mini|Sun Studio (2002)
Sun Records ist ein US-amerikanisches Independent-Label, das 1952 von dem Hobbymusiker Sam Phillips in Memphis, Tennessee, gegründet wurde. Das Label war trendsetzend für die Entwicklung des Rhythm and Blues, der Rockabilly- und der Rock-’n’-Roll-Musik.
Produktionen für andere Plattenlabels Bevor Autodidakt Samuel Cornelius Phillips die Idee eines eigenen Plattenlabels umsetzte, eröffnete er am 3. Januar 1950 in einem ehemaligen Heizungsreparaturladen in der 706 Union Avenue das Tonstudio Memphis Recording Service. In diesem Studio wurden mit einem transportablen Direktaufnahmegerät Presto PT900 und 6N, das unmittelbar auf Schallplatte aufnahm, ausschließlich Aufnahmen für fremde Plattenlabels produziert.
Die ersten Aufnahmen im neuen Studio machte im Juli 1950 Joe Hill Louis mit Gotta Let You Go / Boogie in the Park, das im August 1950 erschien. Der erste kommerzielle Auftrag für eine Aufnahme kam von Modern Records, für die der noch unbekannte Blues-Sänger B. B. King im Juli 1950 die Studios besuchte. Er spielte vier Titel ein,Sebastian Danchin: B.B. King, 2003, S. 82. die als Mistreated Woman / B.B. Boogie (RPM #304) und The Other Night Blues / Walkin’ And Cryin’ (RPM #311) auf zwei Singles verteilt wurden. Am 27. Juli 1950 entstand I Feel Like A Million / Heartache Baby für Joe Hill Louis (Modern #795).
Von da an waren die Auftragsbücher des jungen Tonstudios gut gefüllt. Phillips orientierte sich in der folgenden Zeit zunächst stark am Rhythm and Blues; seine Künstler waren fast ausschließlich Schwarze, was im sozialen Klima der damaligen Südstaaten nicht einfach war.
Am 5. August 1950 entstanden Cool Down Mamma / Schoolboy von Lost John Hunter & His Blind Bats (FourStar #3726) und Save a Little Love for Me / Skunk Hollow Boogie vom weißen Country-Musiker Slim Rhodes (Gilt-Edge #5015). Modern Records blieb mit B. B. King, Rosco Gordon und Big Walter Horton weiterhin Hauptkunde des Tonstudios. Am 8. Januar 1951 war King erneut im Studio, um Don’t You Want a Man Like Me / My Baby’s Gone (RPM #318) aufzunehmen. Im Februar 1951 nahm Rosco Gordon City Women / Roscoe’s Boogie (RPM #322) auf; die Single erschien im April 1951.
Am 5. März 1951 entstand dort auch das als erste Rock-’n’-Roll-AufnahmeRick Kennedy, Randy McNutt: Little Labels – Big Sound, 1999, S. 92. geltende Rocket “88” von Jackie Brenston mit Komponist Ike Turner am Klavier. Die Platte wurde von Chess Records (#1458) vertrieben.
King nahm im Januar und Mai 1951 B B Blues / She’s Dynamite (RPM #323) auf. In seinen frühen Sun-Sessions fungierte B. B. King jedoch kaum als Blues-Sänger, da seine und Calvin Newborns Gitarren Kings Stimme übertönten.Richard Kostelanetz, Jesse Reiswig: The B.B. King Reader – 6 Decades of Commentary, 2005, S. 186. Am 30. April 1951 wurde der Terminplan des Studios von Joe Hill Louis erweitert, der hier Gotta Go Baby / Big Legged Woman (Modern #839) aufnahm. Am 14. Mai 1951 kam Howlin’ Wolf in die Studios, um Moanin’ at Midnight / How Many More Years aufzunehmen (Chess #1479, August 1951). Ein Teil der bisherigen Aufnahmen war durch zwei aufnahmetechnische Eigenheiten geprägt. Einerseits wurden die Stimmen oft mit übermäßig viel Echo unterlegt, andererseits wurde der Tonpegel leicht übersteuert, sodass ein verzerrter Höreindruck entstand.
Eigenes Plattenlabel
Am 27. März 1952 gründete Phillips mit Sun Records sein eigenes Plattenlabel. Auf diese Weise blieben sowohl die Produktions- als auch die Vertriebseinnahmen in einer Hand. Erste Platte im Katalog (Sun #174) war die am 1. März 1952 entstandene Single Blues in My Condition / Sellin’ My Whiskey für „Little“ Walter Horton, die jedoch wegen Kritik der Radiostationen unveröffentlicht blieb. Erst Sun #175 mit Johnny London und den Titeln Drivin‘ Slow / Flat Tire erschien im März 1952 offiziell in den Plattenläden. Am 8. März 1953 produzierte Phillips mit dem örtlichen Radio-DJ Rufus Thomas den Titel Bear Cat (#181, veröffentlicht am 4. April 1953), der als Antwort-Song auf Big Mama Thorntons zuvor erschienene Platte Hound Dog konzipiert war. Phillips hatte den Text des Originals leicht verändert und ließ sich als Komponist registrieren. Durch die auffällige Ähnlichkeit auch der Melodie zu Hound Dog wurde Sun Records im August 1953 von Peacock Records wegen Urheberrechtsverletzung verklagt und Peacock gewann.Rick Kennedy, Randy McNutt: Little Labels – Big Sound, 1999, S. 74. Sam Phillips musste deswegen an Peacock Records zwei Cents pro verkaufter Platte zahlen und überwies letztlich eine Summe von etwa 20.000 US-Dollar Schadensersatz,Amanda Petrusich: It Still Moves: Lost Songs, Lost Highways And The Search for the Next American Music, 2008, S. 40. was den Schluss auf etwa eine Million Plattenumsätze zulässt. Bear Cat war der erste Titel, der von Sun Records in eine Hitparade gelangte (Platz drei der Rhythm-&-Blues-Charts).
Am 1. Juni 1953 nahm Phillips den Gesang von fünf Strafgefangenen auf, die sich ihrer Situation entsprechend The Prisonaires nannten und ihren selbstkomponierten Titel Just Walking in the Rain präsentierten, der am 8. Juli 1953 auf den Markt kam und über 250.000 Mal verkauft wurde. Sie erhielten vom Gouverneur die Erlaubnis, das Gefängnis zu verlassen und im Tonstudio aufzunehmen.Jay Warner: American Singing Groups, 2006, S. 280. Eine spätere Coverversion von Johnnie Ray erbrachte einen Umsatz von zwei Millionen Exemplaren. 1954 wurde das Studio mit zwei Ampex-350-Geräten aufgerüstet.
Die Entdeckung Presleys miniatur|hochkant|Von Elvis Presley verwendetes Shure 55S-Mikrofon Im August 1953 kam Elvis Presley ins Tonstudio, um mit My Happiness und That’s When Your Heartaches Begin eine Platte für private Zwecke zu besingen. Am 4. Januar 1954 nahm Presley Casual Love Affair und I’ll Never Stand in Your Way auf und traf dabei auf Sam Phillips. Am 27. Juni 1954 lernte Presley seine Begleitmusiker Scotty Moore und Bill Black kennen, die gemeinsam für die folgende Woche einige Songs einübten.
Am 5. Juli 1954 fand Presleys erste kommerzielle Aufnahmesession bei Sun Records statt. Die erste Aufnahme war Harbor Lights, dann folgten I Love You Because und That’s All Right. Am nächsten Tag wurde Blue Moon of Kentucky eingespielt. Am 7. Juli 1954 präsentierte der Radio-DJ Dewey Phillips, der nicht mit Sam Phillips verwandt war, beim Memphis-Sender WHBQ als erster eine Platte von Elvis Presley, und zwar die Demo-Aufnahme von That’s All Right. Als am 19. Juli 1954 That’s All Right / Blue Moon Of Kentucky auf Sun #209 erschien, begann die Karriere von Elvis Presley – allerdings mit knapp 20.000 verkauften Exemplaren eher bescheiden. Presley behielt den überwiegend regionalen Charakter, solange er bei Sun Records unter Vertrag blieb.Rick Kennedy, Randy McNutt: Little Labels – Big Sound, 1999, S. 97.
Andere bekannte Sun-Künstler miniatur|Sun-Records-Gedenktafel „Ich suchte nach Leuten, die entrechtet waren. Sie waren politisch und wirtschaftlich entrechtet, und – um die Wahrheit zu sagen – sie waren auch musikalisch entrechtet“, sagte Phillips in einem Interview über die Suchrichtung für seine Talente.David Halberstam: The Fifities, 1993, S. 470 Aufmerksam geworden durch den noch bescheidenen Erfolg von Elvis Presley, zog es einige Talente in Richtung Memphis.
Von den späteren großen Stars kam als erster Johnny Cash in die Studios, um zunächst Gospelmusik vorzuspielen.Patrick Carr: Johnny Cash, 1998, S. 101 Am 22. März 1955 entstand mit Hey! Porter und im Mai 1955 nach 35 Takes Cry, Cry, Cry (#221). Letzterer Titel erreichte nach Veröffentlichung am 21. Juni 1955 Rang 14 der Country-Charts. Ende Juli nahm Cash den Titel Folsom Prison Blues auf, der im Dezember 1955 veröffentlicht wurde und auf Platz vier der Country-Charts stieg. Johnny Cash übertraf die Plattenumsätze von Elvis Presley bei weitem, solange dieser bei Sun Records unter Vertrag stand.James Dickerson: Going Back to Memphis, 1996, S. 102.
Als nächster erschien Carl Perkins, der am 11. Juli 1955 Let The Jukebox Keep On Playing / Gone, Gone, Gone (#224) aufnahm. Am 27. März 1956 entsteht von Roy Orbison Ooby Dooby, das mit Go! Go! Go! auf Sun #242 im Mai 1956 veröffentlicht und 350.000 Mal verkauft wurde. Der Song wurde im Februar 1955 von Dick Penner und Wade Moore geschrieben, die im April 1957 als Wade & Dick unter Sun #269 die Single Bop Bop Baby veröffentlichten. Orbisons Erfolg bei Sun Records war jedoch begrenzt, da er sich mit Sam Phillips weder über das zu verwendende Songmaterial noch über die Stilrichtung seiner Musik einigen konnte. Unter der Aufsicht von Jack Clement wurde am 14. November 1956 erstmals Jerry Lee Lewis aufgenommen, und Crazy Arms / End Of the Road kam am 1. Dezember 1956 als Sun #259 auf den Markt.
Eine spontane Jam-Session, bei der die Tonbänder mitliefen, wird retrospektiv als „Million Dollar Quartet“ bezeichnet. Teilnehmer dieser Session am 4. Dezember 1956 waren der gelegentlich noch in den Sun-Studios auftauchende Elvis Presley, der Ende 1955 zu RCA gewechselt hatte, Johnny Cash, Jerry Lee Lewis und Carl Perkins.
Millionenseller Der erste millionenfach verkaufte Hit war Blue Suede Shoes / Honey Don’t, komponiert und gesungen von Carl Perkins und veröffentlicht unter Sun #234 am 1. Januar 1956. Zweiter Millionenseller wurde das am 1. Mai 1956 veröffentlichte I Walk the Line / Get Rhythm von Johnny Cash (#241).
Mit Whole Lotta Shakin’ Goin’ On / It’ll Be Me (#267) von Jerry Lee Lewis konnten nach Veröffentlichung am 27. Mai 1957 mit anfangs drei Millionen Umsatz die ersten beiden Millionenseller deutlich übertroffen werden. Lewis war es, der mit Great Balls of Fire / You Win Again (3. November 1957, #281) Sun Records den vierten Millionenseller bescherte. Als im September 1957 noch Raunchy von Bill Justis zur Liste der Sun-Millionenseller hinzukam, war Sun Records zum erfolgreichsten Independent-Label der USA aufgestiegen und bekam auch internationale Bedeutung. Breathless / Down the Line (#288) von Jerry Lee Lewis erschien 1958 und verkaufte sich 500.000 Mal. Insgesamt brachten die Lewis-Platten dem Label neun Goldene Schallplatten ein.
Der „Sun-Sound“ In den ersten Jahren gab es bei Sun Records kaum Studiomusiker für das Label. Phillips konzentrierte sich auf Rhythm-and-Blues-Musiker, die entweder ihre eigene Band hatten oder von Gruppen befreundeter Musiker begleitet wurden. Einige Musiker wie Joe Hill Louis brauchten nicht einmal eine Hintergrundband.
Trotz heterogener Aufnahmen und unterschiedlicher Gesangsstile können bei vielen Titeln des Sun-Records-Labels Gemeinsamkeiten festgestellt werden. Ab 1955 setzte Phillips verstärkt Session-Musiker ein, die bei fast allen Aufnahmen mitwirkten. Der Sound war bestimmt durch eine Mixtur aus Country- und Rhythm-&-Blues-Elementen, die als „Rockabilly“ bezeichnet wurden.
Mit der Ankunft Billy Lee Rileys bei Sun erschien auch die spätere Studioband, die „Little Green Men“. Die Besetzung der Gruppe variierte, ihr Kern bestand jedoch aus Musikern, die für den typischen „Sun-Sound“ sorgten.
Die nachfolgende Liste bietet einen Überblick über Suns Studiomusiker der 1950er-Jahre: Gitarre: Roland Janes (1956–1959), Brad Suggs (1956–1961), Al Hopson Bass: Marcus Van Story (1954–1957), Stan Kesler (1956–1959), Marvin Pepper (1956–1957), Jimmy Evans (1956) Schlagzeug: Johnny Bernero (1955–1957), Jimmy Van Eaton (1956–1959), Jimmie Lott (1955–1959) Klavier: Smokey Joe Baugh (1955–1957), Jimmy Wilson (1956–1958), Jerry Lee Lewis (1956–1957), Charlie Rich (1957–1964) Saxophon: Bill Justis (1957–1959) Fiddle: Bill Cantrell (1954–1956) Steel guitar: Stan Kesler (1954–1959)
Aufnahmetechnik