mini|hochkant=1.25|Bielefeld-Bethel, Tagungshaus Assapheum und Landeskirchenarchiv

Die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel (kurz: Bethel, bis 2009 v. Bodelschwinghsche Anstalten Bethel) sind ein Verbund der Stiftung Bethel, der Stiftung Nazareth, der Stiftung Sarepta, der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal und der Stiftung Eben-Ezer.

Die Stiftungen sind mit fast 26.000 Mitarbeitern das größte Sozialunternehmen in Europa und der größte Arbeitgeber in der Stadt Bielefeld. Der Hauptsitz befindet sich im gleichnamigen Ortsteil Bethel im Bielefelder Stadtbezirk Gadderbaum. Bethel ist eine diakonische Einrichtung, in der Menschen mit Behinderung, psychischen Beeinträchtigungen, Epilepsie, Alte und Pflegebedürftige, Kranke, Jugendliche mit sozialen Problemen und Wohnungslose betreut werden.

Bethel wurde im Jahr 1867 gegründet, der Arbeitsschwerpunkt befand sich lange Zeit in und um Bielefeld in Westfalen. Durch Umstrukturierungen in den vergangenen Jahrzehnten und eine Dezentralisierung der Arbeit gibt es heute in acht deutschen Bundesländern Einrichtungen. In Bielefeld arbeiten derzeit rund 9.000 der insgesamt 24.000 Beschäftigten. Die Arbeit Bethels mit 260.000 benachteiligten Menschen pro Jahr wird durch die Zahlungen der Sozialleistungsträger finanziert. Mit einem Spendenbetrag von 69,4 Millionen Euro (2023) werden viele über diese Regelfinanzierung hinausgehende Maßnahmen für die betreuten Menschen ermöglicht. Bethel gehört damit zu den 20 größten spendensammelnden Organisationen in Deutschland. Namensgeber und prägender Gestalter ist Friedrich von Bodelschwingh der Ältere.

Im Nationalsozialismus wurden in Bethels Krankenhäuser 1665 Menschen zwangssterilisiert, sieben jüdische Menschen im Rahmen der "Aktion T4" zur Tötung aus Bethel umverlegt.

Die Aufarbeitung der eigenen Involviertheit in NS-Verbrechen sowie die eigene Darstellung im Kontext des 150 jährigen Jubiläums führten zu Kontroversen.

Name und Stiftungsideal Der Name Bethel stammt von dem hebräischen Wort בית אל „Haus Gottes“ und bezeichnete den biblischen Ort Bet-El .

Das christliche Gebot der Nächstenliebe bestimmte viele Mitarbeiter in ihrem Dienst, der sie oft Tag und Nacht in Anspruch nahm. So setzten Frauen und Männer ihr Leben bewusst ein, um als Diakon oder Diakonisse Mitarbeiter im „Haus Gottes“ zu sein. Im Mittelpunkt der Arbeit Bethels standen als Ideal die Vergessenen und Ausgegrenzten der Gesellschaft, in den Worten Friedrich von Bodelschwinghs die „Menschen, die niemand haben will“. Zu Bodelschwinghs Zeiten waren das vor allem behinderte Menschen und die „Trunkenbolde, Landstreicher und Taugenichtse“. Für Friedrich von Bodelschwingh war jeder Mensch ein Geschöpf Gottes.

Geschichte Im Jahr 1867 gründete die Innere Mission eine Anstalt für Menschen mit epileptischen Erkrankungen. Am 12. Juli 1867 wurde Pastor Friedrich Simon als Anstaltsvorsteher eingeführt. Das erste Anstaltsgebäude wurde Ebenezer genannt. Es befindet sich im heutigen Bethel. 1871 wurde ein neues Gebäude errichtet und erhielt den Namen Bethel.

mini|Diakonissenmutterhaus Sarepta mini|hochkant=0.5|Deutsche Briefmarke von 1967 zum 100-jährigen Bestehen der Krankenanstalten Bethel mit dem Bild Friedrich von Bodelschwinghs des Jüngeren (1877–1946) Friedrich von Bodelschwingh der Ältere kam erst einige Jahre später dazu und leitete die schnell wachsende Anstalt von 1872 bis zu seinem Tod 1910. Sein Einfluss prägte die Anstalt so stark, dass sie später nach ihm benannt wurde. Nach seinem Tod übernahm sein Sohn Friedrich von Bodelschwingh der Jüngere die Leitung.

Als Anstaltsleiter, heute Vorstandsvorsitzender, wirk(t)en:Die Bethel-Chronik: 140 Jahre Menschlichkeit. In: bethel.de.

Friedrich Simon (1867–1872)Zu seinem Beitrag zur Entwicklung der Anstalt vgl. die Seite Anstaltsleiter der Bethel-Chronik. Friedrich von Bodelschwingh der Ältere (1872–1910) Friedrich von Bodelschwingh der Jüngere (1910–1946) Rudolf Hardt (1946–1959) Friedrich v. Bodelschwingh (Enkel von Friedrich von Bodelschwingh d. Ä.) (1959–1968) Alex Funke (1968–1979) Johannes Busch (1979–1994) Friedrich Schophaus (1994–2008) Ulrich Pohl (2008–2025) Bartolt Haase (seit 2026)Pastor Haase wird neuer Bethel-Chef in Bielefeld. In: radiobielefeld.de 10. Januar 2025, abgerufen am 2. Februar 2025.

Zu den ältesten Gebäuden der Anstalt in Gadderbaum gehören die Häuser Alt-Ebenezer (1867), Sarepta (1872–1875 im neogotischen Stil) und Groß-Bethel (1873). In Bielefeld-Gadderbaum entwickelte sich die Anstalt zu einem Versorgungszentrum mit Postamt, Handwerks- und Freizeiteinrichtungen sowie dem Kaufhaus Ophir. Die 1899 gegründete Zweiganstalt, die heutige Diakonie Freistatt, bei Diepholz prägte nachhaltig die dortige Ansiedlung.

Im Zweiten Weltkrieg wurden mehrfach einzelne Gebäude der Anstalt von alliierten Luftstreitkräften zerstört. Der folgenreichste Angriff erfolgte in der Nacht zum 19. September 1940, bei dem britische Luftstreitkräfte das Kinder-Pflegeheim Klein-Bethel mit Bomben zerstörten. Neun Kinder und zwei Erwachsene fanden dabei den Tod.

Um die Situation in Bethel in der NS-Zeit entstand im Jahr 2014 eine Kontroverse.Andreas Fasel: Wurden in Bethel Hungerexperimente durchgeführt? Welt am Sonntag, 2014, abgerufen am 9. Juli 2015. Die Juristin Barbara Degen behauptete unter anderem, im Rahmen der Aktion T 4 habe man in Bethel Kinder gezielt verhungern lassen. Bis dahin galt, dass dies in Bethel als große Ausnahme nicht geschehen sei; verantwortlich dafür sei der damalige Leiter gewesen, Friedrich von Bodelschwingh der Jüngere. Barbara Degen nannte dies die „Bethel-Legende“ und löste mit ihrer Veröffentlichung Bethel in der NS-Zeit die Kontroverse aus. Die Leitung von Bethel reagierte mit Empörung und bestritt die Vorwürfe.Stellungnahme auf www.bethel.de, abgerufen am 9. Juli 2015.

Laut Darstellung von Bethel befürwortete Bodelschwingh d. J. Eugenik, stellte sich jedoch gegen die Ermordung. Der Vorsteher der Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal, Gerhard Braune, verfasste 1940 in Abstimmung mit Bodelschwingh eine Schrift, in der die sogenannten Krankenmorde benannt werden. Das Ausfüllen der Meldebogen zu sog. „Aktion T4“ habe Bodelschwingh verweigert, jedoch im Rahmen der „T4-Ärztekommission“ Vorkategorisierung aller Patienten befürwortet, hierbei sei klar gewesen, dass die Personen der ersten drei von insgesamt sieben Kategorien getötet werden würden. Die Website von Bethel stellt dies als „Versuch Bodelschwinghs eine willkürliche Selektion zu umgehen und Abtransporte zu verhindern“, die „später den Vorwurf einer teilweisen Kollaboration“ mit dem NS-Staat zur Konsequenz hatte.

Sieben jüdische Bewohner wurden im Rahmen der „Aktion T4“ aus Bethel nach Wunstorf verlegt und dort ermordet, einige der anderen insgesamt betroffenen 16 Bewohner wurden vorher entlassen um diese Verlegung zu verhindern. Die ermordeten hießen: Dorothea Ahrndt, Reinhard Beyth, Hermann Federmann, Heinrich Jansen, Olga Laubheim, Margot Reuter und Kurt Simon.

Das Personal der Betheler Krankenhäuser hat im NS über 1665 Frauen und Männer aus zwangssterilisiert (Stand 2023), wobei sechs Menschen in diesem Zusammenhang starben. Aus den Operationsbücher ergeben sich v. a. „Epilepsie“, „Schwachsinn“ und „Schizophrenie“ als eingetragene Diagnosen. 13-mal erfolgte mit der Sterilisation zeitgleich ein Schwangerschaftsabbruch.

Bethel setzte mindestens 366 Zwangsarbeiter ein.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fanden zahlreiche NS-Täter und deren Angehörigen in Bethel Unterschlupf. Die Journalisten Schröm und Röpke haben im Detail belegt, dass unter anderen Margarete Himmler und ihre Tochter Gudrun dort ab Ende 1946 lebten. Die Unterbringung von Familie Himmlers wurde damals seitens der Anstaltsleistung mit dem christlichen Grundsatz der Vergebung begründet. Gudrun Himmler, die spätere Gudrun Burwitz, war bis zu ihrem Tod im Jahr 2018 für den Verein Die Stille Hilfe führend tätig. Ernst Gerke, zu Beginn des Zweiten Weltkriegs maßgeblich an der Deportation der Breslauer Juden beteiligt, wurde später Chef der Gestapo in Prag und unter anderem Chef des NS-Täters Anton Malloth. Der frühere SS-Führer Gerke arbeitete ab 1957 unter seinem Familiennamen als Justitiar der Bodelschwinghschen Anstalten, später wurde er Verwaltungsleiter von Bethel.

Die Entnazifizierung von Mitarbeitern ist nicht ausreichend beforscht.

Struktur Die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel sind ein Verbund aus fünf eigenständigen, kirchlichen Stiftungen privaten Rechts: Stiftung Bethel Stiftung Nazareth Stiftung Sarepta Hoffnungstaler Stiftung Lobetal (seit 2011) Stiftung Eben-Ezer (seit 2022)

Laut Satzungen der zusammengeschlossenen Stiftungen sind die Stiftungsorgane der Verwaltungsrat und der Vorstand, der seit Anfang 2026 aus nur noch vier Personen besteht. Der Verwaltungsrat bestellt die einzelnen Vorstandsmitglieder und auch den(die) Vorstandsvorsitzende(n), der(die) Pastor(in) sein soll.

Bestimmte Teile der Stiftungen und einzelne der unten genannten Tochtergesellschaften hat Bethel nach inhaltlichen und regionalen Gesichtspunkten zu Stiftungsbereichen mit eigener Leitung zusammengefasst, dazu gehören: Stiftungsbereich Bethel.regional, Teil der Stiftung Bethel, Behindertenhilfe überwiegend in NRW Stiftungsbereich proWerk, Teil der Stiftung Bethel, WfbM im Raum Bielefeld Stiftungsbereich Schulen, Teil der Stiftung Bethel, Schulen in Bielefeld Stiftungsbereich Bethel im Norden, Diakonie Freistatt und Tochtergesellschaften der Stiftung Bethel in Niedersachsen ehem. Stiftungsbereich Altenhilfe, mittlerweile i. W. Altenhilfe Bethel OWL gGmbH und Pflege- und Betreuungsdienste Bethel gGmbH

Die Stiftungen sind unmittelbar oder mittelbar an verschiedenen Tochtergesellschaften beteiligt, bei denen es sich im Wesentlichen – aber nicht nur – um gemeinnützige Gesellschaften (gGmbH) handelt. Einige wichtige Beteiligungen sind: mehrere Gesellschaften, die aus dem ehemaligen Birkenhof e. V., Hannover, hervorgegangen sind Bethel-Bremen gGmbH, Bremen Evangelisches Klinikum Bethel gGmbH, Bielefeld Evangelisches Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge gGmbH, Berlin Fachhochschule der Diakonie (FHdD) gGmbH, Bielefeld (seit 2006) Gemeindepsychiatrischer Verbund und Altenhilfe (GPVA) gGmbH, Berlin Diakonie-Hospiz Lichtenberg gGmbH, Berlin In der Gemeinde leben gGmbH, Düsseldorf Institut für Diagnostik der Epilepsien gGmbH, Berlin Medizinisches Versorgungszentrum Bielefeld am EvKB GmbH, Bielefeld proJob.Bethel gGmbH, Bielefeld

Stiftungsbereich Bethel im Norden Der Stiftungszweig Bethel im Norden entstand im Jahr 2007 durch den Zusammenschluss des Birkenhof e. V. in Hannover mit der Diakonie Freistatt, einem bei Diepholz gelegenen Teil der Stiftung Bethel. Der Birkenhof ist vor allem in der Alten- und Jugendhilfe tätig. Aus dem Jahr 1910 sind erste Bildungsmaßnahmen im Birkenhof bekannt. 1947 wurde ein Heimerzieherinnenseminar gegründet. Heute umfasst das Bildungszentrum Birkenhof Ausbildungen im Bereich der Sozialpflege und Sozialassistenz, Altenpflege und Heilerziehung. Insgesamt werden jährlich etwa 600 Schüler ausgebildet. Zudem ist Bethel im Norden mit einem Fachzentrum Kinder-, Jugend- und Familienhilfe und der Jugendhilfe Birkenhof gGmbH im Bereich der Jugendhilfe aktiv und unterhält mehrere Altenheime in Hannover und Langenhagen sowie in Freistatt. Bethel im Norden gehört zu den größten Anbietern für Altenhilfe in der Diakonie Niedersachsen. Die Diakonie Freistatt kümmert sich um Wohnungslose und sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche und betreibt eine Förderschule. Zudem gibt es Angebote der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen, eine WfbM und Einrichtungen zur Suchtbekämpfung.

Bethel im Norden zählt rund 1550 Mitarbeiter. Die Geschäftsstelle hat ihren Sitz auf dem Gelände des früheren Birkenhofs in Hannover. Seit November 2023 ist Thorsten Nolting einer von drei Geschäftsführerinnen von Bethel im Norden.Beleg Geschäftsführung Bethel im Norden

Stiftungsbereich proWerk