Die märkischen Dialekte, umgangssprachlich auch als märkisches Plattdeutsch bezeichnet, bilden eine Dialektgruppe des Ostniederdeutschen, die im Territorium des historischen Brandenburgs (z. T. über die Grenzen des modernen Bundeslandes hinaus) heimisch ist. In Berlin und südlich davon ist das Märkische stark vom Mitteldeutschen beeinflusst und ersetzt worden. Das historisch ebenfalls zum Niederdeutschen zählende Südmärkische hat im Laufe der Zeit ostmitteldeutsche Merkmale aufgenommen und gilt heute als mitteldeutscher, nicht mehr niederdeutscher Dialekt. Die in Brandenburg noch gesprochenen märkischen Dialekte sind Nordmärkisch und Mittelmärkisch.
Neben der Bezeichnung „Märkisch“ steht auch die Bezeichnung Brandenburgisch. Beide sind jedoch nicht deckungsgleich, weil erstere sprachhistorisch (diachron, definiert durch sprachliche Merkmale) und letztere geographisch (synchron, mit Bezug auf das historische Land und das heutige Bundesland) definiert ist.So sehr explizit bei Stellmacher (1980): „Die in der dialektgeographischen Literatur häufig anzutreffende Bezeichnung B r a n d e n b u r g i s c h für die Sprache des Landes zwischen Elbe und Oder in ihrem mittleren Lauf ist ungeeignet. Dieser Terminus nimmt Bezug auf die politische Raumbildung des Landes Brandenburg, das bis 1952 bestanden hat. Zu diesem Land gehörten auch die md. oder md.-nd. Gebiete des sächsischen Kurkreises und der Niederlausitz, die 1815 an Preußen gekommen waren. Abweichend von bisherigen Einteilungen soll der brandenburgische Raum nach sprachlichen Merkmalen unterteilt und als Märkisch die Landschaften bezeichnet werden, denen eine nd. Grundmundart zuzuerkennen ist.“ (Dieter Stellmacher: Ostniederdeutsch. In: Hans Peter Althaus, Helmut Henne and Herbert Ernst Wiegand (Hrsg.): Lexikon der Germanistischen Linguistik. Niemeyer, Tübingen 1980, S. 466). Man beachte, dass sich dieser semantische Unterschied seit Gründung des Bundeslandes Brandenburg (1990) verschärft hat. In der älteren Literatur wurden „Märkisch“ und „Brandenburgisch“ teilweise als austauschbar behandelt, was sich gelegentlich heute noch findet, aber missverständlich ist und heute vermieden werden sollte, da Brandenburg auch Heimat mitteldeutscher Mundarten ist, die nicht zum Märkischen gerechnet werden können. Das heutige Südbrandenburgische, aus dem die Umgangssprache des Berliner Umlandes entstanden ist, ist brandenburgisch (gemäß Schönfeld 1981, S. 154 f.), aber nicht märkisch (gemäß Bock & Langner 1989, S. 236 ff).Rolf Bock, Helmut Langner: Zur Geschichte, Gliederung und zu wichtigen Merkmalen der märkischen Dialekte. In: WZ PH Potsdam. H. 2. Potsdam 1989, S. 236 ff. Das Mittelpommersche im östlichen Vorpommern ist dagegen märkisch, wird jedoch meist nicht als brandenburgisch angesehen (so allerdings bei Schönfeld 1981).
Dialekte des Märkischen Die folgende Klassifikation entspricht weitgehend Schönfeld (1981, S. 154f.):W. Hartung, H. Schönfeld (Hrsg.): Kommunikation und Sprachvariation (Vol. 17). Akademie-Verlag, Berlin 1981, S. 154 f. Zitiert nach Rolf Bock, Helmut Langner: Zur Geschichte, Gliederung und zu wichtigen Merkmalen der märkischen Dialekte. In: WZ PH Potsdam. H. 2. Potsdam 1989, S. 234. Dort wird eine Karte reproduziert. Mittelmärkisch (Mittelbrandenburgisch) Flämingisch (Brandenburg: Belzig-Jüterbog-Luckenwalde, Sachsen-Anhalt: Burg – Zerbst – Gebiete nördlich von Wittenberg) Havelland (Brandenburg: Rathenow-Premnitz-Nauen) Barnim/Märkisch-Oderland (Brandenburg: Eberswalde, Bad Freienwalde) Nordmärkisch (Nordbrandenburgisch) Altmark (Sachsen-Anhalt: Salzwedel-Gardelegen-Stendal-Genthin) Westprignitz (Brandenburg: Perleberg-Pritzwalk-Wittstock) Ostprignitz (Brandenburg: Löwenberg-Templin-Zehdenick-Fürstenberg)
Mittelpommersch Uckermark (Brandenburg: Prenzlau) ehem. Kreis Randow (östliches Mecklenburg-Vorpommern: ehemaliges Umland von Stettin)
Wie von Stellmacher (1972) bemerkt, ist das Märkische v. a. durch Ortsgrammatiken von nur sehr geringem Umfang dokumentiert, was dialektgeographische Untersuchungen erschwert. Mit Bezug auf Panzer und Thümmel (1971) schreibt er, „[a]uf K[arte] 12 gilt das Brandenburgische als ein Mundartblock, den es in dieser Geschlossenheit nicht gibt. Schuld an solchen Vergröberungen sind aber weniger die Verf[asser] als der Umstand, daß im Märkisch-Brandenburgischen mundartliche Monographien weithin fehlen“.Dieter Stellmacher: [Besprechung von Baldur Panzer, Wolf Thümmel, Die Einteilung der niederdeutschen Mundarten auf Grund der strukturellen Entwicklung des Vokalismus.] In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik, 39(3), 1972, 337–339 (Digitalisat).
Die Abgrenzung zwischen Mittelpommersch und Nordmärkisch und die Einordnung des Uckermärkischen werden unterschiedlich beurteilt und die Grenze zwischen ihnen unterschiedlich verortet, siehe auf der entsprechenden Wikipedia-Seite. Mittelpommersch und Nordmärkisch stehen einander sehr nahe und insbesondere fällt die Nordgrenze Brandenburgs nicht mit sprachlichen Unterschieden zusammen.Diskussion z. B. bei Eginhard Dräger: [Rezension von] Eberhard Krienke, Zum Gebrauch des Niederdeutschen in der Uckermark – Symposium des Prenzlauer Kulturvereins e. V. mit dem Projekt Sprache und Literatur in der Uckermark am 10.9.1994 in Prenzlau. Sonderheft des Kulturvereins 1995, S. 346–348. Um überhaupt sprachliche Trennungskriterien zu finden, rechnet z. B. Schönfeld (1981, S. 154 f.) das östliche Uckermärkische vollständig zum Mittelpommerschen, so dass seine Südgrenze nördlich von Eberswalde verortet wird und es damit direkt nördlich an das Mittelmärkische anschließt. Die Klassifikation von Peter Wiesinger (1983, Karte 47.14) ist analog, zieht die Südgrenze aber eher zwischen Schwedt und Angermünde.Peter Wiesinger: Die Einteilung der deutschen Dialekte. In: Werner Besch, Ulrich Knoop, Wolfgang Putschke, Herbert Ernst Wiegand (Hrsg.): Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung, 2. Halbband. De Gruyter, Berlin / New York 1983, ISBN 3-11-009571-8 (doi:10.1515/9783110203332), S. 807–900, hier S. 882. Die Sprecher der Uckermark empfinden dagegen ihren Dialekt („uckermärkisch“) als weitgehend einheitlich. Eine alternative Sichtweise ist daher, das Mittelpommersche als Varietät des Nordmärkischen anzusehen.
Eine weitere, allerdings nur historische Varietät des Märkischen ist das Niederdeutsch der Neumark, das sich dem Mittelmärkischen östlich der Oder anschloss, allerdings durch den Bevölkerungsaustausch im Ergebnis des Zweiten Weltkrieges ausgestorben ist. Eine Beschreibung von Phonologie und Morphologie der westlichen Neumark bietet Teuchert (1907). Während die westliche Neumark mittelmärkisch geprägt war, stand die östliche Neumark, für deren Dialekt auch die Bezeichnung „ostmärkisch“ vorgeschlagen wurde, eher den Mundarten der hinterpommerschen Kreise Dramburg und Schievelbein nahe,Wilhelm Seelmann (1913), Die Mundart der hinteren Neumark oder das Ostmärkische, Jahrbuch des Vereins für Niederdeutsche Sprachforschung XXXIX, S. 142 die zum Ostpommerschen gerechnet werden können.
Der Wortschatz der märkischen Dialekte wird primär in folgenden großlandschaftlichen Wörterbüchern erfasst:
Brandenburg-Berlinischen Wörterbuch (Dialekte in Brandenburg und Berlin) Mittelelbischen Wörterbuch (Dialekte in Sachsen-Anhalt) Pommersches Wörterbuch (Dialekte in Mecklenburg-Vorpommern)
Man beachte allerdings, dass jedes dieser Wörterbücher jeweils auch nicht-märkische Dialekte abdeckt, da ihr Abdeckungsgebiet geographisch-politisch, nicht linguistisch definiert ist. Von einem knappen Dutzend märkischen Ortsmundarten wurden des Weiteren Ortsgrammatiken erstellt, die sich allerdings auf die Phonologie beschränken.
Historische Entwicklung Das Märkische ist die Sprache der Nachkommen von Siedlern, die im Zuge der hochmittelalterlichen Ostsiedlung vormals slawische Gebiete im Gebiet der damaligen Mark Brandenburg eingenommen haben. Die slawische und niederdeutsche Sprache existierten für einige Zeit parallel, und im Süden des märkischen Sprachraums überdauerte das Slawische in Gestalt des (Nieder-)Sorbischen der Lausitz bis in die Gegenwart. Mit etwa 300 Worten slawischen UrsprungsRolf Bock, Helmut Langner: Zur Geschichte, Gliederung und zu wichtigen Merkmalen der märkischen Dialekte. In: WZ PH Potsdam. H. 2. Potsdam 1989, S. 240. und zahlreichen Orts-, Flur- und Gewässernamen bewahrt das Märkische (geringe) Spuren des slawischen Substrats. Aus dem Slawischen überlieferte Flussnamen zeigen z. T. Spuren einer vorslawischen, germanischen Sprache, Spree (zu germ. *sprewjan ‚spritzen‘ oder zu *spreu ‚streuen, ausbreiten, spritzen‘), Havel (zu germ. *hafa ‚Meer‘), weiterhin Elbe, Oder, Havel, Nute, Notte, Dosse u. a. Praktisch alle märkische Orts- und Flussnamen auf -in und -itz gehen auf das Slawische zurück (Lausitz zu asorb. lozia, lug, log ‚Sumpfland‘; Pulsnitz zu asorb. polzati ‚kriechen, langsam fließen‘, Beelitz, Wusterwitz; Berlin, Ruppin), auch zahlreiche Ortsnamen auf -ow (bzw. hochdeutsch -au, z. B. Beeskow zu asorb. bezk ‚Holunder‘, Teltow, Storkow, Prenzlau dial. Prenzlow, jedoch nicht Bernau zu mnd. Bernoue ‚Brand-Aue‘). Slawische Sachbezeichnungen beinhalten Gurke, Ziesel, Zeisig, Kokoschken ‚Pfifferlinge‘, Maline ‚Himbeere‘ oder Pätzanke ‚ein Stück Backobst‘, Pupse (hd. Hautpickel), Drogatz (hd. Feldbirne).
Das Märkische beruht einerseits auf elbostfälischen Dialekten, wie sie noch heute in der Altmark gesprochen werden, weist aber andererseits eine starke niederländisch-niederfränkische Prägung auf, was den Anteil niederfränkischer Siedler in der brandenburgischen Kolonisation des 12. bis 13. Jahrhunderts widerspiegelt, und unterscheidet sich unter anderem darin vom nördlich benachbarten Mecklenburgisch-Vorpommerschen. In zeitgenössischen Urkunden werden die brandenburgischen Kolonisten als Flandrenses, Hollandenses und Flamingi ex Flandrenses provincia erwähnt.Dieter Stellmacher: Niederländisches im Lautstande des Mittelmärkischen. In: Leuvense Bijdraeen 57, 1968, S. 119. Da jedoch einschlägige Quellen aus den Niederlanden selbst fehlen, wurde diese Frage sprachwissenschaftlich untersucht und von Teuchert (1944) weitgehend bestätigt. Er beschrieb die märkischen Dialekte daher als „niederländische Sprachinsel“. Diese Position wird heute i. d. R. abgelehnt bzw. stark relativiert, insbesondere direkter niederländischer Einfluss auf die märkische Phonologie werden bezweifelt,Dieter Stellmacher: Niederländisches im Lautstande des Mittelmärkischen. In: Leuvense Bijdraeen 57j, 1968, S. 119–129. Einflüsse im Bereich der Lexik sind jedoch unumstritten. Einzelworte niederländischer Herkunft sind Bäsing(e) ‚Blaubeeren‘ (nl. bes ‚Beere‘), Dase ‚Stechfliege‘, Erpel ‚Enterich‘ (mnl. erpel), Miere ‚Ameise‘ (nl. mier), Moll ‚Maulwurf‘, Päde ‚Quecke‘, Pieresel ’Regenwurm (nl. pier), Stulle ‚Brotschnitte‘, Upstall (‚umzäunter Lagerplatz für das Weidevieh auf einem höher gelegenen Platz in der Nähe von Wasser‘)Rolf Bock, Helmut Langner: Zur Geschichte, Gliederung und zu wichtigen Merkmalen der märkischen Dialekte. In: WZ PH Potsdam. H. 2. Potsdam 1989, S. 232. oder Färse ‚junges, weibliches Rind‘ (mnl. vaerse, veerse, verse). Hinzu treten Eigennamen wie Fläming, Brück, Niemegk und Lichterfelde, Moosfenn (bei Potsdam, zu Fenn ‚kleiner Sumpf‘), Roßdunk (bei Prützke, zu Dunk ‚niedrige Erhebung [im Sumpf]‘), Mörtel (großer und kleiner Mörtel, 1988 in Wittbrietzen aufgenommen, zu Mörtel ‚kleiner Teich‘).