mini|Italo Calvino (1961) Italo Calvino (* 15. Oktober 1923 in Santiago de las Vegas, Provinz Havanna, Kuba; † 19. September 1985 in Siena, Italien) war einer der bedeutendsten italienischen Schriftsteller der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Viele seiner Bücher sind heute in Italien Volksgut und Schullektüre.

Leben Jugendjahre und Zweiter Weltkrieg Italo Calvino wurde auf Kuba geboren, wo seine Eltern zeitweilig arbeiteten.Santiago de las Vegas (nicht zu verwechseln mit Santiago de Cuba) ist ein südlicher Vorort von Havanna, unweit des Internationalen Flughafens José Martí, seit 1976 eingemeindet Er wuchs ab seinem zweiten Lebensjahr in Sanremo als Sohn eines angesehenen Agrarwissenschaftlers und einer Botanikerin auf. Das Milieu seines Elternhauses war – im Gegensatz zum katholischen und faschistischen Italien – aufgeklärt agnostisch und nonkonformistisch, vor allem aber geprägt vom Geist der naturwissenschaftlichen, hier speziell der biologisch-ökologischen Forschung und Praxis. Der Vater leitete eine Forschungsstation für Blumenzucht, die Mutter arbeitete für das Botanische Institut der Universität Pavia. So lag es nahe, dass der junge Calvino, obwohl er sich schon während der Schulzeit mehr für Literatur, Theater und Kino interessierte,Zu seiner jugendlichen Begeisterung für das Kino der 1930er-Jahre vgl. Calvinos 1974 geschriebenen Aufsatz Autobiographie eines Zuschauers in dem postum veröffentlichten Band La strada di San Giovanni, 1990, dt. Die Mülltonne und andere Geschichten. 1941 ein Studium der Agrarwissenschaft an der Universität Turin begann und auch erfolgreich einige Examina absolvierte. Nach dem Waffenstillstand am 8. September 1943 und dem Frontwechsel Italiens unter der Regierung Badoglio verbrachte er einige Monate in Sanremo in einem Versteck, um sich der Einberufung in die Armee der faschistischen Republik von Salò zu entziehen. Während dieser Zeit reifte sein anarchisch grundierter Nonkonformismus zu einem dezidierten Antifaschismus. 1944 schloss er sich mit seinem jüngeren Bruder Floriano der im Untergrund tätigen Kommunistischen Partei Italiens und deren Partisanengruppe „Brigate Garibaldi“ an, mit denen er unter dem Decknamen „Santiago“ in den ligurischen Bergen gegen die faschistischen Milizen und die deutschen Besatzer kämpfte. Seine Eltern wurden dafür von den Deutschen bis Kriegsende in Sippenhaft genommen. Noch im März 1945 nahm er an der Schlacht von Bajardo teil, einer der letzten des Partisanenkrieges, worüber er fast 30 Jahre später in seiner Erzählung Erinnerung an eine SchlachtIn dem postum 1990 veröffentlichten Band La strada di San Giovanni, dt. Die Mülltonne und andere Geschichten eindringlich berichtete.

Nachkriegszeit Nach dem Krieg studierte Calvino Literaturwissenschaft in Turin und erlangte seine laurea 1947 mit einer Arbeit über Joseph Conrad. Zugleich begann er, seine Erfahrungen in der Resistenza literarisch zu verarbeiten, schrieb erste Erzählungen und einen Roman, blieb aber auch aktiv in der KPI, verfasste Artikel für diverse Zeitungen und engagierte sich für den linksliberalen Verlag Einaudi, zuerst als fliegender Buchverkäufer, dann in der Presse- und Werbeabteilung, schließlich im Lektorat. So gelangte er in den Kreis um die Schriftsteller Cesare Pavese und Elio Vittorini, zu dem auch Natalia Ginzburg, Norberto Bobbio gehörten. Sein wichtigster Förderer war jedoch Pavese, der sein literarisches Talent entdeckte, ihn wegen seines leichten und beweglichen Stils als „Eichhörnchen der Feder“ charakterisierte und dafür sorgte, dass sein erster Roman, Il sentiero dei nidi di ragno (dt. Wo Spinnen ihre Nester bauen), 1947 bei Einaudi erschien. Im Vorwort zur Ausgabe von 1964 dieses neorealistischen Romans betont Calvino den autobiografischen Bezug: Er selbst sei der kleine Junge Pin gewesen, während z. B. die Figur des Comandante Ferriera in dieser Partisanengeschichte die Züge seines damaligen Brigadeführers Guglielmo Giuseppe Vittorio getragen habe.nach Romano Lupi, in der Wochenzeitschrift Liberazione, am 25. April 2002

In den folgenden zwei Jahren arbeitete Calvino als Kulturredakteur der KPI-Zeitungen L’Unità und Rinascita. Anfang 1950 ging er zurück zu Einaudi, wieder gefördert von Pavese (der sich jedoch am 27. August das Leben nahm, wodurch Calvino seinen wichtigsten Freund und „ersten Leser“ verlor), und trat dort eine Stelle als Lektor an, die er – ab 1961 als „externer literarischer Konsulent“ – bis zu seinem Tod behalten sollte.

1950er-Jahre mini|Luigi Silori und Italo Calvino von der RAI, 1958 1951 unternahm Calvino als Mitglied der KPI eine mehrmonatige Reise in die Sowjetunion, über die er in einem Reisetagebuch berichtete,Taccuino di viaggio in URSS di Italo Calvino, 1951, nicht ins Deutsche übersetzt das ihm seinen ersten Literaturpreis einbrachte. Es folgten weitere Erzählungen und der Roman Il visconte dimezzato (1952, dt. Der geteilte Visconte), mit dem er sich einer neuen Gattung zuwenden sollte – der allegorisch-phantastischen Literatur. Zugleich vertiefte er sich in ein Projekt ganz anderer Art, das ihn mehrere Jahre lang beschäftigte: eine Sammlung italienischer Volksmärchen, die er älteren akademischen Publikationen von Sammlern und Volkskundlern entnahm und aus den verschiedenen italienischen Dialekten in ein allgemeinverständliches Italienisch übersetzte. Heute sind Calvinos 1956 veröffentlichte Fiabe italiane (Italienische Märchen) in Italien ein Hausbuch ähnlich den Märchen der Brüder Grimm im deutschsprachigen Raum.

In denselben Jahren geriet Calvino immer mehr in Konflikt mit der herrschenden Linie der KPdSU und der von ihr abhängigen KPI. Was ihm vorschwebte, war jedoch keine Abkehr von den Ideen des Kommunismus, sondern eine Reform oder gar Neugründung der Partei im Geiste eines demokratischen Kommunismus, ähnlich den parallelen Bestrebungen in Polen, Ungarn und anderen „Volksrepubliken“. Nach der Niederschlagung erst des Posener Aufstands im Juni 1956 durch die polnische Armee und dann des Aufstands in Budapest und ganz Ungarns durch den Einmarsch der Roten Armee im Oktober 1956 war Calvinos Enttäuschung so groß, dass er schließlich im August 1957 offiziell aus der KPI austrat. Seine (bald darauf berühmt gewordene) Austrittserklärung wurde in der Parteizeitung L’Unità veröffentlicht. Trotz alledem blieb Calvino auch in den folgenden Jahren, bei aller Distanz, ein ernstzunehmender Gesprächspartner für besonnene KPI-Führer wie Enrico Berlinguer.

1957 erschien der Roman Il barone rampante (dt. Der Baron auf den Bäumen), mit dem Calvino auch international bekannt wurde, was sich noch verstärkte, als 1959 der allegorisch-phantastische Roman Il cavaliere inesistente (dt. Der Ritter, den es nicht gab) erschien. Zusammen mit dem Visconte dimezzato von 1952 bilden diese Romane eine Trilogie, die unter dem Titel I nostri antenati (dt. Unsere Vorfahren) bekannt und oft nachgedruckt worden ist. Im November 1959 brach Calvino dank eines Stipendiums der Ford Foundation zu einer knapp sechsmonatigen"Il viaggio dura sei mesi" (Cronologia, S. XXXII) in: Calvino, Italo – "Se una notte d’inverno un viaggiatore", edizione Oscar Mondadori, Mailand 2009 Amerikareise auf, die er gut zur Hälfte in New York verbrachte, wo er sich sehr wohl fühlte. („New York ist meine Stadt“, schrieb er begeistert an die Freunde im Verlag Einaudi.)Sein Amerikanisches Tagebuch, postum veröffentlicht in dem Band Eremita a Parigi, 1994 (dt. Eremit in Paris, 1997), legt beredtes Zeugnis von seiner Begegnung mit Amerika ab

1960er- und 1970er-Jahre 1962 lernte er in Paris die argentinische Dolmetscherin Esther Judith Singer, genannt Chichita, kennen, die bei der UNESCO und anderen internationalen Behörden arbeitete; zwei Jahre später heirateten sie auf Kuba, wo Calvino 1964 seinen Geburtsort besuchte und u. a. mit Ernesto Che Guevara zusammentraf (dem er nach dessen Tod 1967 einen Nachruf schrieb)., Italo Calvino on Che, October 1967. Nach der Rückkehr bezog er mit seiner Frau eine Wohnung in Rom, wo 1965 Tochter GiovannaCronologia, S. XXXVI in: Calvino, Italo – "Se una notte d’inverno un viaggiatore", edizione Oscar Mondadori, Mailand 2009 geboren wurde. 1966 starb sein Freund und Förderer Elio Vittorini, wodurch Calvino in eine „intellektuelle Depression“ verfiel, die er selbst als eine wichtige Zäsur in seinem Leben beschrieb: „Ich hörte auf, jung zu sein [...]. Ich war sehr lange jung gewesen, vielleicht zu lange, und nun spürte ich, dass ich mein Alter beginnen musste, jawohl, mein Alter, vielleicht in der Hoffnung, es dadurch zu verlängern, dass ich es früh beginne.“

Die Jahre 1967–1980 verbrachte Calvino in Paris, wo er von seinen französischen Freunden den Spitznamen „L’ironique amusé“ erhielt, sich selbst jedoch eher als „Eremit“ vorkam, wie er später in dem autobiographischen Text Eremit in Paris schrieb (postum 1994 in dem gleichnamigen Band veröffentlicht). Als „amüsierter Ironiker“ frequentierte er die literarischen Zirkel, begegnete so berühmten Autoren wie Roland Barthes und Claude Lévi-Strauss und interessierte sich insbesondere für das Ouvroir de littérature potentielle (Oulipo), dessen Mitbegründer Georges Perec und vor allem Raymond Queneau sein weiteres Schaffen stark beeinflussten. In dieser Zeit entstanden die „kombinatorischen“ Bücher Il castello dei destini incrociati (1969, eine locker-ernste Spielerei mit dem narrativen Potential von Tarotkarten) und Le città invisibili (1972, ein singuläres, hochkomplexes, sich allen Gattungseinordnungen widersetzendes Stück Literatur, das aus 55 Miniaturen nach Art von Prosagedichten in einer Rahmenerzählung besteht und am ehesten als ein modern-gebrochenes „Weltpoem“ mit fernen Anklängen an Dante definiert werden könnte). Inzwischen war Calvino längst auch ein international bekannter Autor, die englische Übersetzung der Unsichtbaren Städte (The Invisible Cities, übersetzt von William Weaver, New York 1974) avancierte rasch zu einem Kultbuch in amerikanischen Campus- und Literatenkreisen – und ist es bis heute geblieben, siehe die amerikanischen Websites zu Calvino (z. B. unten unter Weblinks Nr. 1 und 2). 1975 wurde Calvino zum auswärtigen Ehrenmitglied (Foreign Honorary Member) der American Academy of Arts and Letters gewählt, 1976 erhielt er den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. In den folgenden Jahren bereiste er Japan, den Iran und Mexiko und hielt Gastvorlesungen an diversen amerikanischen Universitäten. 1979 erschien sein komplexester Roman, von den Kritikern gern auch Meta-Roman genannt: Se una notte d’inverno un viaggiatore (deutsch Wenn ein Reisender in einer Winternacht, 1983), der auch außerhalb Italiens sein vielleicht größter Erfolg wurde – ein Spiel mit nahezu allen literarischen Gattungen des 20. Jahrhunderts.

Letzte Jahre 1980 kehrte Calvino nach Rom zurück. Sein letztes zu Lebzeiten von ihm selbst veröffentlichtes Buch, Palomar, 1983 (deutsch Herr Palomar, 1985), ist eine Sammlung von 27 (3 × 3 × 3) kurzen Texten über das Alltagsleben eines Herrn, der viele Züge mit dem Autor gemeinsam hat: Wie Calvino lebt Herr Palomar abwechselnd in Rom („über den Dächern der Stadt“) und in der Pineta di Roccamare an der toskanischen Küste,Gore Vidal, "La morte di Calvino" (The New York Review Of Books, 21. November 1985) in: Sagarana, n. 3 (italienisch). wie Calvino hat er den Iran, Mexiko und Japan bereist, und auch sonst hat er vieles mit ihm gemeinsam (so dass es unter den „Calvinisten“ zu einer veritablen akademischen Debatte über die Frage kam, ob Herr Palomar ein Alter Ego des Autors sei oder nicht).