Schöne neue Welt ist ein 1932 zunächst auf Englisch (Brave New World) erschienener Roman einer negativen Utopie von Aldous Huxley. Er beschreibt darin eine Gesellschaft im Jahre 2540 n. Chr., die zur Wahrung ihrer Stabilität in Kasten geordnet ist und jede Initiative zur Änderung der Strukturen durch Indoktrination, Konsum, Drogen und unmittelbare, vor allem sexuelle Befriedigung erstickt.

Mittels physischer Manipulationen der Embryonen und Föten sowie der anschließenden mentalen Indoktrinierung der Kleinkinder werden die Menschen gemäß den jeweiligen gesellschaftlichen Kasten geprägt, denen sie angehören sollen und die von Alpha-Plus (für Führungspositionen) bis zu Epsilon-Minus (für einfachste Tätigkeiten) reichen. Die Regierung jener Welt bilden die Kontrolleure, Alpha-Plus-Menschen, die von der Bevölkerung wie Idole verehrt werden.

Das Werk gehört zu den einflussreichsten Romanen des 20. Jahrhunderts. Es inspirierte Autoren aller Generationen zu eigenen Zukunftsvisionen. 1998 wählte das Verlagshaus Modern Library ihn auf Rang 5 der 100 besten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts. Schöne neue Welt wird auch in ähnlichen Listen der BBC, des Observers und von Le Monde geführt.

Titel mini|hochkant|Welt – wohin? Deutsche Erstausgabe, Insel 1932

Der Titel bezieht sich auf Shakespeares Drama Der Sturm: „O, wonder! How many goodly creatures are there here! How beauteous mankind is! O brave new world, that has such people in’t!“ (5. Akt, Vers 181–183)

Auf Deutsch: „O, Wunder! Wie viele herrliche Geschöpfe es hier gibt! Wie schön der Mensch ist! O schöne neue Welt, die solche Bürger trägt!“William Shakespeare, Der Sturm, Schlegel-Tieck-Übersetzung. Dieser Titel wird im Roman mehrfach zitiert. Aldous Huxley: Schöne neue Welt. Ein Roman der Zukunft, 7. Auflage 2018, S. 161, 183, 239.

Der Roman wurde bereits im Erscheinungsjahr von Herberth E. Herlitschka ins Deutsche übersetzt und erschien zuerst als Welt – wohin? Zwischen Herlitschka und dem Verlag wurden als weitere Titelalternativen neben anderen Wackere neue Welt; Fortschritt – wohin?; Welt am laufenden Band und Herrliche neue Welt diskutiert.Schöne neue Welt. Ein Roman der Zukunft. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2007, Verso des Titelblattes.

1950 wurde der Titel in Wackere neue Welt und in späteren Auflagen in Schöne neue Welt geändert. Das englische Adjektiv „brave“ bedeutete zu Shakespeares Zeiten nämlich „schön“ und nicht wie im modernen Englisch „tapfer“.Weitere Informationen zur Titelgeschichte in: Aldous Huxley: Schöne neue Welt. Ein Roman der Zukunft. 7. Auflage 2018, S. 311 f.

Motto Der Roman beginnt mit einem französischen Zitat des Philosophen N. A. Berdjajew, in dem dieser seiner Hoffnung Ausdruck gibt, dass die Intelligenz einen Weg finden werde, die inzwischen möglichen Utopien zu verhindern. Die Übersetzung lautet:Das französische Original lautet: "Les utopies apparaissent comme bien plus réalisables qu’on ne le croyait autrefois. Et nous nous trouvons actuellement devant une question bien autrement angoissante: Comment éviter leur réalisation définitive? Les utopies sont réalisables. La vie marche vers les utopies. Et peut-être un siècle nouveau commence-t-il, un siècle où les intellectuels et la classe cultivée rêveront aux moyens d’éviter les utopies et de retourner à une société non utopique, moins parfaite et plus libre." (Aus Berdiajews Essay "La démocratie, le socialisme et la théocratie", Paris 1927) Zitiert nach Aldous Huxley: Schöne neue Welt. Ein Roman der Zukunft, 7. Auflage 2018, Anmerkungen, S. 313.

Aber es hat sich als viel leichter erwiesen, diese Utopien zu verwirklichen, als es früher den Anschein hatte. Und nun sieht man sich vor die andere quälende Frage gestellt: wie man um ihre restlose Verwirklichung herumkommen könnte. (...) die Utopien sind realisierbar. (...) Das Leben bewegt sich auf die Utopien zu, und vielleicht eröffnet sich für die Intelligenz und die Kulturschicht ein neues Jahrhundert des Sinnens und Träumens darüber, wie man die Utopie wohl vermeiden, wie man zum nichtutopischen, unvollkommeneren und freieren Staat zurückkehren könne.

Deutschsprachige Fassungen In der von Herberth E. Herlitschka übersetzten und vom Verfasser autorisierten deutschen Fassung des Insel Verlags von 1932 ist die Handlung nach Berlin und Norddeutschland verlegt. Auch einige Namen von Figuren der Handlung wurden verändert: Im Original sind viele Personen nach bekannten britischen Unternehmern benannt, in der deutschen Ausgabe entsprechend nach deutschen Unternehmern; ungeändert blieb allerdings Henry Ford, die für den Roman bedeutendste Unternehmerpersönlichkeit. Der Roman wurde unmittelbar nach 1933 auf die Liste der im Nationalsozialismus verbotenen Publikationen gesetzt.

1978 erschien im Verlag Das Neue Berlin eine deutsche Übersetzung von Eva Walch, die wieder die originalen Orts- und Personennamen verwendete.

2013 erschien im S. Fischer Verlag eine weitere Übersetzung von Uda Strätling, die die Eigennamen des Originals ebenfalls unverändert lässt.

Vor allem wegen der unterschiedlichen Verwendung der Namen weichen die beiden späteren Übersetzungen auf Deutsch von der ersten Fassung ab.

Übersicht Kapitel I – III: Struktur der neuen Welt mini|Fließbandfertigung bei Ford 1923

Der Roman spielt um das Jahr 2540 traditioneller Zeitrechnung.In Anspielung auf A.D. (Anno Domini = im Jahre des Herrn, also „nach Christus“) bedeutet A.F. „Anno Fordii“ bzw. „After Ford“ = nach (Henry) Ford. Als Bezugspunkt dient das Jahr 1908, als das erste T-Modell vom Band lief. Seit mehreren hundert Jahren lebt der überwiegende Teil der Menschheit in einem einzigen Weltstaat, der alle Produktion, auch die der Menschen, störungsfrei plant. Einer Gruppe von Studenten werden – stellvertretend für den Leser – die Grundzüge dieser neuen Zivilisation zunächst von einem Direktor eines Aufzuchtcenters, dann von Mustapha Mond, einem Mitglied der Weltregierung, erläutert.

Obgleich die neue Zivilisation technisch-organisatorisch auf dem zur Zeit der Niederschrift des Romans höchsten industriellen Niveau der Fließfertigung arbeitet und demnach an Fortschritt interessiert ist,Die Figur des Bernard Marx formuliert einen Widerspruch zwischen der Kompetenz von Erwachsenen in der Arbeit und ihrem infantilen Gefühlsniveau in der Freizeit, ein im Basiskonzept der Schönen neuen Welt angelegter Widerspruch, dass diese hochentwickelte Kultur eine weitere Entwicklung zu verhindern sucht. Aldous Huxley: Schöne neue Welt. Ein Roman der Zukunft, 7. Auflage 2018, S. 108 und 112. Auch Gerber, Utopian Fantasy, S. 32. wird eine Veränderung der sozialen Strukturen mit allen Mitteln unterbunden: Durch ein perfektes Zusammenspiel von industrieller Arbeitsteilung,Höchste Form rationeller Produktion ist am Beginn des 20. Jahrhunderts das Fließband. Durch Arbeitszerlegung in repetitive Teilfunktionen wurde im Taylorismus und Fordismus die Arbeit so weit dequalifizierte, dass sie im Roman von Epsilons, der untersten Kaste, ausgeführt werden. (Diese historisch in absolutistischen Manufakturen begonnene Zerlegung komplexer Arbeit in repetitive Teilfunktionen ist eine Voraussetzung für die heutige Automatisierung und damit für die weitere Entwicklung der Produktionstechnik.) Daher Huxleys Beschreibung der Fließfertigung als eines magischen Prozesses: "Langsam, majestätisch, liefen unter leisem Maschinensummen die Förderbänder weiter ..." Aldous Huxley: Schöne neue Welt. Ein Roman der Zukunft, 7. Auflage 2018, S. 67 und 182 f. funktionaler Prädestination und Konsum wird ein „stabiles Wohlbefinden“ und dadurch gesellschaftliche Stabilität erreicht. Aus den ausschließlich männlichen Alphas (Frauen gibt es höchstens als Beta-Menschen) rekrutieren sich die Leitungen der Organisationen; den Epsilons, den Mitgliedern der niedrigsten Kaste, die später untergeordnete Aufgaben übernehmen, entzieht man im Embryonenstadium Sauerstoff, wodurch sie zu geistig beschränkten Menschen werden. Wie viele Mitglieder für die verschiedenen Kasten produziert werden, entscheidet man nach staatlichen und wirtschaftlichen Anforderungen.Der Wert des Individuums besteht nicht mehr in seinem kreativen Beitrag zur Gesellschaft, sondern in seinem unauffälligen Dienst an einem größeren Ganzen: "Each individual becomes one of innumeral identical class-atoms." Gerber, Utopian Fantasy, S. 67; 69.

Von der extrauterinen Befruchtung der Eizellen über die Aufzucht bis zur Ausbildung hunderter identischer Klone werden die Menschen durch ein komplexes System der Manipulationen dazu gebracht, „ihre unentrinnbare Bestimmung“ zu akzeptieren und „zu lieben, was man tun muss“:Aldous Huxley: Schöne neue Welt. Ein Roman der Zukunft, 7. Auflage 2018, S. 23, 59, 61, 86 f. Tiefere emotionale Bindungen zwischen zwei oder mehr Personen sind tabu: „Schließlich gehört jeder jedem“ und „heute ist jeder glücklich“Aldous Huxley: Schöne neue Welt. Ein Roman der Zukunft, 7. Auflage 2018, S. 53, 66, 87. – und wenn das mal nicht der Fall ist, dann hat man den freien Zugang zur stark dosierbaren Glücksdroge Soma, die einen ohne Kopfschmerzen morgens zur Arbeit gehen lässt.

Kapitel IV – VI: Kultur der Konformität Die folgenden Kapitel beschreiben die in dieser Struktur gelebten menschlichen Beziehungen der konformen Mehrheit und der beiden „etwas zu fähigen“ Außenseiter Marx und Watson, die an ihrem „mentalem Überschuss“ leiden.

Nach Ende der Arbeitsschichten verteilen sich die Massen auf die vielfältigen Freizeitangebote indoor und auf den riesigen outdoor-Anlagen: „Nicht Philosophen, sondern Laubsäger und Briefmarkensammler bilden das Rückgrat der Gesellschaft.“Aldous Huxley: Schöne neue Welt. Ein Roman der Zukunft, 7. Auflage 2018, S. 8.

Lenina Crowne, eine als Sex-Partnerin geschätzte Beta-Frau, wird von dem eigenbrötlerischen, extrem intelligenten, aber wegen eines gerüchteweise vermuteten „Fabrikationsfehlers“ körperlich unterentwickelten Alpha Bernard Marx (dt. Sigmund Marx) angezogen, der unter seiner relativen Kleinwüchsigkeit leidet. Er kompensiert seinen Minderwertigkeitskomplex durch nonkonformistische Ansichten, die sein einziger Freund, der gutmütige Alpha Helmholtz Watson (dt. Helmholtz Holmes-Watson) toleriert.mini|Zuni-Puebleo in Mexico (Foto ca. 1873), Vorbild für Huxleys ReservatLenina nimmt trotz ihrer Empörung über manche von Bernards Ansichten seine Einladung zu einem gemeinsamen Kurzurlaub in einem Reservat in New Mexico an, in dem Menschen leben, die als „Wilde“ gelten und nicht in die moderne Gesellschaft integriert werden.

Kapitel VII + VIII: Leben im Reservat