Vril-Gesellschaft ist der Name einer fiktiven Geheimgesellschaft, die Anfang bis Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in Deutschland existiert haben soll. In einer Reihe von verschwörungstheoretischen und pseudohistorischen Texten wird behauptet, sie sei am Aufstieg des Nationalsozialismus beteiligt gewesen und habe übernatürliche Energien dazu benutzt, während der Zeit des Nationalsozialismus innovative Fluggeräte zu entwickeln (so genannte „NS-“ oder „Reichsflugscheiben“). Für die Existenz einer Geheimgesellschaft dieses Namens und der ihr zugeschriebenen Leistungen finden sich keine historischen Belege. Ebenso fehlen jegliche Indizien für die historische Bedeutsamkeit, die von Vertretern dieser Legende der „Vril-Gesellschaft“ und einigen tatsächlich existierenden okkulten Gruppierungen zugeschrieben wurde.

Hintergrund Der Roman The Coming Race und der Begriff Vril mini|John Martin (1789–1854): Pandemonium, ca. 1825. In Coming Race wird die Architektur der Vril-ya mit den Bildern John Martins verglichen

Das Wort Vril stammt aus dem im Jahre 1871 erschienenen Roman The Coming Race (Das kommende Geschlecht) des englischen Schriftstellers Edward Bulwer-Lytton (1803–1873) und wurde vermutlich vom lateinischen Wort virilis (‚mannhaft‘, ‚kraftvoll‘) abgeleitet.Goodrick-Clarke, 2002, S. 113; Goodrick-Clarke bezieht sich auf die Neutrumform virile.Günther Jürgensmeier: Anmerkungen. In: Edward Bulwer-Lytton: Das kommende Geschlecht. dtv, München, 1999, S. 224–250, hier: S. 228. In diesem Roman begegnet der Erzähler einer unterirdischen Menschenrasse, den Vril-Ya, die über eine der menschlichen Rasse weit überlegene psychische Vitalenergie namens Vril verfügen. Die Vril-Kräfte befähigen sie zur Telepathie und TelekineseNicholas Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus, marixverlag GmbH 2009. S. 187. und ermöglichen ihnen, Einfluss auf jede Form belebter oder unbelebter Materie zur Heilung, zur Erweckung Toter oder zur Zerstörung zu nehmen. Ursprünglich ein Volk, das an der Erdoberfläche lebte, wurden die Vril-ya durch eine Naturkatastrophe vom Rest der Menschheit abgeschnitten und zogen in ein unterirdisches Höhlensystem, in dem sie eine neue Heimat fanden. Dort entwickelten sie sich in einer von Kriegen und gesellschaftlichen Umbrüchen gezeichneten Geschichte schließlich durch die Entdeckung einer neuen Naturkraft – der Vril-Kraft – zu einer egalitären, Eugenik praktizierenden Gesellschaft, die allen anderen Rassen überlegen sein sollte. Durch den Kontakt mit dem Erzähler des Romans erfahren die Vril-ya von den Menschen, die an der Erdoberfläche leben, und befragen ihn eingehend über die menschliche Gesellschaft. Dem Erzähler gelingt die Flucht aus dem Reich der Vril-ya und er warnt seine Leser am Ende des Romans vor der Gefahr, die von den Vril-ya für die Menschheit ausginge, sollten sie jemals an die Oberfläche zurückkehren. mini|hochkant|Edward Bulwer-Lytton, 1. Baron Lytton

Vril in Theosophie und Laientheorien Während die zeitgenössische Kritik The Coming Race als Satire auffasste,David Seed: Introduction. In: Edward Bulwer-Lytton: The Coming Race. Wesleyan University Press, 2005, S. xiii. betrachteten es andere Teile des Publikums als okkultistischen Schlüsselroman. In diesen Kreisen wurde die Ansicht vertreten, dass Bulwer-Lytton ein Mitglied der Rosenkreuzer sei und dass die „Vril“-Kraft eine tatsächlich existierende, universale Lebenskraft sei. Dieser Auffassung zufolge war der Roman lediglich ein Vehikel, mit dem Bulwer-Lytton seinen Lesern unter dem Deckmantel der Anonymität geheimes Wissen mitteilen wollte.

mini|hochkant|Helena Blavatsky Helena Blavatsky und andere okkultistische Autoren übernahmen den Begriff „Vril“ als Synonym für geheime Naturkräfte, die nur durch Magie genutzt werden könnten.Marco Frenschkowski: Die Geheimbünde. Eine kulturgeschichtliche Analyse. Marixverlag, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-86539-926-7. S. 168–172. In Blavatskys Erstwerk Isis unveiled (Die entschleierte Isis), (1877) wurde „Vril“ als reale, eigenständig wirkende Kraft dargestellt.Strube, 2013, S. 65–69.

In ihrem zweiten Buch The secret doctrine (Die Geheimlehre) beschrieb sie 1888, dass die Einwohner von Atlantis Vril zum Bau kolossaler Bauwerke eingesetzt hätten. Nach dem Untergang von Atlantis hätte eine kleine Gruppe überlebender Priester dieses Wissen bewahrt und nur an Auserwählte weitergegeben.Goodrick-Clarke, 2004, S. 24–25. Diese psychische Energie soll demnach die Beherrschung der gesamten Natur erlauben. Mehrere Bücher erwähnen einen 1904 in London gegründeten Vril-ya-Club, der sich dieser Thematik angenommen haben soll.David Seed: Introduction. In: Edward Bulwer-Lytton: The Coming Race. Wesleyan University Press, 2005, S. xl–xli. In der New-Thought-Bewegung werden die Schriften Bulwer-Lyttons tradiert.Strube, 2013, S. 71–74.

Besonders folgenreich war es, dass der Theosoph William Scott-Elliot in seinem 1896 erschienenen Pamphlet The Story of Atlantis (dt. Atlantis nach okkulten Quellen) das Vril im Zusammenhang mit Luftschiffen beschrieb, als deren Antriebskraft es diente. Diese schon in The Coming Race beschriebene Eigenschaft des Vril wurde durch die explizite Atlantis-Assoziation Scott-Elliots zu einer Hauptreferenz für bestimmte Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg.Strube, 2013, vor allem S. 69ff.mini|hochkant|Deutsche Ausgabe, 1922

Die weitere Rezeption Bereits seit Mitte der 1890er Jahre führten neue naturwissenschaftliche Entdeckungen, z. B. die Entdeckung der Röntgenstrahlen, zu der auch unter Intellektuellen verbreiteten Ansicht, dass die Naturwissenschaft noch nicht für sich beanspruchen könne, die Welträtsel endgültig gelöst zu haben, und dass nach wie vor unsichtbare Naturkräfte und Energien existierten.Strube, 2013, S. 85f. Dabei wurden okkultistische Theorien nicht nur als Gegenentwürfe zur Naturwissenschaft angeführt, sondern es wurden auch gemeinsame thematische Berührungspunkte gesehen.Priska Pytlik: Okkultismus und Moderne. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2005, S. 9–11; vgl. Strube, 2013, S. 86–97. Viele okkultistische Zirkel begegneten dem Unbehagen, das der Materialismus der naturwissenschaftlich-technischen Moderne auslöste, indem sie eine den Naturwissenschaften ebenbürtige Lehre der Beherrschung irdischer und kosmischer Kräfte zu formulieren versuchten.Sabine Doering-Manteuffel: Das Okkulte. Eine Erfolgsgeschichte im Schatten der Aufklärung. Siedler-Verlag, München 2008, S. 183–184.

Um 1900 erlebten die Bereiche Okkultismus und Mystik einen großen Aufschwung, der bis in die 1930er Jahre anhielt.Priska Pytlik: Okkultismus und Moderne. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2005, S. 9. Da die Theosophie in dieser Zeit des Auflebens okkulter Strömungen weit verbreitet war, war das „Vril“-Konzept auch in Deutschland in okkultistisch interessierten Kreisen geläufig. Bulwer-Lyttons Urkraft tauchte vor allem in Kontexten auf, in denen es um die Schaffung einer „Magie-Technik“ ging, in deren Entwürfen sich der Wunsch nach einer Vereinigung von Wissenschaft und Religion äußerte.Strube, 2013, vor allem S. 85–97, 193–197. Von Bulwer-Lyttons Buch erschienen in Deutschland zwischen 1874 und 1924 insgesamt vier Übersetzungen, darunter eine,Edward Bulwer-Lytton: Vril oder einer Menschheit Zukunft. Der kommende Tag, Stuttgart 1922. die 1922 der Anthroposoph Guenther Wachsmuth auf den Wunsch Rudolf Steiners hin besorgt hatte.Guenther Wachsmuth: Vorwort des Übersetzers. In: Edward Bulwer-Lytton: Vril oder eine Menschheit der Zukunft. 5. Auflage. Rudolf Geering-Verlag, Dornach 2003, S. 6. Der Begriff „Vril“ wurde daher bis in die 1920er Jahre in Deutschland auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. In der Folge florierten Laientheorien, die behaupteten, angebliche Lücken der Wissenschaften füllen zu können, ohne zu berücksichtigen, dass Bulwer-Lytton nur einen Unterhaltungsroman im Stil eines Jules Verne schreiben wollte.

Entwicklung und Inhalte der Legenden über die Vril-Gesellschaften Historische Vorlagen Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es in Berlin mindestens einen Privatzirkel, dessen Mitglieder sich ausdrücklich mit der „Vril“-Kraft beschäftigten. Die wenigen Quellen, die die Existenz dieses Personenkreises belegen, wurden später zu einem der Ausgangspunkte für die Entstehung der Vril-Gesellschafts-Legende.Strube, 2013, vor allem S. 98–143.

Die „Wahrheitsgesellschaft“ mini|Willy Ley (rechts) im Gespräch mit Wernher von Braun und Heinz Haber, 1954 Eine der Belegquellen für die Existenz einer solchen Gruppe ist ein Artikel des deutschen Raketenpioniers Willy Ley, den er 1947 in dem amerikanischen Science-Fiction-Magazin Astounding Science Fiction veröffentlichte.Ley, 1947, S. 90–98. Darin versucht er seinen Lesern zu erklären, wieso der Nationalsozialismus in Deutschland auf fruchtbaren Boden fallen konnte, und führt dies auf die große Popularität irrationaler Überzeugungen im Vorkriegsdeutschland zurück. Er beschreibt verschiedene Beispiele pseudowissenschaftlicher und esoterischer Strömungen und erwähnt in diesem Zusammenhang auch eine in seinen Augen besonders sonderbare Gruppierung:Goodrick-Clarke, 2004; Baker, 2000.

„Die nächste Gruppe beruhte buchstäblich auf einem Roman. Diese Gruppe, die sich, wie ich glaube, Wahrheitsgesellschaft nannte und mehr oder weniger in Berlin ansässig war, widmete ihre Freizeit der Suche nach Vril. Ja, ihre Überzeugungen fußten auf Bulwer-Lyttons ‚The Coming Race‘. Sie wussten, dass das Buch eine Erfindung war, Bulwer-Lytton habe diesen Kunstgriff benutzt, um die Wahrheit über diese ‚Kraft‘ erzählen zu können. Die unterirdische Menschheit war Unsinn, Vril nicht. Möglicherweise hatte es die Briten, die es als Staatsgeheimnis hüteten, in die Lage versetzt, ihr koloniales Reich aufzubauen. Sicherlich besaßen es die Römer, eingeschlossen in kleine Metallkugeln, die ihre Heime beschützten und als lares bezeichnet wurden. Aus Gründen, die ich nicht durchschauen konnte, konnte das Geheimnis des Vril entdeckt werden, indem man sich in die Betrachtung der Struktur eines in zwei Hälften geschnittenen Apfels versenkte. Nein, ich mache keine Scherze, das war es, was mir mit großer Feierlichkeit und unter Geheimhaltung erzählt wurde. Eine solche Gruppe existierte tatsächlich; sie brachte sogar die erste Ausgabe eines Magazins heraus, in dem sie ihr Credo proklamierte. (Ich wünschte mir, ich hätte einige dieser Sachen behalten, aber so, wie die Dinge lagen, hatte ich schon genug Bücher hinauszuschmuggeln.)“Ley, 1947, S. 92–93.

„Reichsarbeitsgemeinschaft ‚Das kommende Deutschland‘“ mini|hochkant|Vril. Die kosmische Urkraft Im Jahre 1930 erschienen zwei kleinere Pamphlete, betitelt WeltdynamismusReichsarbeitsgemeinschaft „Das kommende Deutschland“ (Hrsg.), 1930. und „Vril“. Die kosmische Urkraft, die von einem okkulten Zirkel veröffentlicht wurden, der sich als „Reichsarbeitsgemeinschaft ‚Das kommende Deutschland'“ (RAG) bezeichnete.Strube, 2013, S. 98–123.