mini|Keltische Scheibe aus Auvers-sur-Oise (Val-d’Oise), Gold auf Bronze, Anfang 4. Jahrhundert v. Chr., heute im Cabinet des Médailles der Bibliothèque Nationale, Paris

Keltische Kunst ist die Kunst der antiken Volksstämme der Kelten, deren Siedlungsgebiet sich von Südostengland, Frankreich und Nordspanien im Westen bis nach Westungarn, Slowenien und Nordkroatien im Osten von Oberitalien im Süden bis zum nördlichen Rand der deutschen Mittelgebirge erstreckte. Charakteristisch für die keltische Kunst ist während ihrer „klassischen“ Zeit die ausgefeilte Ornamentik, die sich zum Teil pflanzlicher und tierischer Motive bediente, zum Teil mit abstrakten Wellen- und Linienmustern arbeitete.

Keltische Kunst beginnt in der Eisenzeit, und zwar in der La-Tène-Zeit ab dem 5. Jahrhundert. Es handelt sich um kein einheitliches Phänomen, sondern die keltische Kunst zeigt starke räumliche und zeitliche Unterschiede. Während sie in Kontinentaleuropa um die Zeitenwende durch die gallorömische Periode abgelöst wurde, bestand sie in Teilen Britanniens und Irlands fort und beeinflusste dort die insulare Kunst.

Definition und Verbreitung 300px|mini|Verbreitung keltischer Völker und Sprachen:

Mit keltischer Kunst ist die Kunst gemeint, die sich als eigenständiger Kunststil vor allem vom 5. bis 3. Jahrhundert v. Chr., teilweise darüber hinaus, durch archäologische Funde in großen Teilen Europas nachweisen lässt. Die Produzenten dieser Kunst sind die Träger der sogenannten La-Tène-Kultur, die nach dem bedeutenden archäologischen Fundort La Tène in der Schweiz benannt ist. Bis heute ist es üblich, die Träger der La-Tène-Kultur mit den in antiken Quellen genannten „Kelten“ gleichzusetzen. In der modernen Archäologie ist die Verwendung der Bezeichnung „Kelten“ jedoch uneinheitlich und teilweise umstritten. Auch ist das Verbreitungsgebiet der keltischen Sprachen nicht deckungsgleich mit den archäologischen Funden aus der La-Tène-Zeit.Bernhard Maier: Die Kelten. Ihre Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. 3. Auflage. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-69752-4, S. 21–22.

Archäologisch reichte Ausbreitung der materiellen keltischen Kultur von Frankreich im Westen bis nach Westungarn, Slowenien und Nordkroatien im Osten, von Oberitalien im Süden bis zum nördlichen Rand der deutschen Mittelgebirge. Daneben existieren einzelne latènezeitliche Funde auf dem gesamten Balkan bis nach Anatolien (Siedlungsgebiet der Galater in der heutigen Türkei).

Die Einbeziehung Britanniens und Irlands in das Verbreitungsgebiet der archäologisch als keltisch bezeichneten Kultur ist umstritten. Die dortigen archäologischen Funde der mittleren und späten Eisenzeit (ca. 600–30 v. Chr.) greifen Kunststile aus dem Kontinent auf, weisen aber auch regionale und lokale Eigenheiten auf. Im nordspanischen Galicien fanden sich ebenfalls einige latènezeitliche Fibeln, aber hier handelt es sich um Einzelfunde.

Der keltisch geprägte Kulturraum grenzte an den etruskischen Kulturbereich, im Osten und Südosten unter anderen an den der Griechen, später auch an das Römische Reich. Nördlich des keltischen Einflussgebietes waren germanische Stämme ansässig. Zu diesen Kulturen unterhielten die keltischen Stämme zumindest zeitweise Handelsbeziehungen. Keltische Kunst wurde von diesen benachbarten Kulturen zeitweise deutlich beeinflusst, vom 5. bis 3. Jahrhundert kann man aber von einer eigenständigen keltischen Kunst sprechen.

Anfänge der keltischen Kunst mini|Goldtorque aus der fürstlichen Grabstätte von Vix, 480 v. Chr., gefunden nahe der Stadt Châtillon-sur-Seine, Frankreich

Die Nennung der Kelten in antiken Quellen fällt mit der eisenzeitlichen Späthallstattkultur in Mitteleuropa zusammen. Diese Kultur hatte sich seit etwa 800/750 v. Chr. in einer Region zwischen Ostfrankreich und Österreich mit seinen angrenzenden Ländern verbreitet. Die Kunst der Hallstattzeit orientierte sich vor allem an der antiken Kunst der Griechen und Etrusker. Eine eigenständige keltische Kunst setzt mit dem Beginn der La-Tène-Zeit ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. ein.Bernhard Maier: Die Kelten. Ihre Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-69752-4, S. 52.

Der Archäologe Paul Jacobsthal bemerkte in seinen Ausführungen zur La-Tène-Kunst ein rasches und unvermitteltes Auftreten der La-Tène-Formen, die sich in ihrer Gestaltung deutlich von den vorherigen geometrischen Ornamenten der hallstattzeitlichen Kunst unterschieden. Die griechischen Elemente der frühen Phase erklärte er durch einen indirekten, zeitlich verzögerten Import über den etruskischen Kulturraum. Die griechischen Formen wären demnach nicht von zeitgleich in Griechenland vorhandenen Elementen abgeleitet, sondern von Formen, die bereits einige Zeit bestanden hatten und erst allmählich Einzug in den Formenbestand der keltischen Handwerker fand.Paul Jacobsthal: Early Celtic Art. In: The Burlington Magazine for Connoisseurs. Band 67, Nr. 390, 1935, S. 113–127, hier S. 114. So lässt sich auch der starke etruskische Einfluss zu Beginn der La-Tène-Kunst erklären, der sich auch durch Importe fassen lässt. Die Muster sind auf Schmuckstücken (Hals- und Armreifen, Schwertgriffe, Fibeln) aus Bronze, seltener aus Gold zu finden. Einlagen aus Koralle, Bernstein und rotem Email sorgen für Farbeffekte.

In der fürstlichen Grabstätte von Vix in Burgund, die um das Jahr 500 v. Chr. datiert wird, zeichnen sich bereits erste Tendenzen zu einem eigenen keltischen Stil im Übergang von der Späthallstattzeit zur Frühlatènezeit ab. Der zentrale Fund, ein goldener Halsschmuck, ist eine keltische Arbeit, die aber noch Motive aus der griechischen Mythologie aufgreift: Unterhalb der kugelförmigen Endstücke des Halsrings befinden sich geflügelte Pferdchen, möglicherweise eine Anspielung auf das Pegasos-Motiv.Felix Müller: Die Kunst der Kelten. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-63057-6, S. 37–38.

Hochblüte der Ornamentik vom 5. bis 3. Jahrhundert v. Chr. mini|Kultbäumchen von Manching, eine Schnittstelle zwischen keltischen und griechisch-hellenistischen Stilelementen; rechts: originale Reste auf einem modernen Träger montiert; links: Rekonstruktion (Kelten-Römer-Museum, Manching)

Ein wichtiges Definitionskriterium und Merkmal der Latènekultur ist die reiche ornamentale, teilweise auch figürliche Verzierung von Schmuck, Waffen und Gefäßen aus Metall. Hinzu kommen einzelne Steinstelen. Die Definition und Untergliederung von vier aufeinanderfolgenden Kunststilen der Latènekultur geht auf Paul Jacobsthal zurück, der 1944 die grundlegende Arbeit dazu publizierte. Er beschrieb die Übernahme und Umwandlung griechischer/etruskischer Motive, pflanzliche Ornamentik, Tier- und Maskendarstellungen sowie Zirkelornamentik als wichtigste Merkmale „keltischer“ Kunst.

Paul Jacobsthal definierte ferner verschiedene Stile der Ornamentik und versuchte, eine relative Chronologie zu erstellen. An den Beginn der La-Tène-Kunst setzte er den Frühen Stil, darauf sollte der Waldalgesheimstil folgen, darauf der Plastische Stil und der Schwertstil. Letztere zwei Stile stellten eine Weiterführung und Entwicklung des zweiten Stiles dar, der als zeitlicher Fixpunkt in seiner Chronologie diente.Paul Jacobsthal: Early Celtic Art. Clarendon Press, Oxford 1944, S. 135.

Periode Beginn um (v. Chr.) Bezeichnung nach Paul Jacobsthal Lt A 475/450 Early Style (dt. „Früher Stil“) Lt B1 380/350 Waldalgesheim Style (dt. „Waldalgesheimstil“) Lt B2 320/300 Plastic Style (dt. „Plastischer Stil“) Lt C1 250/235 Plastic Style/Sword Style (dt. „Plastischer Stil/Schwertstil“) Lt C2 190/180 Sword Style (dt. „Schwertstil“) Lt D1 130/120   Lt D2 60/50   Lt D3 20/15   römische Eroberung    

Früher Stil mini|Halsring vom Goldschatz von Erstfeld, um 380 v. Chr. Die frühen Motive der keltischen Kunst sind stark durch etruskische Importstücke beeinflusst, wobei die etruskische Kunst ihrerseits wiederum ihre Formen und Ideen aus dem griechischen Raum schöpfte. Die intensiven überregionalen Kontakte der Kelten vor allem mit dem etruskischen Kulturraum sind also entscheidend. Dieser Grundbestand an Formen wurde von den keltischen Handwerkern als Basis für die Entwicklung eigener Ornamente verwendet.Paul Jacobsthal: Early Celtic Art. Clarendon Press, Oxford 1944, S. 162.

Aus dem griechisch-etruskischen Repertoire an Formen übernahmen keltische Künstler vor allem die Lotusblüte und die Blattpalmette. Diese Formen wurden aber in der keltischen Kunst uminterpretiert: Die ursprünglich klaren und übersichtlichen Ornamente wurden in ihre Einzelteile zerlegt und neu komponiert, zum Teil gingen sie in Wellenlinien auf. Im Gegensatz zur etruskischen und griechischen Ornamentik zeigt sich die keltische Ornamentik wesentlich verspielter.Felix Müller: Die Kunst der Kelten. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-63057-6, S. 47–49.

Charakteristisch für den Frühen Stil ist ferner die Verwendung von phantastischen Mischwesen zur Dekoration, zum Beispiel für Gewandfibeln. Daneben gibt es aber auch figürliche Fibeln, wo das entsprechende Tier, etwa ein Pferd oder Wildschwein, gut erkennbar ist.Felix Müller: Die Kunst der Kelten. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-63057-6, S. 46–47. Ein Beispiel für ein Kunstwerk, in dem menschenähnliche und tierische Fabelwesen miteinander verwoben sind, ist der Halsring Nummer 3 aus dem Goldschatz von Erstfeld.Felix Müller: Die Kunst der Kelten. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-63057-6, S. 50.

Eine spektakuläre archäologischer Grabstätte, dessen Funde ebenfalls dem Frühen Stil zuzuordnen sind, ist der Grabhügel von Glauberg. Unter den Funden befindet sich eine der wenigen frühen Beispiele für keltische Steinfiguren, eine rundplastische Kriegerfigur aus Sandstein mit Halsschmuck und sogenannter Blattkrone.Felix Müller: Die Kunst der Kelten. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-63057-6, S. 50–51.

Beispiele für den Frühen Stil finden sich ferner in den Funden der Gräbern am Dürrnberg bei Hallein in Österreich, im Grabhügel „Kleinaspergle“ in Asperg bei Stuttgart sowie im Grab von Eigenbilzen im belgischen Limburg.Felix Müller: Die Kunst der Kelten. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-63057-6, S. 46.

Waldalgesheimstil mini|Keltischer Zeremonienhelm aus Eisen, Bronze, Gold, Silber und Korallen; 3. Jahrhundert v. Chr., Fundort: Agris (Charente), heute im Musée d’Angoulême Der Waldalgesheimstil oder Rankenstil ist der erste von den Kelten eigenständig entwickelte Kunststil. Er zeichnet sich durch komplexe Muster aus Ranken, ineinander gehakten Spiralen, Schleifen und Scheiben aus. Hier sind besonders geometrisch geordnete Pflanzenmuster häufig. Die Ranken und Palmetten des mediterranen Vorbilds wurden in ihre Einzelbestandteile aufgelöst und einzeln nebeneinandergestellt, oder, im Falle der S-Spiralen, kunstvoll miteinander verschlungen. Oft lassen sich die Einzelornamente kaum voneinander unterscheiden. Figürliche Darstellungen fehlen nahezu komplett.

Namensgebend für den Stil ist das Waldalgesheimer Fürstengrab, das Prunkgrab einer Frau, das im Jahr 1869 in der Gemeinde Waldalgesheim im Hunsrück entdeckt wurde.Felix Müller: Die Kunst der Kelten. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-63057-6, S. 52. Weitere Beispiele für Fundstätten, die dem Waldalgesheimstil zuzuordnen sind, sind unter anderem Moscano di Fabriano und Filottrano in Italien. Der Waldalgesheimstil ist durch eine große Anzahl von Metallarbeiten quer durch Europa belegt, aber auch durch Keramikfunde mit der für den Waldalgesheimstil typischen Ornamentik, etwa auf Keramikgeschirr in Gräbern in der Champagne.Felix Müller: Die Kunst der Kelten. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-63057-6, S. 60–62.