Das Mecklenburgisch-Vorpommersche (auch Mecklenburg-Vorpommersch; Eigenbezeichnungen Mękelborgsch und Vörpommersch) bildet eine Dialektgruppe des Niederdeutschen und wird überwiegend in Mecklenburg-Vorpommern gesprochen. Diese Dialekte sind einander äußerst ähnlich und besitzen gegeneinander keine scharfe Dialektgrenze, sondern fließende Übergänge.
Wie in allen ostniederdeutschen Dialekten fehlt der westniederdeutsche verbale Einheitsplural auf -t; stattdessen lautet der Einheitsplural -(e)n. Daneben kommt seit dem 19. Jahrhundert als Folge des Rückgangs der niederdeutschen Sprache auch der zweiförmige Plural analog zum Standarddeutschen vor. Ein spezifisches Kennzeichen der mecklenburgisch-vorpommerschen Dialekte ist das Kosesuffix -ing, z. B. in Poot ‘Pfote’ > Pöting ‘Pfötchen’, Änning ‘Ännchen’, lies’ ‘leis’, ‘langsam’, ‘vorsichtig’ > liesing ‘mucksmäuschenstill’, ‘ganz vorsichtig’.Werner König, Stephan Elspaß, Robert Müller: dtv-Atlas Deutsche Sprache. 18. Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2015, S. 157.
Abkürzungen in diesem Artikel sprachbezogen: as. = altsächsisch hd. = hochdeutsch meckl. = mecklenburgisch mnd. = mittelniederdeutsch mvp. = mecklenburgisch-vorpommersch nds. = niedersächsisch urgerm. = urgermanisch
grammatikbezogen: fem., f. = feminin (weiblich) mask., m. = maskulin (männlich) neut., n. = neutral (sächlich) pl. = pluralisch refl. = reflexiv sg. = singularisch
Dialektgebiete Das definierende Merkmal des Mecklenburg-Vorpommerschen, das es von den westlich, östlich und südlich benachbarten niederdeutschen Mundarten abhebt, ist die Hebung von mnd. ê und ô vor r (ierst ‚erst‘, Uhr ‚Ohr‘, hüren ‚hören‘; sog. Mecklenburgisch-Vorpommersche Erhöhung). Weit verbreitet und Abgrenzungsmerkmal nach Süden und Osten ist zudem die Diphthongierung von mnd. ê und ô (hei ‚er‘, tau ‚zu‘), wobei diesen Diphthongen die Monophthonge e (für mnd. ê1, ê2a) und o (für mnd. ô2) gegenüber stehen. Das Mecklenburg-Vorpommersche greift bis in das nördliche Brandenburg aus. Da Teile des Märkischen ebenfalls eine Hebung von ê und ô vor r besitzen, ist ein wesentliches zusätzliches Unterscheidungsmerkmal zum Märkischen die Nutzung des Artikels dat gegenüber märkisch det.
Nach Wiesinger (1983, S. 882f., 885f.)Peter Wiesinger: Die Einteilung der deutschen Dialekte, in: (Reihe: Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 1.2), S. 807ff. gehören zum Mecklenburgisch-Vorpommerschen folgende Dialektbereiche mit folgenden Merkmalen:
Schwerinerisch im Gebiet um Schwerin-Rostock-Wismar-Güstrow, ehemaliges Territorium von Mecklenburg-Schwerin. Typisch ist die Diphthongierung von mnd. ô und ê (hei ‚er‘, tau ‚zu‘), sowie die Hebung vor r, jedoch ging die Diphthongierung der Hebung vor r voran (daher Beier ‚Bier‘). Vorpommersch im Gebiet um Stralsund-Greifswald-Anklam. Typisch ist die Diphthongierung von mnd. ô und ê (hei ‚er‘, tau ‚zu‘), sowie die Hebung vor r, jedoch ging die Hebung der Diphthongierung voran (daher Bier ‚Bier‘). Das so definierte Dialektareal geht allerdings südlich über das historische Vorpommern hinaus bis an die Grenze zum Märkischen. Strelitzisch im Gebiet um Neustrelitz-Neubrandenburg, ehemaliges Territorium von Mecklenburg-Strelitz. Typisch ist neben der Hebung vor r (ierst ‚erst‘) das Ausbleiben der Diphthongierung (to ‚zu‘, he ‚er‘)
Die Dialekte des historischen Mecklenburg (Strelitzisch, Schwerinerisch sowie die dazwischenliegenden Gebiete, die in ihren lautlichen Merkmalen mit dem Vorpommerschen übereinstimmen) werden volkstümlich als Mecklenburgisch zusammengefasst. Das Mecklenburgische geht im Westen fließend in das Holsteinische über, jedoch stellen das Westmecklenburgische (nördlich, westlich und südwestlich von Ratzeburg) und das Ostholsteinische (nördlich von Lübeck) die Mecklenburgisch-Vorpommersche Erhöhung nicht. Das Holsteinische teilt mit dem Mecklenburgischen einige Eigenheiten, welche sich in Holstein jedoch je nach Region mit den Charakteristika des Nordniedersächsischen abwechseln. Im Gebiet um Ratzeburg, das z. T. noch zum mecklenburgischen Dialektraum gezählt wird, existiert ein Dialektübergang, der sich teilweise bis auf das Hamburger Platt (Marsch) auswirkt und Eigenheiten des Mecklenburgischen und Holsteinischen innerhalb einzelner Dialekte tauscht und vermischt. So kennen die Gebiete westlich von Schwerin etwa den Einheitsplural auf -t, die Vierlande in Holstein aber die Diphthongierung und die in Mecklenburg-Vorpommern häufigere Verdrängung des v durch das b, wie etwa in den Worten aven bzw. aben. Der Wortschatz der mecklenburgischen Dialekte wurde in Richard Wossidlos Mecklenburgischem Wörterbuch erfasst.
Nach Osten hin geht das Mecklenburgische fließend in den vorpommerschen (westpommerschen) Dialekt über, der in Vorpommern gesprochen wird. Das Vorpommersche weist einige westslawische Einflüsse auf. Typisch ist eine harte, knappe Aussprache. Der Wortschatz der vorpommerschen Dialekte wird im Pommerschen Wörterbuch dokumentiert.
Im Süden und Osten wird das Mecklenburg-Vorpommersche durch märkische Dialekte begrenzt, im Süden durch das Nordmärkische, im Osten durch das Mittelpommersche, wobei in beiden Fällen Übergangsareale existieren. Charakteristische Merkmale des Mecklenburg-Vorpommerschen, die es von beiden scharf abhebt, sind die Diphthongierung von mnd. ê und ô und die mecklenburg-vorpommersche Erhöhung vor r. Da ihm die Diphthongierung fehlt, bildet das Strelitzische als mecklenburgischer Dialekt auf märkischem Substrat einen Übergangsbereich zum Mittelpommerschen, wird jedoch aufgrund der Hebung vor r und aus wortgeographischen Gründen zum Mecklenburgisch-Vorpommerschen gerechnet (Teuchert 1934, S. 34). Da das verbliebene Sprachgebiet des Mittelpommerschen klein ist, an der östlichen Peripherie des Bundeslandes liegt und als wenig erforscht gilt, wird ihm in der Sprachpolitik von Mecklenburg-Vorpommern kein Sonderstatus eingeräumt.
Lautliche Besonderheiten
Die Aussprache des Mecklenburgischen und Vorpommerschen wird gemeinhin mit „breit“ bezeichnet. Was heute als direkte Diphthongierung wahrgenommen wird (s. u.), wurde bis zum 20. Jahrhundert eher als breite Aussprache gemeinniederdeutscher Wörter verstanden. Daher finden sich selbst in spezifisch mecklenburgischen Grammatiken noch Hinweise darauf, dass das ê zu ei und das ô zu au tendiere, ohne dass dies in der Schrift besonders kenntlich gemacht wurde. Die „breite“ Aussprache ist gleichbedeutend mit einer offeneren Aussprache der Vokale. Im Folgenden wird vor allem vom Schwerinerischen die Rede sein, da andere Dialektgebiete je nach Gebiet dessen Eigenschaften teilen, nicht teilen und/oder Züge des Märkischen und Mittelpommerschen tragen. Im Allgemeinen kann das Mittelpommersche als gegenüber dem Vorpommerschen konservativeres Sprachgebiet gelten, welches der mittelniederdeutschen Lautung näher bleibt.
Im Vorpommerschen liegen die Besonderheiten des Mecklenburg-Vorpommerschen dagegen in derselben Stärke wie im Mecklenburgischen vor und fanden sich sogar östlich des Mittelpommerschen auch in Hinterpommern.
Die Mecklenburgische Diphthongierung In Silben mit tiefer Betonung (für gewöhnlich markiert durch einzelne oder keine Konsonanten am Silbenende, z. B. bok und he) kennt das klassische Niederdeutsche kein langes ô () oder langes ê (). Stattdessen stehen dort die Diphthonge und . Im Schwerinischen und Vorpommerschen führt die offenere Aussprache dazu, dass der Diphthong-Charakter dieser Laute deutlicher hervortritt. Besonders im Schwerinischen werden viele Wörter, welche in anderen niederdeutschen Dialekten mit o () gesprochen werden, mit au ( oder ) gesprochen, was sich auch auf die Umlaute überträgt. So wird ö () zu äu ( oder sogar ). Diese breiteren Aussprachen treten nicht unabhängig voneinander auf. Hat ein Dialekt ei für mittelniederdeutsch ê, so kennt er ebenfalls au für mittelniederdeutsch ô. Welche Laute diphthongiert werden, hängt von der Sprachgeschichte ab: Wörter, die im Urgermanischen noch auf <au> (mnd. ô2) lauteten, haben auch im Mecklenburgischen ein reines O (z. B. urgerm. *augo und nds. oge, aber urgerm. bōks → meckl. bauk (bok ‚Buch‘)). Als Faustregel kann gelten, dass das Mecklenburgische nie <au> hat, wo es im Deutschen steht.
Die mecklenburgische Diphthongierung ist spätestens seit ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts schriftlich belegt (tausahmen ‚zusammen‘ , Sei ‚Sie‘ ).G. Kohfeld: Plattdeutsche mecklenburgische Bauerngespräche aus der Zeit der Karl Leopold’schen Streitigkeiten. In: Niederdeutsches Jahrbuch, XXXIII (1907), 159–164. Sie war aber zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch nicht abgeschlossen, denn nach Teuchert (1934, S. 32) hat die Mecklenburgischen Landesteilung von 1702 ihre Ausbreitung auf das Mecklenburgisch-Strelitzische verhindert.H. Teuchert (1934), Der Lautstand im Südteil des Landes Stargard, Teuthonista, Jahrg. 10, H. 1/2 (1934), S. 2–34
Erweichung des G Im Urgermanischen war jedes g ein Stimmhafter velarer Frikativ , der in vielen (hoch)deutschen Dialekten durch den Plosiv verdrängt wurde. Durch deutschen Einfluss verbreitete sich dieser Plosiv spätestens im 19. Jahrhundert auch in den niederdeutschen Gebieten.Agathe Lasch: Mittelniederdeutsche Grammatik. Verlag Max Niemeyer. Halle an der Saale 1914. Das Mecklenburgische erhielt sich das frikativische G jedoch lange vor E und I. Noch heute ist das weiche G außerdem in norddeutscher Aussprache zu finden, insbesondere zwischen Vokalen. Mit diesem frikativischen G ist auch zu erklären, dass das G bei der Auslautverhärtung in Norddeutschland zu , also zu ch, und dessen Allophonen wird und nicht zu einem k (vgl. das markante norddeutsche Tach! mit dem standard- und süddeutschen Tak! oder das standard- und norddeutsche lustich mit dem süddeutschen lustik).
Außerdem ersetzte das G vielerorts in Mecklenburg-Vorpommern den älteren Halbvokal (gnawen → gnagen), der mit dem Vorrücken des Hochdeutschen verschwand.
Die Mecklenburgisch-Vorpommersche Erhöhung Das Mecklenburgisch-Vorpommersche vokalisiert, wie viele nordniederdeutsche Dialekte, das R. Das heißt, dass das eigentlich gerollte R im Auslaut und in Verbindung mit den mit der Zunge gebildeten Konsonanten (N, L, S, z. T. D/T) zu einem vokalischen Laut (Schwa) wird. Vor diesem R wechseln einige Vokale. Diesen Vorgang bezeichnete Karl Nerger als „Erhöhung“ (im Gegensatz zur Brechung; vgl. Vokaltrapez); auch der Begriff „Hebung“ wird verwendet. Die Wechsel sind: O→U, E→I, Ö→Ü, A→O. Die letzte Entwicklung, sowie einen Wechsel E→A vor konsonantischem R (/r/), machen fast alle nordniederdeutschen Dialekte mit; Worte wie Jor (mnd. jar ‚Jahr‘) und Barg (mnd. berg ‚Berg‘) sind in ganz Norddeutschland verbreitet. Typisch mecklenburgisch-vorpommersch sind jedoch Worte wie Nurd ‚Norden‘, Kirl ‚Kerl‘ und hüren ‚hören‘. Diese Entwicklung war zumindest im 19. Jahrhundert nicht vollständig durchgeführt, und im Gebiet von Ratzeburg und Lauenburg, die mit dem Rest Mecklenburgs klassischerweise ein Dialektgebiet bildeten, liegt sie nur partiell vor. Bereits ab Ludwigslust kann man zwar eine Umformung von wer ‚war‘ zum typisch mecklenburgisch-vorpommerschen wir finden, aber z. B. Ber ‚Bier‘ macht nur die Diphthongierung mit und wird Beir (sprich wie hd. ‚Bayer‘) statt wie im sonstigen Mecklenburg Bir (wie im Hd.). Dieser Zustand mag sich inzwischen gewandelt haben, da die letzte umfassende Erhebung 1876–1880 mit der Erhebung durch Wenker geschah.
Die mecklenburgisch-vorpommersche Erhöhung hat sich nach Teuchert (1934) kurz vor der Landesteilung in Mecklenburg-Strelitz und Mecklenburg-Schwerin (1702) durchgesetzt, da sie sowohl Schwerinisch als auch Strelitzisch erfasst hat.
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