mini|August Neidhardt von Gneisenau, Gemälde von George Dawe, 1818. rahmenlos|klasse=skin-invert-image

August Wilhelm Anton Neidhardt (ursprünglich: Neithardt), ab 1783 Neidhardt von Gneisenau, ab 1814 Graf Neidhardt von Gneisenau (* 27. Oktober 1760 in Schildau; † 23. August 1831 in Posen) war ein preußischer Generalfeldmarschall, Heeresreformer und in den Befreiungskriegen ein erfolgreicher Befehlshaber seiner Truppen. Während der Stein-Hardenbergschen Reformen modernisierte er zusammen mit Gerhard von Scharnhorst die Preußische Armee im Sinne der Aufklärung, schaffte die alten Adelsvorrechte ab und führte die allgemeine Wehrpflicht ein. Unter anderem auf der Grundlage seiner Ideen wurde später die Auftragstaktik entwickelt. In der Schlacht bei Waterloo 1815 trug er entscheidend zum Sieg über Napoleon bei.Gneisenau, August Graf Neidhardt von, Hrsg. Wissen, Konradin Medien GmbH Leinfelden-Echterdingen.

Leben Herkunft und Name mini|Gneisenau-Geburtshaus in Schildau mini|Gedenktafel am Geburtshaus

August Wilhelm Antonius Neithardt wurde am 27. Oktober 1760 in Schildau geboren, das damals zum Kurfürstentum Sachsen gehörte. Er war das einzige Kind seiner Eltern, die sich erst ein Jahr vor seiner Geburt kennengelernt hatten. Sein Vater war der sächsische Artillerieleutnant und Baumeister August Wilhelm Neithardt (* 24. Januar 1734 in Reick, † 6. Juni 1802 in Oppeln), der im Siebenjährigen Krieg im Reichs-Reserve-Artilleriepark des Obersächsischen Kreises der Reichsarmee diente. 1759/60 bezog er mit seiner Einheit ein Winterquartier in Würzburg. Dort lernte er Maria Eva Dorothea Müller (* 8. November 1738 in Würzburg, † 22. Oktober 1761 in Fürth) kennen und heiratete sie wenig später. Sie war die älteste Tochter von Michael Anton Müller (* 1700; † 1781 in Würzburg), einem Ingenieuroberst der Fürstbischöflich-würzburgischen Armee.Johannes Mack: Der Baumeister und Architekt Joseph Greissing. Mainfränkischer Barock vor Balthasar Neumann (= Quellen und Darstellungen zur fränkischen Kunstgeschichte. Band 16). Gesellschaft für Fränkische Geschichte e. V., Würzburg 2008, S. 182 ff.

August Neithardt senior nahm später den Beinamen „von Gneisenau“ an, der von Schloss Gneisenau, einem früheren Besitztum seiner Familie in Oberösterreich, herrührte. Was die weitere Namensführung betraf, so wurde der spätere Feldmarschall 1777 bei seiner Immatrikulation an der Universität Erfurt im Register als „Antonius Neithardt, Torgaviensis Stud. phil.“ aufgeführt.Der Biograph Hans Delbrück folgert aus diesem Immatrikulationsnamen, dass Gneisenau zum einen in seiner Jugend den Rufnamen Anton hatte, und dass er andererseits bei seinen Kommilitonen nicht als „Schildbürger populär werden wollte“ (vgl. Schildau), und deshalb Torgau als seinen Herkunftsort angab. Die letztere Angabe stimmt auch überein mit der von Pertz (Siehe Literatur). Dagegen nannte ihn die brandenburg-ansbachische Rangliste von 1783 „Neithardt von Gneisenau“, und diesen Doppelnamen behielt er auch im preußischen Dienst, wobei später das „t“ in ein „d“ umgewandelt wurde.

Frühe Kindheit in Schildau (1760–1769) Als im Frühjahr 1760 die Kriegshandlungen wieder aufgenommen wurden, folgte Maria Neithardt wie damals üblich ihrem Ehemann im Tross. Im Oktober 1760 lagen sich die feindlichen Armeen im Raum Torgau gegenüber; die hochschwangere Maria Neidhardt war im nahen Schildau einquartiert. Dort brachte sie am 27. Oktober im Gasthof „Zur Weintraube“ ihren Sohn August zur Welt und ließ ihn noch am selben Abend protestantisch taufen. Bereits fünf Tage später flüchtete der Tross jedoch aus Schildau, weil der Preußenkönig (aufgrund einer Falschmeldung) hier die österreichische Hauptarmee vermutete und demzufolge mit seinen Truppen auf die Stadt zumarschierte. Tatsächlich fand die Schlacht dann zwei Tage später auf den Süptitzer Höhen bei Torgau statt. Obwohl noch Wöchnerin, schloss sich auch Maria Neithardt mit ihrem Säugling der Flucht an. Bei der nächtlichen Fahrt im offenen Bauernwagen glitt das Kind der erschöpften Mutter jedoch bereits am Ortsausgang von Schildau unbemerkt aus den Armen. Erstaunlicherweise wurde es nicht von einem der nachfolgenden Wagen überfahren; stattdessen fand es im Morgengrauen ein Grenadier, der es zurück nach Schildau brachte und dort vergeblich nach seiner Mutter suchte. In der Folgezeit wurde das Findelkind von einer Amme versorgt. Maria Neithardt überlebte die Strapazen der Reise und den Kummer über den Verlust ihres Kindes nicht lange und starb knapp ein Jahr später in Fürth.Joachim Sauer: Der große Sohn Schildaus, in: Torgauer Zeitung, 2010-10-29.

Seine frühe Kindheit verbrachte August Neithardt in äußerster Armut in Schildau bei Pflegeeltern, die von seinem Vater ein geringes Pflegegeld erhielten. Gneisenau selbst befand später über seine Kindheit: „Ich würde, hätte jener Grenadier mich nicht aufgehoben, unfehlbar in der Finsternis vom nächsten Wagen totgefahren sein [...] Ich bin ein Findling im Kriege gewesen, die Torgauer Schlacht stand mir Pate, meine arme junge Mutter starb, und mein Vater hat sich im ganzen Leben nur dreimal um mich gekümmert. Es war nie zu meinem Besten“Hans-Joachim Füssel: Schildau ehrt den großen Sohn der Stadt, Neidhardt von Gneisenau, in: Torgauer Zeitung 2009-10-30.. Augusts Kindheit war überaus hart und teilweise von Misshandlungen überschattet. Als er etwas größer geworden war, musste er seine schulfreie Zeit mit Gänsehüten verbringen. Als er schließlich neun Jahre alt war, gelang es einem Schneider aus Schildau, Augusts Großvater in Würzburg ausfindig zu machen und ihn auf die missliche Lage seines Enkels hinzuweisen.

Würzburg und Erfurt (1769–1782) Als August Neithardts Großvater Andreas Müller von seinem Enkel erfuhr, handelte er umgehend und ließ ihn zu sich nach Würzburg holen. Dort im Milieu des Bildungsbürgertums genoss er ein reichhaltiges klassisches Bildungsangebot, erlernte gründlich Latein und Französisch und erwarb Grundkenntnisse des Englischen und Italienischen; großen Einfluss übte dabei seine Tante Margarethe Müller (später verh. von Storr) auf ihn aus. August Neidhardts besondere Interessen galten der Geschichte, speziell des klassischen Altertums, und der Musik. Andreas Müller bemühte sich auch, ihm den katholischen Glauben nahezubringen, und ließ ihn deshalb die Jesuitenschule besuchen; allerdings blieb August Neidhardt zeitlebens, wie er selbst bekundete, Protestant und ließ auch seine eigenen Kinder später in diesem Sinne erziehen.

Neithardts Vater war im Gefolge des Friedens von Hubertusburg aus dem Militärdienst ausgeschieden und hatte danach zunächst ein unstetes Leben geführt. Im Jahre 1772 ließ er sich jedoch in Erfurt nieder und bekam dort 1773 eine Anstellung als kurmainzischer Bauinspektor; 1777 wurde er zum Baudirektor für „Stadt und Land Erfurt und das Eichsfeld“ ernannt; in der Zwischenzeit hatte er erneut geheiratet und ein Haus erworben. Aus dieser zweiten Ehe seines Vaters bekam August Neithardt drei Halbbrüder und zwei Halbschwestern. Nachdem August Neithardt senior in Erfurt sesshaft geworden war, ließ er seinen Sohn ebenfalls nach Erfurt holen und von 1773 bis 1777 das katholische Gymnasium besuchen. Am 1. Oktober 1777 immatrikulierte sich August Neithardt an der Universität Erfurt für die Fächer Militärische Mathematik, Artilleriewesen, Befestigungskunst und Kartografie. Durch seinen lockeren Lebenswandel vertändelte der 18-Jährige das großväterliche Erbe und musste deshalb 1778 sein Studium abbrechen. Er trat dann in das in Erfurt in Garnison liegende österreichische Husaren-Regiment „Graf Wurmser“ ein und zog als Gemeiner in den Bayerischen Erbfolgekrieg. Nach dem Frieden von Teschen (Cieszyn) im Jahr 1779 trat Neithardt in den Dienst des Markgrafen Karl Alexander von Brandenburg-Ansbach. In der Rangliste des dortigen Jägerbataillons ist Gneisenau erstmals mit dem Namen verzeichnet, den inzwischen auch sein Vater angenommen hatte: Neithardt von Gneisenau.

Teilnahme am Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1782/83) Der – wie andere deutsche Fürsten auch – an Geldmangel leidende Markgraf Karl Alexander vermietete während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges Truppen an Großbritannien. Gneisenau meldete sich zum Einsatz in Nordamerika, wurde zum Leutnant ernannt und 1782 über den Hafen Marktsteft nach Amerika verschifft. Da der Krieg fast vorüber war, verbrachte Gneisenau seine Zeit meist in der Garnison von Québec. Bereits Ende 1783 kehrte er in die Garnison Bayreuth zurück und wechselte zur Infanterie.

Aufstieg in der Preußischen Armee (1783–1806) mini|Die Narbe auf der rechten Wange stammt von einem Reitunfall als Knabe.

Unter anderem wegen des eintönigen Dienstes verließ er die Dienste des Markgrafen von Ansbach-Bayreuth und bewarb sich 1785 beim preußischen Heer. Vor seiner eigentlichen Anstellung hospitierte Gneisenau mit Genehmigung Friedrichs des Großen als Sekondeleutnant im Potsdamer Generalquartiermeisterstab. Als jüngster Premierleutnant wurde er 1786 zum leichten Infanterie-Regiment Chaumontet in die Garnison Löwenberg (Lwowek) versetzt. Er ergänzte in seiner Garnisonszeit seine Englisch- und Französischkenntnisse und erlernte zusätzlich auch die polnische Sprache. Außerdem studierte er Geschichte, Literatur und Kriegswissenschaften. Am 17. März 1788 wurde er in die Freimaurerloge „Zu den drei Felsen“ der Großloge „Große National-Mutterloge Zu Den Drei Weltkugeln“ in Schmiedeberg im Riesengebirge aufgenommen.

1790 erfolgte die Beförderung zum Stabskapitän. Von 1792 bis 1795 war Gneisenau mit seinem Bataillon bei der zweiten Polnischen Teilung zusammen mit russischen Truppen eingesetzt. Im Jahr 1795 wurde Gneisenau zum Hauptmann befördert und als Kompaniechef nach Jauer (Jawor) versetzt. Er heiratete 1796 die vermögende Karoline von Kottwitz, mit der er in den Folgejahren vier Töchter und drei Söhne bekam. Nachdem seine Frau 1803 das Gut Mittel-Kauffung erworben hatte, studierte Gneisenau landwirtschaftliche Schriften, entwarf Pläne zur Melioration und richtete eine Kartoffelbrennerei ein. Nebenher beschäftigte er sich weiter intensiv mit Studien zum Truppendienst, zur Infanterie, Kavallerie, Artillerie, Ingenieurkunde, Taktik und Militärgeografie.

Heeresreformer während der napoleonischen Herrschaft (1806–1812) Am 10. Oktober 1806 nahm Gneisenau unter dem Befehl des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen beim Gefecht bei Saalfeld erstmals an Kampfhandlungen gegen die Truppen Napoleons teil und wurde verwundet. Trotzdem kämpfte er in der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 im Gefolge des preußischen Generals Ernst von Rüchel. Nach der Niederlage der preußischen Truppen entkam Gneisenau zum Sammelpunkt der geschlagenen preußischen Armee nach Graudenz. Er wurde am 17. Dezember 1806 zum Major befördert und mit seinem Bataillon an die russische Grenze in (Preußisch-)Litauen verlegt. In Denkschriften analysierte Gneisenau die Fehler der Preußen in den Schlachten bei Jena und Auerstedt und forderte eine Reform der Taktik. Vom König Friedrich Wilhelm III. von Preußen wurde Gneisenau auf Empfehlung des Generals Ernst von Rüchel, inzwischen Generalgouverneur der Provinz Preußen, als neuer Kommandant in die belagerte pommersche Festung Kolberg entsandt, wo er am 29. April 1807 auf dem Seeweg über die Ostsee eintraf. Gneisenau organisierte die erfolgreiche Verteidigung der Festung auch durch die Einbeziehung patriotischer Bürger um den Bürgerrepräsentanten Joachim Nettelbeck. Der Waffenstillstand zwischen Preußen und Frankreich beendete den Kampf um Kolberg am 2. Juli 1807. Gneisenau war bereits am 13. Juni 1807 zum Oberstleutnant befördert worden und wurde auf Wunsch Scharnhorsts in die Militär-Reorganisationskommission berufen.