mini|Gustav Noske als Mitglied der Weimarer Nationalversammlung, 1919 Gustav Noske (* 9. Juli 1868 in Brandenburg an der Havel; † 30. November 1946 in Hannover) war ein deutscher Politiker der SPD. Er war in den Jahren 1906 bis 1918 Mitglied des Reichstages, wo er als Experte für Militär-, Marine- und Kolonialfragen auftrat. Während der Novemberrevolution 1918 spielte er eine zentrale Rolle, er stellte sich an die Spitze des Kieler Arbeiter- und Soldatenrates und übte einen mäßigenden Einfluss auf die Revolutionäre aus. Von Dezember 1918 bis Februar 1919 war Noske Mitglied des Rates der Volksbeauftragten mit Zuständigkeit für Demobilisierung, Heer und Marine. Während der sozialen und politischen Auseinandersetzungen der Jahre 1918 bis 1920 trug er die Verantwortung für die blutige Niederschlagung kommunistischer Aufstände (u. a. Spartakusaufstand) durch republikfeindliche Freikorps.
In der Weimarer Republik war Noske von Februar 1919 bis März 1920 erster Reichswehrminister und damit der erste sozialdemokratische Minister mit der Zuständigkeit für das Militär in der deutschen Geschichte. Nach seinem Ausscheiden aus der Reichsregierung war er in den Jahren 1920 bis 1933 Oberpräsident der preußischen Provinz Hannover.
Familie, Ausbildung und Beruf mini|Gustav Noske (1933) Die Eltern von Gustav Noske waren Karl Noske, ein in Ciechanowiec im damaligen Russisch-Polen geborener Weber, und Emma, geb. Herwig.
In den Jahren 1874 bis 1882 besuchte Gustav Noske die Volks- und Bürgerschule. 1882 begann er eine Lehre zum Korbmacher. Als Geselle hielt er sich anschließend in Halle an der Saale, in Frankfurt am Main, in Amsterdam und Liegnitz auf. Die harten Arbeits- und Lebensbedingungen (11- bis 13-Stunden-Arbeitstag, keine Fürsorgeeinrichtungen, ungerechte Bezahlung), noch verschärft durch die Heraufsetzung der Akkordsätze und das Sozialistengesetz, motivierten Noske, sich journalistisch zu betätigen und als 17-Jähriger an der Gründung eines Korbmachervereins teilzunehmen. Dieser ging später im Deutschen Holzarbeiterverband auf. 1890 zählte Noske zu einer dreiköpfigen Delegation, die zum 1. Mai vom Unternehmer einen oder einen halben Tag unbezahlte Arbeitsruhe forderte. Allen drei Arbeitern wurde gekündigt. Daraufhin entstand in der Fabrik eine so große Unruhe, dass die Kündigung rückgängig gemacht wurde. Nach einer Kundgebung in Brandenburg unterhielt sich August Bebel ausführlich mit ihm. Noske war stolz, als Bebel in einer Reichstagsrede aus dieser Unterhaltung zitierte.Ulrich Czisnik: Gustav Noske. Ein sozialdemokratischer Staatsmann. Göttingen 1969.
Im Jahr 1891 heiratete er Martha, geborene Thiel. Die beiden hatten drei Kinder.
1893 wurde er Redakteur der Brandenburger Zeitung, 1897 wechselte er zur Königsberger Volkstribüne.
Parteieintritt Noske war ab 1884 Mitglied der SPD und wurde 1892, zwei Jahre nach Ende des Sozialistengesetzes, zum Vorsitzenden des sozialdemokratischen Vereins seiner Heimatstadt gewählt.
Öffentliches Wirken mini|360px|Erste Kabinettssitzung des Kabinetts Scheidemann am 13. Februar 1919 in Weimar. V.l.: Ulrich Rauscher, Pressechef der Reichsregierung, Robert Schmidt, Ernährung, Eugen Schiffer, Finanzen, Philipp Scheidemann, Reichskanzler, Otto Landsberg, Justiz, Rudolf Wissell, Wirtschaft, Gustav Bauer, Arbeit, Ulrich von Brockdorff-Rantzau, Auswärtiges, Eduard David ohne Portefeuille, Hugo Preuß, Inneres, Johannes Giesberts, Post, Johannes Bell, Kolonien, Georg Gothein, Schatz, Gustav Noske, Reichswehr
mini|hochkant|links|Gustav Noske (rechts) mit Walther von Lüttwitz (1920)
Als Redakteur der Chemnitzer Volksstimme erlangte Noske eine große Anhängerschaft; per Nachwahl (gewählt für den ausgeschiedenen Max Schippel) zog er Anfang 1906 (mit 37 Jahren) als Abgeordneter des Wahlkreises Chemnitz in den Deutschen Reichstag ein. Als neu gewählter Abgeordneter etablierte er sich rasch als Spezialist für Kolonial- und Militärfragen, obwohl er nie Soldat gewesen war: In der Debatte um die deutschen Kolonien opponierten die Sozialdemokraten gemeinsam mit dem Zentrum gegen den Kolonialismus. Noske stimmte seinen Genossen zu, wenn sie vortrugen, dass Geldausgaben zur Lösung sozialer Probleme in Deutschland Vorrang haben müssten vor Investitionen in den Kolonien. Nicht folgen konnte er ihnen bei ihren Polemiken gegen die deutsche Kolonialpolitik, die er grundsätzlich befürwortete. Auch bekannte er sich zur Notwendigkeit der Landesverteidigung, was nicht von allen sozialdemokratischen Abgeordneten geteilt wurde. Seine Befürwortung eines gewissen Nationalegoismus machte ihn in den Augen der Historikerin Helga Grebing zum Prototyp für „jenen Teil der deutsche Sozialdemokratie, der sich […] in positiver Weise in den monarchisch-autoritären Staat integrierte“.Helga Grebing: Noske, Gustav, Politiker. In: Wolfgang Benz und Hermann Graml (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Weimarer Republik. C.H. Beck Verlag, München 1988, S. 240.
Der Durchbruch in die Spitzengruppe der SPD-Fraktion und des ganzen Reichstages gelang Noske im Jahre 1907, als er gegenüber den Vorwürfen des Kriegsministers Karl von Einem, der „die Begründung des Heeresetats mit heftigen Angriffen gegen die SPD gewürzt und den Sozialdemokraten dabei die nationale Gesinnung abgesprochen hatte“, eine sachkundige Rede hielt, die „jeden ideologischen Seitenhieb vermied.“Ulrich Czisnik: Gustav Noske. Ein sozialdemokratischer Staatsmann. Göttingen 1969, Seitenzahl fehlt. Damit distanzierte er sich von August Bebel und wurde zugleich zu einer Zielscheibe des linken Flügels in der SPD.
Als im Herbst 1918 der Erste Weltkrieg verloren war und die USA zögerten, die deutsche Bitte um Waffenstillstand anzunehmen, forderte er Kaiser Wilhelm II. in einer Reichstagsrede auf abzudanken: „eine einzige große Geste des Trägers der Kaiserkrone“, die „Beifall bei vielen Millionen Menschen im Deutschen Reiche“ ausgelöst hätte.Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstages, Bd. 314. (1918), S. 6217, zitiert bei Martin Kohlrausch: Der Monarch im Skandal. Die Logik der Massenmedien und die Transformation der wilhelminischen Monarchie. Akademie-Verlag, Berlin 2005, ISBN 3-05-004020-3, S. 312–319, das Zitat auf S. 317. (abgerufen über De Gruyter Online). Kurz darauf schickte ihn Reichskanzler Prinz Max von Baden während des Kieler Matrosenaufstandes nach Kiel, um dort die Lage zu beruhigen. Noske wurde zwar umgehend zum Vorsitzenden des örtlichen Arbeiter- und Soldatenrates gewählt, vermochte aber nicht, das Übergreifen der Revolution auf das gesamte Reichsgebiet zu verhindern. Am 9. November 1918 erfolgte während der Novemberrevolution die Ausrufung der Republik, einen Tag später floh der ehemalige Kaiser in die Niederlande. Das Ende der deutschen Monarchie wurde durch die formelle Abdankung des Kaisers am 28. November 1918, seines Thronfolgers am 1. Dezember 1918 und aller anderen Bundesfürsten besiegelt.
mini|Ebert und Noske bei der Übernahme des bayerischen Heeres in die Reichswehr am 25. August 1919 in München, Marsfeldkaserne
Nachdem die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) aufgrund des harten militärischen Vorgehens um die Jahreswende 1918/19 (Weihnachtskämpfe) aus dem Rat der Volksbeauftragten ausgeschieden war, wurde Noske als Volksbeauftragter für Heer und Marine verantwortlich für die Niederschlagung des Januaraufstandes 1919 (sog. „Spartakusaufstand“), bei der auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet wurden. Nachdem der Offizier Waldemar Pabst, der die Morde an Luxemburg und Liebknecht veranlasst hatte, im Jahre 1970 gestorben war, wurde in dessen Nachlass die Abschrift eines Briefes aus dem Jahr 1969 gefunden:
Noske gehörte der Weimarer Nationalversammlung seit ihrer Konstituierung am 6. Februar 1919 an. Als Reichswehrminister im ersten Kabinett Scheidemann trug er die Verantwortung für die Niederschlagung der Aufständischen der Berliner Märzkämpfe, bei denen etwa 1200 Menschen getötet wurden. Hier erließ er am 9. März abends die Weisung: „Jede Person, die mit der Waffe in der Hand gegen Regierungstruppen kämpfend angetroffen wird, ist sofort zu erschießen.“ Er war auch beteiligt an der Niederschlagung von einigen lokalen Aufständen, bei denen Räterepubliken errichtet werden sollten, unter anderem in München und in Bremen. Er bekam bei seinen Gegnern den Beinamen „der Bluthund“ oder „Blutnoske“, was auf seine eigene Darstellung der Entscheidung zur Niederschlagung des Spartakusaufstandes in seinen 1920 erschienenen Memoiren zurückgeht:
Noske teilte den Antibolschewismus der Militärs und ließ den von der Reichswehr unterstützten Freikorps weitgehend freie Hand bei ihrem harten Vorgehen gegen Streiks und kommunistische Aufstände. Aus neueren Forschungen geht hervor, dass Noske dabei sehr gezielt und teils mittels lancierter Falschmeldungen auch gegen weniger radikale und zugleich besonders anerkannte politische Akteure vorging, z. B. gegen den Magdeburger Gewerkschaftsfunktionär und Politiker Alwin Brandes.Zu Details dieser Intrige gegen den ehemaligen Parteigenossen von Noske Alwin Brandes vgl. Siegfried Mielke, Stefan Heinz: Alwin Brandes (1866–1949). Oppositioneller – Reformer – Widerstandskämpfer. (= Gewerkschafter im Nationalsozialismus. Verfolgung – Widerstand – Emigration, Bd. 9), Metropol Verlag, Berlin 2019, S. 107–134. Das von Noske teils wider besseres Wissen forcierte Vorgehen gegen weniger radikale USPD- und Gewerkschaftsfunktionäre, die wie Alwin Brandes früher in der SPD wichtige Funktionen innehatten und eine lokale Autorität in der Rätebewegung besaßen, war in einigen Fällen die eigentliche Ursache für regionale Radikalisierungsschübe. Später sorgte Noske dafür, dass Regierungssoldaten nicht wegen begangener Gewaltverbrechen vor Gericht gestellt wurden. Bei den Kommunisten verlor er mit dieser Haltung jede Sympathie. mini|Das Badehosen-Foto: Friedrich Ebert und Gustav Noske (stehend, zweiter und dritter von rechts) mit Henry Everling und anderen Mitgliedern der Konsumgenossenschaft Produktion, Haffkrug, 16. Juli 1919
Badehosen-Foto
Im Sommer 1919 wurde ein Foto veröffentlicht, das Noske gemeinsam mit dem Reichspräsidenten Friedrich Ebert in Badehose zeigte. Skandalös wurde es vor allem deswegen empfunden, weil auch bei Männern noch in der Kaiserzeit ein Ganzkörperbadeanzug üblich war. Dieses Bild benutzten viele Gegner der Republik, um gegen den Reichswehrminister und die neue, demokratische Regierungsform zu polemisieren.Auch zum Folgenden siehe Niels Albrecht: Die Macht einer Verleumdungskampagne. Antidemokratische Agitationen der Presse und Justiz gegen die Weimarer Republik und ihren ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert vom „Badebild“ bis zum Magdeburger Prozeß. Dissertation, Universität Bremen 2002, S. 45–88 Der rechtsliberale Hannoversche Kurier zum Beispiel erkannte in dem Bild ein Symbol für die vom Versailler Vertrag gedemütigte, schwächliche Republik: Der Reichswehrminister ganz ohne Waffen, der Reichspräsident „in der Pracht all der Nacktheit“. Auch die Linke benutzte diese „antirepublikanische Ikone“:Bernhard Fulda: Die Politik der »Unpolitischen«. Boulevard und Massenpresse in den zwanziger und dreißiger Jahren. In: Frank Bösch, Norbert Frei (Hrsg.): Medialisierung und Demokratie im 20. Jahrhundert. Wallstein, Göttingen 2006, S. 66. Die kommunistische Zeitschrift Die Pleite veröffentlichte 1923 eine an das Foto angelehnte Karikatur, die Ebert und Noske in Badehosen zeigte, allerdings nicht in der Ostsee, sondern in einem Meer von Blut.Walter Mühlhausen: Die Weimarer Republik entblößt. Das Badehosen-Foto von Friedrich Ebert und Gustav Noske. In: Gerhard Paul (Hrsg.): Das Jahrhundert der Bilder. Bd. 1: 1900–1949. Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2009, S. 242.