mini|Kneipp-Kur Die Naturheilkunde, früher auch Physiatrie genannt, ist eine alternativmedizinische Heilkunde, die vor allem auf diätetischen und physikalischen Heilmitteln beruht, auf eine naturgemäße Lebensweise besonderen Wert legt und (abgesehen von Heilpflanzen) weitgehend auf Arzneimittel verzichtet.Meyers Enzyklopädisches Lexikon, XVI, S. 812. Der Begriff Naturheilkunde bezeichnet somit ein Spektrum verschiedener Naturheilverfahren (oder NaturheilmethodePaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 10.). Klassische Naturheilverfahren sind Therapien, die im Körper natürliche Reaktionen anregen sollen und in der Natur vorkommende Mittel verwenden, wie z. B. Wärme, Kälte, Wasser, Erde, Licht, Luft, Nahrung und Pflanzen.
Wirkprinzip Die meisten naturheilkundlichen und alternativen Verfahren haben einen ganzheitlichen Ansatz, versuchen also stets, den gesamten Organismus zu heilen. Dabei haben sie den Anspruch, nicht nur den Körper zu erfassen, sondern vor allem auch eventuelle psychosomatische Ursachen.
Das wichtigste Therapieziel von naturheilkundlichen Verfahren ist die Anregung der Selbstheilungskräfte mithilfe von Naturheilmitteln. Ebenfalls zentral ist häufig die Übernahme von Eigenverantwortung durch den Patienten mithilfe der Anleitung und Förderung des Arztes.Wirkprinzip der Klassischen Naturheilkunde (Definition der Hufelandgesellschaft)
Aus wissenschaftlicher Sicht lassen viele der behaupteten Heilmechanismen einen echten Wirksamkeitsnachweis vermissen; manche können sogar schädlich sein. Zwar gibt es bspw. durchaus anerkannte Heilpflanzen, doch der Glaube, „natürliche“ Heilmittel seien automatisch „gesünder“ als synthetisch hergestellte Arzneimittel, ist oftmals nicht der Fall und eher als Esoterik bzw. Chemophobie einzuordnen.
Geschichte Im hippokratischen Verständnis, welches in Antike und Mittelalter die Basis der akademischen Medizin war (vgl. Humoralpathologie), wurde die Natur als Lebenskraft und als Heilkraft aufgefasst. Die Genesung des Patienten wurde durch die Natur bewirkt, der Arzt war lediglich Behandler: Medicus curat, natura sanat.
Eine erste (alternativmedizinisch-)naturheilkundliche Bewegung in Schlesien löste der schlesische Predigermönch und DichterarztAntoni Jonecko: Studien zum Dichterarzt Nikolaus von Polen. Eine Skizze des mittelalterlichen Arztes und Dichters unter besonderer Akzentuierung seiner „Anthippocras“-Streitschrift, seiner „Experimenta“, der „Chirurgie“ sowie seiner Verbindungen nach Schlesien. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 8, 1990. Nicholaus Polonus (genannt auch Niklas von Mumpelier),Ryszard Ganszyniec (Hrsg.): Brata Mikołaja z Polski pisma lekarskie (= Prace naukowe Uniwersytetu Poznańskiego, sekcja humanistycnza. Band 2). Posen 1920.Gundolf Keil: Nikolaus von Polen (N. v. Böhmen) OP. In: Kurt Ruh, Gundolf Keil, Werner Schröder, Burghart Wachinger, Franz Josef Worstbrock (Hrsg.): Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2., völlig neu bearbeitete Auflage. Band 6, 1987, Sp. 1128–1133. aus dem Dominikanerkloster Krakau, um 1275 aus, dessen therapeutisches KonzeptVgl. Stanisław Szpilczyński: Considérations sur les conceptions pseudoscientifiques des pratiques de Nicolas de Pologne. Réflexions sur l’influence du centre médical de Montpellier, concernant la médecine en Pologne, Yperman. In: Bulletin de la Société belge d’histoire de la médecine. Band 8, 1991, Nr. 6; auch in: Le Scalpel. Band 114, 1961, S. 230–233. antigalenische und antischolastische Inhalte aufwies.Gundolf Keil: Der anatomei-Begriff in der Paracelsischen Krankheitslehre. Mit einem wirkungsgeschichtlichen Ausblick auf Samuel Hahnemann. In: Hartmut Boockmann, Bernd Moeller, Karl Stackmann (Hrsg.): Lebenslehren und Weltentwürfe im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Politik – Bildung – Naturkunde – Theologie. Bericht über Kolloquien der Kommission zur Erforschung der Kultur des Spätmittelalters 1983 bis 1987 (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen: philologisch-historische Klasse. Folge III, Nr. 179). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1989, ISBN 3-525-82463-7, S. 336–351, hier: S. 337–339. Der Begriff Naturheilkunde wurde erstmals 1839 von Johann Baptist Gross in der 3. Auflage seines Werkes Das kalte Wasser als vorzügliches Beförderungsmittel der Gesundheit und ausgezeichnetes Heilmittel in Krankheiten verwendet:
1846 verwendete auch der unter dem Pseudonym J. H. Rausse publizierende und für die Entwicklung der Naturheilkunde bedeutendeGundolf Keil: Vegetarisch. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 34, 2015 (2016), S. 29–68, hier: S. 42–47.Hubertus Averbeck (2012), S. 229. Heinrich Friedrich Francke das Wort Naturheilkunde.Bernhard Uehleke (2003), S. 149. Lorenz Gleich (* 1. August 1798; † 3. März 1865)Wolfgang G. Locher: Gleich, Lorenz. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 496 f. schuf 1848 – angeregt durch Lehren des „Gesundheitsapostels“ Ernst Mahner – eine Definition und Nomenklatur der Naturheilkunde und nennt neben Wasser „zweckmäßige Diät, Bewegung, Luft, Licht und Wärme mit Ausschluß aller sogenannten Medikamente“.
Ein Ansatz war die Propagierung des Wassers zu Heilzwecken in der Hydrotherapie (früher auch Hydropathie genannt). Vinzenz Prießnitz bezeichnete um 1848 die Kombination von aktiver und passiver Bewegungstherapie, Luft-, Bäder- und Wasseranwendungen sowie einfacher Mischkost erstmals als Naturheilverfahren. Johann Schroth verband die Wasseranwendungen mit Fasten in der Schrothkur. Durch kompromisslose Arzneifeindlichkeit und Impfgegnerschaft waren später Bewegungen um die Zeitschrift Der Naturarzt (als deren Chefredakteur Theodor Hahn wirkteHubertus Averbeck: Von der Kaltwasserkur bis zur physikalischen Therapie. Betrachtungen zu Personen und zur Zeit der wichtigsten Entwicklungen im 19. Jahrhundert. Europäischer Hochschulverlag, Bremen 2012, ISBN 978-3-86741-782-2, S. 228.) oder der Deutsche Bund der Vereine für Gesundheitspflege und arzneilose Heilweisen gekennzeichnet.
Die durch den Pfarrer Sebastian Kneipp populär gewordene Form der Hydrotherapie (siehe: Kneipp-Medizin) gab allerdings das Prinzip der Arzneilosigkeit auf. Viele andere medizinische Laien, aber auch Ärzte entwarfen weitere Naturheilsysteme. Der bayerische Militärarzt Lorenz Gleich (1798–1865) prägte den Begriff Naturheilkunde als Sammelbezeichnung für die Naturinstinktlehre („instinktiv richtig geleitetes Verhalten des Menschen im Umgang mit Gesundheit und Krankheit“), die Naturdiätik („vom Instinkt geleitete naturgemäße Lebensform“) und die Naturheilverfahren. Einige Ärzte wie August Bier setzten sich für eine Überwindung des wachsenden Misstrauens zwischen Naturheilkunde und wissenschaftlicher Medizin ein.
Der Heilpraktiker Arthur Lutze (1813–1870) verband die Erkenntnisse der Naturheilkunde mit homöopathischen Elementen. In seiner Klinik in Köthen behandelte er Tausende von Patienten mit selbstentwickelten Wellness-Heilpraktiken, Bädern und vegetarischen Diäten. Sein Buch Lebensregeln der naturgemäßen Heilkunde erreichte 64 Auflagen. Ein weiteres verbreitetes naturheilkundliches Werk war Die neue HeilmethodeMaximilian Platen: Die neue Heilmethode. Lehrbuch der naturgemässen Lebensweise, der Gesundheitspflege und der arzneilosen Heilweise. Berlin. von Maximilian Platen.
Um 1900 waren viele Anhänger der Naturheilkunde in der großstädtischen Arbeiterschaft zu finden, vor allem aber im Bürgertum. Naturheilvereine, Prießnitzbünde und Kneippgesellschaften waren Teil der sozialen Bewegung, die als LebensreformVgl. etwa Florian Mildenberger: Lebensreform und Medizin um 1900. Die Naturheilbewegung in Brandenburg. In: Christiane Batz (Hrsg.): Einfach. Natürlich. Leben: Lebensreform in Brandenburg 1890–1933. Berlin 2015, S. 105–114. bekannt wurde.Vgl. exemplarisch auch Magnus Hirschfeld: Naturheilmethode und Socialdemokratie. In: Hausdoctor. Band 8, 1897, S. 249–251. 1906 legte der Mediziner Emil Klein unter dem NamenKarl E. Rothschuh: Das Buch „Der Arzt“ (1906) stammt nicht von Ernst Schweninger! In: Medizinhistorisches Journal 18, 1983, S. 137–144. und mit den Ideen seines Lehrers Ernst Schweninger, dem Leibarzt Bismarcks, mit dem Buch Der Arzt Grundlagen für die folgenden Bestrebungen zur Etablierung von Naturheilkunde.Alfred Haug: Die Reichsarbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde (1935–1936). In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 2, 1984, S. 117–130; hier: S. 118 f. Selbst die Behandlung von Geschlechtskrankheiten wurde (neben ersten – nebenwirkungsreichen – chemotherapeutischen AnsätzenHermann Lemke: Die Syphilis und ihre Heilung auf naturgemäßer Grundlage ohne Quecksilber und Salvarsan. Ein neuer Weg zur Volksgesundung. 5. Auflage. Berlin 1925. und vor der Entwicklung moderner Antibiotika) mit naturheilkundlichen Methoden versucht.Hermann Lemke: Geschlechtskrsnkheiten und ihre Heilung auf naturgemässer Grundlage. Ein neuer Weg zur Volksgesundung. 2. Auflage. Ohne Ort 1916. Die Popularität der Naturheilbewegung wurde teilweise vom Nationalsozialismus aufgegriffen. Die Verfechter der NS-Medizin beriefen sich häufig auf traditionelle Methoden und Denkweisen, die den Naturheilkundlern als Hintergrund dienten, und versuchten u. a. daraus eine Neue Deutsche Heilkunde zu entwickeln.
Verbreitung Grundsätzlich ist zwischen der ärztlichen Anwendung, Behandlungen nach dem Heilpraktikergesetz und der Selbstbehandlung zu unterscheiden. Vor allem in der niedergelassenen Ärzteschaft und in der Rehabilitationsmedizin sind naturheilkundliche Verfahren durchaus verbreitet. In Deutschland sind rund 14.000 Ärzte in ärztlichen Fachgesellschaften für Naturheilverfahren organisiert. Zum Vergleich sind es 28.000 bei der Akupunktur, 8.000 in der Manuelle Medizin, 6.000 in der Homöopathie und mehr als 5.000 in sonstigen Verfahren der komplementären Medizin.
In Deutschland gibt es nach der abgeschlossenen Facharztausbildung die Möglichkeit die durch die Ärztekammern anerkannte Zusatzbezeichnung Naturheilverfahren zu erlangen. Zum Erwerb der Zusatzbezeichnung sind vier Kurse mit zusammen 160 Unterrichtseinheiten sowie eine 12-wöchige Praxis-Hospitation bei einem weiterbildungsermächtigten Arzt erforderlich. Die Praxis-Hospitation ist durch die 80 Stunden Fallseminare einschließlich Supervision ersetzbar.
Die Weiterbildung beinhaltet den Erwerb von Kenntnissen, Erfahrungen und Fertigkeiten in balneo-, klimatherapeutischen und verwandten Maßnahmen, bewegungs-, atem- und entspannungstherapeutischen Maßnahmen, der Massagebehandlung und reflexzonentherapeutischen Maßnahmen einschließlich manueller Diagnostik, den Grundlagen der Ernährungsmedizin und Fastentherapie, der Phytotherapie und Anwendung weiterer Medikamente aus Naturstoffen, der Ordnungstherapie und Grundlagen der Chronobiologie, physikalischen Maßnahmen einschließlich Elektro- und Ultraschalltherapie, den ausleitenden und umstimmenden Verfahren, Heilungshindernissen und Grundlagen der Neuraltherapie. (PDF)
Naturheilkunde und Alternativmedizin Während für die Klassische Naturheilkunde in den letzten Jahrzehnten wissenschaftliche Grundlagen erarbeitet wurden und sie auch als Teil der etablierten Schulmedizin verwendet wird, werden umgangssprachlich einige Bereiche der Alternativmedizin und im engeren Sinne Teile der Komplementärmedizin (d. h. zu den wissenschaftlich nicht anerkannten, die Medizin ergänzenden Verfahren) als Naturheilkunde bezeichnet.
Integrative Medizin