Die Christlichsoziale Partei Österreichs (CS oder CSP) war eine katholisch-konservative Partei in den im Reichsrat vertretenen Königreichen und Ländern Österreich-Ungarns und der Ersten Republik Österreichs. Sie wurde in den frühen 1890er Jahren gegründet und erlebte einen rasanten Aufstieg zu einer der bedeutendsten Parteien der Monarchie. In der Ersten Republik war sie bis 1934 an jeder Bundesregierung beteiligt, stellte ab 1920 meist den Bundeskanzler und ab 1928 auch den Bundespräsidenten. Hochrangige Vertreter der Partei bereiteten den Boden für den Übergang zum autoritären und austrofaschistischen Regime des österreichischen Ständestaats, nach dessen Errichtung sich die Partei zugunsten der Vaterländischen Front auflöste.

Die Partei gilt als Vorläufer der seit 1945 bestehenden Österreichische Volkspartei (ÖVP).

Geschichte Vorgeschichte mini|Karl von Vogelsang, Vordenker des politischen Katholizismus in Österreich mini|Karl Lueger gründete in den 1890er Jahren die Christlichsoziale Partei. Vorläufer der christlichsozialen Bewegung in Österreich entstanden mit der 1848 erschienenen „Wiener Kirchenzeitung“ Sebastian Brunners als Pionierin des katholischen Pressewesens und den von Kardinal Anton Gruscha 1852 ins Leben gerufenen katholischen Gesellenvereinen.

Im Jahre 1868 rief der Linzer Bischof und Landtagsabgeordnete Franz Joseph Rudigier in einem Hirtenbrief zum Widerstand gegen die Maigesetze auf. Seine Verhaftung am 5. Juni 1869 führte zu einer bis dahin in Linz noch nie gesehenen Demonstration, welche als Geburtsstunde der christlichsozialen Bewegung beziehungsweise Beginn der demokratischen Bewegung des österreichischen Katholizismus bezeichnet wird. Am 16. Oktober 1869 erfolgte die Gründung des Katholischen Volksvereins für Oberösterreich, als erster Vereinspräsident fungierte Heinrich Graf Brandis. Aus dieser Gruppierung sollte sich schließlich die bis 1934 bestehende oberösterreichische Landesorganisation der Christlichsozialen Partei entwickeln.

Der katholische Publizist Karl von Vogelsang war wichtiger Vordenker des politischen Katholizismus in Österreich. Vor dem Hintergrund des Börsenkrach 1873 formulierte er als Redakteur des Vaterlands und ab 1879 in seiner Monatszeitschrift für christliche Sozialreform die Grundlagen der christlichen Sozialreform. Über die konservativen Sozialreformer Aloys von Liechtenstein und Egbert Belcredi fanden diese Ideen bereits Eingang in die Sozialgesetzgebung der Regierung von Graf Eduard Taaffe. Vogelsang versuchte den 1882 gegründeten antiliberalen Österreichischen Reformverein zu einer entsprechenden Volkspartei zu formen, aber da dort der Antisemitismus gegenüber der Sozialpolitik dominierte, setzte er später seine Hoffnungen auf den 1887 von Ludwig Psenner gegründeten Christlichsozialen Verein.

Um die Chancen bei der Wiener Gemeinderatswahl 1887 zu erhöhen, kandidierte man zusammen mit mehreren deutschnationalen und antiliberalen Gruppen als Wahlgemeinschaft Vereinigte Christen (im Volksmund aufgrund ihrer Inhomogenität „Wurstkesselpartei“ genannt). Mit dem Namen „Christen“ wollten man auch den Gegensatz zum Judentum ausdrücken, in dem man die Repräsentanz des ausbeuterischen Wirtschaftsliberalismus erblickte.Kurt Augustinus Huber, Joachim Bahlcke (Hrsg.): Katholische Kirche und Kultur in Böhmen. Ausgewählte Abhandlungen. Lit, Münster 2005, ISBN 3-8258-6687-4, S. 230. Ihr Spitzenkandidat Karl Lueger war zu dieser Zeit noch Mitglied der linksliberalen Demokraten.

1888 wechselte Lueger zum Christlichsozialen Verein, der besonders beim niederen Klerus begeisterte Anhänger fand. Hier wurde Lueger mit den Prinzipien der christlichen Sozialreform vertraut und nahm an den von Vogelsang veranstalteten Diskussionsrunden der Enten-Abende teil. Nach dem Tod Vogelsangs 1890 wurden sie vom Moraltheologen Franz Martin Schindler weitergeführt. Dieser übernahm auch intellektuelle Führerschaft, während der politisch talentierte Lueger als Obmann des Vereins fungierte. In der 1891 erschienene Sozialenzyklika „Rerum Novarum“ sah sich der Christlichsoziale Verein in seinen programmatischen Anliegen bestätigt.

Weitere Gruppierungen, die später in der CSP aufgehen sollten, waren die „Katholisch-Konservativen“, die „Demokraten“, die „Gewerblichen Reformer“, die „Freie Vereinigung katholischer Sozialpolitiker“ von Liechtenstein und der 1892 von Leopold Kunschak gegründete „Christlichsoziale Arbeiterverein“.

Die Christlichsoziale Partei in der Monarchie Zum Gründungsdatum der Christlichsozialen Partei herrscht Uneinigkeit in der Literatur: So wird einerseits das Antreten des Christlichsozialen Vereins als Partei zur Reichsratswahl 1891 als Geburtsstunde gesehen, andererseits eine Vereinigung mehrerer Gruppierungen in der Christlichsozialen Partei 1893. Einigkeit besteht jedenfalls darin, dass die Gründung unter der Führung Karl Luegers erfolgte.

Die Partei orientierte sich kleinbürgerlich und klerikal und konnte so große Massen der konservativen Agrarbevölkerung und des städtischen Kleinbürgertums anziehen: Handwerker, Gewerbetreibende und Beamte. In der Kirche hatte die Partei einen wichtigen Verbündeten: Einerseits sprach sie mit ihrer Kritik an liberalen Modernisierungstendenzen und Kapitalismus Modernisierungsverlierer an, für die die katholische Soziallehre ein attraktives programmatisches Angebot darstellte, andererseits konnte sie die Organisation der Partei mit geschulten Mitarbeitern in Form des niederen Klerus unterstützen. Dadurch ersparte sich die junge Partei den Aufbau einer eigenen Parteiorganisation.

Teil des christlichen Wertekanons der damaligen Zeit war auch ein moderater Antisemitismus. Bis in die 1890er-Jahre trugen die Wahlvereinigungen um Lueger Bezeichnungen wie „Antisemiten und Christlichsoziale“ oder nur „Antisemiten“.Stefan Eminger (Hrsg.): Niederösterreich im 20. Jahrhundert. Band 1: Politik. Niederösterreichisches Landesarchiv, Böhlau, Wien 2008, ISBN 978-3-205-78197-4, S. 400.

Am 3. österreichischen Katholikentag wurde die Gründung einer volkstümlichen Zeitung als Sprachrohr des Katholizismus in Österreich beschlossen. 1894 erschien erstmals die Reichspost, die als Presseorgan der Partei und als Gegengewicht zur nach wie vor dominanten liberalen Presse diente.

Bei der Wiener Gemeinderatswahl 1895 wurde die langjährige Dominanz des liberalen Lagers gebrochen und die CSP erreichte die Zweidrittelmehrheit, die sie bis 1919 halten konnte. Die Reichshauptstadt wurde zum Zentrum der Stärke der Partei. Mit Josef Strobach konnte sie den Wiener Bürgermeister stellen, 1897 wurde Lueger selbst Bürgermeister. In Niederösterreich sorgte die Verbindung mit dem Landesverband der Landwirte, aus dem 1906 der Niederösterreichische Bauernbund hervorging, für großen Wählerzuspruch in der bäuerlichen Bevölkerung. Ab der Landtagswahl 1902 dominierte die CSP auch hier. Durch Erfolge auch in anderen Kronländern wurde die CSP zur Reichspartei.

Beim Parteitag in Eggenburg 1905 lehnte die Partei den durch den Ausgleich bedingten Dualismus ab und forderte im Interesse des Bestands des Vielvölkerstaats eine föderalistische Neustrukturierung. Dieses Bekenntnis zu Österreich-Ungarn, das sie von den Deutschnationalen unterschied, registrierte Erzherzog Franz Ferdinand mit großem Interesse, der Thronfolger unterhielt fortan ein Nah-Verhältnis zur CSP.

Im Jahr 1907 vereinigte sich die CSP mit der Katholischen Volkspartei und wurde dadurch stimmenstärkste Fraktion im Abgeordnetenhaus des Reichsrats.

Der Tod Karl Luegers stürzte die Partei in eine Krise. In seinem politischen Testament warnte er die Partei davor, zu einer spezifischen „Berufspartei“ zu werden, sie müsse gleichermaßen die Interessen der Bauern, der Handwerker, des Gewerbes wie auch der großstädtischen Bevölkerung und der Intelligenz vertreten. Obwohl Lueger Richard Weiskirchner als seinen Nachfolger im Amt des Bürgermeisters vorgeschlagen hatte, kam es zu massiven Spannungen zwischen jenem und Albert Geßmann, der auch Ambitionen auf das Amt hegte, was schließlich bei der Reichsratswahl 1911 zu deutlichen Verlusten führten. Die Partei fiel hinter die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) zurück. Zwar konnte der neue Parteiobmann Aloys von Liechtenstein ein drohendes Auseinanderbrechen der Partei verhindern, aber es fehlte an einer großen Integrationsfigur.

Im Ersten Weltkrieg stand die Partei auf Seiten der Monarchie, gegen Ende des Krieges wurde die Partei zunehmend gespalten in eine monarchistische und eine republikanische Fraktion. Zum Jahresende 1918 hatte die kaiserliche Regierung kaum mehr loyale Truppen, die Armee befand sich in einem chaotischen Auflösungszustand. Realpolitisch hätte ein Beharren auf der Monarchie für die CSP Selbsteliminierung bedeutet. Daher entschied sich die Partei am 12. November 1918 für die Errichtung der Republik. Der monarchistische Aloys von Liechtenstein legte aus Protest gegen diese Entscheidung seine Funktion als Parteiobmann zurück.

Die Christlichsoziale Partei in der Ersten Republik mini|Antisemitisches Wahlplakat der Christlichsozialen Partei bei der Nationalratswahl 1920 mini|Ignaz Seipel, die prägende Gestalt der Christlichsozialen Partei in den 1920er Jahren Auf den zurückgetretenen Liechtenstein folgte interimistisch bis zur Wahl eines neuen Parteiobmanns der oberösterreichische Landeshauptmann Prälat Nepomuk Hauser. Hauser war es auch, der Ignaz Seipel bewog, auf der christlichsozialen Liste zu kandidieren, jenen Geistlichen, der die prägenden Persönlichkeit der CSP in der ersten Republik werden sollte.

Die katholische Kirche, die in Österreich stets unter dem Schutz des Hauses Habsburg stand, fand in der CSP eine neue Schutzmacht. Spitzenrepräsentanten der Partei referierten nun regelmäßig auf Bischofskonferenzen über die politische Lage und für die Kirche war die CSP einziger Ansprechpartner für politische Wünsche (etwa zu Ehe- und Schulfragen). Ein Komitee wurde eingerichtet, das bei den Verfassungsverhandlungen die Wünsche der Kirche mit dem politischen Handeln der Partei akkordieren sollte.

Das christlichsoziale Wahlprogramm für die Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung am 16. Februar 1919 vertrat traditionelle und antisemitische Positionen wie das Bekenntnis zur „christlichen Familie“, die sittliche Erziehung der Jugend, die Ablehnung „religionsloser Schulen“ und trat gegen die „Vorherrschaft des Judentums“ auf. Daneben gab es auch soziale und wirtschaftliche Forderungen: Die Ablöse von Grundbesitz, der nicht im Interesse der Gesamtheit bewirtschaftet wurde und der als „Heimstätten für aus dem Felde zurückkehrender Krieger“ verwendet werden sollte, die Errichtung von Handels-, Landwirtschafts- und Arbeiterkammern sowie die Schaffung eines modernen Arbeitsrechts und eines umfassenden Versicherungsschutzes. Angesichts der teilweise herrschenden revolutionären Stimmung und der Vorgänge in Russland und einigen Nachbarländern forderte die CSP als „Partei der gesellschaftlichen Ordnung“, dass sich die demokratische Entwicklung ohne gewaltsamen Umsturz vollziehen solle. Ein Hirtenbrief der Bischöfe Deutschösterreichs unterstützte dieses Wahlprogramm.

Bei der Wahl erreichte die CSP mit 69 Mandaten den zweiten Platz hinter der SDAP (72 Mandate) und bildete mit dieser eine große Koalition (Staatsregierung Renner II und Staatsregierung Renner III). Dadurch hoffte man unerwünschte Entwicklungen in der jungen Republik verhindern zu können und durch die Zusammenarbeit der zwei großen Lager besser mit der ungeklärten außenpolitischen Lage umgehen zu können.