mini|Fritjof Capra (2010) Fritjof Capra (* 1. Februar 1939 in Wien) ist ein österreichisch-US-amerikanischer Physiker, Systemtheoretiker, Philosoph, Managementtrainer und Autor.
Er versucht, mit einem esoterisch, spirituell, ganzheitlichen Ansatz eine Verbindung zwischen östlicher Mystik und moderner Physik herzustellen und setzt sich für eine nachhaltige ökologische Lebensweise in einer globalen Zivilgesellschaft ein. Mitte der 1970er bis in die 1980er Jahre galt er als einer der Hauptvertreter der esoterischen „New-Age-Bewegung“, ein Begriff, der später nicht mehr als Selbstbezeichnung verwandt wurde, sondern eine abwertende Bedeutung erhielt. Capra distanzierte sich daraufhin von dieser Bewegung.Thomas Angeli: Interview mit Fritjof Capra in der Zeitschrift „BeobachterNatur“, Ausgabe 03/2009. Er ist Gründungsdirektor des Center for Ecoliteracy in Berkeley, Kalifornien, welches sich für die Förderung von Ökologie und Systemdenken im schulischen Kontext einsetzt. Er ist Fellow des Schumacher College, einem internationalen Zentrum für ökologische Studien in England. Zudem wurde ihm von der Universität Plymouth, der Universität Messina und der Universität Wien die Ehrendoktorwürde verliehen. Er lebt mit seiner Frau und Tochter in Berkeley in Kalifornien.
Biografie Fritjof Capra wurde 1939 als Sohn des Wirtschaftsjuristen sowie SS-Hauptsturmführers und persönlichen Referenten des Wiener Gauleiters Odilo Globocnik, Heinz Capra und der nationalsozialistischen Schriftstellerin Ingeborg Capra-Teuffenbach geboren.Denis Stern: Die völkische Schriftstellerin Ingeborg Teuffenbach. PDF, Bachelor-Arbeit an der Universität Osnabrück. Seine Kindheit verbrachte er auf dem Land im Lavanttal/Kärnten, bis die Familie 1951 nach Innsbruck/Tirol zog. Der Vater vermittelte ihm als Hobbyphilosoph erste Zugänge zur fernöstlichen Weisheit. Er promovierte 1966 an der Universität Wien in theoretischer Physik. Er forschte und lehrte von 1966 bis 1968 auf dem Gebiet der Hochenergiephysik an der Pariser Sorbonne, von 1968 bis 1970 an der University of California, Santa Cruz, und 1970 am Stanford Linear Accelerator Center sowie 1971 bis 1974 am Imperial College London, University of London. Anschließend war er von 1975 bis 1988 am Ernest Orlando Lawrence Berkeley National Laboratory der UC Berkeley tätig. Darüber hinaus lehrte er an der U.C. Santa Cruz und der San Francisco State University, publizierte einige technische Artikel und beschäftigte sich mit den Parallelen („Konvergenz“) zwischen östlicher Mythologie, Mystik und Philosophie auf der einen sowie moderner Physik auf der anderen Seite, wozu er mehrere Bücher veröffentlichte, zeitweise mit hohen Auflagen.
Sein bekanntestes Buch ist Das Tao der Physik (1975), welches in mehr als 40 Sprachen veröffentlicht wurde. Ursprünglich wollte er eine Arbeit über Elementarteilchenphysik verfassen und war deshalb in Kontakt mit seinem Landsmann, dem Kernphysiker Victor Weisskopf. Sein Vorgesetzter in Santa Cruz, Michael Nauenberg, überzeugte ihn aber, ein populärwissenschaftliches Buch zu schreiben. In der Bundesrepublik am weitesten verbreitet als Manifest des New Age war sein 1983 erschienenes, immer wieder aufgelegtes Buch Wendezeit. Zu Marilyn Fergusons kurz zuvor veröffentlichter esoterischer Schrift Die sanfte Verschwörung. Persönliche und gesellschaftliche Transformation im Zeitalter des Wassermanns,Sphinx, Basel 1982. hatte er das Vorwort beigesteuert.
Capra hatte 1982 auch Anfänge einer Transformation in das „Zeitalter der Sonnenenergie“ beschrieben. Die Kennzeichen einer untergehenden Kultur – mangelnde Flexibilität, Festhalten an veralteten Ideen sowie verkrustete und korrupte, institutionelle und politische Strukturen – seien vorhanden. Die Hoffnung für die Zukunft war für Capra die Einsicht, dass sich evolutionäre Erneuerungsprozesse nicht durch kurzsichtige politische Aktivitäten aufhalten lassen. In einem Interview unter dem Titel „Das Solarzeitalter kommt“ bekräftigte er 2009 seine Thesen und Prognosen:
2007 erschien seine Schrift über die wissenschaftliche Arbeit von Leonardo da Vinci unter dem Titel The Science of Leonardo.
Philosophie Laut Capra ist objektive Erkenntnis eine Fiktion, sodass naturwissenschaftlichen Theorien die Eigenschaft, Aufschlüsse über die Realität zu liefern, abgesprochen werden müsste.Ruß 1993, S. 76.
Capra möchte die cartesianische Trennung von Geist und Körper überwinden und durch eine holistische Weltsicht ersetzen. Dabei wendet er sich kritisch gegen den mechanistisch-reduktionistischen Ansatz, der die westliche Wissenschaft seiner Ansicht nach heute beherrscht und durch analytisches Denken geprägt ist. In seine Weltanschauung bringt er Elemente der östlichen Philosophie ein, die auch die mystische, spirituelle Seite des menschlichen Lebens einbeziehen. Durch das Center for Ecoliteracy (Zentrum für ökologische Bildung) möchte er Kindern und interessierten Erwachsenen einen nachhaltigen Lebensstil vermitteln und ökologische Bildung an Schulen verankern.
In seinen neueren Werken kritisiert er auch den ungesunden, nicht nachhaltigen Lebensstil der westlichen Welt und zeigt umweltfreundliche Alternativen auf. Statt Beherrschung, Ausbeutung und Unterwerfung der Erde zielt Capra auf einen respektvollen Umgang mit Natur und Umwelt ab, auf eine ressourcenschonende Koexistenz von Menschen mit dem Ökosystem. Immer wieder warnt er vor Gefahren und Problemen, die sich aus neuen Wissenschafts- und Wirtschaftszweigen ergäben: Atomphysik, Gentechnik, industrialisierte Landwirtschaft, Biotechnologie etc., deren negative Folgen nach seiner Darstellung erst kommende Generationen erleiden werden. Ebenso wendet er sich gegen die uneingeschränkte Globalisierung auf Basis eines Markt-Fundamentalismus, die auf Kosten des Großteils der Weltbevölkerung die Gewinne einiger Konzerne maximierten.Fritjof Capra: Wendezeit. Scherz-Verlag, Bern 1983, Teil III, Kapitel 8. Als Ausweg sieht er eine gestärkte, demokratische UNO.
Capra wendet seine Theorien auf vielfältige Bereiche an, darunter auch auf große Organisationen. Ein Unternehmensklima, in dem sich die Lebendigkeit des Organismus ausdrücken könne, bleibe flexibel, effizient und kreativ. Informelle Netzwerke sind sehr wichtig, sie garantieren den nötigen Informationsaustausch. Er schlägt einen nicht hierarchischen, flexiblen Führungsstil mit starker Partizipation aller Beteiligten vor, um die Lebendigkeit des Organismus der Organisation zu erhalten. Störungen werden in einem lebenden Netzwerk absorbiert, wodurch sich das Netzwerk selbst verändert. Das mache den Unterschied zu deterministischen, steuerbaren Maschinen aus: lebende Organismen können nur gestört, aber nicht von außen geregelt werden. Die Veränderung von Organismen ist nicht vorhersagbar, sie sind in diesem Sinn autonom, indem sie auf Störungen auf die je ihnen eigene selbst-organisierende Art reagieren. 2004 fasst Capra dies in einem Interview folgendermaßen zusammen:
Dennoch betont er, ein Unternehmen sei nicht nur ein lebendiges Netzwerk, sondern gleichzeitig und aufeinander einwirkend auch eine konstruierte Organisation, so dass Führungsimpulse den positiven Wandel voranbringen können.
Das Tao der Physik In seinem ersten Buch Das Tao der Physik beschäftigt sich Capra mit der kulturellen Transformation, die durch die Einsicht in die philosophische Konvergenz zwischen der modernen Physik und den spirituellen Traditionen östlicher Mystik entstehe. Dazu untersucht er Grundelemente von Hinduismus, Buddhismus, chinesischer Philosophie, Taoismus und Zen und benennt als deren gemeinsame Essenz "das Gewahrsein der Einheit und gegenseitigen Beziehungen aller Dinge und Ereignisse, die Erfahrung aller Phänomene in der Welt als Manifestationen einer einzigen fundamentalen Identität."
Durch die Erkenntnisse der Quantenphysik könne das Ideal der objektiven, wertfreien Naturwissenschaften nicht mehr aufrechterhalten werden. Der Beobachter sei bei quantenphysikalischen Experimenten immer mit in den Versuchsaufbau einbezogen und beeinflusse durch seine Fragestellung die „Antwort der Natur“. Damit ergebe sich, dass die gesamte Forschung niemals wertfrei sein könne und es immer auf die oft nicht explizit formulierten Werte und ethischen Normen bei jeder Wissenschaft ankomme. Die östliche Mystik könne dagegen mit ihrer tiefen Weisheit den philosophischen Hintergrund für die modernen wissenschaftlichen Theorien bilden. Capra setzt Grundbegriffe der modernen Teilchenphysik mit fernöstlichen philosophischen Traditionen in Zusammenhang, denn beider Ergebnisse und Ansichten seien einander sehr ähnlich. Auf dem Weg zur Erkenntnis unterschieden sich naturwissenschaftliche Studien und Experimente von den durch Meditation und philosophische Überlegungen erreichten Einsichten. Mystiker schauten nach innen, erforschten ihr Bewusstsein und bezögen die Körpererfahrung in ihre mystische Weltanschauung mit ein. Physiker studierten empirisch die materielle Welt, erkennten aber auch die Einheit aller Dinge und Vorgänge. Durch die Quantenphysik sei klar geworden, dass der Beobachter und sein Bewusstsein integrale Bestandteile dieser Einheit sind.
Wie in allen nachfolgenden Werken beklagt Capra, dass die gesamte westliche Tradition von den Lehren der griechischen Atomisten Leukipp und Demokrit geprägt sei, wonach eine Trennung von toter Materie, die aus kleinsten unteilbaren Teilchen (Atomen) besteht, und dem immateriellen Geist vorliegt. Dieser Dualismus zwischen Geist und Materie bzw. zwischen Körper und Seele fand bei René Descartes seinen Höhepunkt und wurde gemeinsam mit Isaac Newtons mechanistischem Modell der Wirklichkeit das grundlegende Paradigma westlichen Denkens. Nach Capra bedingt diese Ansicht die innere Zersplitterung des Menschen, der sich fortan nicht mehr mit seinem ganzen Organismus, sondern nur noch mit seinem Geist identifiziert. Diese Trennung von Ich und Welt weitet sich in der abendländischen Gesellschaft auf die gesamte Gesellschaft und Umwelt aus, was nach Capras Ansicht die ökologischen, sozialen und kulturellen Krisen der Gegenwart zur Folge hat.
Dagegen sei die östliche Sicht von der Welt organisch. Das Universum wird als grundlegende Einheit verstanden, mit der der Mensch in Einklang lebt und der er sich zugehörig fühlt. Alle Phänomene sind durch wechselseitige Zusammenhänge verbunden und dynamisch. Die östliche Weltsicht beruhe auf Zeit und I Ging (Wandel).
Atomare Grundbausteine sind nach Capra bloße Idealisierungen, die Beschreibungsmodelle ermöglichen. Der Begriff des kosmischen Netzes werde auch in östlichen Traditionen verwendet, um die mystische Erfahrung der Einheit mit der Natur mitzuteilen. Das dynamische Spiel von Zeit und Wandlung der östlichen Weltanschauung kommt Capra zufolge intuitiv dem Zeitverständnis der Relativitätstheorie sehr nahe – auch darin, dass sich beide Richtungen aus der traditionellen Sicht der Kausalkette von Ursache und Wirkung lösen und so eine gedankliche Befreiung von der Zeit erreichen.
Niels Bohr hat für die Physik den Begriff der Komplementarität eingeführt, der sich nach Capra stark am „Yin und Yang“-Prinzip der chinesischen Philosophie orientiert. Statt absoluter Gegensätze beschreibt das dynamische Zusammenspiel einander ergänzender Kräfte die Grundlage der Realität deutlich besser. Das Teilchenbild und das Wellenbild sind zwei einander ergänzende Beschreibungen derselben Wirklichkeit. Capra vertritt die Auffassung, dass Wissenschaft und Mystik komplementär zueinander die rationalen und intuitiven Fähigkeiten des menschlichen Geistes betonen. Wichtig ist ihm nicht die Synthese der beiden Pole, sondern ihr dynamisches Zusammenspiel. Im Westen sei das Yang-Prinzip zu stark im Vordergrund – die rationale, männlich-aggressive Seite des Mensch-Seins. Das menschliche Wohlergehen in der Zukunft wird nach Capra davon abhängen, ob auch wieder mehr Yin-Aspekte übernommen werden und die Natur ganzheitlich erfahren wird.
Wendezeit