(433) Eros ist ein Asteroid vom Amor-I-Typ, der am 13. August 1898 vom deutschen Astronomen Gustav Witt und seinem Assistenten Felix Linke (1879–1959)L. D. Schmadel: Biographische Notizen zu Felix Linke – ein unbekannter Mitentdecker des Kleinen Planeten (433) Eros. In: W. R. Dick, J. Hamel (Hrsg.): Beiträge zur Astronomiegeschichte. Band 5, Verlag Harry Deutsch, Frankfurt a. M. 2002, S. 221–230, ISBN 3-8171-1686-1 (PDF; 1,13 MB). an der Sternwarte der Urania in Berlin bei einer Helligkeit von 11 mag entdeckt wurde. Es war Witts zweite und letzte Asteroidenentdeckung. Auch Auguste Charlois am Observatoire de Nice hatte den Asteroiden in der gleichen Nacht sogar bereits etwa eine Stunde vor Witt fotografiert, die Entdeckung wurde aber erst drei Tage später bekanntgegeben.H. J. Perrotin: Photographische Aufnahmen kleiner Planeten. In: Astronomische Nachrichten. Band 147, Nr. 3514, 1898, Sp. 175–176 (online, französisch).

Charlois wurde nie als Entdecker anerkannt, im Gegenteil wurde er beschuldigt, die Ehre dieser wichtigen Entdeckung verpasst zu haben, weil er die Fotoplatte mit dem Asteroiden an den Tagen unmittelbar nach der Entdeckung, einem Sonntag bzw. einem Feiertag, nicht analysiert hatte. Möglicherweise erkannte Charlois (433) Eros auf seiner Fotoplatte aber deshalb nicht früher, weil es ein mechanisches Problem mit der Nachführung des Teleskops gab, wodurch seine Spur zwischen den Spuren der Sterne zunächst nicht erkennbar war.H. Scholl, L. D. Schmadel: Discovery Circumstances of the First Near-Earth Asteroid (433) Eros. In: Acta Historica Astronomiae. Band 15, 2002, S. 210–220, .

Nachträglich konnte der Asteroid auch auf Fotoplatten gefunden werden, die bereits zwischen Oktober 1893 und Mai 1894 am Harvard-College-Observatorium in Massachusetts sowie von April bis Juli 1896 am Boyden Observatory der Harvard University, damals in Peru, gemacht worden waren.H. Kreutz: Planet (433) (1898 DQ). In: Astronomische Nachrichten. Band 148, Nr. 3536, 1899, Sp. 127–128 (online).E. C. Pickering: Witt’s Planet (433) Eros. In: Astronomische Nachrichten. Band 148, Nr. 3540, 1899, Sp. 189–192 (online).E. C. Pickering: Additional Observations of (433) Eros. In: Astronomische Nachrichten. Band 148, Nr. 3545, 1899, Sp. 269–272 (online).E. C. Pickering: Early observations of Eros (433). In: Annals of Harvard College Observatory. Band 53, Nr. 10, 1905, S. 187–230 und 3 Tafeln, (PDF; 3,76 MB).

Der Asteroid ist benannt nach Eros, dem Gott der Liebe aus der griechischen Mythologie (lateinisch Amor oder Cupido), Sohn der Aphrodite. Er beschützte die schöne Psyche vor der Rache seiner Mutter, und als er sie später heiratete, wurde sie unsterblich. (433) Eros ist einer der ersten Asteroiden mit einem männlichen Namen. Die Benennung erfolgte durch Witt. In Übereinstimmung mit Elia Millosevich schlug er auch vor, ihm wegen seiner damals von allen anderen bekannten Asteroiden abweichenden Bahn den Status eines „kleinen Planeten im üblichen Sinn“ und seine Nummer abzuerkennen, da ansonsten künftig nur noch eine geringe Masse als Kriterium für die Einordnung als Asteroid maßgebend wäre.G. Witt: Auszug aus einem Schreiben von Herrn G. Witt in Berlin betr. den Planeten (433) Eros. In: Astronomische Nachrichten. Band 148, Nr. 3539, 1899, Sp. 175–176 (online). Dies wurde von Julius Bauschinger vom Astronomischen Rechen-Institut in Berlin argumentativ zurückgewiesen.J. Bauschinger: Ueber die Bezeichnung des Planeten 1898 DQ. In: Astronomische Nachrichten. Band 148, Nr. 3542, 1899, Sp. 223–224 (online).

(433) Eros ist der erste Asteroid, den eine Raumsonde umkreiste und auf ihm landete.

Marsbahnkreuzer und NEA Die Umlaufbahn von (433) Eros besitzt eine Große Halbachse, die zwischen denjenigen von Mars und Erde liegt. Er war damit der erste entdeckte Asteroid deutlich innerhalb des Hauptgürtels zwischen Mars und Jupiter. Durch die große Exzentrizität der Bahn liegt das Aphel (sonnenfernster Punkt) noch außerhalb der Marsbahn, während das Perihel (sonnennächster Punkt) nur etwa 11 % weiter von der Sonne entfernt ist als das Aphel der Erdbahn. (433) Eros wird daher sowohl zu den Marsbahnkreuzern gezählt als auch zu den erdnahen Asteroiden (NEA). Durch die Schrägstellung der Bahn des Asteroiden gegenüber der Marsbahn können sich die beiden Himmelskörper derzeit aber nicht näher kommen als bis auf etwa 36,0 Mio. km (0,24 AE), was alle 82 Jahre und 9 Monate vorkommt (Bahnresonanz nach 47 Umläufen von (433) Eros bzw. 44 Umläufen von Mars). Ende November 7694 wird (433) Eros den Mars im Abstand von nur 7,8 Mio. km (0,052 AE) passieren, da sich ihre Bahnen (nicht die Körper) um das Jahr 7800 in einem Punkt schneiden werden, bevor sie sich wieder voneinander entfernen.J. Meeus: About the motions of Eros and Aethra. In: Mathematical Astronomy Morsels V. Willman-Bell, Richmond VA 2009, ISBN 978-0-943396-92-7, S. 167–172.

mini|links|Umlaufbahnen von (433) Eros und den inneren Planeten Der geringste Abstand zwischen den Bahnen von Asteroid und Erde (Minimum orbit intersection distance, MOID) beträgt derzeit etwa 22,2 Mio. km (0,15 AE). Es ereignen sich jeweils drei Begegnungen näher als 60 Mio. km zwischen den beiden Körpern im Abstand von knapp sieben Jahren, wobei sich diese Dreierpakete nach 37 bzw. 44 Jahren im Wechsel wiederholen. Annäherungen bis auf weniger als 23 Mio. km finden alle 81 Jahre statt (nach 46 Umläufen von (433) Eros), so im Januar 1894, im Januar 1975 und im Januar 2056.

Objekte, die sich auf einer solchen Bahn bewegen, werden neben den üblichen Bahnstörungen durch die großen Planeten insbesondere immer wieder durch die engen Begegnungen mit dem Mars oder der Erde gravitativ beeinflusst. In einer Untersuchung von 1996 wurde mit numerischen Modellierungen gezeigt, dass sich die Umlaufbahn von (433) Eros mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % innerhalb von nur zwei Millionen Jahren durch Veränderungen in der Exzentrizität und Bahnneigung zu der eines Erdbahnkreuzers entwickeln könnte. Innerhalb einer Zeitspanne von 100 Mio. bis 1 Mrd. Jahren könnte er dann mit der Erde kollidieren.P. Michel, Ch. Froeschlé, P. Farinella: Dynamical evolution of two near-Earth asteroids to be explored by spacecraft: (433) Eros and (4660) Nereus. In: Astronomy & Astrophysics. Band 313, 1996, S. 993–1007, (PDF; 390 kB).P. Michel, P. Farinella, Ch. Froeschlé: The orbital evolution of the asteroid Eros and implications for collision with the Earth. In: Nature. Band 380, 1996, S. 689–691, doi:10.1038/380689a0. Nach einer weiteren Untersuchung von 1999 wird (433) Eros nach etwa 8 Mio. Jahren zu einem Erdbahnkreuzer und nach etwa 20 Mio. Jahren in die Sonne stürzen.R. Dvorak: The long term evolution of Atens and Apollos. In: J. Svoren, E. M. Pittich, H. Rickman (Hrsg.): Evolution and source regions of asteroids and comets. Proceedings of the 173rd colloquium of the International Astronomical Union 1998, Tatranská Lomnica 1999, S. 59–74, (PDF; 295 kB).

Wissenschaftliche Auswertung Frühe Forschung Der österreichische Astronom Egon von Oppolzer berichtete während seines Aufenthaltes am Astrophysikalischen Observatorium Potsdam Anfang des Jahres 1901 erstmals bei (433) Eros von deutlichen „Helligkeitsschwankungen …, die innerhalb weniger Stunden vor sich [zu] gehen“ schienen und rief zu weiteren Beobachtungen auf.E. Oppolzer: Vorläufige Mittheilung über photometrische Messungen des Planeten (433) Eros. In: Astronomische Nachrichten. Band 154, Nr. 3688, 1901, Sp. 309–312, doi:10.1002/asna.19001541604 (PDF; 268 kB).E. v. Oppolzer: Notiz betr. Planet (433) Eros. In: Astronomische Nachrichten. Band 154, Nr. 3687, 1901, Sp. 297–298, doi:10.1002/asna.19001541413 (PDF; 229 kB). Daraufhin meldeten sich umgehend zahlreiche namhafte Astronomen, denen bereits ähnliches aufgefallen war, wie Hermann von Struve, Wilhelm Valentiner, Vincenzo Cerulli und Otto Knopf, oder die umgehend Vergleichsmessungen angestellt hatten, wie Ernst Jost, Friedrich Heinrich Carl Deichmüller und Ernst Becker.

Deichmüller hatte eine Lichtwechselperiode von 2,61 h beobachtet, während Cerulli eine solche von fünf Stunden registriert hatte und als Ursache eine Rotation annahm. Dagegen vermutete der französische Astronom Charles André aus der Ähnlichkeit der Lichtkurve von (433) Eros mit der von bedeckungsveränderlichen Sternen eine binäre Struktur mit einem Satelliten, der den Asteroiden in 5,27 h umläuft,Ch. André: Sur le système formé par la Planète double (433) Eros. In: Astronomische Nachrichten. Band 155, Nr. 3698, 1901, Sp. 27–30, doi:10.1002/asna.19011550106 (PDF; 215 kB). was jedoch von Hugo von Seeliger scharf zurückgewiesen wurde, der aber dem Asteroiden eine sehr unregelmäßige, aus einer Kollision hervorgegangene Form zusprach. Er gab auch mit etwa 20–25 km erstmals eine Schätzung für die Größe von (433) Eros an.H. Seeliger: Ueber die Helligkeitsschwankungen des Planeten (433) Eros. In: Astronomische Nachrichten. Band 155, Nr. 3701, 1901, Sp. 71–78, doi:10.1002/asna.19011550503 (PDF; 450 kB).

Auch in den folgenden Jahren gab es immer wieder neue Untersuchungen, die eine Veränderlichkeit der Helligkeit des Asteroiden sicher nachwiesen,M. Harwood: Variations in the Light of Asteroids. In: Harvard College Observatory Circular. Nr. 269, 1924, S. 1–15, (PDF; 490 kB). so zum Beispiel durch Ernst Hartwig nach Messungen vom September 1900 bis Februar 1901 an der Bamberger SternwarteE. Hartwig: Nachricht über die Heliometermessungen des Planeten (433) Eros zur Bestimmung der Sonnenparallaxe und die Beobachtungen seiner Helligkeitsänderungen in Bamberg. In: Astronomische Nachrichten. Band 155, Nr. 3706, 1901, Sp. 145–154, doi:10.1002/asna.19011551002 (PDF; 450 kB). oder während der Opposition im Jahr 1903 am Boyden Observatory in Peru.S. I. Bailey: Observations of Eros and other asteroids. In: Annals of the Astronomical Observatory of Harvard College. Band 72, Nr. 5, 1913, S. 165–189, (PDF; 1,51 MB). Bei manchen Oppositionen schien der Lichtwechsel aber auch ganz zu ruhen, so zeigten viermonatige Beobachtungen des Asteroiden im Jahr 1907 an der Berliner Sternwarte nur sehr geringe Helligkeitsveränderungen,P. Guthnick: Photometrische Beobachtungen des Planeten (433) Eros während der Opposition des Jahres 1907. In: Astronomische Nachrichten. Band 178, Nr. 4249, 1908, Sp. 1–14, doi:10.1002/asna.19081780102 (PDF; 465 kB). wodurch das wissenschaftliche Interesse an solchen Beobachtungen nach und nach erlahmte.

Bestimmung der Astronomischen Einheit mini|rechts|Die Rotation von (433) Eros, aufgenommen am 4. Februar 2000 durch NEAR aus 7700 km Abstand Nachdem die kurz nach der Entdeckung von (433) Eros durchgeführten Bahnbestimmungen zeigten, dass der Asteroid der Erde so nahe kommt wie kein anderer damals bekannter Himmelskörper (außer dem Mond), wurde bereits während der Opposition 1900/01 ein weltweites Programm zur Messung der Parallaxe von (433) Eros gestartet, um daraus indirekt die Entfernung zwischen Erde und Sonne, die Astronomische Einheit, zu bestimmen. Dies war zuvor bereits 1822 geschehen durch Auswertung der Beobachtungen von zwei Venustransits und dann wieder 1873 durch Beobachtungen von (8) Flora, die der Erde bis auf etwa 131 Mio. km nahekam.J. G. Galle: Ueber einige vorläufige Ergebnisse in Betreff der Sonnen-Parallaxe aus den Beobachtungen der vorjährigen Flora-Opposition. In: Astronomische Nachrichten. Band 84, Nr. 2012, 1874, Sp. 315–320 (online). Die Ergebnisse aus beiden Methoden wichen jedoch deutlich voneinander ab.