Untertürkheim ist ein Stadtbezirk der Landeshauptstadt Stuttgart. Er liegt am rechten Ufer des Neckars im Osten der Stadt. Untertürkheim ist von den Stadtbezirken Obertürkheim, Hedelfingen, Wangen und Bad Cannstatt sowie der Gemeinde Fellbach (Rems-Murr-Kreis) umgeben.
Geschichte mini|links|Untertürkheim 1685, Forstlagerbuch von Andreas Kieser Untertürkheim wurde 1121 erstmals als Durinkheim urkundlich erwähnt. Der Name geht vermutlich auf einen alemannischen Häuptling im 4. Jahrhundert zurück. Nach diesem wurde der Ort Duringoheim benannt. Der Name im heutigen Dialekt ist (Onder-)Dürkna.
Im Hochmittelalter gehörte Untertürkheim zum Herzogtum Schwaben und nach dessen Auflösung zum Kernbestandteil Altwürttembergs. Durch die Lage am Fluss war früher die Neckarflößerei eine wichtige Einnahmequelle. Daneben war und ist der Weinanbau aufgrund der Exposition der Neckartalhänge in Untertürkheim von großer Bedeutung. Zahlreiche Weinbaubetriebe (teils mit Besenwirtschaften) sowie zwei Genossenschaftskeltern befinden sich in Untertürkheim (Weinmanufaktur Untertürkheim) und in Rotenberg.Collegium Wirtemberg
1449 wurde Untertürkheim von Truppen der Reichsstadt Esslingen verwüstet. Im Dreißigjährigen Krieg, nach der für den Heilbronner Bund verheerenden Niederlage in der Schlacht bei Nördlingen, als das Herzogtum Württemberg ab 1634 schutzlos der Kaiserlichen Armee ausgeliefert war, wurden in Untertürkheim 240 Gebäude niedergebrannt.
Bei der Verwaltungsreform des Königreichs Württemberg Anfang des 19. Jahrhunderts blieb Untertürkheim dem Oberamt Cannstatt zugeordnet und gehörte damit ab 1818 zum Neckarkreis. Am 22. Oktober 1845 verkehrte die erste Württembergische Eisenbahn auf dem Streckenabschnitt der Zentralbahn von Cannstatt nach Untertürkheim.
Der fahrplanmäßige Straßenbahnbetrieb und damit der Anschluss an das Netz der Straßenbahn Stuttgart erfolgte am 26. November 1910 mit der Linie 15 vom Schlossplatz über Wangen bis zur Untertürkheimer Neckarbrücke.PDF mini|links|Blick auf Untertürkheim um 1860 mini|links|Postkarte um 1906
Industrialisierung Im Jahre 1889 eröffnete die Bettfedernfabrik Straus & Cie. aus Cannstatt ihre Produktionsstätte in Untertürkheim. Die jüdischen Inhaber wurden 1938 zwangsweise enteignet und die weltweit größte Bettfedernfirma aufgelöst.
1898 siedelte die 1857 von Ernst Staengel in Stuttgart gegründete Kakao- und Schokoladenfabrik Staengel & Ziller – aus den Initialen entstand der Name „Eszet“ – nach Untertürkheim. Hier wurden ab 1933 die berühmten Eszet-Schnitten produziert. Seit 1975 werden sie vom Kölner Stollwerck-Konzern hergestellt, Staengel & Ziller existiert nicht mehr.
Durch das Verhandlungsgeschick des Untertürkheimer Schultheißen Eduard Fiechtner mit Gottlieb Daimler konnte 1900 ein Kaufvertrag mit der Daimler-Motoren-Gesellschaft abgeschlossen werden. Bereits 1903 siedelte sich in Untertürkheim die Automobilfabrik an, da deren Motorenwerk in der benachbarten Oberamtsstadt Cannstatt abgebrannt war, sie wurde somit die zweite Produktionsstätte der Daimler-Motoren-Gesellschaft. Seit April 2006 ist hier wieder der Konzernsitz der Mercedes-Benz Group.
1902 erwarben die Vereinigten Seifenfabriken Stuttgart Wasengelände nahe dem Untertürkheimer Bahnhof und ließen dort durch Architekt Philipp Jakob Manz große Gebäude für die Seifensiedekessel erstellen. Bis 1933 wurde in Untertürkheim unter anderen die „Feurio“-Seife produziert. Die Gebäude wurden danach an Daimler-Benz verkauft.
Die Firma Eugen Bauer GmbH, bekannt als „Kino-Bauer“, einst weltweit größter Hersteller von Amateur- und Kinofilmprojektoren, gegründet 1907 von Eugen Bauer in Stuttgart, produzierte seit 1928 in Untertürkheim gegenüber dem Bahnhof. 1932 wurde Bauer von der Robert Bosch GmbH übernommen („Bosch-Photokino“), schlussendlich wurde dann Anfang der 1980er Jahre auch die Produktion von Filmprojektoren eingestellt und 1992 schließlich wurde der Produktbereich Photokino komplett aufgelöst.
Das Unternehmen Fahrzeugbau Hurst von Arthur Friedrich Hurst aus Stuttgart begann 1946 mit der Produktion von „Hurst 250“-Automobilen. Ab Sommer 1949 erfolgte die Produktion in Untertürkheim. Anfang 1950 wurde die Fahrzeugfertigung nach 47 Exemplaren eingestellt.
Am 31. März 1958 wurde der Stuttgarter Hafen durch Bundespräsident Theodor Heuss eröffnet. Der nordöstliche Teil des Neckarhafens (Ölhafen) gehört zu Untertürkheim.
Eingemeindung nach Stuttgart Untertürkheim wurde am 1. April 1905 gemeinsam mit Cannstatt und Wangen nach Stuttgart eingemeindet.
Bei der Einteilung der Stadt Stuttgart in Stadtbezirke im Jahre 1956 wurde der Stadtteil Untertürkheim mit dem Stadtteil Luginsland und dem am 1. Mai 1931 eingemeindeten Stadtteil Rotenberg zum neuen Stadtbezirk Untertürkheim vereinigt.
Bei der Neugliederung der Stuttgarter Stadtteile zum 1. Januar 2001 wurde der bisherige Stadtteil Untertürkheim in die Stadtteile Benzviertel, Bruckwiesen, Lindenschulviertel und Untertürkheim aufgeteilt, der bisherige Stadtteil Luginsland wurde in die Stadtteile Luginsland, Flohberg und Gehrenwald untergliedert. Für den Stadtteil Rotenberg ergab sich dabei keine Änderung. Seither verwaltet das Rathaus in Untertürkheim insgesamt acht Stadtteile im Stadtbezirk Untertürkheim.
Verkehr Bahnverkehr Untertürkheim liegt an der S-Bahn-Linie 1, die von Herrenberg über Böblingen in das Stadtzentrum und weiter über Untertürkheim, Esslingen und Plochingen nach Kirchheim unter Teck führt.
Außerdem bestehen die Stadtbahnlinien U4 Untertürkheim – Stuttgart-Ost – Charlottenplatz – Hölderlinplatz und U13 Hedelfingen – Untertürkheim – Bad Cannstatt – Feuerbach Pfostenwäldle.
Außerdem besteht die „Schusterbahn“ zwischen Untertürkheim und Kornwestheim, die aber in keinem dichten Takt im Personenverkehr befahren wird. Überwiegend sind dort Güterzüge unterwegs.
Radverkehr Durch eine Alltagsroute aus dem Radnetz Baden-WürttembergDas RadNETZ Baden-Württemberg auf www.radroutenplaner-bw.de ist Untertürkheim über Bad Cannstatt mit dem Stadtzentrum und in der anderen Richtung über Obertürkheim mit Esslingen verbunden. Richtung Bad Cannstatt entspricht dies der Hauptradroute (HRR) 12 der Stadt Stuttgart am rechten Neckarufer entlang, Richtung Obertürkheim der HRR 7. Die HRR 7 Richtung Bad Cannstatt durch die Benzstraße und Mercedesstraße ist noch nicht fertiggestellt und nicht beschildert, künftig soll die Radnetz-Route aber dort verlaufen. Richtung Obertürkheim steht hingegen nur die HRR 7 an der Mettinger Straße und Augsburger Straße zur Verfügung, die HRR 12 befindet sich auf einer Langzeitbaustelle für Stuttgart 21. Daher verläuft auch der Neckartal-Radweg als touristischer Landes-Radfernweg aktuell (Stand 2025) auf derselben Trasse und ebenso die Rundstrecke Radel-Thon. Für die Zukunft ist für die Strecke zwischen dem Stadtzentrum und Esslingen eine Radschnellverbindung vorgesehen.
Zwischen Untertürkheim und Wangen ist überdies die HRR 2.1 geplant. Am linken Neckarufer zweigt nach rechts die HRR 11 zu den Mineralbädern ab.
Als Hauptradrouten zweiter Ordnung sind eine Route nordöstlich der Bahngleise nach Bad Cannstatt (HRR 33) und über Luginsland nach Fellbach (HRR 35) vorgesehen.
Durch Rotenberg führt der Württemberger WeinradwegWürttemberger Weinradweg auf einer Internetseite der Projektstelle Weinwege Württemberg, c/o Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg, abgerufen am 6. Mai 2025. Er verläuft von Rottenburg am Neckar nach Niederstetten und führt dabei von Esslingen über dessen Stadtteil Rüdern nach Uhlbach und Rotenberg und weiter an Fellbach vorbei nach Stetten.
Städtische Einrichtungen Schulen Am Ort gibt es fünf Schulen: die Auschule (Förderschule), die Linden-Realschule, die Luginslandschule (Grund- und Hauptschule), die Wilhelmsschule (Grundschule) und das Wirtemberg-Gymnasium.
Bäder Das Stadtbad Untertürkheim (Hallenbad) wird von einem Förderverein betrieben. Das denkmalgeschützte „Schwimm-Stadion“ Inselbad Untertürkheim (Freibad auf einer Neckarinsel) wurde 1927–29 im Auftrag der Stadt Stuttgart von den Architekten Paul Bonatz und Friedrich Eugen Scholer für das 15. Deutsche Turnfest 1933 errichtet.
Kultur und Sehenswürdigkeiten
Die Evangelische Stadtkirche St. Germanus wurde 1478 gebaut, urkundlich aber bereits 1289 erwähnt. Einem Chronisten nach wurde die Kirche möglicherweise als Dank für einige sehr fruchtbare Jahre erbaut und führte dazu, dass Untertürkheim ein selbständiger Pfarrort wurde. Seit 1970 befindet sich dort die sehenswerte Altarwand „Josefslegende“ des Bildhauers HAP Grieshaber. Die katholische Kirche von 1903 ist dem Evangelisten Johannes geweiht. Die Schefold-Orgel in der St.-Johannes-Kirche wurde von der Denkmalstiftung Baden-Württemberg zum „Denkmal des Monats Dezember 2004“ ernannt. Die Grabkapelle auf dem Württemberg des württembergischen Königs Wilhelm I. für seine zweite Frau Katharina Pawlowna auf dem Württemberg in Rotenberg. Der 1990 gebaute Kindergarten „Schiff im Weinberg“ von Architekt Günter Behnisch in Luginsland. Die evangelische Kirche in Rotenberg, eine schwäbische Barock-Dorfkirche mit Zwiebelturm von 1754. Die längste Brückenkombination Stuttgarts, der 1400 Meter lange Neckartalviadukt Untertürkheim überquert den Güterbahnhof Untertürkheim in 20 Metern Höhe, das Daimler-Betriebsgelände und den Neckar bis zum Großmarkt in Stuttgart-Wangen. Der Wilhelmsbrunnen von Karl Bruder, 1905 zur Eingemeindung im Jugendstil gebaut, ähnelt der Wiener Strudlhofstiege Der Untertürkheimer Altenberg, siehe auch Weinbau in Stuttgart, Württemberg (Weinbaugebiet), Gault-Millau und Württemberger Weinstraße. Seit 1989 erinnert ein Mahnmal von dem Bildhauer Bernhard Heiliger im Firmengelände des Mercedes-Benz-Werks Untertürkheim an die rund 20.000 Zwangsarbeiter zahlreicher Länder, die im Zweiten Weltkrieg nach Deutschland verschleppt und in den diversen Betrieben des Unternehmens zur Zwangsarbeit gepresst wurden. An den antifaschistischen Widerstand der Familie Schlotterbeck erinnert eine Gedenktafel am Haus Annastraße 6 in der Arbeitersiedlung Luginsland, die dort 1969 von der IG Metall angebracht wurde. Nachdem fast die ganze Familie 1944 im KZ Dachau ermordet worden war, wird ihrer seit 1949 mit einer Gedenkstätte auf dem Friedhof gedacht.Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation, Band 1. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1995, ISBN 3-89331-208-0, S. 90. Das erste kommunale Wasser- und Dampfkraftwerk Württembergs wurde von 1899 bis 1902 am gestauten Neckar gegenüber dem Untertürkheimer Bahnhof eröffnet. Auch nach der Neckarverlegung 1923 ist das Kraftwerk nach wie vor in Betrieb und mit einem Kanal mit dem Neckar verbunden. Im Neckar befindet sich seit 1923 die Staustufe Untertürkheim; die 110-Meter-Doppelkammerschleuse kam zur Hafeneröffnung 1958 hinzu, welche seitdem der Binnenschifffahrt dient. Der Untertürkheimer Rundwanderweg II ist ein rund 12 Kilometer langer Wanderweg, der unter anderem an der Grabkapelle und dem Kappelberg entlang führt. Die aus der Zwischenkriegszeit stammende Arbeitersiedlung Im Wallmer, die als Sachgesamtheit unter Denkmalschutz steht
Medien Bereits seit 1899 gibt es in Untertürkheim eine eigene Tageszeitung, die Untertürkheimer Zeitung. Sie kooperiert heute als Stuttgarter Lokalausgabe zusammen mit der Cannstatter Zeitung mit der Eßlinger Zeitung im Verlagshaus Bechtle.
Politik Bezirksbeirat Dem Bezirksbeirat Untertürkheim gehören auf Grund der Einwohnerzahl des Stadtbezirks 11 ordentliche und ebenso viele stellvertretende Mitglieder an. Seit der letzten Kommunalwahl 2024 gilt folgende Sitzverteilung:
CDU: 3 Grüne: 2 SPD: 2 Freie Wähler: 1 Linke: 1 FDP: 1 AfD: 1
Schultheißen vor 1905 Johann Friedrich Lindenfels, Amtmann 1676–1691 Friedrich Ludwig Krauß, Amtmann 1691–1701 Georg Marx Dollmetsch, Amtmann 1701–1703 Johann Jakob Mayer, Amtmann 1703–1733 Nikolaus David Le Bret, Amtmann 1733–1741 Benedict Alexander Krafft, Amtmann 1741–1749