Eine nosokomiale Infektion (von sowie ), Hospitalinfektion oder Krankenhausinfektion (griechisch Nosokomeion bzw. lateinisch Nosocomium für ‚Krankenhaus‘) ist eine Infektion, die im Zuge eines Aufenthalts oder einer Behandlung in einem Krankenhaus oder einer Pflegeeinrichtung auftritt. Laut Definition der nosokomialen Infektion darf der Infektionstag, d. h. der Tag mit dem ersten Symptom, frühestens der Tag 3 des Krankenhausaufenthaltes sein.
Im Rahmen der deutschen nationalen Punkt-Prävalenzerhebung zu nosokomialen Infektionen und Antibiotika-Anwendung 2022 (PPS 2022) wurde bei 3,9 % der Patienten einer repräsentativen Krankenhausstichprobe eine Krankenhausinfektion festgestellt. Die häufigsten Krankenhausinfektionen waren in diesem Rahmen postoperative Wundinfektionen (Anteil von 23,5 %), Infektionen der unteren Atemwege (21,6 %), Harnwegsinfektionen (19,0 %) und primäre Blutstrominfektion (6,7 %).
Mit 17 % war die Prävalenz nosokomialer Infektionen auf Intensivstationen in allen an der PPS 2022 beteiligten Krankenhäusern deutlich höher als auf Nicht-Intensivstationen mit 4,3 %.
Die Rate von Krankenhausinfektionen wird unter anderem von folgenden Faktoren beeinflusst: der Altersstruktur der Krankenhauspatienten; der Häufigkeit und Schwere von Begleiterkrankungen, insbesondere solchen mit Schwächung der körpereigenen Infektionsabwehr; dem Einsatz operativer Techniken bzw. apparativer, invasiver Maßnahmen bei vorher nicht oder schlecht behandelbaren Erkrankungen; der Durchführung therapeutischer Maßnahmen, die die Abwehrkraft herabsetzen; dem Wissenstand des Fachpersonals in den Krankenhäusern zum Thema Hygiene und Infektionsvermeidung; u. a. gilt die Beschäftigung von Fachärzten für Hygiene in den Krankenhäusern als Mittel zur Senkung der Krankenhausinfektionsrate; der Krankenhausorganisation; die Größe des Krankenhauses (Anzahl Betten);Im Krankenhaus erkranken – So häufig sind Spitalinfektionen In: srf.ch. 4. Mai 2018, abgerufen am 5. Mai 2018. Personalmangel; Antibiotika-Einsatz, insbesondere Breitspektrum-Antibiotika
Am Ende des 20. Jahrhunderts hat der hohe Antibiotikaeinsatz in der Behandlung von bakteriellen Infektionskrankheiten zu einer deutlichen Zunahme von multiresistenten Problemerregern geführt: Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus (MRSA), Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE) und weitere, wobei die häufigsten Erreger nosokomialer Infektionen unter dem Sammelbegriff ESKAPE-Pathogene (Enterococcus faecium, Staphylococcus aureus, Klebsiella pneumoniae, Acinetobacter baumannii, Pseudomonas aeruginosa und Enterobacter) geführt werden.cid.oxfordjournals.org Der vermehrte Einsatz von Breitspektrum-Antibiotika steht mit der Zunahme von multiresistenten Erregern in direkter Wechselbeziehung. Zunehmend verkompliziert sich demzufolge auch die antibiotische Therapie von Hospitalinfektionen, wobei häufig mehr als ein Arzneimittel appliziert werden muss.
Etymologie „Nosokomeion“ hieß die Räumlichkeit in den Heilstätten im alten Griechenland (z. B. in Epidauros), in denen Patienten mittels eines Heilschlafes behandelt wurden. Der Ausdruck bezeichnet bis heute im weitesten Sinne ein „Krankenhaus“ (im Gegensatz zu „Klinik“, die sich von „Kline“, der Liege ableitet).
Epidemische Lage und klinische Relevanz Krankenhausinfektionen machen einen Großteil aller im Hospital auftretenden Komplikationen aus und haben daher einen signifikanten Einfluss auf die Qualität der medizinischen und krankenpflegerischen Versorgung der Patienten. Entsprechend müssen sie als ein ernstzunehmendes Problem eines jeden Krankenhauses erkannt werden. Im Krankenhaus erworbene Infektionen belasten nicht nur den Patienten selbst aufgrund der damit verbundenen Schmerzen und Beschwerden, sie verlängern meist auch den Krankenhausaufenthalt – je nach Art der Infektion im Durchschnitt um vier Tage – und führen damit zumindest in solchen Gesundheitssystemen, in denen nach Fallpauschalen abgerechnet wird, zu deutlichen betriebswirtschaftlichen Einbußen. Die wichtigste Maßnahme zur Vermeidung ist die regelmäßige Durchführung einer hygienischen Händedesinfektion mit Händedesinfektionsmitteln.
Bei den meisten aufgeführten Studien handelt es sich um Prävalenz-Untersuchungen. Sie erfassen zu einem bestimmten Zeitpunkt die Häufigkeit von nosokomialen Infektionen. Aus hohen Infektionsraten direkt Konsequenzen zu ziehen, ist bei dieser Form der Erfassung nur selten möglich, weshalb auch die prospektive, kontinuierliche Überwachung (Erfassung von Infektionen und deren Risikofaktoren) favorisiert wird.
Die Interpretation von epidemiologischen Daten über Krankenhausinfektionen ist kompliziert, weil zwischen den exogen (extrinsisch) bedingten, vermeidbaren Infektionen und den endogen (intrinsisch) bedingten kaum oder nur teilweise unterschieden werden kann. Der Vergleich zwischen Krankenhäusern oder auch Fachdisziplinen ist problematisch, da stets berücksichtigt werden muss, nach welchen Kriterien (z. B. Falldefinitionen) die Daten erhoben wurden und ob die Patientenpopulationen bezüglich der Risikofaktoren vergleichbar sind.
Studien zeigten, dass das Risiko, eine Krankenhausinfektion zu erwerben, in Kliniken mit geringeren Bettenzahlen niedriger ist als in größeren. Dieses Faktum ist auch nicht verwunderlich, da in Schwerpunktkliniken mit großen und spezifischen Fachdisziplinen erhöhte diagnostische und aggressive therapeutische Interventionen angewendet werden, weshalb auch mit höheren Inzidenzraten von Krankenhausinfektionen zu rechnen ist. Auf Intensivpflegestationen und auch in operativen Fachdisziplinen ist die Wahrscheinlichkeit, an Krankenhausinfektionen zu erkranken, ebenfalls deutlich erhöht.
Die häufigsten Arten nosokomialer Infektionen auf der Intensivstation sind die beatmungsassoziierte Pneumonie, intraabdominelle Infektionen nach einem Trauma oder nach chirurgischen Eingriffen und Bakteriämien durch intravasale Fremdkörper.
USA In den USA ist der Anteil an Klinikinfektionen von 1975 bis 1995 um 36 % angestiegen; von 7,2/1000 auf 9,8/1000 Patienten im Jahre 1995. In Kliniken der USA erwerben 5 bis 15 % der Krankenhauspatienten und 25–50 % der Patienten in Intensivpflegestationen eine nosokomiale Infektion. Nach Aussagen des Institute of Medicine in Washington, D.C. sind Krankenhausinfektionen in den USA im Jahr für 44.000–98.000 Todesfälle verantwortlich. In den USA verursachen nosokomiale Infektionen pro Jahr Kosten von 17 bis 29 Milliarden US-Dollar. Im Zeitraum von 1980 bis 1992 hat die Todesursache „Infektion“ in den USA um 58 % zugenommen. Zur Anzahl der Todesfälle, die als Folge einer nosokomialen Infektion auftraten, existieren bislang nur wenige Studien, meist aus den USA. In diesen Studien wurde ermittelt, dass etwa ein Prozent dieser Patienten mittelbar oder unmittelbar daran verstarben. Bei 2,7 % aller ins Krankenhaus aufgenommenen Patienten trugen Infektionen als Mitursache zu einem tödlichen Verlauf bei, waren jedoch nicht die eigentliche Todesursache.
Europa Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) gibt in seinem Bericht zur Prävalenz-Erhebung zu nosokomialen Infektionen und dem Einsatz von Antibiotika in europäischen Akutkrankenhäusern – 2022–2023 rund 4,3 Millionen nosokomiale Infektionen pro Jahr in Europa an, Stand 2024.
Italien In Italien sterben jedes Jahr zwischen 4500 und 7000 Menschen an Infektionen, die sie sich während eines Klinikaufenthaltes zugezogen haben. Damit dürfte Italien im europäischen Durchschnitt liegen.S. Ulrich: Krankenhäuser, die krank machen. In: Süddeutsche Zeitung. 11. Januar 2007, S. 10 (sueddeutsche.de) Das ECDC gibt in seinem Bericht 50.000 zuschreibbare Todesfälle pro Jahr in Europa an.European Centre for Disease Prevention and Control (Hrsg.): Annual European Communicable Disease Epidemiological Report 2005. Stockholm 2007, ISBN 978-92-9193-062-3, ecdc.europa.eu (PDF; 2,1 MB)
Deutschland Während das endemische Niveau nosokomialer Infektionen in Deutschland durch Prävalenzerhebungen und die Surveillance im Rahmen des Krankenhaus-Infektions-Surveillance-Systems ermittelt und beschrieben wird, ist das epidemische Auftreten nosokomialer Infektionen seit Inkrafttreten des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) im Jahr 2000 meldepflichtig. In der Urfassung war noch das „gehäufte Auftreten“ ohne ausdrückliche Festlegung meldepflichtig, nach dem Gesetzeswortlaut der ab 25. Juli 2017 geltenden Fassung ist bereits das Auftreten von „zwei oder mehr“ nosokomialen Infektionen, bei denen „ein epidemischer Zusammenhang wahrscheinlich ist oder vermutet“ wird, nichtnamentlich zu melden. ( Absatz 3 IfSG) Solche Infektionen können beispielsweise in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen oder Arztpraxen auftreten. Ein „epidemischer Zusammenhang“ besteht, „wenn sich aus den Gesamtumständen schließen lässt, dass das Auftreten von gleichen Krankheitsbildern bei verschiedenen Patienten miteinander in Verbindung steht“. Nosokomiale Infektion wird in Nummer 8 IfSG definiert als „eine Infektion mit lokalen oder systemischen Infektionszeichen als Reaktion auf das Vorhandensein von Erregern oder ihrer Toxine, die im zeitlichen Zusammenhang mit einer stationären oder einer ambulanten medizinischen Maßnahme steht, soweit die Infektion nicht bereits vorher bestand“.
Nach Schätzungen von 2016 entwickeln in Deutschland pro Jahr ca. 400 000 bis 600 000 Patienten eine nosokomiale Infektion. Es wird deutschlandweit von 1 000 bis 4 000 Todesfällen durch multiresistente Erreger ausgegangen.
Auf Grundlage der Prävalenz-Erhebung zu nosokomialen Infektionen und dem Einsatz von Antibiotika in europäischen Akutkrankenhäusern – 2022–2023 schätzen die Experten des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten die jährlichen Anzahl von Patienten, die sich in deutschen Akutkrankenhäusern mindestens eine nosokomiale Infektion zuziehen auf etwa 580 000.
Krankenhausinfektionen verursachen im Mittel vier Tage längere Liegezeiten sowie Zusatzkosten von 4.000 bis 20.000 Euro pro Patient.W. Bartens: Dreckspatzen in Weiß. In: Süddeutsche Zeitung. 23. Oktober 2008, S. 16.
Österreich Die epidemische Lage für Österreich ist vergleichbar mit Deutschland.A. Kramer, O. Assadian, M. Exner, N. O. Hübner, A. Simon (Hrsg.): Krankenhaus- und Praxishygiene. 2. Auflage. Urban & Fischer In Elsevier, 2011, ISBN 978-3-437-22311-2. Ebenso wie in Deutschland oder anderen Ländern der Europäischen Union liegen keine präzisen Zahlen über die Häufigkeit von nosokomialen Infektionen in Einrichtungen des Gesundheitswesens oder gar Todeszahlen von Patienten, die unmittelbar an der direkten Folge von Nosokomialen Infektionen versterben, vor. Laut Österreichischer Gesellschaft für Krankenhaushygiene (ÖGKH)oegkh.ac.at liegt dies – mit Ausnahme von bakteriellen Durchfallserkrankungen durch Clostridium difficile – daran, dass zwar bestimmte Infektionserkrankungen meldepflichtig sind, aber deren direkte Zuordnung nicht immer eindeutig feststellbar ist. Andererseits treten jährlich Infektionen auf, deren ursächlicher Zusammenhang mit diagnostischen oder therapeutischen Tätigkeiten im Gesundheitswesen offenkundig ist, die jedoch im Einzelnen keiner Meldepflicht unterliegen. Dies trifft beispielsweise für die Gruppe der sog. „device assoziierten Infektionen“ (Katheter-assoziierte Harnwegsinfekte, Katheter-assoziierte Bakteriämien, Beatmungs-assoziierte Lungenentzündung) zu.