mini|Der Flensburger Friedenshügel, ein unverändertes Großsteingrab, bei dem das Erdreich nicht abgetragen wurde (2014) mini|Unzerstörter Grabhügel des Ganggrabs Thostrup Nord mini|Unzerstörter Grabhügel des Ganggrabs Thostrup Nord, Grabkammer mini|Megalithanlage bei Reinfeld (Holstein) mini|De hoogen Steener in Werlte mini|Seelenloch in dem volkstümlich Steinkammergrab genannten Galeriegrab Züschen I mini|Großsteingräber bei Nipmerow an der Straße nach Lohme auf Rügen mini|Megalithanlage vom Ganggrabtyp bei Bergen (Landkreis Celle) mini|Megalithanlage nahe Drosa mini|hochkant|links|Das Ulanendenkmal in Demmin, ein Denkmal der Zerstörung von Hünengräbern mini|hochkant|links|Das Kriegerdenkmal von Esse in Frankreich mini|Megalithanlage in Stöckse mini|Kammer des Großsteingrabes bei Klein Görnow mini|Der sogenannte „Heidenopfertisch“ in Visbek (Landkreis Vechta) mini|Dolmen bei Mürow/Uckermark
Ein Großsteingrab oder Megalithgrab, auch Hünengrab oder Hünenhügel, ist eine megalithische Grabanlage. Die meisten Großsteingräber in Norddeutschland wurden in der späten Jungsteinzeit (Spätneolithikum) angelegt.
Die in Norddeutschland verbreitete volkstümliche Bezeichnung „Hünengrab“ ist abgeleitet von „Hüne“, was sich auf das mittelhochdeutsche „hiune“ und das niederdeutsche „hûne“ mit der Bedeutung „Riese“ zurückführen lässt. Noch im 17. Jahrhundert bestand auch im Schrifttum die verbreitete Ansicht, es handele sich hierbei um „Gräber für Riesen“.Ein entsprechender Eintrag findet sich zum Beispiel in Merians Theatrum Europaeum
Definition Hoops Reallexikon definiert Megalithgräber: Johannes Hoops (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 3: K–Ro. Verlag von Karl J. Trübner, Leipzig 1915–1916. Diese Aussage ist unvollständig, da auch in den Niederlanden,Jan Albert Bakker: The Dutch hunebedden: megalithic tombs of the Funnel beaker culture. Ann Arbor, International Monographs in Prehistory 1992. in Polen, Mittel- und Süddeutschland derartige Monumente vorkommen und nicht nur Geschiebeblöcke verwendet wurden.
Terminologie In Deutschland wird der Ausdruck Hünenbett verwendet, um Langbetten zu bezeichnen, die mit einer Steinsetzung (Peristalithen) umgeben sind, gleich, ob sie eine Kammer enthalten/enthielten oder nicht. Die Hügel können rechteckig, trapezförmig, lang-dreieckig oder oval sein. Dolmen oder Ganggräber werden nicht als Hünenbetten bezeichnet.Jan Albert Bakker: Is a social differentiation detectable in the TRB culture? Jungsteinsite, 2010, S. 5 unter Berufung auf Ernst Sprockhoff: Atlas der Megalithgräber Deutschlands. Teil 1: Schleswig-Holstein. Bonn 1966; Ernst Sprockhoff: Atlas der Megalithgräber Deutschlands. Teil 2: Mecklenburg-Brandenburg-Pommern. Bonn 1967; Ernst Sprockhoff: Atlas der Megalithgräber Deutschlands. Teil 3: Niedersachsen-Westfalen. Aus dem Nachlass herausgegeben von Gerhard Körner (und Friedrich Laux). Bonn 1975; Friedrich Laux: Die Trichterbecherkultur zwischen Elbe und Ems (Niedersachsen). In: D. Jankowska (Hrsg.): Die Trichterbecherkultur – Neue Forschungen und Hypothesen. Band 1, Poznań 1990, S. 181–185; Friedrich Laux: Überlegungen zu den Großsteingräbern in Niedersachsen und Westfalen. In: Neue Ausgrabungen und Forschungen in Niedersachsen. Band 19, 1991, S. 21–99. Die Terminologie geht auf Ernst Sprockhoff zurück.Ernst Sprockhoff: Kammerlose Hünenbetten im Sachsenwald. In: Offa. Band 13, 1954, S. 1–16. Die deutschen Bezeichnungen wurden von Sprockhoff teilweise unter nationalsozialistischen Vorzeichen geprägt und sind daher heute kaum noch im europäischen Vergleich zu gebrauchen. Bakker empfiehlt, den Ausdruck als nicht eindeutig zu vermeiden.
Im niederdeutschen Sprachraum heißen sie Hünenbedden ‚Hünenbetten‘, in den Niederlanden hunebedden, hunnebedden.Jan Albert Bakker: Is a social differentiation detectable in the TRB culture? Jungsteinsite, 2010, S. 1. In Großbritannien wurde die Bezeichnung von A. W. Franks (1872) und James Fergusson (1872) als hunebeds eingeführt. Der niederländische Ausdruck bezeichnet alle Arten megalithischer Bauwerke. Bakker verwendet daher den anglizierten Ausdruck „hunebeds“, um die Gräber der Trichterbecherkultur der West- und Nordgruppe zu bezeichnen.Jan Albert Bakker: Is a social differentiation detectable in the TRB culture? Jungsteinsite, 2010, S. 5. Das internationale Fachwort Dolmen (kornisch für ‚Steintisch‘) wird auch in Deutschland verwendet. Ewald Schuldt schlug für die Großsteingräber Mecklenburgs eine Untergliederung nach Großdolmen, Polygonaldolmen, Rechteckdolmen, Urdolmen vor.Ewald Schuldt: Die mecklenburgischen Megalithgräber: Untersuchungen zu ihrer Architektur und Funktion. (= Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte der Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg. 6). Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1972. Im Dänischen wird das zu „Riese“ analoge Wort jætte, jættestue, ‚Riese‘, ‚Riesenstube‘ und anstatt Dolmen die Bezeichnung dysse verwendet. Die in Dänemark als kæmpehøje (bei Hügeln) bzw. kæmpegraven geläufigen Namen bezeichnen Hügelgräber und meinen die unlithischen Varianten der vorzeitlichen Grabarchitektur. Im Schwedischen heißen die Anlagen dösen (für Dolmen) oder gånggriften ‚Ganggrab‘.
Abgrenzung Johann Friedrich Danneil (1783–1868) grenzte bei seinen Grabungen in der Altmark um 1820 die Hügelgräber, die damals Kegelgräber genannt wurden, von den Hünengräbern ab. Georg Christian Friedrich Lisch (1801–1883) unterschied, ebenfalls in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, aufgrund der Grabfunde die „Zeit der Hünengräber“ von der nachfolgenden „Zeit der Kegelgräber“ mit Grabbeigaben aus Bronze. Da man von der Bezeichnung Kegelgrab heute jedoch weitgehend abgekommen ist, stiftet der sprachlich ähnliche Klang von Hünengrab und Hügelgrab bei Laien oft Verwirrung. Oft werden die „Hünengräber“ nun mit den in Mittel- und Nordeuropa vorkommenden Hügelgräbern verwechselt, die nahezu ausschließlich aus Erde bestehen und meist aus der Bronze- oder Eisenzeit stammen. Selbst amtliche Karten bezeichnen diese manchmal fälschlicherweise als Hünengräber.
Bestattungen Wegen der sauren Böden haben sich Knochen in den Großsteingräbern wie auch in den Flachgräbern der Trichterbecherkultur nur selten erhalten.Rainer Kossian: Nichtmegalithische Grabanlagen der Trichterbecherkultur in Deutschland und in den Niederlanden (= Veröffentlichungen des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – Landesmuseum für Vorgeschichte. Band 58). 2 Bände. Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – Landesmuseum für Vorgeschichte, Halle (Saale) 2005, ISBN 3-910010-84-9, Liste, S. 105–106. Im Grab Oldendorf II hatten sich immerhin zwei Leichenschatten erhalten. Der Körper lag mit angezogenen Beinen auf dem Rücken.Jan Albert Bakker: Is a social differentiation detectable in the TRB culture? Jungsteinsite, 2010, S. 7. Beigaben sind insgesamt spärlich.
Verbreitung mini|Verbreitung verschiedener Megalithgrabtypen in Europa mini|Bestattung in einer Megalithanlage – künstlerische Darstellung Der Verbreitungsschwerpunkt spätneolithischer Großsteingräber liegt in Südskandinavien und der norddeutschen Tiefebene, von der Weichsel bis in die östlichen Niederlande. Diese heute oftmals nur noch als Steinkonstruktionen oder verstürzte Steinhaufen erhaltenen Kammern (siehe Bilder) waren ursprünglich meist mit Erde bedeckt und lagen unter runden oder länglichen Erdhügeln. Vom Bautyp werden sie unterschieden in Dolmen, Ganggräber, Steinkisten, Galeriegräber und kammerlose Hünenbetten. In der Trichterbecherkultur werden eine Vielzahl megalithischer Anlagen verwendet. In der Westgruppe kommen vor allem T-förmige Ganggräber mit einem kurzen Gang vor. Die Hügel und deren Einfassungen sind oval oder nierenförmig. In der Nordgruppe wurden dagegen Anlagen mit langem Gang und rundem Hügel erbaut.Jan Albert Bakker: Is a social differentiation detectable in the TRB culture? Jungsteinsite, 2010, S. 2.
2022 schloss Willem Donker aus den Niederlanden ein zehnjähriges Projekt ab, in dem er alle Orte mit Dolmen in Deutschland besuchte, was noch nie zuvor von einer Person gemacht worden war. Er fotografierte die – Überreste von – mehr als 1350 (ehemaligen) Dolmen und zeichnete die Maße und Koordinaten auf. Seine Sammlung wird auf der Website des Hunebed Museums in Borger veröffentlicht.Willem Donker bezoekt als eerste alle Duitse hunebedden, auf nieuwsbode.infoWillem Donker is de eerste persoon ooit die alle Duitse hunebedden heeft bezocht, auf hunebednieuwscafe.nlWillem Donker en de Duitse hunebedden, auf hunebednieuwscafe.nlInterview with Willem Donker, auf hunebednieuwscafe.nlMonsterklus zit erop: alle 1350 Duitse hunebedden in kaart gebracht, auf rtvdrenthe.nlHunebedhunter Willem Donker uit Oranjewoud bezocht alle 1314 hunebedden in Duitsland: ‘Het heeft er alle schijn van dat ik de enige ben die dat ooit heeft gedaan', Leeuwarder Courant vom 25. Juni 2021.
Datierung In Deutschland wurde die Zahl der Großsteingräber im Jahre 1939 (in den damaligen Grenzen) mit 900 angegeben. Die Archäologen datieren die Entstehung der nordischen Variante der Anlagen mehrheitlich in die mittlere Jungsteinzeit etwa zwischen 3500 und 2800 v. Chr., wobei sich eine Tendenz herausbildet, eher noch früherEtwa von 3600–3200 v. Chr., so Bernd Zich: In: Archäologie in Deutschland. Heft 4, 2009, S. 18. zu datieren.
Zerstörung von Hünengräbern Ideologische und religiöse Gründe haben bei der Zerstörung von Hünengräbern nur eine geringe Rolle gespielt, obwohl die Steine im Mittelalter auch für Kirchenbauten zerschlagen wurden. Infolge der im 17. Jahrhundert einsetzenden Aufklärung, aber insbesondere durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurden viele der Denkmäler zerstört. Zerstört wurden die Anlagen auch dort, wo sie den Bauern beim Beackern ihrer Felder im Wege waren, aber die meisten Steine wurden für den Hafen- und Straßenbau entfernt. Heute existieren in Deutschland noch etwa 900 mehr oder minder schwer beschädigte Anlagen. Schätzungen zufolge sind das allenfalls 15 % der einstigen Megalithanlagen. Im Landkreis Uelzen wurden von 219 Anlagen im Jahre 1846 alle bis auf 17 (7,75 %) teilweise zerstört. Die wirtschaftlichen Zwänge sorgten zusammen mit dem Denken dieser Zeit für die Zerstörung sowohl der Gräber als auch von Findlingen. Ein eindrucksvolles Beispiel einer politisch motivierten Zerstörung ist das Ulanendenkmal in Demmin, welches aus Findlingen der umliegenden Megalithanlagen errichtet wurde.
Bedeutung Neolithische Monumente sind Ausdruck der Kultur und Ideologie neolithischer Gesellschaften. Ihre Entstehung und Funktion gelten als Kennzeichen der sozialen Entwicklung.Johannes Müller. In: Varia neolithisch. VI, 2009, S. 15.
Der Däne J. J. A. Worsaae (1821–1885) entdeckte bei Ausgrabungen von Großsteingräbern in Jütland bisweilen menschliche Knochen, worauf er die Anlagen als Gräber einstufte, während sie zuvor meist als Kult- und Opferplätze galten. In den Flachgräbern der Trichterbecherkultur liegen die Knochen meist in anatomischem Verband, während dies in Großsteingräberhorizonten der Trichterbecherkultur selbst bei ungestört angetroffenen Anlagen nicht der Fall ist.