Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO) ist in München beheimatet. Es ist der größte der drei Klangkörper des Bayerischen Rundfunks. Hauptspielstätten des Orchesters sind der Herkulessaal der Münchner Residenz und, solange die Philharmonie am Gasteig renoviert wird, das Ausweichquartier Isarphilharmonie. mini|hochkant=1.4|Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Mariss Jansons 2016 im Großen Musikvereinssaal in Wien Orchesterprofil Programmschwerpunkte des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks sind die sinfonische Musik der Wiener Klassik, die Romantik und die Neue Musik. Das Orchester bietet sein Programm in Konzerten dar, aber auch für Rundfunk- und CD-Produktionen von Opern wird es regelmäßig herangezogen, oftmals gemeinsam mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks. Das BRSO zählt zu den besten Orchestern Deutschlands und genießt auch international höchstes Ansehen. Ein Gremium von Chefredakteuren führender europäischer Musikzeitschriften wählte es im Jahr 2006 auf Platz 6 aller europäischen Orchester. Das britische Fachmagazin Gramophone wählte es im Jahr 2008 durch eine Befragung von Musikkritikern auf Platz 6 aller Orchester der Welt. Gemäß dem vom Online-Portal Bachtrack veröffentlichten „Critics’ Choice 2023“ belegte das BRSO im Jahr 2023 Platz drei unter den weltweit besten Orchestern.Critics’ Choice 2023: Wer sind die zehn besten Dirigenten und Orchester der Welt? In: Bachtrack. 11. September 2023. Dass es das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks als einziges Rundfunkorchester geschafft hat, zu den besten 20 Orchestern der Welt zu zählen, ist nicht zuletzt auch auf seine Chefdirigenten zurückzuführen.
Geschichte Ursprung 1924 Das offiziell im Jahre 1949 gegründete Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks entstand keineswegs aus dem Nichts. Vorgänger waren mehrere Orchester und Musikgruppen des Münchner Radiosenders, deren Ursprung auf das Jahr 1922 zurückgeht. In der Pionierzeit des Rundfunks gab es nur begrenzte Aufzeichnungs- und Wiedergabemöglichkeiten. Konzerte wurden deshalb zumeist live übertragen. Der Rundfunk in Bayern, 1924 unter dem Namen „Deutsche Stunde in Bayern“ gegründet, brauchte deshalb mehrere Klangkörper, um dem Bedarf gerecht zu werden. Am ehesten mit dem heutigen BR-Symphonieorchester vergleichbar ist das „Große Rundfunkorchester der Deutschen Stunde in Bayern“, dessen erstes Symphoniekonzert im August 1924 ausgestrahlt wurde. Daneben etablierte der Sender in jenen Jahren weitere Ensembles wie den Rundfunkchor, eine Tanzkapelle, ein Rundfunktrio und Funkschrammeln. 1930 kam das „Kleine Funkorchester“ hinzu, eine Art Vorläufer des heutigen Münchner Rundfunkorchesters.
Orchester des Reichssenders 1933 Aus dem 1931 in „Bayerischer Rundfunk GmbH“ umgewandelten Sender wurde 1933 der „Reichssender München“. Wie alle anderen Kultureinrichtungen stellten die Nationalsozialisten auch das „Orchester des Reichssenders München“ in ihren Dienst. Da zu den Hauptsendezeiten verstärkt SA- und SS-Kapellen mit militärischer Musik dominierten, verblieben für die symphonische Musik des Rundfunkorchesters nur die späten Abendstunden. Bevorzugt wurden hierbei Werke von Komponisten wie Werner Egk, Carl Orff, Hans Pfitzner und Josef Suder gespielt und übertragen. Auch Richard Strauss dirigierte in dieser Zeit. Im Jubiläumsband 50 Jahre Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks schreibt Renate Ulm:
Neuanfang 1945 Nach der Kapitulation fanden sich bereits 1945 politisch unbelastete Musiker zusammen, die früher im Orchester des Reichssenders München gespielt hatten. Zunächst stand die Unterhaltungsmusik im Vordergrund, dargeboten unter der Leitung des Dirigenten Werner Schmidt-Boelcke, dessen Schwerpunkte Operette und leichte Unterhaltungsmusik waren.
Im Januar 1946 engagierte der Sender Kurt Graunke als Orchesterleiter in freier Position. 1948, ein Jahr vor der Gründung des Symphonieorchesters machte der inzwischen als Anstalt des öffentlichen Rechts neu etablierte Bayerische Rundfunk Eugen Jochum das Angebot, ein Orchester nach seinen eigenen Vorstellungen aufzubauen.
Ära Eugen Jochum Offizielles Gründungsdatum des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks ist der 1. Juli 1949. An diesem Tag trat Eugen Jochum seine Position als Chefdirigent des Orchesters an. Dirigiert hat Jochum allerdings in den drei Jahren zuvor gelegentlich den seit 1946 im Aufbau befindlichen Klangkörper von „Radio München“. In dieser Zeit leitete er Aufführungen des Orchesters zusammen mit dem ebenfalls entstehenden Chor, unter anderem Werke von Bach, Monteverdi, sowie Messen und das Te Deum von Bruckner.
Welch ungewöhnlich starke Position Eugen Jochum hatte, belegt eine Passage im Gründungsvertrag des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks von 1949. Da heißt es:
Jochum nutzte diesen Spielraum und baute ein Orchester ganz nach eigenen Vorstellungen auf. Er holte sich im Vorfeld der Gründung Spitzenmusiker aus der ganzen Welt, Mitglieder des Koeckert- und Freund-Quartetts besetzten die ersten Pulte des neu formierten Orchesters. Zusammen mit dem ursprünglich mehr auf Unterhaltungsmusik ausgerichteten Orchestermusikern war bis Anfang 1949 ein übergroßer in seiner Qualität sehr heterogener Klangkörper herangewachsen. Jochum teilte im Mai 1949 das Orchester auf, in das A-Orchester, das die sogenannte „Ernste Musik“ spielte, und das B-Orchester, das für die Unterhaltungsmusik zuständig war.
Von Anfang an legte Jochum großen Wert darauf, dass das Orchester nicht nur im Rundfunk zu hören war, sondern sich auch in öffentlichen Konzerten präsentierte. Durch seine Auslandstourneen begründete er das weltweit hohe Ansehen des Orchesters. Musikalisch brillierte Eugen Jochum mit seinen Interpretationen der Symphonien Anton Bruckners und den Werken der „Wiener Klassik“. Ein großes Anliegen war ihm die Pflege der geistlichen Musik, aber auch der Neuen Musik.
In der Ära Eugen Jochums fanden im Rahmen der bereits 1945 von Karl Amadeus Hartmann gegründeten musica viva legendäre Aufführungen zeitgenössischer Werke statt. Meist standen die Komponisten selbst am Pult, unter anderem Igor Strawinsky, Darius Milhaud, Paul Hindemith und Pierre Boulez.
Es waren also drei wesentliche Elemente, die bestimmend waren für die Entstehung und den erfolgreichen Werdegang des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks: Zum einen ein Kern von Berufsmusikern, die in den Vorgängerensembles des Radiosenders gespielt hatten. Zum anderen mit Eugen Jochum ein Dirigent und Musikmanager mit hoher internationaler Reputation, der es verstand, Spitzenmusiker in das Orchester zu holen und sie zu begeistern. Und drittens führende Leute eines Radiosenders, die die Klangkörper des neu etablierten Bayerischen Rundfunks von Anfang an großzügig mit allem Notwendigen ausstatteten.
Ära Rafael Kubelík Nach Eugen Jochum kam Rafael Kubelík, der von allen Dirigenten am längsten an der Spitze des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks stand. Kubelík, geboren 1914 in Býchory bei Kolín, leitete das Orchester 18 Jahre lang und blieb ihm bis 1985 als Gastdirigent verbunden. Er brachte große internationale Erfahrung nach München mit. 1946 hatte er das Festival „Prager Frühling“ gegründet. Dieses eröffnete er mit Smetanas Mein Vaterland. Seither wird der „Prager Frühling“ alljährlich mit diesem Werk eröffnet. Bevor er nach München kam, holte sich Kubelík seine Dirigentenmeriten unter anderem beim Concertgebouw-Orchester in Amsterdam; das Chicago Symphony Orchestra wählte ihn zum Music Director. Bis 1958 fungierte er als musikalischer Leiter des Royal Opera House Covent Garden in London.
Geprägt war die Ära Kubelík von Aufführungen, die in den Medien überschwänglich gefeiert wurden. „Reines Glück mit Kubelík“ titelte Joachim Kaiser am 14. November 1966 in der Süddeutschen Zeitung nach einem Konzert mit Beethovens IV. Symphonie, dem Violinkonzert von Robert Schumann und Antonín Dvořáks VIII. Symphonie. In seiner Kritik schrieb Kaiser: „Wenn dieser Rafael Kubelík einen guten Abend hat, wenn er Werke dirigiert, die ihm liegen, – dann gibt es heute in der ganzen Konzertwelt nichts, was dem gleichkommt.“ Unter seiner Leitung wurde das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks laut FAZ zu einem „geschmeidig agierenden, klangvollen und technisch souveränen Ensemble“. Einen hohen Stellenwert räumte Kubelík den Werken slawischer Komponisten wie Smetana, Janáček und Dvořák ein. Er dirigierte Werke von Komponisten des 20. Jahrhunderts wie Karl Amadeus Hartmann. Unter Kubelík spielte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks als erstes deutsches Orchester einen Zyklus der Symphonien des in der Nazizeit verfemten Gustav Mahler ein. Darüber hinaus reichte Kubelíks breites Repertoire von Bach und Mozart über Beethoven, Schubert, Wagner und Brahms bis hin zu Reger, Pfitzner, Bartók, Debussy und Schönberg.
In seiner Funktion als Chef der wohl personalstärksten Abteilung im Bayerischen Rundfunk scheute sich Kubelík nicht, sich in die Rundfunkpolitik einzumischen. Als 1972 im Bayerischen Landtag ein neues Bayerisches Rundfunkgesetz verabschiedet werden sollte, das größere staatliche Einflussnahme auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk vorsah, protestierte Kubelík dagegen. Er drohte an, seinen Vertrag nicht zu verlängern, wenn das Gesetz Wirklichkeit werden sollte. Das Gesetz wurde neu formuliert und Kubelík blieb Chefdirigent.
Kirill Kondraschin Als sich Rafael Kubelík 1979 aus gesundheitlichen Gründen von der Leitung des Symphonieorchesters zurückzog, favorisierte das Orchester den damals 65-jährigen Kirill Kondraschin als Nachfolger. Dieser brillierte zusammen mit dem Orchester mit Schostakowitschs 13. Symphonie, die er 18 Jahre zuvor in Moskau uraufgeführt hatte. Besonders am Herzen lag Kondraschin die Fortführung der von Jochum und Kubelik entwickelten Mahler-Tradition des Orchesters. Mit Kondraschin wollte der Bayerische Rundfunk sein Symphonieorchester verstärkt im Bayerischen Fernsehen positionieren. Doch die Pläne zerschlugen sich, als Kyrill Kondraschin am 7. März 1981 noch vor seinem Amtsantritt an einem Herzinfarkt starb.
Ära Colin Davis Es dauerte vier Jahre, bis der Bayerische Rundfunk die Lücke schloss, die nach dem offiziellen Ausscheiden von Kubelik und dem plötzlichen Tod von Kondraschin entstanden war. Der Wunschkandidat des Orchesters, Colin Davis, trat im Herbst 1983 seinen Dienst als Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks an. Zuvor schon, im Januar 1983 überzeugte er die Münchner mit einer Aufführung des Opernoratorium Oedipus Rex von Igor Strawinsky. Die Süddeutsche Zeitung schrieb am 29. Januar 1983: „Es war eines jener Konzertereignisse, die gleichermaßen Gemüt und Verstand in Bewegung setzen.“
Beethovens Missa solemnis setzte Colin Davis an den offiziellen Beginn seiner Tätigkeit als Chefdirigent des Orchesters. Joachim Kaiser drückte in der Süddeutschen Zeitung seine Begeisterung ob diesen Einstands aus: „Ich erinnere mich nicht – trotz Karajan, Bernstein, Heger, Klemperer, Richter und vielen anderen –, die Missa solemnis je eindringlicher gehört zu haben.“
Es war vor allem die „Wiener Klassik“ sowie die Musik englischer Komponisten, insbesondere von Edward Elgar, Michael Tippett und Ralph Vaughan Williams, die Colin Davis in den ersten Jahren seiner Tätigkeit in München dem Publikum näher zu bringen versuchte. Er engagierte sich für die Werke von Berlioz und Sibelius, die in Deutschland noch nicht sehr bekannt waren. Mit ausgedehnten Tourneen durch die USA und Japan festigte das BR-Symphonieorchester unter Davis sein internationales Renommee. Nach neun Jahren an der Spitze des Orchesters setzte er im Mai 1992 wiederum mit einer umjubelten Aufführung der „Missa solemnis“ von Beethoven einen Schlussakzent seiner Tätigkeit als Chefdirigent des BRSO.
Ära Lorin Maazel