Vetsera in Mayerling nicht vom Kronprinzen selbst getötet worden seien, sondern „politischen Meuchelmördern zum Opfer gefallen“ seien, wie das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel in seinem Kurznachruf zu Zitas Tod 1989 berichtete. Nach Meinung Zitas sei Rudolf „Opfer eines politisch motivierten Mordanschlags“ einer ausländischen Verschwörung gewesen, weil er sich nicht an einer Verschwörung zum Sturz Kaiser Franz Josephs habe beteiligen, sondern diese habe aufdecken wollen.Knalliger Knüller. In: Die Zeit. Ausgabe 13/1983. (online). Auftraggeber sei nach Zita der französische Staatsmann Georges Clemenceau gewesen.„Kronprinz Rudolf – Lebensspuren.“ Info-Mappe (Beschriftungs- und Kapiteltexte) zur Ausstellung 2008/2009, S. 43. Brigitte Hamann, selbst Autorin einer Rudolf-Biografie, bezeichnete diese Aussagen im Jahr 2005 als „gezielte Vernebelungstaktik.“Interview mit Brigitte Hamann in: profil Nr. 42, 36. Jg., Oktober 2005, S. 120.