mini|Epiktet. Phantasievolle Gravur von Théodore Galle nach einem Entwurf von Pierre Paul Rubens (1605). Das wahre Aussehen Epiktets ist nicht bekannt. Epiktet (, ; * um 50 in Hierapolis in Phrygien; † um 138 in Nikopolis in Epirus) war ein antiker Philosoph während der römischen Kaiserzeit. Er zählt zu den einflussreichsten Vertretern der späten Stoa.
Als Sklave gelangte Epiktet nach Rom, wo er in Kontakt mit stoischen Lehren kam und auch selbst zu unterrichten begann. Aus Rom vertrieben, begründete er in Nikopolis eine Philosophenschule, an der er bis zu seinem Tod lehrte. Da Epiktet selbst keine Werke verfasste, ist seine Philosophie nur durch die Aufzeichnungen seines Schülers Arrian überliefert.
Seine Lehre behandelt vor allem ethische Fragen und stellt die praktische Umsetzung philosophischer Überlegungen in den Vordergrund. Im Zentrum seiner Ethik stehen die innere Freiheit und moralische Autonomie eines jeden Menschen. Epiktet trennt strikt zwischen Dingen und Zuständen, die sich außerhalb der menschlichen Macht befinden und daher als gegeben angenommen werden müssen, und solchen, die das Innerste des Menschen betreffen und daher ausschließlich Gegenstand seines Einflusses sind. Außerdem entwickelt Epiktet ein Konzept der sittlichen Persönlichkeit, die nach seiner Ansicht das Wesen des Menschen darstellt. Menschliches Handeln wird für ihn aber stets auch von Gott bestimmt und gelenkt, der in jedem einzelnen Menschen, der Welt und dem eine Einheit bildenden Kosmos direkt anwesend ist. Da dieser göttliche Kern allen Menschen gleichermaßen innewohnt, muss die Menschenliebe unterschiedslos allen gelten.
Die Rezeptionsgeschichte der Lehre Epiktets ist vielschichtig. Nach einer ersten kurzen Blüte im 2. Jahrhundert geriet er während des Mittelalters im Westen weitgehend in Vergessenheit. Auf indirektem Weg – über späteres Schrifttum und christianisierte Umformungen der ältesten Überlieferung – beeinflussten Konzepte Epiktets jedoch christliche Autoren von der Spätantike bis in die Neuzeit maßgeblich, auch wenn diese Schriften nur noch in loser Verbindung mit dem Namen Epiktets standen. Die Aufzeichnungen seines Unterrichts wurden in der Renaissance erneut bekannt und wirkmächtig.
Leben Über das Leben Epiktets ist nur wenig bekannt. Als Quellen dienen Passagen der Noctes Atticae des Aulus Gellius, ein spätantiker Kommentar des Simplikios sowie ein Eintrag in der Suda, einem mittelbyzantinischen Lexikon. Die dort vorliegenden Angaben sind jedoch spärlich und zum Teil wenig zuverlässig. Wertvoller sind Informationen, die sich den Epiktet zugeordneten Schriften entnehmen lassen.
Epiktet wurde um das Jahr 50 in Hierapolis im kleinasiatischen Phrygien geboren. Er wurde als Sklave nach Rom gebracht und stand dort im Dienst des Epaphroditos, eines wohlhabenden und einflussreichen Freigelassenen des Kaisers Nero. Epiktet, sein griechischer Rufname als Sklave, bedeutet „der neu Erworbene“. Wann und aus welchem Grund Epiktet nach Rom kam und zu welchem Zeitpunkt er freigelassen wurde, bleibt unklar.Nach einer nicht näher datierten Inschrift aus Pisidien scheint bereits Epiktets Mutter Sklavin gewesen zu sein; siehe Georg Kaibel: Inschriften aus Pisidien, in: Hermes 23 (1888), S. 532–545, hier: 542–545; Schenkl (1916), S. VII.
Jedenfalls studierte er noch als Sklave Philosophie beim Stoiker Gaius Musonius Rufus, für dessen lediglich mündlich erteilten Unterricht er eine wichtige Quelle ist, auch wenn sich seine eigene Lehre in einigen Bereichen von der seines Lehrers zu unterscheiden scheint.Zum Verhältnis von Musonius Rufus’ und Epiktets Philosophie siehe Hershbell (1989), S. 2155f. Nach seiner Freilassung lehrte Epiktet zunächst selbst in Rom. Als Kaiser Domitian im Jahr 89 (oder 94) Philosophen aus Rom und Italien ausweisen ließ,Sueton, De vita Caesarum, Domitian 10. begab sich Epiktet mit seinen Schülern, unter denen auch prominente Angehörige vornehmer Geschlechter gewesen sein sollen, nach Nikopolis in Epirus. Dort nahm er den Unterrichtsbetrieb wieder auf und lehrte unter großem Zulauf bis zu seinem Tod. Eine Begegnung Epiktets mit Kaiser Hadrian und eine persönliche Beziehung zwischen dem Philosophen und dem Kaiser sind zwar nur in einer späten Quelle überliefert, gelten aber in der Forschung als glaubhaft; der Kontakt kam wohl entweder in Athen oder in Nikopolis zustande.Nach der Historia Augusta, Vita Hadriani 16,10 bestand zwischen Hadrian und Epiktet ein sehr vertrautes Verhältnis (In summa familiaritate Epictetum […] habuit). Eine Übersicht über die Forschungsmeinungen bietet Puech (2000) S. 116. Epiktet starb um 138, vielleicht auch 125 n. Chr.Zu den Lebensdaten siehe Dobbin (1998), S. xii–xiii.
Nach einer antiken Überlieferung führte er ein so ärmliches Leben, dass sein Haus in Rom keines Riegels bedurfte.Simplikios, Kommentar zum Encheiridion 13. Außerdem heißt es, dass er von Kindheit an oder aufgrund einer Krankheit gehinkt habe. Ein Großteil der Quellen gibt hingegen der häufig ausgeschmückten, im Grund jedoch glaubwürdigen Episode den Vorzug, sein Herr habe ihm als Sklaven ein Bein zertrümmert, was er in stoischer Gelassenheit ertragen habe.Die erste Erwähnung findet sich bei Kelsos, die in der Streitschrift des Origenes, Contra Celsum 7,53 überliefert ist; zu weiteren Quellenbelegen und deren Bewertung siehe William Abbott Oldfather, Epictetus, Bd. 1, S. ix–x, Fußnote 1. Epiktet blieb unverheiratet; im Alter soll er jedoch das Kind eines armen Freundes, das ansonsten ausgesetzt worden wäre, adoptiert und mit Hilfe einer Amme aufgezogen haben.Simplikios, Kommentar zum Encheiridion 46.
Werk mini|Codex Bodleianus, auf den alle späteren Handschriften der Lehrgespräche zurückgehen, Bodleian Library Oxford, 2. Hälfte 11. Jahrhundert
Epiktet selbst hat keine Schriften verfasst. Bereits zu seinen Lebzeiten war jedoch sein mündlicher Unterricht sehr einflussreich. Die wichtigste Quelle für Epiktets Lehre stellt eine Sammlung von Lehrgesprächen (, ) dar, die sein Schüler Arrian, der vor allem als bedeutender Alexanderhistoriker bekannt ist, aus seinen Notizen zu Epiktets Vorlesungen in der griechischen Umgangssprache der Zeit, der Koiné, zusammenstellte.
Von Arrians Schrift, die in der Antike unter unterschiedlichen Bezeichnungen und mit einer wechselnden Anzahl von Büchern bekannt war,Zum Beispiel Diálexis („Unterredung“), Apomnēmoneúmata („Erinnerungen“) oder Homilíai („Unterhaltungen“); zur Forschungsdiskussion, ob die so bezeichneten Werke mit den heute bekannten Schriften identisch sind, siehe Spanneut (1962), Sp. 601–603. sind die ersten vier Bücher erhalten. Dem griechischen Titel entsprechend sind die Abschnitte des Werkes im Stil der Diatribe geschrieben, also eines Lehrvortrags, in dem dialogische und rhetorische Elemente wie etwa vom Redner fingierte Zwischenfragen und Einwände vorkommen. Dieser Stil wurde vor allem von kynischen und stoischen Philosophen gepflegt.
Im Vorwort, in Form eines Briefes an einen gewissen Lucius Gellius, betont Arrian, die Schrift nicht selbst verfasst, sondern lediglich das Gehörte wortgetreu niedergeschrieben zu haben. Damit habe er die Erinnerung an seinen Lehrer für sich selbst bewahren wollen und nicht die Absicht verfolgt, die Aufzeichnungen zu veröffentlichen. Arrians Anspruch, Epiktets Lehre wörtlich zu überliefern, stieß in der Forschung auf Zweifel. Es kam zu Kontroversen um die Frage, inwieweit das Werk tatsächlich eine glaubwürdige Wiedergabe der Vorlesungen Epiktets darstellt. Manche Forscher nehmen an, dass die Lehrgespräche als eine Art „stenographische Aufzeichnung“ die Ansichten des Philosophen direkt darlegen,Zum Beispiel Oldfather, Epictetus, Bd. 1, S. xiii: „[…] Arrian’s report is a stenographic record of the ipsissima verba of Epictetus.“ (deutsch: „[…] Arrians Darstellung ist eine stenographische Aufzeichnung der ipsissima verba (ureigensten Worte) Epiktets.“). zumal sie sich sprachlich wie auch inhaltlich von anderen Werken Arrians unterscheiden. Vereinzelt sehen Gelehrte darin sogar ein von Epiktet selbst stammendes Werk, dessen Vorwort lediglich den Eindruck von Vorlesungsnotizen erzeugen soll.Dobbin (1998), S. xx-xxiii. Vertreter der Gegenposition halten den Anspruch Arrians auf Authentizität für eine literarische Fiktion. Ihrer Meinung zufolge sind die Lehrgespräche im Wesentlichen Arrians Werk; einige von ihnen stammen gänzlich aus seiner Feder und orientieren sich unter anderem bewusst an der Darstellung des Sokrates bei Xenophon.Theo Wirth, Arrians Erinnerungen an Epiktet. In: Museum Helveticum 24, 1967, S. 149–189, 197–216, hier: S. 172ff.; Hendrik Selle, Dichtung oder Wahrheit – Der Autor der Epiktetischen Predigten. In: Philologus 145, 2001, S. 269–290; dagegen etwa Stefan Radt, Zu Epiktets Diatriben. In: Mnemosyne 43, 1990, S. 364–373. Für eine ausführliche Diskussion der Positionen siehe Wehner (2000), S. 27–53, welche die Lehrgespräche für ein weitgehend authentisches Zeugnis hält und den Einfluss Arrians eher gering einschätzt. Die Frage nach dem Verhältnis der Lehrgespräche zu den Lehren des historischen Epiktet kann – auch aufgrund fehlender Vergleichsquellen – nicht abschließend beantwortet werden.Für einen Überblick zur Forschungsgeschichte siehe Hershbell (1989), S. 2152f. mit weiterer Literatur. Jedenfalls geht man davon aus, dass die Schrift den Kern des Denkens Epiktets erfasst.
Daneben existiert noch ein von Arrian angefertigter Auszug (Epitome) aus den Lehrgesprächen, das sogenannte Handbüchlein (). In diesem äußerst populären Werk, das ungleich stärker als die Lehrgespräche rezipiert wurde, wiederholt Arrian manche Gedanken der Lehrgespräche wortgetreu, andere Aussagen ändert er ab.Hershbell (1989), S. 2152 mit Belegen und weiterer Literatur. Die Abhandlung beschäftigt sich vor allem mit praktischer Philosophie. Nicht theoretische Überlegungen, sondern Leitgedanken für eine an ethischen Kriterien orientierte Lebensführung werden vermittelt.
Vom Handbüchlein existieren zahlreiche Handschriften, drei christliche Paraphrasen und ein Kommentar des Simplikios. Die Lehrgespräche gehen hingegen alle auf einen einzigen Codex zurück, der aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts stammt und heute in der Bodleian Library in Oxford verwahrt wird.Cod. Bodl. misc. Graec., Auct. T. 4. 13. Ferner werden Epiktet knapp vierzig Fragmente zugeschrieben, die wahrscheinlich aus dem verlorenen Teil der Lehrgespräche stammen und deren Echtheit zum Teil umstritten ist. Dabei handelt es sich vor allem um Zitate bei Johannes Stobaios, einem Autor des 5. Jahrhunderts. Ältere Editionen nahmen zahlreiche weitere Aphorismen aus der Anthologie des Stobaios sowie aus einer Gnomensammlung auf, die jedoch höchstwahrscheinlich nicht authentisch sind.Oldfather, Epictetus, Bd. 2, S. 439.
Lehre Einflüsse