mini|Wappen derer von Weizsäcker Weizsäcker bzw. WeitzsäckerDie beiden einzigen heutigen unterschiedlichen Schreibweisen der zwölf blühenden Linien, in die sich das Geschlecht gliedert – früher, bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, in den verschiedensten auch nur denkbaren Varianten ist der Name eines pfälzisch-württembergischen Geschlechts von ursprünglich Müllern, das in einer – der Öhringer – Linie im 19. Jahrhundert in das Bildungsbürgertum aufstieg. Dem Tübinger Theologen und Universitätskanzler Carl Heinrich Weizsäcker wurde 1861 der persönliche Adel verliehen. Dessen Sohn Karl Hugo wurde 1897 der persönliche Adel verliehen und 1916 wurde er als württembergischer Ministerpräsident in den erblichen Freiherrenstand erhoben.Vgl. Genealogisches Handbuch des Adels, Freiherrliche Häuser B Bd. VI, Bd. 62 der Gesamtreihe, Limburg (Lahn) 1976, S. 446 Auch in der Weimarer Republik, im NS-Staat und in der Bundesrepublik bekleideten Familienmitglieder herausgehobene Funktionen. Der bekannteste Vertreter der Familie ist der 2015 verstorbene Bundespräsident Richard von Weizsäcker.
Geschichte Ursprung des Geschlechts Die Weizsäcker führen sich auf Stammesverwandte des 1294 urkundlichen Ritters Peter Wazach (Wadtsacher) zurück, der Vasall des Grafen Walram I. von Zweibrücken war. Der selbst kinderlose Peter Wazach war offenbar ein Angehöriger der Familie Watsacher aus Weilheim in Oberbayern, wo diese Besitzer des heute noch bestehenden Gutshofes Waitzacker war.
Die urkundlich belegte Stammfolge des Geschlechts, das wahrscheinlich von der Waadsacker Mühle (auch Woodsacker Mühle, heute Woogsacker Mühle), einem ehemaligen Besitz des Peter Wazach bei Niederbexbach stammt, beginnt mit dem um 1535 geborenen Friedrich Weidsecker, der Müller im Pfalz-Zweibrücker Ort Kleeburg war.Genealogisches Handbuch des Adels, Adelslexikon Band XVI, S. 51–52, Band 137 der Gesamtreihe, C. A. Starke Verlag, Limburg (Lahn) 2005, Sein Sohn Friedrich Wadsacker übernahm vor 1610 die Waldmohrer Mühle unweit von Niederbexbach. Dessen Sohn Nicolaus Weizsäcker (auch Waadsecher, Wadsacker, Waidsacher, Waidsecker und Weidtseckher) (1612–1673) erwarb 1650 die Mühle seines Schwiegervaters, die Bernhardsmühle bei Neuenstein, wo er der Stammvater der zwölf heute blühenden Linien des Geschlechts wurde, von denen vor allem einem Zweig der Öhringer Linie ein bemerkenswerter gesellschaftlicher Aufstieg gelang. Familienmitglieder eines anderen Zweigs gingen dem Müllerberuf in der angestammten Heimat noch in den 1980er-Jahren nach.Martin Wein: Die Weizsäckers
Öhringer Linie Die Öhringer Linie geht auf Gottlieb Jacob Weizsäcker (1736–1798) zurück. Dieser erlernte zunächst ebenfalls das Müllerhandwerk im heutigen Öhringer Teilort Eckartsweiler, wechselte dann aber in die Dienste der Grafen von Hohenlohe-Öhringen und wurde 1768 HofmundkochDie – meist mehreren – Mundköche unterstanden dem Küchenmeister. Ernst von Malortie: Der Hof-Marschall: Handbuch zur Einrichtung und Führung eines Hofhalts. 1846, S. 84 f. des zwischenzeitlich zum Fürsten erhobenen Dienstherrn in der rund 3000 Einwohner umfassenden Residenz Öhringen. Der ältere Sohn Carl Friedrich Gottlob Weizsäcker (1774–1835) wurde Stadtschultheiß von Öhringen. Seine Nachkommen blieben den handwerklichen Wurzeln treu und wurden über Generationen vornehmlich Optiker.
Die Ausbildung des begabten jüngeren Sohnes Christian Ludwig Friedrich Weizsäcker (1785–1831) wurde, wie in jener Zeit nicht unüblich, vom Dienstherrn gefördert. Obgleich die Familie nach dem Tode Gottlieb Jacob Weizsäckers in Armut fiel, sicherte die weitere Förderung des Sohnes den gesellschaftlichen Aufstieg. 1806 wurde das Fürstentum mediatisiert, Öhringen war nunmehr eine zum Königreich Württemberg gehörende Oberamtsstadt. Christian Ludwig Friedrich Weizsäcker brachte es 1829 zum Stiftsprediger in Öhringen, nachdem der Stadtpfarrer auf die schlechter besoldete Stelle verzichtet hatte. Zwar war der Stiftsprediger geistlicher Beistand des Fürsten, aber dieser war seit 1806 nur formell noch Fürst, real indes bedeutungslos. Christian Weizsäcker, von schwächlicher Gesundheit, übte sein Amt von Beginn an ohnehin kaum aus und verstarb zwei Jahre später, seine 34-jährige Frau aus der Beamtenfamilie Rößle unversorgt zurücklassend. Diese setzte als „bedrängte Witwe“ 1839 die kostenlose Aufnahme des Sohnes Carl Heinrich Weizsäcker in das Seminar Schöntal durch. 1859 wurde er Oberkonsistorialrat – „der arme Junge aus Öhringen besaß nun Rang und Namen.“Martin Wein: Die Weizsäckers, S. 52 Später wurde er Theologieprofessor und 1861 schließlich in den persönlichen Adelsstand erhoben. Sein jüngerer Bruder war der spätere Historiker Julius Weizsäcker.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts war dieser Zweig der Familie damit fest im Bildungsbürgertum verwurzelt und hat seitdem namhafte Mitglieder hervorgebracht, die das Bild der weitverzweigten Familie in der Öffentlichkeit prägen. Kurz vor dem Ende des Deutschen Kaiserreichs gelang einem Mitglied der Öhringer Linie noch der Aufstieg in den erblichen Adel: Karl Hugo Weizsäcker, Ministerpräsident des Königreichs Württemberg, wurde 1897 erst in den persönlichen Adels- und 1916 in den erblichen Freiherrenstand erhoben.
Hohe Ämter in unterschiedlichen Regierungssystemen
Dass die Familie Weizsäcker in vier unterschiedlichen Regierungssystemen (Kaiserzeit, Weimarer Republik, NS-Diktatur, Bundesrepublik) Staatsdiener und Politiker hervorgebracht hat (Ministerpräsident, Staatssekretär, Bundespräsident, Abgeordnete), macht sie zu einer der wenigen „politischen Familien“ in Deutschland, während in anderen Ländern mit einer größeren historischen Kontinuität (z. B. USA, Großbritannien) politische Familien deutlich häufiger sind. Richard von Weizsäcker charakterisiert den Aufstieg der Familie: „Allmählich entwickelte sich eine Familie der Pfarrer und Wissenschaftler, der Beamten und Politiker. Es ging ohne Vererbung von Titeln, Höfen und Vermögen vor sich. Jede Generation hatte ihren Platz selbst zu erwerben. Entscheidend bleibt die individuelle Qualifikation, gemäß den Regeln der werdenden Bürgergesellschaft, die die Leistungselite der Geburtselite gegenüberstellt.“Richard von Weizsäcker: Vier Zeiten. Erinnerungen, Berlin 1997, S. 29:Günter Hofmann, Richard von Weizsäcker: Ein deutsches Leben, 2010, S. 28: „Eine Familie, die Reputation gewann und mitreden wollte, in Öhringen, Tübingen, Stuttgart und über Stuttgart hinaus.“Hofmann, S. 29: „Gesichert war inzwischen die Basis: Um Aufstieg musste die Familie längst nicht mehr ringen, sie gehörte zur bürgerlichen Elite.“
Vor dem Hintergrund der sehr wechselhaften deutschen Geschichte hinterfragt der politische Philosoph Gerard Radnitzky kritisch-ironisch, ob bei den Weizsäckers möglicherweise von einer „angeborenen political correctness“ gesprochen werden könne.
Die Familie im Kaiserreich mini|Der spätere württembergische Ministerpräsident Karl von Weizsäcker und seine Familie um 1895 Karl Weizsäcker, dem Sohn des evangelischen Theologen Carl Heinrich Weizsäcker, gelang der Aufstieg im Staatsdienst des Königreichs Württemberg. Er stand den Nationalliberalen naheMartin Wein: Die Weizsäckers, S. 150. und betrieb als Kultusminister (1900–1906) erfolgreich die Verdrängung der kirchlichen Schulaufsicht durch eine staatliche Aufsicht. 1916 wurde er von König Wilhelm II. von Württemberg zum Ministerpräsidenten ernannt und mit seiner ganzen Familie in den Freiherrnstand erhoben. Als Regierungschef fühlte er sich allein dem König verantwortlich und lehnte er eine Parlamentarisierung der Regierung ab. Der württembergische Landtag sollte der Verfassung gemäß lediglich bei der Gesetzgebung und Budgetbewilligung mitwirken, jedoch keinen direkten Einfluss auf die Regierung haben. Außenpolitisch trat er seit der Daily-Telegraph-Affäre 1908 für eine Verständigung mit Großbritannien ein und war um die Verhinderung eines Krieges bemüht. Mit dem Ende der Monarchie trat auch Weizsäcker zurück. Der Publizist Ralph Giordano attestierte ihm als „politische[s] Familienterrain [...]: Demokratiefremdheit, ja -feindschaft, Befangenheit im obrigkeitsstaatlichen Denken monarchischer Prägung“.
Die Familie im Nationalsozialismus mini|Ernst Freiherr von Weizsäcker als ein Hauptangeklagter im Wilhelmstraßen-Prozess|273x273px Trotz eines bildungsbürgerlichen inneren Abstands zum Nationalsozialismus machte eine ganze Reihe bekannter Mitglieder der Familie auch im Dritten Reich Karriere.
Der Diplomat Ernst von Weizsäcker, Sohn des früheren Ministerpräsidenten, war 1938 bis 1943 Staatssekretär im Auswärtigen AmtLeonidas Hill (Hrsg.): Die Weizsäcker-Papiere 1933–1950, Frankfurt am Main/Berlin/Wien 1974, Band 2, S. 70: Ende März 1933 gelangte Ernst von Weizsäcker zu der „einfachen Wahrheit“, „daß dieses Regime nicht umschmeißen darf. … Man muß ihm alle Hilfe und Erfahrung angedeihen lassen und dafür sorgen, daß die jetzt einsetzende zweite Etappe der neuen Revolution eine ernsthaft konstruktive wird.“Weizsäcker-Papiere, Band 2, S. 100: Ernst von Weizsäcker 1936 zu der ihm provisorisch übertragenen Leistung der Politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes „… versuche meinen Aktionsradius nach Kräften zu erweitern und habe ein Programm. Was will man mehr mit 54 Jahren …“Weizsäcker-Papiere, Band 2, S. 125 (Notiz vom 3. April 1938) vermerkt Ernst von Weizsäcker nach seiner Ernennung zum Staatssekretär im Auswärtigen Amt „Karls [sein gefallener Bruder] heutigen Geburtstag begehe ich in einer Art Vermächtnisstimmung. Ohne seinen Vortritt im Auswärtigen Amt wäre ich wohl nie in dieses Haus gekommen. Er hat seinen Platz dort ausgefüllt. Für mich kommt das Examen nun erst.“ unter Ribbentrop, trat zum Amtsantritt in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 4 814 617) und wurde im Nürnberger Wilhelmstraßen-Prozess gegen hohe Beamte des NS-Staates zu fünf Jahren Haft verurteilt, unter anderem wegen der Mitschuld an der Deportation französischer Juden. Seine Rolle wird von Historikern kontrovers diskutiert, da er in der ersten Phase seiner Amtszeit in vergeblicher Obstruktion versuchte, den Ausbruch des Kriegs zu verhindern, und später diverse Kontakte zum Widerstand gegen Hitler hatte, dem er sich aber nicht anschloss.
Sein Sohn, der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker, war zwar nicht Mitglied der NSDAP, arbeitete aber zur NS-Zeit am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik an der Entwicklung von Atomwaffen in einer Gruppe, der auch Werner Heisenberg und Otto Hahn angehörten. Zu Beginn des Krieges erhoffte sich Weizsäcker nach eigenen Angaben politische Einflussmöglichkeiten durch das Uranprojekt. Er entwickelte die Theorie der Kernwaffe mit Plutonium und gehörte 1941 zu den Hauptautoren der Patentanmeldung für eine Kernwaffe. Unabhängige Historiker kommen zum Schluss, Weizsäcker und Heisenberg hätten im Vergleich zu anderen Beteiligten an der deutschen Kernwaffenforschung (Kurt Diebner, Walther Gerlach) offensichtlich nicht alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel genutzt, um die Nationalsozialisten mit Kernwaffen zu versorgen.Mark Walter: EINE WAFFENSCHMIEDE? KERNWAFFEN – UND REAKTORFORSCHUNG AM KAISER-WILHELM-INSTITUT FÜR PHYSIK S. 39–40 (PDF; 402 kB) Andererseits hätten sie die Umstände auch nicht veranlasst, ihre Arbeit zu unterbrechen oder zu verzögern, geschweige denn, Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu leisten.