Als Humankapital () wird in den Wirtschaftswissenschaften das Leistungspotential des in einer Gesellschaft, einem Unternehmen oder anderen Personenvereinigungen vorhandenen Arbeitskräfte oder Personals verstanden.

Abzugrenzen ist das Humankapital von sozialem Kapital.

Allgemeines Humankapital ist die wörtliche Übersetzung des , eine Wortkombination aus „menschlich“ (Ursula Hermann, Knaurs etymologisches Lexikon, 1983, S. 201; ISBN 3-426-26074-3) und „Kapital“, also etwa „menschliches Kapital“. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass es in Unternehmen neben dem bilanziellen Kapital (Eigenkapital, Fremdkapital) eine weitere, aus der Bilanz nicht unmittelbar ablesbare Größe gibt – nämlich die Arbeitskräfte. Die Vereinten Nationen definierten 1997 „Human capital“ im Rahmen ihrer Demografie- und Bevölkerungsstatistik als „produktiver Wohlstand, verkörpert durch Arbeit, Fähigkeiten und Kenntnisse.“United Nations (Hrsg.): Glossary of Environment Statistics, Series F/No. 67, 1997:

Das Humankapital steht im Mittelpunkt der Bildungsökonomik, bringt dort den ökonomischen Wert der Bildung zum Ausdruck und bezeichnet die Summe aller Kompetenzen, die ein Mensch im Laufe seiner Entwicklung – vor allem durch Erziehung und Bildungsprozesse – erwirbt.Reinhold Weiß, Bildungsökonomie, in: Heidemarie Kemnitz/Klaus-Peter Horn/Winfried Marotzki/Uwe Sandfuchs (Hrsg.): Klinkhardt Lexikon Erziehungswissenschaft, Band 2, 2013, S. 172 Auch Learning by Doing, Know-how oder Training on the job sind Lernprozesse des Humankapitals.

Entstehungsgeschichte Die ersten Ansätze von dem, was heute den Begriffsinhalt des Humankapitals ausmacht, stammen aus der Volkswirtschaftslehre.

Als erster versuchte William Petty im Jahre 1676, den Geldwert des „human capital“ – den Begriff benutzte er nicht – durch den Vergleich eines Soldatenlebens, das im Krieg verloren ging als gleichwertig mit den für diesen Soldaten ausbleibenden künftigen Arbeitseinkommen.William Petty, Political Arith-metick (sic), 1676, passim Daniel Bernoulli hielt 1738 alle materiellen Vermögenswerte der Unternehmen für weniger wertvoll als deren Produktionsfähigkeit.Daniel Bernoulli, Exposition of a new Theory of the Measurement of Risk, 1738, S. 23 ff. Dies versuchte Bernoulli an einem Beispiel zu verdeutlichen. Ein Mann, der jährlich 10 Dukaten durch Betteln verdiene, werde wahrscheinlich ein Angebot von 50 Dukaten ablehnen, wenn er deswegen das Betteln aufgeben werde. Bernoulli meinte, dass die 50 Dukaten nicht sein wahres Vermögen kompensieren würden, das über das Einkommen von 10 Dukaten hinaus in der Fähigkeit bestünde, beim Betteln erfolgreich zu sein.Günther Schmid, Übergänge am Arbeitsmarkt, 2011, S. 77

Adam Smith nannte 1776 in seinem Hauptwerk Der Wohlstand der Nationen vier Formen von fixem Kapital:

Maschinen und Werkzeuge, Gebäude, Verbesserungen von Grund und Boden, die erworbenen, nützlichen Fähigkeiten aller Bewohner oder Mitglieder einer Gesellschaft. Wegen der vierten Kategorie wird Adam Smith daher als ein früher Vorläufer der Humankapitaltheorie genannt. Im Wohlstand der Nationen definierte er es folgendermaßen:Adam Smith, An Inquiry Into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, Band II, 1776, S. 11

Johann Heinrich von Thünen äußerte 1875 Bedenken, die Begriffe „Human“ und „Kapital“ simultan zu verwenden, also zu fragen, was der Mensch koste, welches Kapital in ihm enthalten sei.Johann Heinrich von Thünen, Der isolierte Staat in Beziehung auf Landwirtschaft und Ökonomie, 3. Auflage, 1875, S. 145 Für Alfred Marshall stand 1890 fest: „Das wertvollste Kapital ist das in Menschen investierte“.Alfred Marshall, Principles of Economics, 1890, S. 469

Den eigentlichen Begriff des „human capital“ prägte 1928 Arthur Cecil Pigou. Es gebe einen Sachverhalt, wonach sowohl Investitionen in „human capital“ als auch in materielles Kapital möglich seien.Arthur Cecil Pigou, A Study in Public Finance, 1928, S. 29 ff. W. Arthur Lewis gilt mit seinem 1954 erschienenen Artikel „Economic Development with Unlimited Supplies of Labour“ als einer der Begründer der Entwicklungsökonomie und des Humankapital-Konzeptes.

Milton Friedman fügte 1957 dem Vermögensbegriff noch das Arbeitsvermögen () als Vermögen in Gestalt menschlicher Kenntnisse und Qualifikationen hinzu.Milton Friedman, A Theory of the Cosumption Function, 1957, S. 16. Durch die Gegenüberstellung mit dem Sachkapital ergibt sich dann: , wobei unter „human wealth“ der Gegenwartswert aller zukünftig erwarteten Arbeitseinkommen der Arbeitskraft zu verstehen ist. Arbeitsvermögen stellt somit die (abgezinsten), in Geld bewerteten Fähigkeiten einer Arbeitskraft dar, Einkommen zu erzielen.

Die moderne neoklassische Verwendung des Begriffs geht auf den Artikel von Jacob Mincer „Investment in Human Capital and Personal Income Distribution“ aus dem Jahre 1958 zurück. Theodore W. Schultz trug ebenfalls zur Entwicklung des Konzeptes bei. Er argumentierte 1961 im Rahmen seiner von ihm mit begründeten Humankapitaltheorie, dass die Arbeitsproduktivität durch Investitionsausgaben in Ausbildung, Gesundheit, höher qualifizierte Arbeit und Training on the job gesteigert werden könne.Theodore Schultz, Investment in Human Capital, in: American Economic Review 51, 1961, S. 1–17 Die Vereinten Nationen wiesen 1962 darauf hin, dass eine Verbesserung der Situation in der Dritten Welt am wahrscheinlichsten durch den Aufbau von Know-how und die Investition in Human Capital zu bewältigen sei.United Nations (Hrsg.): Human Development Report, 1962, S. 99 ff. Die bekannteste Anwendung des Konzepts in der Wirtschaftswissenschaft ist von Jacob Mincer und Gary Becker. Beide gehören der Chicagoer Schule an. Beckers Buch aus 1964 mit dem Titel Human Capital wurde für viele Jahre ein Standardwerk. In dieser Sicht lässt sich Humankapital behandeln, wie jedes andere Kapital (etwa Fabriken und Maschinen): Man kann darin investieren (etwa durch Bildung, Fortbildung etc.) und die Leistung des Individuums hängt zumindest teilweise von seinem Humankapital ab. Deshalb ist Humankapital ein Produktionsfaktor, bei dem höhere Investitionen zu höheren Renditen führen können. Humankapital ist substituierbar, aber nicht transferierbar, wie Land, Maschinen und Werkzeuge.

Ein historisch verwandter Begriff ist das Personalvermögen nach Gerhard E. Ortner (1982), das eine Teilmenge des Humankapitals darstellt.Gerhard E. Ortner, Personalvermögensrechnung: Zur Übertragung des Humankapital-Konzepts auf die betriebliche Personalînfrastruktur, in: Herbert Schmidt (Hrsg.), Humanvermögensrechnung, 1982, D 357 ff.; ISBN 978-3-11-008853-3

Humankapital wurde in Deutschland 2004 zum Unwort des Jahres mit der Begründung gekürt, dass Menschen nur noch zu ökonomisch interessanten Größen degradiert würden.Philipp R Kojan, Der Einfluss von Human Capital auf den Unternehmenswert, 2008, S. 1 Diese Begründung offenbarte laut Wirtschaftswissenschaftlern die fehlende Fachkenntnis und den mangelhaften Überblick der Jury über diesen in der Fachliteratur positiv konnotierten Begriff (siehe unten).

Volkswirtschaftslehre In der Volkswirtschaftslehre ist Humankapital das in ausgebildeten und qualifizierten Arbeitskräften repräsentierte Leistungspotential der Bevölkerung (Arbeitsvermögen).Ute Arentzen/Eggert Winter, Gabler Wirtschafts-Lexikon, Band 3, 1997, S. 1797 Die Akkumulation von Humankapital beginnt bei der Vorschulerziehung über die betriebliche WeiterbildungMichael Hohlstein, Lexikon der Volkswirtschaft, 2009, S. 331 f. und endet mit Learning by Doing. Auch wenn es weniger quantifizierbar ist, lässt sich Humankapital in vielerlei Hinsicht analog mit dem Realkapital vergleichen. Beide erhöhen die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft zur Produktion von Gütern und Dienstleistungen und beide stellen einen produzierten Produktionsfaktor dar.Michael Hohlstein, Lexikon der Volkswirtschaft, 2009, S. 332

Die endogene Wachstumstheorie geht davon aus, dass es nur einen Produktionsfaktor gibt, der einen umfassenderen Begriffsinhalt besitzt: das Kapital. Es ist sowohl physisch in Form des Geldkapitals oder Kapitalvermögens zu verstehen als auch als Humankapital, das auf das Geldkapital einwirkt (etwa durch Learning by Doing) und dabei der Grenzertrag bei einem zunehmenden Einsatz nicht null werden kann; hierdurch könnten permanente Wachstumseffekte erzeugt werden.Springer Fachmedien Wiesbaden (Hrsg.): Kompakt-Lexikon Wirtschaftstheorie, 2013, S. 287 Die Produktion von Humankapital erfordert den Einsatz von Humankapital und eines Teils der Sachgüterproduktion . Diese Produktionsfunktion ist im Romer-Modell linear-homogen,Paul M. Romer, Two Strategies for Economic Development: Using Ideas and Producing Ideas, in: World Bank (Hrsg.): Proceedings of the World Bank Annual Conference on Development Economics, 1993, S. 64 , so dass beide Faktoren sinkende Grenzerträge aufweisen.

Gegenwärtig betrachtet man zumeist Bildungsabschlüsse oder die Anzahl der absolvierten Schuljahre, um Humankapital verschiedener Bevölkerungsgruppen zu messen und zu vergleichen. In wirtschaftshistorischen Kontexten ist dies aufgrund der Datenlage und aus Gründen der Vergleichbarkeit jedoch häufig nicht nötig. Daher werden verschiedene Methoden angewendet, um Alphabetisierung oder Rechenfähigkeiten zu messen. Eine solche Methode ist Age Heaping, bei dem der Anteil derjenigen ermittelt wird, die ihr Lebensalter „korrekt“ angeben können. Diese Methode wird beispielsweise von Franziska Tollnek und Jörg Baten (2017) genutzt, um die Rolle verschiedener Berufsgruppen bei der Bildung von Humankapital zu analysieren. Sie fanden heraus, dass diese nicht nur in den Städten stattfand, sondern auch Bauern einen großen Teil zur Humankapitalbildung und somit zum wirtschaftlichen Wachstum beitrugen.

Durch das erweiterte Solow-Modell mit Einbeziehung von Humankapital bei der nach der Cobb-Douglas-Produktionsfunktion produziert wird, kann nahezu vollständig erklärt werden, warum manche Staaten ärmer sind als andere (siehe Solow-Modell#Empirische Anwendungen).N. Gregory Mankiw/David Romer/David Weil, A contribution to the empirics of economic growth, in: The quarterly Journal of economics, 1992, S. 407–437, hier: S. 409.

Betriebswirtschaftslehre Die volkswirtschaftliche Humankapitaltheorie war der Ausgangspunkt und das Fundament des (Mitte der 1960er Jahre in den USA) und der Humanvermögensrechnung (Mitte der 1970er Jahre in Deutschland), in denen eine Übertragung des Gedankenguts auf den betrieblichen Bereich vorgenommen wurde.

Humankapital ist in der Betriebswirtschaftslehre das Leistungspotential, das vom Personal eines Unternehmens für den Arbeitseinsatz eingebracht oder angeboten werden könnte.Klaus Spremann/Oliver P. Pfeil/Stefan Weckbach, Lexikon Value-Management, 2001, S. 229 f. Das Leistungspotenzial äußert sich in der Arbeitsbereitschaft, der QualifikationUte Arentzen/Heike Schule/Heiner Brockmann/Thorsten Hadeler, Gabler Volkswirtschafts-Lexikon, Band 1, 1996, S. 483, den Erfahrungen und dem Know-how der Mitarbeiter. Ausbildung und Qualifizierung werden durch betriebliche Investitionen (Personalkosten) erreicht, die ebenfalls Humankapital genannt werden. Diese Investitionen werden bei einem Arbeitgeberwechsel erkennbar, weil der neue Arbeitgeber durch einen positiven externen Effekt von der Qualifikation des neuen Mitarbeiters profitiert.Ute Arentzen/Heike Schule/Heiner Brockmann/Thorsten Hadeler, Gabler Volkswirtschafts-Lexikon, Band 1, 1996, S. 340