mini|Albert Schweitzer, 1955 (Bundesarchiv) rahmenlos|zentriert|klasse=notpageimage skin-invert-image|Unterschrift Albert Schweizer deutsch-französischer Forscher und Arzt
Ludwig Philipp Albert Schweitzer (* 14. Januar 1875 in Kaysersberg bei Colmar, Reichsland Elsaß-Lothringen (Deutsches Reich); † 4. September 1965 in Lambarene, Gabun) war ein deutsch-französischer Arzt, Philosoph, evangelischer Theologe, Organist, Musikwissenschaftler und Pazifist. Er gilt als einer der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts.
Schweitzer, genannt der „Urwalddoktor“, gründete eine Krankenstation in Lambarene im zentralafrikanischen Gabun. Er veröffentlichte theologische und philosophische Schriften, Arbeiten zur Musik, insbesondere zu Johann Sebastian Bach, sowie autobiographische Schriften in zahlreichen und vielbeachteten Werken. 1953 wurde ihm der Friedensnobelpreis für das Jahr 1952 zuerkannt, den er 1954 entgegennahm.
Biographie Frühe Jahre und Ausbildung mini|hochkant|Albert Schweitzers Geburtshaus in Kaysersberg (2010) mini|hochkant|Kirche Günsbach, Ort der Kindheit und der späteren Einspielungen der Orgelwerke von Johann Sebastian Bach mini|hochkant|Nikolaikirche in Straßburg, wo Schweitzer ab 1899 Vikar war (2007)
Schweitzer stammte aus einer alemannisch-elsässischen Familie. Er war Sohn des Pfarrverwesers Ludwig (Louis) Schweitzer, der eine kleine evangelische Gemeinde betreute, und dessen Frau Adele, geb. Schillinger, der Tochter eines Mühlbacher Pfarrers. Zu diesem Zeitpunkt gehörte seine Heimat als Reichsland Elsaß-Lothringen zu Deutschland. Noch im Jahr seiner Geburt zog die Familie von Kaysersberg nach Günsbach um. Seine Muttersprache war der elsässische Ortsdialekt des Oberdeutschen. Daneben wurde in seiner Familie auch Französisch gesprochen. Das Hochdeutsche erlernte Schweitzer erst in der Schule, später beherrschte er Deutsch und Französisch annähernd gleich gut.
Nach dem Abitur 1893 in Mülhausen studierte er an der Universität Straßburg Theologie und Philosophie (Erstes Theologisches Examen 1898). Vorlesungen und Seminare zur Musikgeschichte besuchte er beim ersten und damals noch einzigen, seit 1872 in Straßburg lehrenden Ordinarius für Musikwissenschaft im Deutschen Reich Gustav Jacobsthal, dessen Bach-Seminare nicht einflusslos waren auf Schweitzers späteres Bach-Buch.Peter Sühring, J. S. Bachs Choralbearbeitungen im Hinblick auf Albert Schweitzers Bach, in: Gustav Jacobsthal. Ein Musikologe im Deutschen Kaiserreich. Musik inmitten von Natur, Geschichte und Sprache. Eine ideen- und kulturgeschichtliche Biographie mit Dokumenten und Briefen, Hildesheim 2012, S. 541–44. Zudem studierte er in Paris Orgel bei Charles-Marie Widor, bei dem er seit 1893 gelegentlich Unterricht genommen hatte, und Klavier bei Marie Jaëll und Isidore Philipp. 1896 besuchte der von der Musik Richard Wagners begeisterte Schweitzer erstmals die Bayreuther Festspiele. In jenem Jahr lernte er Wagners Witwe Cosima sowie deren Sohn Siegfried kennen, mit dem ihn nach eigenen Angaben eine tiefe Freundschaft verband. In späteren Jahren zog es ihn immer wieder nach Bayreuth.Bernd Mayer: Des Urwalddoktors Liebe zu Bayreuth. In: Heimatkurier des Nordbayerischen Kuriers, Ausgabe 1/2010, S. 10 f.
1899 wurde Schweitzer nach einem kurzen Studienaufenthalt an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität mit einer Dissertation über Die Religionsphilosophie Kants von der Kritik der reinen Vernunft bis zur Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft in Straßburg zum Dr. phil. promoviert. Prüfer waren Theobald Ziegler und Wilhelm Windelband. 1901 folgte die theologische Dissertation zum Lic. theol. Kritische Darstellung unterschiedlicher neuerer historischer Abendmahlsauffassungen (Erstauflage 1906), die in der zweiten Fassung den Titel Geschichte der Leben-Jesu-Forschung (Tübingen 1913) trägt.
Ab 1895 übernahm er die Orgelbegleitung des international anerkannten Chors der Wilhelmskirche, welcher sich besonders Bach-Kantaten und -Passionen widmete. Schweitzer schrieb 1905 auf Französisch sein Buch über Johann Sébastien Bach, auf das 1908 eine Neufassung auf Deutsch folgte. Seit 1898 war er Lehrvikar und ab November und zweiter Theologischer Prüfung ordinierter Vikar an der Nikolauskirche. Ein Teil seiner dortigen Predigten und Predigtentwürfe ist durch die Hand der mit ihm befreundeten Annie Fischer, Witwe des Straßburger Professors der Chirurgie Fritz Fischer und Schwester von Hugo Stinnes, erhalten. Seine Theologie fand unter anderem bei Fritz Buri Nachhall. 1902 erfolgte an der Universität Straßburg die Habilitation in Evangelischer Theologie mit der Schrift Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis, mit der er Dozent für Theologie an der Universität Straßburg wurde.
Im Jahr 1903 trat Schweitzer der 1855 gegründeten Studentenverbindung Wilhelmitana zu Straßburg bei.Geschichte der Wilhelmitana wilhelmitana.com Im Jahr 1905 wurde er als Missionar bei der Pariser Missionsgesellschaft wegen seiner liberalen theologischen Ansichten abgelehnt.Helmut Siefert: Albert Schweitzer. In: Wolfgang U. Eckart, Christoph Gradmann (Hrsg.): Ärztelexikon. Von der Antike bis zur Gegenwart. 3. Auflage, Springer Verlag, Heidelberg/Berlin/New York 2006, S. 295 f. Von 1905 bis 1913 studierte er Medizin in Straßburg mit dem Ziel, in Französisch-Äquatorialafrika als Missionsarzt tätig zu werden. Die Immatrikulation zum Studium der Medizin war sehr kompliziert. Schweitzer war ja bereits Dozent an der Universität Straßburg. Erst eine Sondergenehmigung der Regierung machte das Studium möglich.
1912 wurde er als Arzt approbiert; im gleichen Jahr wurde ihm aufgrund seiner „anerkennenswerten wissenschaftlichen Leistungen“ der Titel eines Professors für Theologie verliehen. 1913 folgte seine medizinische Doktorarbeit: Die psychiatrische Beurteilung Jesu: Darstellung und Kritik.Albert Schweitzer: Die psychiatrische Beurteilung Jesu: Darstellung und Kritik. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1913, online bei archive.org.Ursprünglicher Titel: Kritik der von medizinischer Seite veröffentlichten Pathographien über Jesus. Nach Harald Steffahn: Albert Schweitzer (= Rowohlt Biographien. 50263). Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1979. 16. Auflage 2004, S. 145. In dieser Arbeit widerlegt er, analog seiner theologischen Dissertation, zeitgenössische Schriften, die den Versuch unternahmen, das Leben Jesu aus psychiatrischer Sicht zu beleuchten. Somit war er, im Alter von 38 Jahren und bevor er nach Afrika ging, in drei verschiedenen Fächern promoviert und außerdem Professor für Theologie.
Albert Schweitzer heiratete 1912 Helene Bresslau (1879–1957), die Tochter des jüdischen Historikers Harry Bresslau und dessen Frau Caroline, geborene Isay. 1919 wurde die Tochter Rhena Schweitzer-Miller († 2009) geboren, die bis 1970 die Stiftung ihres Vaters weiterführte.
Leben als Mediziner in Afrika und Europa mini|links|Das Einzugsgebiet des Ogooué erstreckt sich über den größten Teil Gabuns. Lambarene liegt im Westen, am Unterlauf des Flusses. mini|Albert Schweitzer und Helene Schweitzer-Bresslau 1913 in Lambarene
1913 setzte Schweitzer sein Vorhaben in die Tat um und gründete am Ogooué, einem 1200 Kilometer langen Fluss in Gabun, das Urwaldhospital in Lambarene (französisch Lambaréné). Das Gebiet gehörte damals zu Französisch-Äquatorialafrika. Schon ab 1914, als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurden er und seine Frau Helene, eine Lehrerin, aufgrund ihrer deutschen Staatsangehörigkeit von der französischen Armee unter Hausarrest gestellt.
1917, erschöpft von mehr als vier Jahren Arbeit und von einer Art tropischer Anämie, wurde das Ehepaar Schweitzer festgenommen, von Afrika nach Frankreich überführt und in Bordeaux, Garaison und dann Saint-Rémy-de-Provence bis Juli 1918 interniert. In einem der Lager steckte Schweitzer sich mit Dysenterie an, die ihn noch lange quälte. Nach Kriegsende flammte die Dysenterie wieder auf und verschlimmerte sich so sehr, dass Schweitzer in Straßburg am Darm operiert werden musste.Ilse Kleberger: Albert Schweitzer – Das Symbol und der Mensch. Klopp-Verlag, Berlin 1989, ISBN 3-7817-7113-X. Trotz seines schlechten Gesundheitszustandes nutzte er die Lagerzeit zur Entwicklung und zum Ausbau seiner Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. Zentral für diese Ethik ist der Satz: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“
Gegen Kriegsende kehrten sie 1918 ins Elsass zurück, das am 6. Dezember wieder an Frankreich angegliedert wurde. Dort nahm Schweitzer die französische Staatsbürgerschaft an; er selbst bezeichnete sich jedoch gern als Elsässer und „Weltbürger“. Er nahm wieder die Stelle als Vikar in St. Nikolai in Straßburg an und trat als Assistenzarzt in ein Straßburger Spital ein.
Dank des schwedischen Bischofs Nathan Söderblom konnte Albert Schweitzer ab 1920 in Schweden Vorträge über seine Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben halten, mittels Orgelkonzerten seine Schulden bezahlen und Geld für die Rückkehr nach Afrika im Jahr 1924 verdienen, um dort das Urwaldhospital auszubauen.
Bekannt wurde Albert Schweitzer vor allem durch seine Autobiografie Zwischen Wasser und Urwald,Vgl. den Textauszug Von Straßburg nach Lambarene, online bei gaebler.info. die er 1920 in kurzer Zeit geschrieben hatte. In seiner Rede zum 100. Todestag Johann Wolfgang von Goethes 1932 in Frankfurt am Main warnte Schweitzer vor den Gefahren des aufkommenden Nationalsozialismus. Eine nach Lambarene versandte und „mit deutschem Gruß“ unterzeichnete Einladung von Joseph Goebbels, der Schweitzer für die NS-Ideologie gewinnen wollte, beantwortete er mit einer höflichen Absage und unterzeichnete „mit zentralafrikanischem Gruß“. Im Januar 1939 kehrte Schweitzer kurz nach Europa zurück, um sich mit seiner Frau und Tochter zu treffen. Wegen der drohenden Kriegsgefahr fuhr er aber schon bald wieder nach Afrika zurück, ohne dass es zu einem Treffen mit seiner Familie gekommen war. Seine Ehefrau musste wegen ihrer jüdischen Abstammung durch ganz Frankreich fliehen, schaffte es aber 1941 unter schwierigsten Umständen doch noch, nach Afrika auszureisen.Ilse Kleberger: Albert Schweitzer. Das Symbol und der Mensch, Klopp-Verlag, Berlin 1989, ISBN 3-7817-7113-X.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ihm viel öffentliche Ehre zuteil. In seiner erst 1954 gehaltenen Dankesrede zur Verleihung des Friedensnobelpreises von 1952 sprach sich Schweitzer deutlich für eine generelle Verwerfung von Krieg aus: „Krieg macht uns der Unmenschlichkeit schuldig“, „zitiert“ Albert Schweitzer Erasmus von Rotterdam. Infolge der Genfer Konvention von 1864 und der Gründung des Roten Kreuzes sei es zu einer „Humanisierung des Krieges“ gekommen, die dazu geführt hätte, dass die Menschen 1914 den beginnenden Ersten Weltkrieg nicht in der Weise ernst genommen hatten, wie sie dies hätten tun sollen.
mini|Schweitzers Grab in Lambarene (1979)
1961 wurde er Ehrenmitglied der mit der unitarischen Kirche Nordamerikas verbundenen Church of the Larger Fellowship.
Am 4. September 1965 starb Albert Schweitzer im Alter von 90 Jahren in Lambarene. Er ruht dort auf einem kleinen Friedhof in der Nähe des Flusses Ogooué, den er auf Wunsch seiner Frau vor dem Haus für seine Familie und seine Kollegen hatte einrichten lassen. Seine Frau und seine Tochter wurden dort später ebenfalls beigesetzt.
Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben Problem der Ethik in der Höherentwicklung des menschlichen Denkens Schweitzer geht 1962 in der Quintessenz seines philosophischen Denkens davon aus, dass sich Menschen beim Nachdenken über sich selbst und ihre Grenzen wechselseitig als Brüder erkennen, die über sich selbst und ihre Grenzen nachdenken. Im Zuge des Zivilisationsprozesses wird die Solidarität, die ursprünglich nur auf den eigenen Stamm bezogen war, nach und nach auf alle, auch unbekannte Menschen übertragen. In den Weltreligionen und Philosophien sind diese Stadien der Kulturentwicklung konserviert.