mini|Frau Holle und das fleißige Mädchen. Illustration von Otto Kubel, 1930 mini|Illustration von Hermann Vogel Frau Holle ist ein Zaubermärchen aus den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm und steht dort an Stelle 24 (KHM 24). Es zählt zu Typ ATU 480D: Geschichten von artigen und unartigen Mädchen. In das Märchen wurde die Sagengestalt Perchta (Frau Holle) eingearbeitet. Eine frühere Fassung hieß Murmelthier.

Inhalt Eine Witwe mag ihre hässliche, faule Tochter sehr, aber nicht ihre schöne, fleißige Stieftochter. Die muss am Brunnen sitzen und spinnen, bis ihre Finger blutig sind, während die andere nichts tuend zu Hause sitzt. Beim Säubern fällt ihr die blutige Spule in den Brunnen hinein. Die Stiefmutter will, dass die Stieftochter sie wieder holt, diese springt in den Brunnen und erwacht auf einer Wiese wieder. Dort kommt sie der Bitte nach, sprechendes längst ausgebackenes Brot aus einem Ofen zu holen und reife Äpfel von einem sprechenden Baum zu schütteln. Sie dient der alten Frau Holle mit den großen Zähnen, schüttelt ihr fleißig das Bett, dann schneit es in der Welt. Obwohl sie ein gutes Leben bei Frau Holle hat, will sie schließlich doch wieder nach Hause, weil sie Heimweh hat. Frau Holle führt sie durch ein Tor, wo Gold auf sie fällt, und gibt ihr auch die Spule wieder. Das Mädchen erzählt zu Hause, wie es zu dem Reichtum gekommen ist. Die Witwe schickt daraufhin ihre Tochter zu Frau Holle, doch diese kommt weder den Bitten des Brotes, noch des Apfelbaums und auch nicht denen der Frau Holle nach. Zum Abschied führt Frau Holle sie zum gleichen Tor, doch als Belohnung fällt Pech auf sie, das ihr Leben lang an ihr haften bleibt.

Herkunft mini|Goldmarie bei Frau Holle lässt es schneien. Illustration von Otto Ubbelohde, 1909 Das Märchen erschien in der Erstauflage der Kinder- und Hausmärchen von 1812 nach den Erzählungen von Dorothea Wild. In der Zweitauflage wurde es durch das Einfügen des Hahns verändert. Wilhelm Grimm wurde dazu durch Georg August Friedrich Goldmanns inspiriert. Dieses Motiv hatte er bei einem Aufenthalt in Westfalen kennengelernt. Eine Urfassung der Frau Holle, verfasst von Jacob Grimm, bekam Clemens Brentano zu Gesicht und schrieb daraufhin sein Märchen vom Murmelthier.Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen Band 3 Originalanmerkungen Herkunftsnachweise Nachwort. 2010, S. 469

Im Erstdruck von 1812 ist die Mutter noch keine Stiefmutter. Die Heldin holt nur Wasser vom Brunnen und bückt sich dabei zu tief, ohne blutige Spule. Die 2. Auflage entspricht schon weitgehend der 7. Auflage letzter Hand, einschließlich des krähenden Hahns. Ab der 6. Auflage ist etwas genauer beschrieben, wie die Heldin das Brot mit dem Brotschieber holt und die Äpfel aufhäuft, und auch ihre Gefühlslage, wie sie erst langsam merkt, dass sie Heimweh hat „zu den Meinigen“. Es blieb ihr einfacher Ausdruck „ich habe den Jammer nach Haus kriegt […]“, worauf Frau Holle ab der 3. Auflage lobt „es gefällt mir, daß du wieder nach Haus verlangst […]“ (vorher nur: „du hast Recht […]“). Die Formel „Gesottenes und Gebratenes“ steht schon im Erstdruck, wie in KHM 85 und später KHM 36, 54, sie ist auch Althochdeutsch belegt.Lothar Bluhm, Heinz Rölleke: „Redensarten des Volks, auf die ich immer horche“. Märchen - Sprichwort - Redensart. Zur volkspoetischen Ausgestaltung der Kinder- und Hausmärchen durch die Brüder Grimm. Neue Ausgabe. S. Hirzel Verlag, Stuttgart/Leipzig 1997, ISBN 3-7776-0733-9, S. 63–64.

Grimms Anmerkung nennt zur Herkunft „Hessen und Westphalen“ und gibt eine „dritte Erzählung aus der Schwalmgegend“ wieder, die Hänsel und Gretel ähnelt: Ein schönes und ein garstiges Mädchen spinnen am Brunnen. Dem schönen fällt der Rocken hinein, es geht hinterher. Unten trifft es einen Birnbaum, ein Kälbchen, einen Backofen und isst von einem Pfannkuchenhaus. Drinnen ist eine rote alte Frau, die ruft „der Wind, das himmlische Kind! komm herein und laus mich“. Sie laust sie in den Schlaf, klaut ein Goldkleid und flieht. Backofen, Kälbchen und Birnbaum verraten sie nicht, oben ruft der Hahn „unser goldenes Mädchen kommt!“ Die Garstige macht es nach, aber Backofen, Kälbchen und Birnbaum verraten sie, und die Alte besudelt ihr das Goldkleid. Ähnlich sei eine „vierte Erzählung aus dem Paderbörnischen“: Ein Mädchen schüttelt ein Bäumchen, melkt eine Kuh, holt Brot aus dem Ofen und laust in einem Haus eine Hexe, einen Affen und einen Bären, dafür kriegt es schöne Kleider und Schätze. Dann lässt es sich im Brunnen wieder hochziehen. Ein schwarzer Hund sucht es, aber die Dinge weisen den falschen Weg. Die Böse dagegen wird von Baum und Kuh geschlagen und gestoßen. Eine fünfte, wieder „hessische Erzählung“: Eine Frau bindet ihrer Tochter den Rocken fest, dass er nicht hinein fällt, der Stieftochter nicht, und wirft sie dann hinunter. Sie kommt in ein Haus, rettet Suppe, Braten und Kuchen vor dem Überlaufen und Verbrennen, nascht nur ein paar Krümel, kämmt der Hexe das verfilzte Haar, ohne zu rupfen, und wird belohnt. Die andere Tochter macht alles falsch. Sie geben noch eine „sechste Erzählung aus Thüringen“ in Wilhelm Reynitzschs Buch Über Truhten und Truhtensteine, Gotha 1802, S. 128–131 wieder: Der Schönen fällt die Spindel in den Brunnen, die Hässliche stößt sie hinab, ein weißes Männchen und ein Sänger führen sie zu einer roten Kuh, die sie melkt, und in eine Stadt. Aus Demut wählt sie das Pechtor und das schwarze Haus, wird aber durchs Goldtor und ins weiße Haus geführt, lebt auch nicht mit Katzen und Schlangen, sondern schönen Spinnerinnen, spinnt Goldflachs, isst und trinkt. Daheim grüßt der gelbe Hahn („kickericki, kickericki!“ – „da kommt die goldene Marie!“). Bei der hässlichen Schwester kommt alles umgekehrt, in einer Nebelwohnung bei Schlangen und Kröten hat sie keine Ruhe. Grimms Anmerkung gibt Murmelthier wieder und nennt noch aus Schwaben bei Meier „77“, Kuhn Nr. 9, aus Holstein bei Müllenhoff „Nr. 31. 51“, „eine Erzählung aus dem Elsaß“ in Stöbers „Volksbuch S. 113“, norwegisch bei Asbjörnsen S. 86, „romanisch aus der Bukowina“ in Wolfs Zeitschrift für Mythologie 1, 42, im Pentameron „4, 7“ Die beiden kleinen Kuchen, „das erste Märchen in der Braunschweiger Sammlung“ (Feen-Mährchen. Zur Unterhaltung für Freunde und Freundinnen der Feenwelt, Braunschweig 1801 bei Verleger Friedrich Bernhard Culemann), „die stolze Föhre“ bei Ziska S. 38, zwei serbische Märchen bei Wuk Nr. 34 und 36 sowie Erzählungen von Frau Holle in Grimms Deutsche Sagen „Band 2“ und Panzer zur deutschen Mythologie 1, „125. 190“, zum Nordischen P. F. Müller „Sagenbibl. 1, 274. 275“. In Hessen sage man bei Schnee „die Frau Holle macht ihr Bett“, in Holstein „St. Petrus wettert sein Bett aus“ oder „die Engel pflücken Federn und Dunen.“

Für eine algerische Variante siehe Fricha und die beiden kleinen Mädchen.

Interpretation mini|Illustration von Anne Anderson Im Märchen wird ab der 2. Auflage der ehedem häufige innerfamiliäre Konflikt behandelt, als viele Frauen im Kindbett starben, die Witwer oft neu heirateten und miteinander konkurrierende Halbgeschwister zeugten. So ist in Grimms Märchen ab der 2. Auflage die böse Mutter stets eine Stiefmutter. Die Spindel ist Objekt weiblichen Fleißes, Gold Ausdruck der Wertschätzung, hier kontrastiert durch Pech. Märchen vom guten und schlechten Mädchen sind beliebt. Vgl. schon in Giambattista Basiles Pentameron IV,7 Die beiden kleinen Kuchen. Vgl. Die Goldmaria und die Pechmaria und Der goldne Rehbock in Ludwig Bechsteins Deutsches Märchenbuch, in der Ausgabe von 1845 auch Der Garten im Brunnen. Eine Hexe im Brunnen gibt es in Grimms Märchen auch in Das blaue Licht. Auch Die Regentrude von Theodor Storm wohnt in der durch eine hohle Weide zugänglichen Unterwelt. Eine ähnliche Geschichte erzählt das bulgarische Märchen Das goldene Mädchen.Todor Valov: Deutsch-Sorbisches Volkstheater Bautzen. Die Unterweltvision ist etwas ähnlich in Das Goldspinnen, Ulrich Jahns Volksmärchen aus Pommern und Rügen Nr. 1.

Die Heimat dieses Märchens ist nicht eindeutig festzulegen, da es mehrere Regionen gibt, in denen die Bewohner behaupten, Frau Holle sei in einem ihrer Berge zu Hause. So werden der Hohe Meißner zwischen Kassel und Eschwege, die Hörselberge bei Eisenach und die Orte Hörselberg und Hollerich genannt. Mythologisch scheint das Märchen älteren Stoff zu verarbeiten. So ist zunächst einmal das Springen in den Brunnen mit der sich anschließenden Reise in die Anderswelt (oder hier Brunnenwelt) zu nennen. Frau Holle (Hulda, Perchta) ist die große Göttin, die „Mutter Erde“. Leser esoterischer Bücher mag die schöne Wiese an Nahtoderfahrungen erinnern. Rudolf Meyer versteht sie als nachtodlichen Weg und Karma.Rudolf Meyer: Die Weisheit der deutschen Volksmärchen. Urachhaus, Stuttgart 1963, S. 241–243. Auch laut Ortrud Stumpfe prüft die Natur als Frau Holle auf die Fähigkeit zu liebender Intelligenz.Ortrud Stumpfe: Die Symbolsprache der Märchen. 7. Auflage. Aschendorff, Münster 1992, ISBN 3-402-03474-3, S. 43.

Nach Hedwig von Beit personifiziert die Schattengestalt der Pechmarie einerseits eine besonders unbewusste, unachtsame, andererseits eine einseitig bewusste, berechnende Haltung, vgl. KHM 89, 107, 126. In anderen Märchen sind diese gegensätzlichen Aspekte des Schattens durch zwei Figuren dargestellt (KHM 57, 63, 106). Auch in Frau Holle steckt dieser Doppelaspekt, sie gleicht Frau Hulda, Perchta, Hel. Die Heldin wird im Spinnen am Brunnen, Brot im Backofen und Apfelbaum also mit ihrer archaischen Weiblichkeit konfrontiert, wobei das Unbewusste das karge Leben der Benachteiligten in fruchtbarem Triebleben kompensiert. Das Spinnen ist weibliche Tüchtigkeitsprobe (vgl. KHM 9, 14, 49, 50, 55, 65, 67, 79, 128, 156, 181, 179, 188), der Brunnen Zugang zum Unbewussten (s. a. KHM 1, 91), zum Bezug des Korns auf die Große Mutter vgl. die Eleusinischen Mysterien, gleichzeitig drückt das Brot eine menschliche Bemühung aus. Der Apfelbaum erinnert an Idun, wobei im Schütteln vielleicht auch eine männliche Funktion angedeutet ist. Der Schneehimmel verkörpert eine geistig-kühlere Sphäre des Unbewussten. Die Vergoldung und der Hahnenschrei identifizieren die Heldin mit der aufgehenden Sonne, d. h. neugewonnenes Bewusstsein (vgl. Hohes Lied).Hedwig von Beit: Symbolik des Märchens. Francke, Bern 1952, S. 664–678.

Ulla Wittmann erklärt, wie Loslassen in der Verzweiflung zu neuem Glück führt. Höchstes und Tiefstes sind sich so nah, und die an ihrer Mutter litt, lernt Mutter Erdes gute Seite kennen, Materie und Geist sind eins. Das Routinerad kostete zu viel Blut und Tränen, sie erweckt die Chakren am Baum des Lebens, der Weg ist Ziel und das Leben selbst. Die Anti-Heldin tut es äußerlich berechnend.Ulla Wittmann: „Ich Narr vergaß die Zauberdinge.“ Märchen als Lebenshilfe für Erwachsene. Ansata-Verlag, Interlaken 1985, ISBN 3-7157-0075-0, S. 203–213. Eugen Drewermann zufolge ist dieses Märchen ausnahmsweise mehr religiös-philosophisch als tiefenpsychologisch: Gut und Böse und wie man damit umgeht. Gold- und Pechmarie stehen für Sonne und Mond im Haus von „Frau Welt“, wie man im Mittelalter sagte. Frau Holle ist die germanische Erd- und Himmelsgöttin Hulda oder Berchta, in deren Weltenbrunnen die Sonne täglich absteigt. Der Brunnen ist auch ein Taufsymbol. Die Aufgaben sind dann die Jahreszeiten (die Wiese ist der Frühling, der Ofen mit dem Brot im Sommer, Äpfel ernten im Herbst und es schneit im Winter (durch das Federkissen)). Mythen kennen solch ungleiche Geschwisterpaare, etwa Esau und Jakob, Lea und Rachel ( bzw. ). Der Gehorsam des Guten führt letztlich zur Resignation. Nun gehorcht sie der Harmonie der Dinge der Welt. Dank der Großen Göttin lohnt sich Gutes nun doch. Auch der Dualismus einer bloßen Gerechtigkeit im Jenseits wird überwunden. Das Gute braucht das Böse gar nicht, das äfft nur nach (vgl. , ).Eugen Drewermann: Lieb Schwesterlein, laß mich herein. Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet. 11. Auflage. dtv, München 2002, ISBN 3-423-35050-4, S. 366–395.