mini|hochkant=1.2|Megalithreihen bei Carnac, Bretagne, Frankreich mini|hochkant=1.2|Steinkreis der Merry Maidens in Cornwall mini|hochkant=1.2|Dolmen bei Vinstrup, Randers Kommune, Dänemark

Als Megalith (von „groß“ und „Stein“) bezeichnet die ur- und frühgeschichtliche Archäologie einen großen, meist unbehauenen Steinblock, der aufgerichtet und allein oder mit weiteren großen Steinblöcken in Steinsetzungen positioniert wurde.

Definition mini|Menhir in den Cevennen mini|hochkant|Der Spellenstein in Rentrisch, St. Ingbert mini|hochkant|Der Menhir von St. Uzec in der Bretagne wurde durch das Anbringen verschiedener Symbole christianisiert

Als megalithisch wurden in Nord- und Westeuropa ursprünglich Großsteinsetzungen (Dolmen, von und , also eigentlich „Steintisch“) und aufrecht stehende Steine bezeichnet, die entweder als Menhir einzeln stehen oder zu mehreren arrangiert sind, beispielsweise Steinkreise (Cromlechs) bilden.V. Gordon Childe: The Distribution of Megalithic Cultures, and their Influence on Ancient and Modern Civilizations. In: Man. Band 46, 1946, S. 97.

1867 einigte man sich im zweiten darauf, nur Monumente aus nahezu unbehauenen Steinen als Megalithen zu bezeichnen, also beispielsweise nicht die ägyptischen Obelisken oder die Pariser . Die Mauern von Tiryns wurden als zyklopisch, nicht als megalithisch bezeichnet. Diese Definition schließt zum Beispiel die Trilithe von Stonehenge und die megalithischen Tempel von Malta aus, die aus bearbeiteten Steinen zusammengesetzt sind. Auf die Unterschiede zwischen den älteren unbehauenen Steinmonumenten und den neueren, komplexeren Konstruktionen nach Erscheinungsbild und Funktion hat Colin Renfrew hingewiesen.„[…] their function and indeed their appearance are quite different, so that the two groups should be discussed quite separately.“ Colin Renfrew: Before Civilization. The Radiocarbon Revolution and Prehistoric Europe. Penguin, London 1973, S. 134.

Glyn Daniel folgend bezeichnet man inzwischen nur jungsteinzeitliche Bauwerke aus großen Steinen als Megalithe, denn sonst wären, wie Daniel bemerkt, auch einige walisische Schweineställe als megalithisch zu bezeichnen.

Gordon Childe schlug 1946 vor, weitere Bauten einzuschließen: Gräber, die aus kleineren Steinen gebaut sind und ein Dach aus Kraggewölbe haben, wie die Gräber mit Kragsteingewölbe in Attika und Antiparos; Felsengräber, zum Beispiel in Sizilien, Etrurien und der Iberischen Halbinsel; kollektive Steinkisten, wie die Steinkisten von Attika und Antiparos. Nach Childe sind nur Kollektivbestattungen als megalithisch zu klassifizieren. Geschlossene Steinkisten für Einzelbestattungen werden dagegen nicht eingeschlossen, auch wenn sie aus großen Steinen bestehen, wie einige Dolmen in Nordafrika und Palästina. Steinkreise können Teil einer megalithischen Bestattung sein oder unabhängig davon existieren. Megaxyle Architektur ist nach Childe von Megalithen zu unterscheiden: Eingangssteine mit Seelenloch () sind Anzeichen megalithischer Architektur. Damit fallen auch die kaukasischen Steinkisten, die Nekropolis B von Tepe Sialk (Iran) und die Großsteingräber Indiens in diese Kategorie. Childes Definition ist unhandlich und in Gegenden ohne Knochenerhaltung nicht zu gebrauchen, sie hat sich dementsprechend in der weiteren Forschung auch nicht durchgesetzt.

Karl Joseph Narr definierte 1956 Megalithbauten wie folgtKarl Joseph Narr: Archäologische Hinweise zur Frage des ältesten Getreideanbaus und seiner Beziehungen zur Hochkultur und Megalithik. In: Paideuma. Mitteilungen zur Kulturkunde. Band 6, Nr. 4, 1956, , S. 244–250, hier S. 246, .: Bauten aus aufrecht stehenden unbearbeiteten Steinen (Orthostaten) mit darübergelegtem Deckstein „von einer gewissen, nicht genauer abgegrenzten Größe“, Menhire, Steinkreise (Cromlechs), Steinreihen. Umstrittene Typen bleiben „große Anlagen aus kleineren Steinen“ und „in den Fels gehauene Anlagen“. Narr fügt dem hinzu, dass heute „wenig Neigung“ bestehe, Kuppelgräber und Gräberrunde, wie sie aus der mykenischen Bronzezeit bekannt sind, als megalithisch zu bezeichnen.

Typologie Die erste Einteilung der megalithischen Bauwerke Nordeuropas wurde von Oskar Montelius vorgenommen. Er unterschied Dolmen, Ganggräber und SteinkistenMartin Furholt, Doris Mischka, Knut Rassmann, Georg Schafferer 2010, MegaForm – Ein Formalisierungssystem für die Analyse monumentaler Baustrukturen des Neolithikums im nördlichen Mitteleuropa. Jungstein-Site November 25th, 2010, 2. Sein System wurde unter anderem von Sprockhoff und Schuldt erweitert. Inzwischen gibt es eine Vielzahl nationaler und regionaler Typologien, die sich nicht zu einem einheitlichen Sprachgebrauch kombinieren lassen. Daher schlugen Furholt et al. 2010 eine Klassifikation vor, die verschiedene Einzelmerkmale miteinander kombiniertMartin Furholt, Doris Mischka, Knut Rassmann, Georg Schafferer 2010, MegaForm – Ein Formalisierungssystem für die Analyse monumentaler Baustrukturen des Neolithikums im nördlichen Mitteleuropa. Jungstein-Site November 25th, 2010.

Kulturelle Einordnung Die verschiedenen Megalithbauwerke Europas sowie anderer Kontinente lassen nicht notwendigerweise auf eine gemeinsame Kultur („Megalithkultur“) schließen. Keramik und andere Artefakte, die die Steinsetzungen begleiten, gehören nicht stets derselben Kultur an; das gilt auch für die am meisten verbreiteten Typen, also Menhire, Dolmen, Ganggräber oder Steinkisten.V. Gordon Childe: The Distribution of Megalithic Cultures, and their Influence on Ancient and Modern Civilizations. In: Man Bd. 46, Nr. 4, 1946, S. 97, : „No single ‚culture‘ as defined by types of pottery and other artifacts is represented by the furniture of these tombs in general, nor yet by that of the more widely distributed subclasses thereof – simple dolmens, passage graves (dolmens á galerie), and cists.“ Nach anderen Autoren lässt die Ähnlichkeit der an der europäischen Atlantik- und Nordseeküste erhaltenen Megalithbauwerke auf eine genetische Verwandtschaft schließen, z. B. durch Kolonisation oder Kulturaustausch, auch wenn die begleitenden Artefakte nicht der gleichen Kultur angehören.Mario Alinei: Origini delle lingue d’Europa. Band 2: Continuità dal Mesolitico all’età del Ferro nelle principali aree etnolinguistiche. Il Mulino, Bologna 2000, S. 468–482, besonders S. 477 f.

Bauweise In Europa bestehen zwischen den langlebigen, oftmals umgebauten megalithischen Anlagen und verwandten Stätten aus weniger dauerhaftem Material (wie Holzkreisen u. ä.) vielfältige Beziehungen, innerhalb deren man meist vergeblich nach einem Schema der Abhängigkeiten, der Chronologie und der geographischen Verbreitung sucht. Dies ist meist nur auf regionaler Ebene möglich. Die Frage, ob die verschiedenen regionalen Typen voneinander unabhängige Ursprünge oder eine gemeinsame Wurzel haben, ist noch offen. In Europa sind verschiedene Bauweisen bekannt, bei denen (zumindest teilweise) Megalithen eingesetzt wurden: mini|hochkant=1.2|Hypothese zur Konstruktion eines Megalithgrabes

in Skandinavien und dem nördlichen Mitteleuropa: Dolmen, Galeriegrab, Ganggrab, Großdolmen, Hünenbett ohne Kammer, Hünengrab, Steinkiste, Polygonaldolmen und Urdolmen; auf den Britischen Inseln: Boulder Burial, Cairn, Clava Cairn, Clyde tomb, Cotswold Severn tomb, Court tomb, Passage tomb, Portal tomb (Grabhügel mit Portalsteinen) und Wedge tomb; in Frankreich: Cairn, Galeriegrab, einfache Dolmen und Dolmen mit Seitenkammern; auf der Iberischen Halbinsel: Anta, Mámoa, Pedra Formosa; auf den Inseln des westlichen Mittelmeers: Gigantengrab, Naveta, Talayot, Taula, maltesische Tempel, Torre; überwiegend in Griechenland und Westanatolien meist im Umfeld der mykenischen Kultur: Tholos.

mini|Statuenmenhir del Pla de les Pruneres (Mollet, Katalonien)La estatua-menhir del Pla de les Pruneres (Mollet del Vallès, Vallès Oriental)

In Europa sind in einigen Regionen auch einzelne Megalithen (Menhire) oder Gruppen von Einzelsteinen in Steinsetzungen aufgestellt worden: Einzelsteine: Menhir, Baitylos, Statuenmenhir; Steinreihen; Steinkreise (Cromlechs): In Südost-Schottland gibt es Steinkreise mit liegenden Menhiren ().

Aus der Eisenzeit oder dem Frühmittelalter stammende aufrecht stehende Steine oder ähnliche Megalithformen sind nicht zu den Megalithanlagen im engeren Sinn zu rechnen. Dazu gehören: Bautasteine, gotländische Bildsteine, Runensteine in Skandinavien, piktische Symbolsteine, Oghamsteine, Maskensteine, Cross Slabs und die eisenzeitlichen kannelierten Menhire der Bretagne. Teilweise auch: Schiffssetzungen meist in Schweden, sonstige eisenzeitliche Steinsetzungen (Kreise, Halbkreise oder Alleen) vorwiegend in Frankreich, England, Baityloi aus der Römerzeit im Rahmen von Steinkulten

Herkunft des Baumaterials Die Steine der nordeuropäischen Megalithen stammen von den Ablagerungen der Eiszeiten (erratische Blöcke, Granite, Gneise und andere Gesteine). Viele der übrigen Megalithen wurden aus relativ weichen Sedimentgesteinen gebrochen.

Neue Forschungen Die Theoriebildung sowie die Kriterien für Einbeziehung oder Ausschluss als megalithisches Monument oder Bauwerk waren bis zuletzt eingeschränkt durch geringe Möglichkeiten zur Altersbestimmung: Damit fehlte eine wesentliche Kategorie, um Zugehörigkeiten oder Gleichzeitigkeit und Abfolgen über eine Datierung festzulegen.

Karl Joseph Narr hatte noch 1956 grundsätzlich darauf hingewiesen, dass „sich die prähistorische Megalithik nicht mit irgendeiner, durch archäologische Mittel herauszuarbeitenden Formengruppe deckt oder mit einiger Wahrscheinlichkeit als in einem derart aufgestellten Komplex wurzelnd erweisen läßt.“Karl J. Narr: Archäologische Hinweise zur Frage des ältesten Getreideanbaus und seiner Beziehungen zur Hochkultur und Megalithik. In: Paideuma. Mitteilungen zur Kulturkunde. Band 6/4 (1956), S. 249.

2015 begann ein Projekt der Universität Göteborg, das unter Leitung der Jungsteinzeitforscherin Bettina Schulz Paulsson insgesamt 35.000 auf dem europäischen Festland und im westlichen Mittelmeerraum existierende Megalith-Objekte auch mit vorliegenden älteren Befunden erschloss. Dabei wurde mit der inzwischen deutlich verbesserten Analysetechnik der Radiokarbonmethode „das Alter von 2410 Fundstellen anhand von zum Teil bereits früher untersuchten Proben im Kontext der Megalithbauten und von gleich alten Artefakten benachbarter Kulturen (bestimmt).“Jan Osterkamp: Gibt es eine gemeinsame Wurzel der Megalithkultur?, 11. Februar 2019. Spektrum der Wissenschaften. (Abruf: 8. März 2020). Schulz Paulsson fasste 2017 die Arbeit in Buchform zusammenBettina Schulz Paulsson: Time and Stone: The Emergence and Development of Megaliths and Megalithic Societies in Europe, Oxford Archaeopress Publishing Ltd., September 2017, ISBN 978-1-78491-685-5.; anderthalb Jahre später veröffentlichte die wissenschaftliche Fachzeitschrift PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America) ihren Bericht und konstituierte sie damit als Grundlagenforschung.Hrsg.: James F. O’Connell, B. Schulz Paulsson: Radiocarbon dates and Bayesian modeling support maritime diffusion model for megaliths in Europe, Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, Band 116, Nr. 9 |Datum=2019-02-11 |Seiten=3460–3465|DOI=10.1073/pnas.1813268116 |PMID=30808740. Zu den Resultaten der Forschungen siehe: Deutungen

Vorkommen In Europa mini|Verbreitungskarte von Megalithen in Europa, Vorderasien und Nordafrika mini|Verbreitung verschiedener Megalithgrabtypen in EuropaJohannes Müller, Clemens Kruckenberg, Ralph Großmann, Julia Luckner: A Map of European Megaliths. Journal of Neolithic Archaeology 25, 2023, doi 10.12766/jna.2023.6 Online verfügbar (mit Vergrößerungsfunktion)