Drittes Reich ist eine Bezeichnung für das Deutsche Reich zur Zeit des Nationalsozialismus (siehe auch NS-Staat). Seit den 1920er Jahren wurde der Begriff von der völkischen Bewegung und den Nationalsozialisten propagandistisch verwendet, um die von ihnen angestrebte Diktatur in eine Traditionslinie mit dem 1806 untergegangenen Heiligen Römischen Reich und dem 1871 gegründeten Kaiserreich zu stellen, die Weimarer Republik hingegen von beiden abzugrenzen und dadurch zu delegitimieren. Bis 1939 und darüber hinaus war der Begriff auch als Selbstbezeichnung des NS-Staats gängig.

Derselbe Begriff wurde schon früher in weit älteren christlich-theologischen sowie philosophisch-utopischen Traditionen des Abendlands verwendet.Georg Stötzel: Zeitgeschichtliches Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache. 2., erweiterte und aktualisierte Aufl., Hildesheim 2003, S. 92. Nach christlichen Vorstellungen des Mittelalters bezeichnete das Dritte Reich die nach-endzeitliche Herrschaft des Heiligen Geistes.

Die darin mitschwingende messianische Heilserwartung nutzten die Nationalsozialisten, um ihrer Bewegung zusätzlich einen quasireligiösen Anstrich zu geben. Nachdem sich das Regime Adolf Hitlers etabliert hatte, verwendete die NS-Propaganda den Begriff wegen seiner christlichen Implikationen nur noch selten und ließ ihn schließlich ganz fallen. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird er wegen seiner Begriffsgeschichte kritisch gesehen.

Ideengeschichtliche Hintergründe Geschichtsphilosophie Nach Claus-Ekkehard Bärsch ist die spätere Popularisierung des Begriffs „Drittes Reich“ auf die „abendländische Obsession“ zurückzuführen, Geschichte im „Dreischritt“ zu denken und die moderne Rede über die Einteilung von Geschichte in Antike, Mittelalter und Neuzeit.Claus-Ekkehard Bärsch: Die politische Religion des Nationalsozialismus. München 1998, ISBN 3-7705-3172-8, S. 45 ff. Dieser Einteilung von Historie als Gesamtgeschichte liegen geschichtsphilosophische Gedanken zugrunde, die ihre frühen ideengeschichtlichen Wurzeln in der christlichen Geschichtstheologie, insbesondere bei Paulus und in der Offenbarung des Johannes, haben. Paulus’ Gliederung der Weltgeschichte in die drei Reiche – das der heidnischen lex naturalis, jenes der lex mosaica des Alten Testaments und das dritte, christliche Reich – stellt das Grundschema der religiösen Geschichtsdeutung im Abendland dar,Eric Voegelin: Die politischen Religionen. Hrsg. von Peter J. Opitz. München 1993, ISBN 3-7705-2838-7, S. 39. die mit der Verkündung eines dritten Reiches von Joachim von Fiore im 12. Jahrhundert bis hin zu Dante einen Höhepunkt erreichte.

Vor allem die Offenbarung des Johannes sei demgemäß „die Mutter der Geschichtstheologie und die Großmutter der modernen Geschichtstheologie“. Auf die in dieser Schrift beschriebene endzeitliche Heilserwartung, der zufolge das „himmlische Jerusalem“ für ewig auf der Erde errichtet werden sollte, setzte beispielsweise in der Zeit der Renaissance König Franz I. von Frankreich, als er sich um die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches bewarb. Zum Zeichen dafür ließ er Schloss Chambord errichten, das hinsichtlich seiner Baugestalt und Symbolik in Anlehnung an die in der Offenbarung des Johannes beschriebene Himmelsstadt gebaut wurde.

Gnosis und Chiliasmus

Neben der paulinischen Geschichtsphilosophie nahm die christliche Geschichtsphilosophie von Augustinus eine herausragende Stellung bei der Deutung der Gesamtgeschichte ein. Augustinus, der mehrere Jahre Anhänger der gnostischen Religion des Manichäismus war, bevor er sich dem Christentum zuwandte,Rüdiger Safranski: Das Böse oder Das Drama der Freiheit. München/Wien 1997, S. 50; Stuart Holroyd: Gnostizismus. Aus dem Englischen von Martin Engelbrecht. Braunschweig 1995, S. 73 ff. verstand Weltgeschichte als eine gewaltige Auseinandersetzung zwischen dem Reiche Christi und dem Reiche des Bösen.Eric Voegelin: Die politischen Religionen. Hrsg. von Peter J. Opitz. München 1993, S. 35. Am Ende, so seine Vorstellung, werde sich die civitas terrena von der civitas Dei durch den Abfall der bösen Engel abspalten und aus der civitas Dei entstehe ein Engelsstaat, der in einem Königreich Gottes ende. Augustinus hatte zwar die Geschichte nicht dreigeteilt, sondern endend mit dem Reich Christi sechs irdische Zeitalter prognostiziert, allerdings war seine Geschichtstheologie hinsichtlich seiner Deutung, dass ein Kampf zwischen Gut und Böse stattfinden würde, bis hin zum Nationalsozialismus von erheblicher historischer Bedeutung.Friedrich Heer: Gottes erste Liebe. Die Juden im Spannungsfeld der Geschichte, Frankfurt am Main/Berlin 1986, S. 68 ff.

Ein Gedanke, der mit zu einem zentralen Bestandteil des Topos Drittes Reich wurde.Claus-Ekkehard Bärsch: Die politische Religion des Nationalsozialismus. München 1998, S. 131 ff. und 329 f. Friedrich Heer vertrat dementsprechend die Ansicht, dass der Manichäismus über den Augustinismus in die abendländischen Kultur des 20. Jahrhunderts transportiert worden sei. Der Gnosis-Forscher Sonnenschmidt legte sich in seinem Buch Politische Gnosis dagegen nicht auf einen direkten Zusammenhang zwischen der antiken Gnosis und der politischen Gnosis in der Moderne fest. Vielmehr stellte er, selbst auf Ideengeschichte spezialisiert, diesen Aspekt als eine Forschungsperspektive heraus und fragte sich, auch mit ausdrücklichem und beispielhaftem Bezug auf Augustinus: „Der Bogen, der von der spätantiken Gnosis zur modernen Gnosis in der Untersuchung gespannt ist, eröffnet neue Forschungsperspektiven, die unter der allgemeinen Hinsicht zusammengefasst werden können, ob es eine Entwicklungslinie bzw. Entwicklungs›logik‹ der Gnosis zumindest im Abendland gibt.“Reinhard W. Sonnenschmidt: Politische Gnosis. Entfremdungsglaube und Unsterblichkeitsillusion in spätantiker Religion und politischer Philosophie, München 2001, ISBN 3-7705-3626-6, S. 261.

Entscheidend für die moderne Idee des Dritten Reichs war, was in der Forschung allgemein unbestritten ist, der im Umfeld des mittelalterlichen Chiliasmus entstandene Gedanke, dass das Reich Christi nicht, wie in der älteren Darstellung, das letzte irdische Reich sei, sondern ihm noch ein weiteres folgen würde. Formuliert wurde dieser Gedanke von dem antijudaischenClaus-Ekkehard Bärsch: Die politische Religion des Nationalsozialismus. München 1998, S. 45 ff. Geschichtstheologen Joachim von Fiore im 12. Jahrhundert, der seinem Denken über Gesamtgeschichte ebenfalls die Idee der Einteilung in drei statusRuth Kestenberg-Gladstein: The “Third Reich” – A fifteenth-century polemic against Joachism, and its background. In: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes. Vol. 18, No. 3/4 (1955), S. 245–295. (wörtlich „Zustände“) oder Zeitalter oder Reiche zugrunde legte. Er sah im ersten Reich das göttliche Reich des Alten Bundes (das alttestamentliche „Reich des Vaters“), im zweiten das christliche („Reich des Sohnes“) und im dritten das der dritten göttlichen Person („Friedensreich des heiligen Geistes“, „Zeitalter der Erlösung“).Eric Voegelin: Die politischen Religionen. Hrsg. von Peter J. Opitz. München 1993, S. 39.

Nach Auffassung des Philosophen Wolfgang Röd spielten hier gnostische sowie eschatologische Gedanken eine Rolle.Wolfgang Röd: Der Weg der Philosophie. Band 1: Altertum, Mittelalter, Renaissance. Beck, München 1994, ISBN 3-406-38388-2, S. 382. Röd schrieb: „Von den Angehörigen des Dritten Reichs als den wahrhaft Wissenden wird angenommen, dass sie unabhängig von vermittelnden Instanzen und äußeren Organisationen in Verbindung mit Gott stehen. Zugleich wurde der Blick auf eine Endzeit eröffnet.“ Joachim von Fiore bezog sich bei diesen Gedanken auf die Offenbarung des Johannes, Kap. 20, V. 1–10.Michael Ley: Apokalyptische Bewegungen in der Moderne. In: Michael Ley/Julius H. Schoeps: Der Nationalsozialismus als politische Religion. Bodenheim bei Mainz 1997, ISBN 3-8257-0032-1, S. 17. Bei der Beschreibung seiner drei Reiche akzentuierte er allerdings, dass jedes davon symbolisch durch seinen „Führer“ bestimmt sei. Nach den Vorläufern Zacharias und Johannes stehe Christus am Anfang des zweiten Reichs und sei im dritten Reich eine Erscheinung, die er schlechthin mit „DUX“ bezeichnete.Eric Voegelin: Die politischen Religionen. Hrsg. von Peter J. Opitz. München 1993, S. 40.

Für Joachim von Fiore war das dritte Reich „keine neue Institution, die revolutionär an die Stelle der Kirche zu treten hätte“, sondern ein Prozess „der Vergeistigung der Ekklesia und der Umbildung der Weltkirche zu einem neuen Orden kontemplativen vergeistigten Mönchtums“. In diesem dritten Reich würden die Menschen „geistig und arm, brüderlich, alle vom gleichen Rang, ohne Zwangsordnung“ leben. Dabei stellte er auch Berechnungen an, wann das dritte Reich seinen Anfang genommen hätte. Dessen Anbruch datierte er auf das Jahr 1200, die joachitischen Franziskanerspiritualen später auf 1260, wobei letztere Franz von Assisi als den von Joachim von Fiore verkündigten DUX ansahen.

Völkische Denkweisen Der auf dem Hintergrund von völkischen Denkweisen des 19. und 20. Jahrhunderts entstandene Begriff „Drittes Reich“ beinhaltete nicht nur religiöse Aspekte, sondern auch politische, wobei Staat und Religion in engstem Zusammenhang beschrieben und interpretiert worden sind. Der Philosoph Eric Voegelin merkte dazu in allgemeiner Hinsicht an, dass sich „die Begriffe von Religion und Staat, wie sie heute im allgemeinen europäischen Sprachgebrauch, aber auch bis tief in den engeren der Wissenschaft, verbindlich sind“, an „bestimmten Modellen, die ihre besondere Bedeutung im Geisteskampf Europas haben“, orientieren.Eric Voegelin: Die politischen Religionen. Hrsg. von Peter J. Opitz. München 1993, S. 11 f. So werden unter Religion „Erscheinungen wie das Christentum und die anderen großen Erlösungsreligionen“ und unter Staat „die politischen Organisationen vom Typus des modernen Nationalstaats“ verstanden. Dementsprechend merkten zahlreiche Autoren in der Nachkriegszeit an, dass der moderne Nationalismus ein religiöses Moment enthalte.z. B. Barbara Ehrenreich: Blutrituale. Ursprung und Geschichte der Lust am Krieg. Aus dem Englischen von Wolfgang Heuss, Reinbek bei Hamburg 1999, S. 248 ff.; Peter Berghoff: Der Tod des politischen Kollektivs. Politische Religion und das Sterben und Töten für Volk, Nation und Rasse. Berlin 1997; Axel Dunker: Den Pessimismus organisieren. Eschatologische Kategorien in der Literatur zum Dritten Reich, Bielefeld 1994; Egon Meusel: Die Sehnsucht nach Anarchie. Rheinfelden/Berlin 1993, S. 161 ff.; Friedrich Hacker: Das Faschismus-Syndrom. Analyse eines aktuellen Phänomens, Frankfurt am Main 1992, S. 53 ff.; Wilhelm Kamlah: Utopie, Eschatologie, Geschichtstheologie. Kritische Untersuchungen zum Ursprung und zum futuristischen Denken der Neuzeit, Mannheim 1969. Der Historiker und Germanist Klaus Vondung pointierte dabei in seinem Buch Die Apokalypse in Deutschland, dass der politische Nationalismus in Deutschland „von seiner Geburtsstunde an von apokalyptischen Vorstellungen durchsetzt und geprägt“ gewesen sei.Klaus Vondung: Die Apokalypse in Deutschland. München 1988, ISBN 3-423-04488-8, S. 152 ff.