mini|hochkant=1.2|Neue Wache
Die Neue Wache ist ein Baudenkmal an der Prachtstraße Unter den Linden 4 im Berliner Ortsteil Mitte und Teil des Forum Fridericianum. Errichtet 1816–1818 von Karl Friedrich Schinkel im Stil des Klassizismus als Wachgebäude für das Königliche Palais, wandelte sie sich 1931 zur Gedenkstätte. Im Zweiten Weltkrieg ausgebrannt, wurde die Neue Wache 1951–1957 wiederaufgebaut. Seit 1993 beheimatet sie die Zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.
Über eine Wiederaufstellung der Denkmäler der preußischen Befreiungskämpfer Friedrich Wilhelm Bülow von Dennewitz und Gerhard von Scharnhorst, die programmatisch bis 1950 neben der Neuen Wache standen, wird immer wieder diskutiert.
Geschichte mini|Perspektivische Ansicht, Zeichnung von Karl Friedrich Schinkel, 1819 mini|Parade am Opernplatz, Gemälde von Franz Krüger, 1829 mini|Neue Wache als Wachgebäude der Monarchie, um 1900 mini|Ruine der Neuen Wache, 1945 mini|Wiederaufbau der Neuen Wache, 1951
Königliches Wachgebäude Die von 1816 bis 1818 im Auftrag Friedrich Wilhelms III. nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel errichtete Haupt- und Königswache zählt zu den Hauptwerken des deutschen Klassizismus.Dehio-Handbuch Berlin, S. 66 f. Sie diente als Wachgebäude für das schräg gegenüberliegende Königliche Palais und zugleich als Gedenkstätte für die Gefallenen der Befreiungskriege gegen Napoleon. In Schinkels Pläne flossen frühere Entwürfe von Heinrich Gentz und – nach eigenen Angaben – Salomo Sachs ein, die aufgrund der Napoleonischen Kriege nicht zur Ausführung gekommen waren.
Das Gebäudeinnere bestand ursprünglich aus dem Vorzimmer, der Wachstube, der Offizierstube, dem Arrestzimmer und mehreren Nebenzimmern um einen Innenhof. Die fünfachsige Hauptfassade unter dem dorischen Säulenportikus zu den Linden gliederte sich in ein mittiges Portal und jeweils zwei seitliche Fenster.Schinkel 1858, S. 1 (Textband) und S. 4 (Tafelband).
Die Veränderung der Alten Wache, Kanonierwache, Schloss- oder auch Königswache war seit 1803/04 ein bevorzugtes Umgestaltungsthema des Königs. Dafür wurden Preisaufgaben für die Akademieausstellungen in Berlin formuliert. Zur Umsetzung erging die Aufgabe an das Kollegium des Oberhofbauamts und die Königlich Preussische Akademie der Künste. Zum Beispiel fragte Heinrich Gentz am 6. Mai 1805 bei Schinkel an, ob er ihm bei der Ausgestaltung der Fronten seines „Verschönerungsprojekt der Gegend zwischen den Linden und dem königlichen Schloss“ behilflich sein könnte und Schinkel half ihm, da Gentz die vorgegebene Planungsaufgabe der Akademie der Künste bis zum 25. Mai 1805 dort vorlegen musste.Eva Börsch-Supan: Karl Friedrich Schinkel – Die Provinzen Ost- und Westpreußen und Großherzogtum Posen. Deutscher Kunstverlag, 2003, ISBN 3-422-06380-3, S. 155 (eingeschränkte Ansicht bei Google Books). Im Zeitraum zwischen 1786 und 1816 standen Entwürfe und architektonische Modellbauten nach antiken Vorlagen im Vordergrund.Klaus Jan Philipp: Um 1800: Architekturtheorie und Architekturkritik in Deutschland zwischen 1790 und 1810. S. 23.Kruse Politische Erinnerungskulturen Kurseinheit Redaktion: Wolfgang 2: Historische Denkmäler und Ausstellungen zur gewaltsamen Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert: Entwicklungen und Debatten. S. 6 (PDF).
Zu einem denkwürdigen Ereignis kam es am 16. Oktober 1906, als der Schuster Friedrich Wilhelm Voigt verkleidet als „Hauptmann von Köpenick“ den Bürgermeister von Köpenick, seinen Hauptkassenverwalter von Wildberg gefangen nahm und die Stadtkasse konfiszierte. Mit militärischer Begleitung setzte er Georg Langerhans und von Wildberg in eine Droschke nach Berlin und ließ sie in der Wache durch den Diensthabenden des Wachregimentes, einen Spross der kaiserlichen Familie, arretieren.
Die Neue Wache hatte man vor dem Ersten Weltkrieg über ihren eigentlichen Zweck hinaus zur Hauptzentralstelle des Militärtelegrafen von Berlin und ab 1900 zur Militärpostanstalt für den inneren Dienstverkehr ausgebaut. Die Militärführung gab Tagesbefehle für die Berliner Garnison aus. Von hier gingen am 1. August 1914 die Mobilmachungen und vier Jahre später die Demobilisierung aus. Während der Novemberrevolution 1918 besetzten Soldaten und Arbeiter das Gebäude.Kurt Pomplun: Pomplun’s Grosses Berlin Buch, Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1985, S. 254.Politische Erinnerungskultur Redakteur Wolfgang Kruse Kurseinheit (PDF), S. 8.
Staatliche Gedenkstätte mini|Neue Wache als Gedenkstätte der Republik, 1931
Auf Anregung von Preußens Ministerpräsident Otto Braun (SPD) gestaltete Heinrich Tessenow die Neue Wache im Jahr 1931 zur Gedächtnisstätte für die Gefallenen des Weltkriegs um, die danach Ehrenmal der Preußischen Staatsregierung genannt wurde. Ludwig Mies van der Rohe und Hans Poelzig gewannen mit ihren Wettbewerbsentwürfen zur Umgestaltung des Innenraums den zweiten bzw. dritten Preis.
Mies van der Rohes nicht ausgeführter Entwurf sah einen monumentalen Innenraum mit einem flachen schwarzen Gedenkstein vor, der oben mit dem deutschen Wappen und seitlich mit der schlichten Inschrift „DEN TOTEN“ verziert war. An den Seitenwänden des Innenraums lagen zwei Steinbänke, in der Rückwand befand sich eine Glastür, durch die der vom Boulevard Unter den Linden eintretende Besucher das Kastanienwäldchen hinter der Neuen Wache gesehen hätte. Für das Berliner Ehrenmal sollten dieselben Materialien wie für den Barcelona-Pavillon gewählt werden, nämlich Böden aus hellgrauem Travertin und Wände aus dunkelgrünem Tinos.
Nachdem die Neue Wache bei einem Luftangriff im Zweiten Weltkrieg ausgebrannt war, gab es verschiedene Nutzungsvorschläge für den Wiederaufbau, beispielsweise als Universitätsbuchhandlung, Goethe-Gedenkstätte oder Mahnmal für die Opfer von Faschismus und Krieg. Zu einem der Retter der Neue Wache zählte nach Kriegsende der damalige Leiter der Denkmalpflege und Landeskonservator von Berlin Hinnerk Scheper.Erinnerungen von Kurt Reutti (1900–1967), ein deutscher Bildhauer und Kunstsammler Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Titel VI. HA, Nl Reutti, K., Nr. 2. Kurt Reutti: Erinnerungen. Band 2, S. 252–496 S. 355–361. Einen 1949 von Berliner FDJ-Mitgliedern geforderten Abriss verhinderte ein weiterer Retter des Schinkelbaus, der Architekt Selman Selmanagić. Er hatte von den Plänen erfahren und ein Veto beim verantwortlichen sowjetischen Kulturoffizier Dymschitz eingelegt. Dieser entschied endgültig mit einem Machtwort über das Schicksal der Wache.Faksimile der Erklärung vom 10. Februar 1949 bei Demps (Literatur), S. 118, dort auch das Weitere.Beiträge zum Wiederaufbau Berlins. Azemina Bruch Selmanagić, Freie Landschaftsarchitektin, Berliner Denkmaldialog am 10. April 2018. Selman Selmanagić, eine europäische Biographie, Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung, Südhalle Selman Selmanagić nach 1945, siehe Vortrag mit Bildern (3,5 MB), S. 11. Im Jahr 1949 bekannte sich auch die Kulturkommission des FDGB von Groß-Berlin zum Erhalt des Schinkelbaus als Goethe-Gedenkstätte. In der Folgezeit wurde die Front der Wache als Plakatierungsfläche benutzt.
Am 12. April 1950 stürzte ein Teil der Front des Gebäudes ein und beschädigte Giebelrelief und einige Viktorienfiguren schwer. In der Nationalgalerie lagerte man die gesicherten Stücke ein. Fast gleichzeitig waren die Finanzmittel für die Rekonstruktion der Außenfassade der Wache bewilligt worden, die von 1951 bis 1957 zur Ausführung kam.Berliner Kulturstätten. Alfred Doil Brockhaus, 1981 (). Schließlich wurde das Gebäude von 1957 bis 1960 unter der Leitung von Heinz Mehlan als Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus wiederhergestellt. Anlässlich des 20. Jahrestags der DDR im Jahr 1969 fügte Lothar Kwasnitza in der Raummitte einen prismenförmigen Glaskörper mit Ewiger Flamme hinzu.
Nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 erfolgte eine weitere Umgestaltung der Neuen Wache. Im Innenraum wurden alle Elemente aus der DDR-Zeit entfernt und die Tessenowsche Gestaltung von 1931 weitgehend wiederhergestellt. Anstelle des Eichenlaubkranzes ließ Bundeskanzler Helmut Kohl jedoch eine stark vergrößerte Kopie der Plastik Mutter mit totem Sohn von Käthe Kollwitz aufstellen, was für eine heftige öffentliche Kontroverse sorgte. Die Einweihung der zur Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft umgewidmeten Neuen Wache fand am Volkstrauertag 1993 statt. Von Anfang an auch als Gedenkstätte für die Opfer der Befreiungskriege gedacht, wandelte sie sich auf diese Weise, jeweils um- und wiederaufgebaut, zur Gedenkstätte für die Opfer des Ersten und Zweiten Weltkriegs sowie der NS- und SED-Diktatur.
Im Jahr 2017 erhielt das Gebäude einen barrierefreien Zugang, eine neue Beleuchtung und eine Anti-Graffiti-Schutzbeschichtung.
Militärisches Zeremoniell
mini|Wachaufzug vor der Neuen Wache und Geschützmonument, 1905 mini|Fackelträger vor Ewiger Flamme, 1969
Am 18. September 1818 zogen anlässlich des Besuchs von Zar Alexander von Russland Soldaten des Alexander-Regiments mit klingendem Spiel im „Großen Wachaufzug Unter den Linden“ als Posten zur Neuen Wache. Das militärische Zeremoniell fand fortan mit kleineren Veränderungen und längeren Unterbrechungen nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg bis zur deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 statt.
Von 1962 bis zum Ende der DDR standen tagsüber zwei Soldaten des Wachregiments Friedrich Engels, die stündlich im Kleinen Wachaufzug abgelöst wurden, als Ehrenwache vor der Neuen Wache. Mittwochs und samstags zog um 14:30 Uhr eine Ehrenformation des Regiments zum Großen Wachaufzug auf der Straße Unter den Linden auf. Die Wachaufzüge lockten zahlreiche Zuschauer an, die die Ablösung der Soldaten im Exerzierschritt beobachteten. Von 1981 bis 1989 fand jährlich in den Tagen unmittelbar vor dem Tag der Republik (7. Oktober) ein Großer Zapfenstreich der Nationalen Volksarmee vor der Neuen Wache statt, dem auch Würdenträger aus Staat und Partei beiwohnten.
Seit dem Volkstrauertag am 14. November 1993 dient die Neue Wache als Zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Am Volkstrauertag und zu anderen offiziellen Anlässen – wie beispielsweise Kranzniederlegungen – wird vom Wachbataillon beim Bundesministerium der Verteidigung eine Ehrenwache für das Gebäude gestellt.
Beschreibung
Entwürfe und Standorte mini|Die illuminierte Neue Wache bei Nacht
In Schinkels Pläne für die Neue Wache flossen frühere Entwürfe von Heinrich Gentz und Salomo SachsWerner Heegewaldt, Oliver Sander: Mein fünfzigjähriges Dienstleben und literarisches Wirken – Ich büße für meinen Glauben – Jüdische Memoiren. Band 3. Verlag Hentrich & Henrich, S. 12–15. ein, die aufgrund der preußischen Niederlage in der Schlacht bei Jena und Auerstedt 1806 nicht zur Ausführung kamen. Erst nach dem Ende der Befreiungskriege gegen Napoleon 1815 wurden die Pläne wieder aufgenommen.