mini|Lage des Rhein-Maasländischen Rhein-Maasländisch oder Rheinmaasländisch (niederländisch: ) ist die moderne Bezeichnung für eine zum niederfränkischen Dialektkontinuum gehörende Sprachform, die im Rhein-Maas-Dreieck verwendet wurde und seit dem 12. Jahrhundert eine große Bedeutung als regionale Schreibsprache für mittelalterliche Literatur (Minneromane), Rechtstexte und Chroniken gewann.

Erst 1992 kam für das Rhein-Maas-Delta der von Arend Mihm geprägte Begriff „Rheinmaasländisch“ auf, womit vonseiten der Germanistik und der Niederlandistik die umstrittene Frage umgangen wurde, ob die so bezeichneten Schreibsprachen des Mittelalters und der frühen Neuzeit „niederländisch“ oder „deutsch“ seien.Irmgard Hantsche: Atlas zur Geschichte des Niederrheins (= Schriftenreihe der Niederrhein-Akademie, Band 4), ISBN 3-89355-200-6, S. 66.

Begriffsherkunft Der Begriff „Rheinmaasländisch“ – analog zu „Ijsselländisch“ – wurde 1992 vom Germanisten Arend Mihm eingeführt,Arend Mihm: Sprache und Geschichte am unteren Niederrhein. In: Jahrbuch des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung Bd. 115, 1992, S. 88–122. Vgl. auch: Michael Elmentaler, Anja Voeste: Areale Variation im Deutschen historisch: Mittelalter und Frühe Neuzeit, S. 70, innerhalb des Abschnittes Rheinmaasländisch (Niederfränkisch). In: Sprache und Raum: Ein internationales Handbuch der Sprachvariation. Band 4: Deutsch. Herausgegeben von Joachim Herrgen, Jürgen Erich Schmidt. Unter Mitarbeit von Hanna Fischer und Birgitte Ganswindt. Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft (Handbooks of Linguistics and Communication Science / Manuels de linguistique et des sciences de communication) (HSK) 30.4. Berlin/Boston, 2019, S. 70 ff. um für die deutschen und niederländischen Dialekte der Grenzgebiete einen neutralen und ideologisch unbelasteten Fachbegriff zu haben. Schnell setzte sich erster innerhalb der Literaturwissenschaft durch,Helmut Tervooren, Johannes Spicker (Hrsg.): Die Begegnung der drei Lebenden und der drei Toten: Eine Edition nach der maasländischen und ripuarischen Textüberlieferung (Reihe: Texte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit), Erich Schmidt Verlag, Berlin 2011, S. 36 sodass es inzwischen Usus ist, sie auch in modernen Werken der Germanistik und Niederlandistik zu verwenden. Doch einige Autoren wie Claus Jürgen Hutterer (Die germanischen Sprachen) und Werner König (dtv-Atlas zur deutschen Sprache) benennen diese Sprachform bis heute nicht, sondern handeln sie unter dem Kapitel „Mittelniederländisch“ ab.vgl. hierzu auch die Sprachkarte „Schriftdialekte in mittelhochdeutscher und mittelniederländischer Zeit“, dtv-Atlas zur deutschen Sprache, S. 76.

Geographisches Verbreitungsgebiet Als Grenzlinien des Rhein-Maasländischen werden in der Niederlandistik und der Germanistik drei Isoglossen herangezogen: Im Westen die Diest-Nijmegen-Linie oder „houden-halten-Linie“, im Südosten die Benrather Linie oder „maken-machen-Linie“ und im Nordosten die Rhein-Ijssel-Linie oder Einheitsplurallinie. Erstere grenzt das Rhein-Maasländische von den brabantischen, Zweitere von den ripuarischen und Letztere von den westfälischen Dialekten ab. Im Süden wird es durch die germanisch-romanische Sprachgrenze vom Wallonischen begrenzt.

Schriftsprache und Mundarten Um Irrtümern vorzubeugen: Bei Rhein-Maasländisch handelt es sich um eine reine Schriftform (geschriebene Sprache), um eine Kanzleisprache bzw. um eine Verkehrssprache der gehobenen Stände für Erlasse, Verordnungen und offizielle Briefwechsel. Diese galt im östlichen niederfränkischen Sprachraum, war aber von den gesprochenen niederrheinischen Mundarten abzugrenzen. Wie auch neben den in „Amtsdeutsch“ verfassten Schriften heutzutage existierten auch im Mittelalter neben der Schriftsprache regionale und örtliche niederfränkische Dialekte, die sich im Spätmittelalter zu den noch in der Neuzeit beiderseits der deutsch-niederländischen Grenze sich ähnelnden Mundarten entwickelten.

Ablösung von Latein Rhein-Maasländisch löste allmählich das bis dahin für Erlasse vorrangig benutzte Latein ab. In Ermangelung orthographischer und grammatikalischer Regeln variierte die Schreibweise von Ort zu Ort und von Schreiber zu Schreiber; dieselben Stadtschreiber änderten im Laufe der Zeit ihre Schreibweisen, was z. B. der Sprachforscher Georg Cornelissen in seinem Buch „Kleine niederrheinische Sprachgeschichte“ anhand von Beispielen aus Städten der Region beschrieben hat.Georg Cornelissen: Kleine niederrheinische Sprachgeschichte (1300–1900). Verlag B.O.S.S-Druck, Kleve 2003, ISBN 3-933969-37-9, S. 19–61.

Während im geldrisch-klevischen Raum – aufgrund historischer Regionalgrenzen nach der Reichsneuordnung durch Kaiser Karl V. – die Schriftsprache tendenziell eher dem heutigen Niederländischen ähnelte, war in den weiter südlich gelegenen Gebieten der Einfluss des aus dem kurfürstlichen Köln sich ausbreitenden „Ripuarischen“ spürbar.Dieter Heimböckel: Sprache und Literatur am Niederrhein (= Schriftenreihe der Niederrhein-Akademie, Band 3), ISBN 3-89355-185-9, S. 15–55.

mini|Handschrift anno 1542 Herzog Wilhelm V. von Kleve

Textbeispiele Die folgenden Textauszüge lassen unschwer die „Nähe“ des Rhein-Maasländischen zum heutigen Niederländischen wie zu dem am deutschen Niederrhein gesprochenen Platt erkennen:

Aus einem Bündnisbrief des Jahres 1364 des Grafen von Kleve an die Herzöge von Brabant, Jülich und die Stadt Aachen (einsehbar im öffentlichen Landesarchiv Düsseldorf):Stadtarchiv Düsseldorf, Archiv-Verzeichnis – Herzöge von Kleve, Jülich, Berg – Beilage IV An dyn gheswaren des verbunts der hertoghen van Brabant, van Guilighe ind der stat van Aken onsen gůeden vrynden. Wi Greve van Cleve begheren u teweten, gůede vrynde, op uwen brief in den ghii ons scryvet van den verbonde, dat uwe heren die … hertoghen van … Brabant end van Guiligh, dye stat van Aicken end die ridderscaff ghemaickt hebben omme noytsaken (nötige Angelegenheiten) wille van alrehande unbescheit, die in den landen gheschien, end mede van heren Walraven onsen neve, heren van Borne, dat her Walraven, onse neve, in langhen tiiden by ons niet gheweest en is, doch soe wovere he by ons queme (kam), woude wi gerne oen berichten end onderwiisen nae onsen vermoeghen, dat he bescheit neme end gheve van onsen lieven heren den hertoghe van Brabant. Voert guede vrynde want ghii scryvet van alrehande misdedighen luden sich the onthalden weder end wert in den landen, en is ons nyet kůndich; kůnden wi doch daer einghe waerheit af vernemen, of uytgheghaen, daer soude wi gerne na onsen vermoghen also besceidelich iin doen, dat ghiit mit gůede nemen soudt. Oeck soe siin wi van daer baven vast aenghetast end ghebrant, daer wi doch die waerheit claerlich nyet aff enweten, van wylken steden of sloeten ons dat gheschiet sii. Got bewaer u guede vrynde altoys. Geg. tot Cleve op den Goedesdach na sent Lucien dagh.

+ „Wetterbericht“ vom Duisburger Johanniterkaplan Johann Wassenberch aus dem Jahre 1517:Georg Cornelissen: Kleine Niederrheinische Sprachgeschichte (1300–1900). Verlag B.O.S.S-Druck, Kleve, ISBN 90-807292-2-1, S. 32. Duisburger Mundart Niederländisch Deutsch In den selven jair op den XVden dach yn den Aprijl, ende was doe des goedesdachs nae Paischen, van den goedesdach op den donredach yn der nacht, wastz soe calt, dat alle vruchten van allen boemen, van eyckelen, van noethen, van kyrssen, van proemen, van appelen etc. neyt uytgescheyden vervroren ende verdorven, want sy stoenden yn oeren voellen blomen. Item alle die vynstocken vervroren ende verdorven, off sy verbrant gewest weren. Ende dair geschach groeten verderflicke schade. In het zelfde jaar op de XVde dag in April, en het was de woensdag na Pasen, van de woensdag op de donderdag in de nacht, was het zo koud, dat alle vruchten van alle bomen, van eikelen, van noten, van kersen, van pruimen, van appelen etc. niets uitgezonderd bevroren en verdorven, want zij stonden in hun volle bloemen. Item alle wijnstokken bevroren en verdorven, alsof zij verbrand geweest waren. En daar gebeurde grote verderfelijke schade. Im selben Jahr am XVten Tag in dem April, und es war die Mittwoch nach Ostern, von der Mittwoch auf dem Donnerstag in der nacht, war es so kalt, dass die Früchte aller Bäume, von Eicheln, von Nüssen, von Kirschen, von Pflaumen, von Äpfeln etc. nichts ausgenommen erfroren und verdorben, weil sie standen in voller Blüte. Item alle Weinstöcke erfroren und verdorben, als ob sie verbrennt waren. Und da geschah größer verderblicher Schaden.

mini|Druckschrift anno 1533 Herzog Johann III von Kleve

Aus der Zeit ab dem 14. Jahrhundert gibt es aus der Herrlichkeit Hüls (Ortsteil von Krefeld) überlieferte Dokumente, die sich aber durchaus von der gesprochenen Sprache, dem örtlichen Hölsch Plott, unterscheiden. Hier der Auszug aus einer Erbteilung im Jahre 1363 zwischen den Rittern Matthias von Hüls und seinen Brüdern Geldolf und Johann: Werner Mellen: Hüls – eine Chronik. Verlag H. Kaltenmeier Söhne, Krefeld-Hüls 1998, ISBN 3-9804002-1-2, S. 105 ff. Ich Mathys van Hulß, Herren Walravens Soen…doen kundt und kendlich allen Luiden onder mynem Siegel…dat ich mit volcomenen Rade ind Wille miner maege ind geleken mit Geldolp ind mit Johan, minen Broederen…so waer ind so wat kunne rechten gelegen sien, die my van minem Vader angestorven sien ind hierna von miner Moder Frouwe Stynen van Hulß ansterven ind fallen moegen na oeren Dode …

Verwendete Schriftarten Niedergeschrieben wurden die handschriftlichen Dokumente in einer vom jeweiligen Schreiber personalisierten Kurrentschrift. Auf alten Rechnungen ist außerdem festzustellen, dass bis ins 16. Jahrhundert keine – heute gebräuchlichen – „arabischen“ Ziffern, sondern die alte, aus Buchstaben bestehende römische Zahlschrift benutzt wurde (Buchstabenfolgen für Zahlen – die Zahl „0“ war unbekannt; sie wurde erst durch Adam Ries eingeführt). Diese lateinischen Zahlen erscheinen uns heute handschriftlich „verfremdet“, so dass sie, wie die Handschriften selbst, für Ungeübte kaum lesbar oder verständlich erscheinen.

Für gedruckte Veröffentlichungen wurde die Schriftart Textura verwendet, wie sie in spätmittelalterlichen Dokumenten zu finden ist, ab dem 16. Jahrhundert auch die ihr ähnliche Fraktur.

Stellung innerhalb des Niederfränkischen Während sich das Standardniederländische über mehrere Sprachstufen (Altniederländisch, Mittelniederländisch und Neuniederländisch) und das aus dem Neuniederländischen entstandene Afrikaans zu National- und Schriftsprachen entwickelten, traten ab dem 18. Jahrhundert die niederfränkischen Dialekte auf deutschem Gebiet zugunsten des Niederländischen zurück. So galt der deutsche Niederrhein lange Zeit als niederländisches Sprachgebiet, obgleich von der damaligen Obrigkeit (vor allem des Königreiches Preußen) versucht wurde, dass Neuhochdeutsche als alleinige Schriftsprache zu etablieren.

„Niederrheinischer Sprachkampf“