Als Jugendbewegung wird eine besonders im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts einflussreiche Strömung bezeichnet, die dem von der Industrialisierung geprägten städtischen Leben eine vor allem in Kreisen der bürgerlichen Jugend sich ausbreitende Hinwendung zum Naturerleben entgegensetzte. Ein weiteres Merkmal war der romantische Rückgriff auf hergebrachte Kulturelemente, wobei die Wiederaneignung von Volksliedern und unmittelbare Formen der Geselligkeit eine herausragende Rolle spielten.

Die aus dem Wandervogel hervorgegangene Bewegung bestand aus einer Vielzahl von Kleingruppen, die selbstorganisiert unter Führung meist junger Erwachsener hauptsächlich Wanderungen und Fahrten an Wochenenden oder in den Ferien durchführten. Reformpädagogik, Freikörperkultur und Lebensreformbewegung standen in enger Wechselwirkung mit der Jugendbewegung. Die Urheberschaft für diesen Begriff wie auch für den der Jugendkultur beanspruchte der Reformpädagoge Gustav Wyneken.Zit. n. Werner Helwig: Die Blaue Blume des Wandervogels. Heidenheim an der Brenz 1980, S. 75. Geuter weist darauf hin, dass Jugend erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts als eigenständige Lebensphase mit besonderen Schwierigkeiten und besonderen Möglichkeiten „entdeckt“ worden sei. „Neue Begriffe wie ‚Jugendkultur‘, ‚Jugendbewegung‘ und ‚Jugendstil‘ verkündeten, daß die Zeit der Jugend jetzt auch als ein Symbol für Erneuerung und kulturelle Entwicklung angesehen wurde.“ (Geuter 1994, S. 31). Mit zunehmender Verbreitung des jugendlichen Wanderbetriebs entstanden die ersten Jugendherbergen.

Dem Selbstverständnis nach zunächst unpolitisch, waren die verschiedenen Gruppierungen den zeitgenössischen ideologischen Strömungen dennoch ausgesetzt und daran orientiert. Tiefe Einschnitte für die Jugendbewegung stellte zum einen der Erste Weltkrieg dar, auf den die politisch stärker polarisierte Phase der bündischen Jugendbewegung folgte, und zum anderen die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933, die zur Zwangseingliederung aller anderen Jugendverbände in die Hitlerjugend oder zu deren Auflösung führte, beispielsweise beim Nerother Wandervogel. Die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten Nachfolgeorganisationen haben die frühere Bedeutung nicht wiedererlangt.

Die Wandervogel-Ära (1896–1913)

Ausgangsort der Jugendbewegung war Ende des 19. Jahrhunderts das seinerzeit noch nicht zu Berlin gehörende Dorf Steglitz. Hauptinitiatoren waren Hermann Hoffmann, der mit Schülern erste ausgedehnte Wanderungen und Fahrten organisierte, und sein Nachfolger Karl Fischer, der 1901 mit der Gründung des Wandervogels einen dauerhaften organisatorischen Rahmen für solche Aktivitäten schuf.

Motive und Aktivitäten Die Anfänge der Steglitzer Wandervogelbewegung waren nicht gesellschaftspolitisch motiviert, sondern entsprangen einem spontanen Impuls, dessen zündende Wirkung bei den Beteiligten sich aber aus bestimmten Voraussetzungen ergab. Sie wurden in der Rückschau von Zeitzeugen und Chronisten des Geschehens festgehalten. So schrieb Werner Helwig:

Zwar sahen viele Wandervogel-Mitglieder sich eher unpolitisch oder gar antipolitisch eingestellt; sie hielten sich fern vom Parteienstreit und vom Hurrapatriotismus der Bierkneipen. Angesichts der Werteordnung der wilhelminischen Gesellschaft, die nicht auf individuelle Freiheit und das Streben nach Glück ausgerichtet war, sondern auf preußisch-aristokratische Vorstellungen von Treue und Gehorsam gegenüber Kaiser und Reich, brachten sie aber immerhin eigene Bedürfnisse zur Geltung, die sich gegen die Bevormundung durch Eltern und Lehrer richteten.Laqueur, S. 14ff. Dort heißt es auch (S. 22): „Die Gemeinschaft war ganz und gar auf den Erwachsenen bezogen und die Erziehung darauf abgestellt, eine neue Generation von Lehrern, Staatsbeamten und Reserveleutnants auszubilden, die ein mehr oder weniger getreues Abbild der älteren Generation war.“ Dass sich aus dem Wandern um des Wanderns willen mit der Zeit auch ein berauschendes Selbst- und Sendungsbewusstsein entwickelte, zeigt sich bei Hans Blüher, der als ein frühes Wandervogel-Mitglied bereits 1912 die erste Geschichte der Wandervogelbewegung veröffentlichte:

Waren für Halbtags- und Wochenendausflüge anfänglich nur leicht erreichbare Ziele wie zum Beispiel der Grunewald oder das nahe Nuthetal in Frage gekommen, so folgten noch unter Hoffmanns Führung auch Ferienfahrten in den Harz und in den Böhmerwald. Angesichts der geringen Mittel, die die jungen Leute zur Verfügung hatten, und mit dem Leitbild eines möglichst einfachen Lebens vor Augen, bereiteten sie sich ihre Mahlzeiten unterwegs auf mitgenommenen Spirituskochern selbst oder kochten sie auf offenem Feuer ab. Übernachtet wurde auf mehrtägigen Wanderungen in Scheunen, später auch in Zelten und manchmal in billigen Dorfgasthäusern. Regenwetter und strapaziöse Wegstrecken wurden mit dem Singen von Volksliedern und wechselseitiger Aufmunterung durchgestanden und gehörten danach als bestandene Herausforderungen zum gemeinsamen Erfahrungsschatz.

Teilung und Ausbreitung der Bewegung Ein einheitliches Ganzes blieb die Jugendbewegung schon in ihrer Entstehungsphase nicht. Bereits 1904 widersetzten sich drei Bachanten„Die Bezeichnung ‚Bachanten‘ hatte Fischer eingeführt, der die Neulinge immer wieder darauf hinwies, daß das nichts mit ‚Bacchus‘ zu tun habe, sondern vom lateinischen ‚vagantes‘ stamme, wie sich die fahrenden Schüler des Mittelalters genannt hatten. In Süddeutschland sagte man zumeist ‚Pachanten‘.“ (Werner Helwig: Die Blaue Blume des Wandervogels. Heidenheim an der Brenz 1980, S. 32f.) mit eigenen Führungsambitionen ihrem Oberbachanten Karl Fischer und gründeten anstelle des nun aufgelösten Ausschusses für Schülerfahrten den „Steglitzer Wandervogel e. V.“ Bald darauf organisierten die Getreuen Karl Fischers sich ebenfalls unter neuem Namen: „Alt-Wandervogel“. In Hamburg entstand 1905 ein zweiter wichtiger Ausgangspunkt der Jugendbewegung, der „Hamburger Wanderverein“, der zum Bund Deutscher Wanderer wurde und sich hauptsächlich in Westdeutschland ausbreitete. Der Berliner Wandervogel löste spontane Neugründungen vor allem in Ost- und Mitteldeutschland aus.Werner Helwig: Die Blaue Blume des Wandervogels. Heidenheim an der Brenz 1980, S. 35.

Viele der ersten Neugründungen entstanden in Universitätsstädten, in Heidelberg, Jena und Göttingen zum Beispiel auf Initiative von Steglitzer Abiturienten. Ein Kerngebiet des Wandervogels war der Raum Kassel – Göttingen – Eisenach.Laqueur, S. 22f. In Deutschland waren es vor allem protestantische Regionen, in denen die Jugendbewegung Fuß fasste, kaum dagegen im Rheinland oder in Oberschlesien. Auch bei der Ausbreitung der Jugendbewegung im katholisch geprägten Österreich war die Mitgliederzahl von Protestanten im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung überproportional. Hier war die Bewegung von vornherein stärker politisch orientiert und propagierte den Vorrang des Deutschtums im Vielvölkerstaat der k. u. k. Monarchie.Laqueur, S. 22.

Die an den höheren Schulen konzentrierte bürgerliche Jugend prägte das Erscheinungsbild der Wanderlustigen schon deshalb, weil Jugendliche aus Arbeiterfamilien, wenn sie mit 14 Jahren die Volksschule verließen, um in Lehre oder Erwerbstätigkeit zu wechseln, die Zeit für ausgedehnte Wanderungen gar nicht mehr hatten. Ferienfahrten schieden für sie völlig aus, was die Möglichkeit intensiver Begegnungen von Jugendlichen aus unterschiedlichen Sozialmilieus zusätzlich erschwerte:

Vielfältige Abspaltungen und Neugründungen innerhalb der Wandergruppen und -vereine dienten der Konfliktregulierung und trugen zur Ausbreitung der Bewegung bei. Als 1907 Forderungen aufkamen, auch Mädchen den Eintritt in die Organisationen zu ermöglichen und Alkoholabstinenz auf Fahrten zum Grundsatz zu machen, stieß das bei den Altmitgliedern auf Widerstand. Auf Initiative Hans Breuers, eines Wandervogels noch aus der Frühzeit, formierte sich nun aber mit dem „Wandervogel Deutscher Bund für Jugendwandern“ eine weitere Organisation, die diese Neuerungen umsetzte.

Auf etwa 25 000 Mitglieder war die Wandervogelbewegung 1912 angewachsen. Ihr Schwung setzte zudem Schulreformen in Gang und regte die Gründung von Landerziehungsheimen und freien Schulgemeinden an.Barth, S. 35.

Weltanschauliche und kulturelle Orientierung Die Jugendbewegung war nach Laqueur vor dem Ersten Weltkrieg politisch weitgehend neutral, ihren sozialen Wurzeln gemäß aber Teil der allgemeinen rechts-nationalistischen Strömung.Laqueur, S. 90. „Wäre mangelndes Interesse für Politik vor der Geschichte ein Alibi, dann ginge der Wandervogel mit makellos weißer Weste aus dem Prozeß hervor.“ Andererseits bewahre der Mangel an politischem Denken aber nicht vor der Verstrickung in politisches Unheil. Das Interesse an den öffentlichen Angelegenheiten und eine Vorbereitung auf die Rolle des aktiven Staatsbürgers seien im Wandervogel nicht gefördert worden; an einem Wertgefüge, wie es die sozialistische Jugend und die Katholiken kannten, habe es gefehlt, „ein gefährliches Vakuum, das sich nur allzu leicht mit moralischem Relativismus und Nihilismus füllen ließ.“Laqueur, S. 61.

Das Rollenbild der Geschlechter trug selbst bei Hans Breuer, einem wichtigen Förderer der Mitgliedschaft von Mädchen im Wandervogel, die zeittypisch markant konservativen Züge:

Viele der nun zum Wandern zugelassenen Mädchen waren trotz solcher programmatischen Vorgaben von ihren neuen Möglichkeiten begeistert:

Zumindest bei Teilen der eingesessenen Wandervogel-Mitglieder dürften auch homoerotische Neigungen die anhaltenden Vorbehalte gegenüber weiblichen Mitgliedern gefördert und der Forderung Nachdruck verliehen haben, in Organisationen mit Mädchenbeteiligung Wanderungen nur nach Geschlechtern getrennt durchzuführen. Ein besonders einflussreicher Verfechter dieser Ausrichtung war Hans Blüher, der im Zuge seiner Auseinandersetzung mit der Geschichte des Wandervogels die eigenen Erlebnisse und Beobachtungen zu einer Ideologie der Männerbünde fortentwickelte. Für Blüher waren die homoerotischen Elemente des Wandervogel-Lebens der wertvollste Antrieb der Bewegung, ohne die sie ihre durchschlagende Wirkung in der tabubesetzten wilhelminischen Gesellschaft nicht hätte entfalten können.

In der zeitgenössischen Öffentlichkeit herrschte eine völlig andere Sicht, die der Wandervogel auch zu spüren bekam, als er im Umfeld einer Affäre mit homosexuellem Hintergrund angegangen wurde, in deren Mittelpunkt Fürst Philipp zu Eulenburg stand, ein Freund Kaiser Wilhelms II. Die Wandervogel-Verantwortlichen waren nun Schmähreden ausgesetzt, gar als „Päderastenklub“ bezeichnet. Blüher schildert die Reaktion innerhalb der Bewegung: