Architektur in der Zeit des Nationalsozialismus beschreibt Bauvorhaben in der Zeit von 1933 bis 1945 unter dem Einfluss des Nationalsozialismus. Die repräsentative Machtarchitektur des NS-Staates zeigt häufig einen stark reduzierten, durch die Moderne geprägten Neoklassizismus, der auch in anderen, demokratischen Ländern sowie der sozialistischen Architektur zu dieser Zeit üblich war. Jenseits der Staatsarchitektur setzten sich etliche bautechnische und architektonische Entwicklungen in gewandelter Form über das Kriegsende hinaus fort, viele NS-Architekten wirkten auch in der Nachkriegszeit weiter.
mini|hochkant=1.4|Beispiel für die nationalsozialistische Architektur:Das Detlev-Rohwedder-Haus an der Wilhelmstraße in Berlin-Mitte, heute Sitz des Bundesfinanzministeriums, wurde 1935 nach Plänen von Ernst Sagebiel als Reichsluftfahrtministerium gebaut
Allgemeines mini|Überreste der Zeppelinhaupttribüne in Nürnberg mini|Zeppelinwiese, 1937 mini|Militärische Zweckarchitektur des Atlantikwalls: Bunker de Watten 1943 mini|Heidelberger Thingstätte mini|Gauforum Weimar mini|Sporthalle der ehemaligen Lehrerbildungsanstalt Trier
Die Machthaber und deren Architekten und Planer beanspruchten, einen „nationalsozialistischen Stil“ auf Grundlage des ererbten Fundus europäischer Bautypologie und -morphologie entwickelt zu haben. Zugleich wurden im weitesten Rahmen zeitgenössische Strömungen sowie persönliche Anregungen des deutschen Diktators Adolf Hitler verarbeitet.
Eine dogmatische „Gleichschaltung“ des Bauens im Dritten Reich fand nicht statt, sondern äußerte sich eher durch Nichtbeachtung abweichender Architekten bei der staatlichen Groß-Bauauftragsvergabe. Manche privaten und industriellen Bauten richteten sich so auch nach 1933 noch nach dem Stil der internationalen Moderne.
Die staatliche Abneigung gegen den Modernismus manifestierte sich zugleich beispielsweise durch die Selbstauflösung des Bauhauses infolge von Repressalien. Mies van der Rohe suchte als Protagonist der Bauhausschule zwischen 1932 und 1938 noch mehrfach den Schulterschluss mit den Nationalsozialisten, um die Einrichtung im NS-Staat weiterbetreiben zu können. Die Bemühungen blieben vergeblich. Von Zeitgenossen wurde van der Rohe mitunter als Opportunist oder gar als „Steigbügelhalter des Faschismus“ bezeichnet. Im faschistischen Italien hingegen wirkte die minimalistische moderne Bewegung des Rationalismus auch in den 1930er und 1940er Jahren als Staatsarchitektur weiter. Auch in diversen NS-Projekten zeigt sich eher ein für die Moderne typischer strenger Funktionalismus, etwa im ab 1936 gebauten KdF-Seebad Prora.Johannes Schweikle: Großer Klotz und kleines Karo. In: Die Zeit. 47/2007.
Völkische Elemente, wie bei der Thingspielbewegung und den vor allem 1933–1935 gebauten Thingstätten, kamen bevorzugt in der Frühzeit des deutschen NS-Regimes zum Tragen und finden sich auch in der SS-Architektur der NS-Ordensburgen wieder. Darüber hinaus wurde die stärkere Einbeziehung von Landschafts- und Naturschutz in architektonische Planungen betont und teilweise – so personifiziert durch Alwin Seifert – auch umgesetzt.
Paul Schultze-Naumburg, der Hauptvertreter der Heimatschutzarchitektur, fiel allerdings 1935 bei Hitler in Ungnade. Zum „Stararchitekten des Dritten Reichs“ wurde Albert Speer mit einer neoklassizistischen, Elemente der Moderne aufnehmenden wie traditionelle Baugedanken und -formen zitierenden Formensprache und einer durchrationalisierten Bautechnik. An technischen und industriellen Anlagen verstand auch die Architektur des Nationalsozialismus das Gebot der Funktionalität als Kennzeichen des technologischen Fortschritts, etwa bei der Formensprache des Atlantikwalls.
Nach dem österreichischen Architekturhistoriker Helmut Weihsmann (* 1950) lassen sich sechs formal-ästhetische Tendenzen innerhalb der Bausparten feststellen: Klassizismus für Propaganda-, Staats- und Parteibauten, Heimatschutzstil für Siedlungsbauten und Ordensburgen, moderate Moderne für Wohn- und Verwaltungsbauten, pathetischer Funktionalismus für Kasernen, Heeresbauten und Industrieverwaltungsbauten, versachlichter Funktionalismus für Sportbauten und Stadien, Neue Sachlichkeit für Technik-, Industrie- und Fabrikbauten.
In den formalen Erscheinungen ist Weihsmann zufolge keine einheitliche Kunstdoktrin zu finden, unverkennbar sei eine spezifische städtebauliche Doktrin gewesen. Realisierte Vorhaben waren beispielsweise
Partei- und Regierungsgebäude Kultstätten (Thingstätten, z. B. in Heidelberg) Schulen und Quartiere für die politische und militärische Elite Stadt-, Großraums- und Verkehrsplanung Dorf(um)gestaltung im Zusammenhang mit „Heimatpflege“ Siedlungspläne für neu zu erschließende Siedlungsräume im „Großdeutschen Reich“ Heime der Hitlerjugend und anderer NS-Gemeinschaften Industriebauten und Infrastruktur (Reichsautobahnen, Brücken, Staudämme)
Selbst Maler mit architektonischen Ambitionen, maß Adolf Hitler die Größe einer Epoche an den Zeugnissen ihrer Kultur: je größer diese waren, desto erhabener war aus seiner Sicht die Epoche. Kennzeichnend für die Bedeutung, die Hitler der Architektur einräumte, waren seine Worte anlässlich der ersten Architektur- und Kunstausstellung im Haus der Deutschen Kunst in München am 22. Januar 1938:
mini|Saarländisches Staatstheater, Saarbrücken, erbaut 1935–1938 als Gautheater Saar-Pfalz
Innerhalb von 15 Jahren wollte er das gesamte Land umbauen und nahm persönlichen Einfluss auf zahlreiche Baumaßnahmen. Seine persönlichen Lieblingsarchitekten waren Paul Ludwig Troost, nach dessen Tod kurzzeitig Ludwig Ruff, später Albert Speer und Hermann Giesler, der beispielsweise Hitlers Lieblingsstadt Linz (in der er einige Jugendjahre verbrachte) im größten Maßstab umgestalten sollte. Das „Wort aus Stein“ wurde auch propagandistisch (beispielsweise mit entsprechenden Filmen) verbreitet. Je fortgeschrittener und hoffnungsloser der Kriegsverlauf und je unrealistischer die tatsächliche Realisierung, desto maßloser wurden die Pläne: Gigantomanische Gebäude, breite Freitreppen, wuchtige Pfeiler, lange und schnurgerade Prachtstraßen (sogenannte „Achsen“) und maßlose Pläne ohne praktischen Zweck, wie zum Beispiel die geplante „Halle des Volkes“ in Berlin. Die „Neugestaltungspläne“ verlangten exorbitante Mittel an Geld, Baustahl (der bald wichtiger für Rüstungsaufgaben benötigt wurde), Natursteinen (die aus ganz Europa herbeigeschafft wurden) und Arbeitskräften, die für das Deutsche Reich nur mit Mitteln der staatlichen Zwangswirtschaft sowie Ausbeutung der Nachbarstaaten (Zwangsarbeit) zu gewinnen waren. Hier ist eines der Motive Hitlers für den Angriffskrieg zu finden. Nebenbei hätten die Uniformität und die Megalomanie der Baupläne Hitlers, wie Weihsmann anmerkt, auch ohne den Bombenkrieg zur Selbstzerstörung der deutschen Innenstädte geführt. Zu den alliierten Bombenangriffen auf Berlin sind Anmerkungen Hitlers überliefert, wonach er sie zur Platzschaffung für die geplanten Neubauten eigentlich begrüßte. Und selbst die Zerstörung der Bauten wurde mit einkalkuliert, ja sie wurden mit dem ausdrücklichen Ziel gebaut, selbst noch „in Jahrtausenden“ als Ruinen eindrucksvoll zu erscheinen (sogenannte „Ruinenwerttheorie“).
mini|links|hochkant|Modell zur Umgestaltung der Reichshauptstadt Berlin in „Germania“, 1939
Berlin sollte vom Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt prunkvoll zur Reichshauptstadt Germania umgebaut und eine Stadt mit acht Millionen Einwohnern werden, München als „Hauptstadt der Bewegung“ und Nürnberg als „Stadt der Reichsparteitage“ ausgebaut, Linz zu einem herausragenden europäischen Kulturzentrum und Hamburg zum europäischen Welthandelszentrum werden. Hitler wollte ganze Stadtviertel verlegen lassen, damit seine breiten Prachtstraßen und prunkvollen Gebäude Platz fänden. Die „Gesundung der deutschen Städte“ sollte durch „Entschandelungsmaßnahmen“, „Entkernung“ und „Flächenbereinigung“ erreicht werden, wobei auf vorhandene, dem Ideal nicht entsprechende Bausubstanz keinerlei Rücksicht genommen wurde. Damit war eine bevölkerungsselektive Steuerung beabsichtigt (Beseitigung von Juden und „Asozialen“, Zerschlagung politisch unzuverlässiger Arbeiterquartiere in den Innenstädten). Die regimetreue Jugend hingegen sollte in einem weltanschaulich perfekten Rahmen aufwachsen. In der Frühzeit des Regimes entstanden an verschiedenen Orten Deutschlands NSDAP-Ordensburgen und Adolf-Hitler-Schulen, propagandistisch verklärt wurde die Einrichtung von Erholungszentren der KdF-Organisation wie beim Seebad Prora.
mini|Reichsparteitagsgelände Nürnberg – die Kongresshalle
Aber nicht nur im Deutschen Reich selbst, sondern auch in den zu erobernden Gebieten, etwa im sogenannten „Generalgouvernement“, sollten Städte erschlossen und umgestaltet werden. Europa sollte mit einem Netz von Breitspurbahnen durchzogen werden, auch Planungen für futuristische Einwegbahnen wie die Alwegbahn stammen noch aus der Kriegszeit. Himmler als „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“ wollte für die neuen deutschen Siedler im Osten Städte und Dörfer anlegen und diese durch beste Straßen verbinden. Ihm schwebte die Idee eines mit „germanischen Wehrbauern“ (zugleich Bauern und Soldaten) besiedelten Osteuropa vor, die Energieversorgung sollte durch dezentrale Windenergieanlagen nach technischen Konzepten Ulrich W. Hütters gewährleistet werden. Heinrich Himmler plante ab 1935 den Ausbau der Wewelsburg bei Paderborn als „Kultstelle“ für seine Schutzstaffel. Zuständiger Architekt war Hermann Bartels.
mini|Eingangstor der Gedenkstätte KZ Buchenwald mini|Architekturmodell des KZ Dachau
Die komplette Umgestaltung der Städte sowie die Errichtung und Vollendung der „Kultstätten“ und Prachtbauten durch die Nationalsozialisten wurden durch den Verlauf des Zweiten Weltkriegs verhindert. Parallel war bereits 1940/1941 eine Vielzahl von Fachpublikationen zu Detailaspekten des Wiederaufbaus vorgelegt worden. Diese Anstrengungen wurden ab 1943 in einem zentralen „Arbeitsstab für den Wiederaufbau bombenzerstörter Städte“ unter Leitung Albert Speers koordiniert, der faktisch auch eine militärische Niederlage mit einbezog. Die hier vertretenen Architekten und ihre planerischen und baulichen Überlegungen spielten – mit Ausnahme von Speer selbst – noch Jahrzehnte nach Kriegsende eine wichtige Rolle. Ihre modernistischen Planungen kamen unter Verzicht auf die NS-Symbolik und repräsentativer „Machtarchitektur“ fast ausnahmslos zum Tragen,Werner Durth, Niels Gutschow: Träume in Trümmern, Vieweg Verlag, Braunschweig 1988, ISBN 3-528-08706-4. Vertreter eines Wiederaufbaus im Heimatstil wurden mit Verweis auf dessen Verwendung zur NS-Zeit diskreditiert.