mini|Büste des Caracalla, Archäologisches Nationalmuseum Neapel Caracalla (geboren als Lucius Septimius Bassianus; * 4. April 188 in Lugdunum, dem heutigen Lyon; † 8. April 217 in Mesopotamien) war von 211 bis zu seinem Tod römischer Kaiser. Sein offizieller Kaisername war – in Anknüpfung an den beliebten Kaiser Mark Aurel – Marcus Aurel(l)ius Severus Antoninus.Der Gentilname Aurellius (statt Aurelius) ist für Caracalla (wie auch später für Elagabal und Severus Alexander) in förmlich feierlichen Inschriften fast durchweg verwendet und auch sonst die Regel, vgl. Werner Eck, Hans Lieb: Ein Diplom für die Classis Ravennas vom 22. November 206, in: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 96, 1993, S. 75–88 (PDF; 3,8 MB), hier S. 79, Anmerkung 16.
Caracallas Vater Septimius Severus, der Begründer der severischen Dynastie, erhob ihn 197 zum Mitherrscher. Nach dem Tod des Vaters am 4. Februar 211 trat er zusammen mit seinem jüngeren Bruder Geta die Nachfolge an, doch schon im Dezember ließ er Geta ermorden. Anschließend befahl er ein reichsweites Massaker an Getas Anhängern. Fortan regierte er unangefochten als Alleinherrscher.
Caracalla kümmerte sich vor allem um militärische Belange und begünstigte die Soldaten. Damit setzte er einen schon von seinem Vater eingeschlagenen Kurs fort, der auf die Epoche der Soldatenkaiser vorauswies. Wegen des Mordes an Geta und dessen Parteigängern sowie der allgemeinen Brutalität seines Vorgehens gegen jede tatsächliche oder vermeintliche Opposition wurde er von der zeitgenössischen senatorischen Geschichtsschreibung sehr negativ beurteilt. Bei den Soldaten hingegen erfreute er sich offenbar großer Beliebtheit, die über seinen Tod hinaus anhielt und zum Scheitern seines Nachfolgers beitrug.
Bei der Vorbereitung eines Feldzugs gegen die Parther wurde Caracalla von einer kleinen Gruppe von Verschwörern ermordet. Da er kinderlos war, starb mit ihm die männliche Nachkommenschaft des Dynastiegründers Septimius Severus aus. Später wurden jedoch die Neffen seiner Mutter, die Kaiser Elagabal und Severus Alexander, kontrafaktisch als uneheliche Söhne Caracallas ausgegeben.
Die Maßnahmen, mit denen Caracalla in erster Linie der Nachwelt in Erinnerung blieb, waren der Bau der Caracalla-Thermen und die Constitutio Antoniniana, ein Erlass von 212, mit dem er fast allen freien Reichsbewohnern das römische Bürgerrecht verlieh. Die moderne Forschung folgt weitgehend der ungünstigen Beurteilung seiner Regierungszeit durch die antiken Quellen, rechnet aber bei den Angaben der ihm feindlich gesinnten Geschichtsschreiber mit Übertreibungen.
Leben bis zum Herrschaftsantritt Kindheit mini|Caracalla mit seinen Eltern und seinem Bruder auf einem zeitgenössischen Tondo, Antikensammlung Berlin. Getas Gesicht wurde nach seiner Ermordung getilgt.Es ist vermutet worden, dass versehentlich nicht Getas, sondern Caracallas Porträt gelöscht wurde; siehe Heinz Bernhard Wiggers: Caracalla, Geta, Plautilla. In: Max Wegner (Hrsg.): Das römische Herrscherbild, Abteilung 3 Band 1, Berlin 1971, S. 9–129, hier: 48. Diese Hypothese hat sich aber nicht durchgesetzt; siehe Florian Krüpe: Die Damnatio memoriae, Gutenberg 2011, S. 237.
Caracalla wurde am 4. April 188 im heutigen Lyon geboren, dem Verwaltungssitz der Provinz Gallia Lugdunensis.Zum Datum siehe Géza Alföldy: Nox dea fit lux! Caracallas Geburtstag. In: Giorgio Bonamente, Marc Mayer (Hrsg.): Historiae Augustae Colloquium Barcinonense, Bari 1996, S. 9–36, hier: 31–36. Er war der ältere der beiden Söhne des aus der Provinz Africa stammenden späteren Kaisers Septimius Severus, dem damaligen Statthalter von Lugdunensis. Nur elf Monate später kam sein Bruder Geta zur Welt. Seine Mutter Julia Domna, die zweite Frau des Septimius Severus, stammte aus einer sehr vornehmen Familie; ihre Heimatstadt war Emesa in der Provinz Syria (das heutige Homs in Syrien). Caracalla erhielt den Namen BassianusCassius Dio 79 (78),9,3. Bei der Angabe mancher Bücher von Cassius Dios Werk sind unterschiedliche Zählungen gebräuchlich; eine abweichende Buchzählung ist hier und im Folgenden jeweils in Klammern angegeben. nach seinem Großvater mütterlicherseits, einem Priester des in Emesa verehrten Sonnengottes Elagabal.
Einen erheblichen Teil seiner Kindheit verbrachte Caracalla in Rom. Sein Vater war ab 191 Statthalter der Provinz Oberpannonien. Die Kinder der Provinzstatthalter mussten auf Anordnung des Kaisers Commodus in Rom bleiben, denn der misstrauische Kaiser wollte sich gegen das Risiko von Aufständen der Statthalter absichern, indem er ihre Kinder in seinem unmittelbaren Machtbereich behielt.Michael Louis Meckler: Caracalla and his late-antique biographer, Ann Arbor 1994, S. 4f. Als Kind soll sich Caracalla durch angenehme Eigenschaften ausgezeichnet haben.Historia Augusta, Caracalla 1,3–2,1. Er war fünf Jahre alt, als sein Vater am 9. April 193 von den Donaulegionen zum Kaiser ausgerufen wurde. Von Mitte 193 bis 196 hielt er sich mit seinem Vater im Osten des Reichs auf, dann kehrte er über Pannonien nach Rom zurück.
Septimius Severus gab sich ab Frühjahr 195 zum Zweck der Legitimierung seiner Herrschaft als Adoptivsohn des 180 gestorbenen Kaisers Mark Aurel aus.Helga Gesche: Die Divinisierung der römischen Kaiser in ihrer Funktion als Herrschaftslegitimation. In: Chiron 8, 1978, S. 377–390, hier: 387f.; Michael Louis Meckler: Caracalla and his late-antique biographer, Ann Arbor 1994, S. 9 und Anm. 34; Anne Daguet-Gagey: Septime Sévère, Paris 2000, S. 255f.; Drora Baharal: Victory of Propaganda, Oxford 1996, S. 20–42. Mit dieser Fiktion wollte er sich in die Tradition der Adoptivkaiser stellen, deren Epoche als Glanzperiode der römischen Geschichte galt. Daher erhielt auch Caracalla als fiktiver Enkel Mark Aurels ab 195/196 den Namen dieses beliebten Herrschers: Er hieß fortan Marcus Aurel(l)ius Antoninus, wurde also wie sein Vater als Angehöriger von Mark Aurels Familie, des Kaisergeschlechts der Antonine, betrachtet. An dieser Fiktion hielt er stets fest. Geta hingegen wurde nicht umbenannt, also nicht fiktiv in das Geschlecht der Antonine aufgenommen. Darin zeigte sich schon damals eine Bevorzugung seines ein Jahr älteren Bruders.Florian Krüpe: Die Damnatio memoriae, Gutenberg 2011, S. 182f. und Anm. 48. Entweder schon Mitte 195 oder spätestens 196 wurde Caracalla der Titel Caesar verliehen, womit er zum künftigen Kaiser designiert wurde.Für Frühjahr 196 plädiert Matthäus Heil: Clodius Albinus und der Bürgerkrieg von 197. In: Hans-Ulrich Wiemer (Hrsg.): Staatlichkeit und politisches Handeln in der römischen Kaiserzeit, Berlin 2006, S. 55–85, hier: 75–78. Anderer Meinung ist unter anderem Helmut Halfmann: Itinera principum, Stuttgart 1986, S. 220; er tritt für Mitte 195 ein. Dieser Schritt markierte den Bruch zwischen Septimius Severus und dessen Rivalen Clodius Albinus, der Britannien unter seiner Kontrolle hatte. Albinus hatte sich im Jahr 193 Hoffnungen auf die Kaiserwürde gemacht, war aber von Severus mit dem Caesartitel und der Aussicht auf die Nachfolge abgefunden worden. Diese Regelung war mit Caracallas Erhebung zum Caesar hinfällig. Daher brach der 193 noch vermiedene Bürgerkrieg zwischen Severus und Albinus nun aus. Nach dem Sieg des Severus in diesem Krieg, in dem Albinus den Tod fand, stand Caracallas Anspruch auf die Nachfolge seines Vaters nichts mehr im Wege.
Als Kaisersohn erhielt Caracalla eine sorgfältige Erziehung. Daher war er nicht ungebildet; als Kaiser war er offenbar in der Lage, sich an intellektuellen Gesprächen zu beteiligen, und schätzte rhetorische Fähigkeiten.Michael Meckler: Caracalla the Intellectual. In: Enrico dal Covolo, Giancarlo Rinaldi (Hrsg.): Gli imperatori Severi, Rom 1999, S. 39–46, hier: 44f.
197 begleitete Caracalla zusammen mit seinem Bruder Geta den Vater auf dessen zweitem Feldzug gegen das Partherreich. Schon im Frühjahr 197 wurde er offiziell als designierter Kaiser und Teilhaber der Herrschaft bezeichnet. Im Herbst 197 oder spätestens 198 wurde er zum Augustus erhoben und mit den kaiserlichen Vollmachten ausgestattet; fortan nannte man ihn Marcus Aurel(l)ius Severus Antoninus Augustus.Für eine Datierung vor Ende 197 plädiert Zeev Rubin: Dio, Herodian, and Severus’ Second Parthian War. In: Chiron 5, 1975, S. 419–441, hier: 432–435. Für die Datierung 28. Januar 198 argumentieren unter anderem: Michael Louis Meckler: Caracalla and his late-antique biographer, Ann Arbor 1994, S. 10; Michael A. Speidel: Titurnius Quartio und Severus’ Parthersieg. In: Anne Kolb, Michael A. Speidel (Hrsg.): A new era of epigraphy. 40 years of Epigraphic database Clauss/Slaby. New inscriptions, new readings, new interpretations of Roman inscriptions. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2025, ISBN 978-3-11-914543-5, S. 179–189, hier S. 182–183. Wohl gleichzeitig wurde Geta zum Caesar erhoben. Die Kaiserfamilie blieb noch einige Zeit im Orient; 199 reiste sie nach Ägypten, wo sie sich bis 200 aufhielt. Erst 202 kehrte sie nach Rom zurück. In diesem Jahr war Caracalla zusammen mit seinem Vater ordentlicher Konsul.
Heirat und Konflikte der Jugendzeit mini|Denar der Plautilla Im April 202 wurde Caracalla, mit 14 Jahren nunmehr mündig, von seinem Vater gegen seinen Willen mit Publia Fulvia Plautilla verheiratet, die den Titel Augusta erhielt. Sie war die Tochter des Prätorianerpräfekten Gaius Fulvius Plautianus. Plautianus stammte aus Leptis Magna in Libyen, der Heimatstadt des Septimius Severus. Er hatte dank der Gunst des Kaisers eine außerordentliche Machtstellung errungen, die er durch die Verschwägerung mit dem Kaiserhaus absichern wollte. Seine Machtfülle wurde aber von der Kaiserin Julia Domna als Bedrohung wahrgenommen und brachte ihn mit ihr in Konflikt. Caracalla, der Plautianus als Rivalen sah, hasste seine Frau und seinen Schwiegervater und wollte beide beseitigen. Mit einer Intrige führte er 205 den Sturz des Plautianus herbei, wobei er sich der Hilfe seines Erziehers, des Freigelassenen Euodus, bediente. Euodus veranlasste drei Centurionen, Plautianus eines Mordplans gegen Severus und Caracalla zu bezichtigen; sie behaupteten, der Präfekt habe sie zu einem Attentat angestiftet. Severus schenkte ihnen Glauben und lud Plautianus vor, doch erhielt der Beschuldigte keine Gelegenheit zur Rechtfertigung, da Caracalla ihn nicht zu Wort kommen ließ. Nach der Darstellung des zeitgenössischen Geschichtsschreibers Cassius Dio versuchte Caracalla seinen Feind in Anwesenheit des Kaisers eigenhändig umzubringen, wurde aber von Severus daran gehindert. Darauf ließ er Plautianus von einem seiner Begleiter töten, offenbar mit Billigung des Kaisers. Plautilla wurde auf die Insel Lipari verbannt.Cassius Dio 77 (76),3–6. Siehe zu diesen Vorgängen Anthony R. Birley: The African Emperor. Septimius Severus, 2., erweiterte Auflage, London 1988, S. 137, 143f., 161f.; Barbara Levick: Julia Domna, London 2007, S. 74–81. Nach seinem Regierungsantritt ordnete Caracalla ihre Beseitigung an; über sie wurde die damnatio memoriae verhängt. Auch Euodus wurde später auf Befehl Caracallas hingerichtet.
mini|Goldmünze (Aureus) des Septimius Severus von 202 n. Chr. mit Büste sowie Titulatur des Kaisers auf der Vorderseite und Darstellung seiner Familie (Julia Domna, Caracalla, Geta) mit der Umschrift „felicitas saeculi“ („Glückseligkeit des Zeitalters“) auf der Rückseite