mini|Keith Richards (2022) Keith Richards (* 18. Dezember 1943 in Dartford, Grafschaft Kent, Vereinigtes Königreich) ist ein britischer Musiker und Songwriter.
Er ist Gründungsmitglied der seit 1962 bestehenden britischen Bluesrock-Band The Rolling Stones und gehört der Formation seither ununterbrochen als Rhythmus- und Leadgitarrist an. Seine Riffs und Licks sind prägend für den Sound der Rolling Stones, gelegentlich tritt er auch als Sänger der Band, als Solist, als E-Bassist und in anderen Formationen in Erscheinung. Richards schreibt gemeinsam mit Frontmann Mick Jagger – gelegentlich auch unter den Pseudonymen Nanker Phelge oder The Glimmer Twins – einen Großteil der Songs. Seit 1993 gehört das Autorenduo Jagger/Richards der Songwriters Hall of Fame an.
Die Musikzeitschrift Rolling Stone platzierte Richards („The Human Riff“) auf dem vierten Platz der Liste der 100 größten Gitarristen. Als Mitglied der Rolling Stones ist Richards auch Teil der Rock and Roll Hall of Fame.
Zeitweise nannte er sich Keith Richard.Keith Richards/James Fox: Life 2010; deutsch: Life Aus dem Englischen von Willi Winkler e.a. Heyne 2010, ISBN 978-3-453-16303-4
Kindheit und Jugend mini|Richards (1965) Keith Richards wurde am 18. Dezember 1943 in Dartford, einer Kleinstadt im Nordwesten der Grafschaft Kent, geboren. Er ist das einzige Kind des Industriearbeiters und Kriegsveteranen Herbert „Bert“ Richards und dessen Ehefrau Doris Maud Lydia (geborene Dupree) und wuchs in relativ einfachen Verhältnissen auf. Das „s“ in seinem Familiennamen wurde von Andrew Loog Oldham, dem Manager der Rolling Stones seit Mai 1963, entfernt, da der Name so leichter zu merken war. Gegen Ende der 1970er Jahre hängte Richards das „s“ wieder an.Andrew Loog Oldham: Rolling Stoned 2013; Because Entertainment, ISBN 978-0-9920275-0-6 Das Elternhaus von Keith Richards wurde bei den Luftangriffen im Sommer 1944 fast völlig zerstört.Marc Spitz: Jagger. Rebel, Rock Star, Ramble, Rogue. 2011 (Gewidmet Brendan Mullen); deutsch: Mick Jagger. Rebell und Rockstar. Aus dem Amerikanischen von Sonja Kerkhoffs. Edel Germany, Hamburg 2012, ISBN 978-3-8419-0122-4, S. 27–28.
Zunächst ging Keith Richards auf die Wentworth Primary School, die auch der Nachbarsjunge Mick Jagger bis zu seinem Umzug im Jahr 1954 besuchte, was zum zwischenzeitlichen Abbruch des Kontakts führte. Anschließend wechselte er auf die Dartford Technical High School for Boys (1955–1959) und sang dort als Sopranist im Knabenchor u. a. das Hallelujah aus Händels Messiah in der Westminster Abbey vor Königin Elisabeth II.Victor Bockris: Keith Richards. The Unauthorised Biography. Omnibus Press, London 2012, ISBN 978-0-85712-846-1 ().
Um 1959/60 war er begeistertes Mitglied der Pfadfinder. Seine Gruppe war die Beaver Patrol, zu deren Leiter er ernannt wurde („… mit das beste, was mir damals passierte, war mein Eintritt bei den Pfadfindern.“).Keith Richards: Life. Heyne, 2010.
Sein Großvater mütterlicherseits, Augustus Theodore („Gus“) Dupree, der während der 1930er Jahre in Jazzbands gespielt hatte, weckte bei dem kleinen Keith das Interesse am Gitarrenspiel. „Er hatte da diese Gitarre an der Wand hängen. Und er zog mich jahrelang damit auf, dass ich meinen Blick nicht von diesem verdammten Ding wenden konnte – bis er an dem Punkt angelangt war, zu sagen ‚Wenn du an sie drankommst, dann lasse ich dich damit spielen‘“, schrieb Keith Richards in seiner Autobiographie Life. Anhand klassischer spanischer Gitarrenmusik brachte Dupree seinem Enkel in der Folge erste Stücke beiKeith Richards: Life. Heyne, 2010. („Mein Großvater war der Meinung, es sei eine gute Übung zu lernen, wo die Noten sind.“).
Nachdem Richards die Dartford Tech hatte verlassen müssen, wurde er 1959 am Sidcup Art College, einer Kunstschule, in London (Borough of Bexley) angenommen. Im gleichen Jahr kaufte ihm seine Mutter für 10 £ eine Westerngitarre (die er vor dem Herbst 1961 gegen eine Elektrische Gitarre von Höfner eintauschte),Marc Spitz: Jagger. Rebel, Rock Star, Ramble, Rogue. 2011 (Gewidmet Brendan Mullen); deutsch: Mick Jagger. Rebell und Rockstar. Aus dem Amerikanischen von Sonja Kerkhoffs. Edel Germany, Hamburg 2012, ISBN 978-3-8419-0122-4, S. 37. und Richards begann sich für die Bluesmusik afroamerikanischer Interpreten wie Billie Holiday, Louis Armstrong, Howlin’ Wolf und Duke Ellington zu interessieren und deren Stücke nachzuspielen. Bald vernachlässigte er die Schule, um Musik zu hören oder mit seinem Mitschüler Dick Taylor Gitarre zu spielen. Auf dem Schulweg nach London traf Richards am 17. Oktober 1961 am Bahnhof in Dartford zufällig Mick Jagger wieder, der inzwischen die London School of Economics besuchte. Sie kamen ins Gespräch, weil Jagger einige Rhythm-and-Blues-Schallplatten von Chuck Berry (Rockin’ at the Hops) und Muddy Waters (The Best of Muddy Waters) unter dem Arm trug und Richards ebenfalls von dieser in Großbritannien relativ unbekannten Musik begeistert war. Diese zufällige Begegnung sowie das gemeinsame Interesse für den Blues führte nunMarc Spitz: Mick Jagger. Rebell und Rockstar. Aus dem Amerikanischen von Sonja Kerkhoffs. Edel Germany, Hamburg 2012, ISBN 978-3-8419-0122-4, S. 30 und 37–38. zu ihrer Freundschaft. Jagger probte gelegentlich mit seiner Band Little Boy Blue and the Blue Boys, der neben Bob Beckwirth auch der gemeinsame Freund Dick Taylor angehörte, und Richards stieß zu der Formation, die jedoch nicht öffentlich auftrat.Vgl. auch Marc Spitz: Jagger. Rebel, Rock Star, Ramble, Rogue. 2011 (Gewidmet Brendan Mullen); deutsch: Mick Jagger. Rebell und Rockstar. Aus dem Amerikanischen von Sonja Kerkhoffs. Edel Germany, Hamburg 2012, ISBN 978-3-8419-0122-4, S. 36–41.
Um Live-Musik zu hören, besuchten Jagger und Richards, vorzugsweise an den Wochenenden, angesagte Londoner Clubs. Dort kamen sie in Kontakt mit Alexis Korner und traten gelegentlich als Gastmusiker in dessen Gruppe Blues Incorporated auf, wodurch sie den Gitarristen Brian Jones und den Pianisten Ian Stewart kennenlernten, was schließlich nach Jones’ Initiative im Mai 1962 zur Gründung der Urformation der Rolling Stones führte. Der erste Auftritt fand am 12. Juli 1962 im Londoner Marquee Club statt. Etwa im selben Zeitraum brach Richards seine Ausbildung am Sidcup Art College ab, um sich ganz der Musik und der Entwicklung der Band zu widmen. Er verließ sein Elternhaus und bezog mit Brian Jones und Mick Jagger eine bescheidene Wohngemeinschaft in 102 Edith Grove (Stadtteil Chelsea). „Die Rolling Stones verbrachten das erste Jahr ihres Daseins mit Rumhängen in Kneipen, Essen klauen und Üben“, schreibt Richards in Life. Etwa zur selben Zeit trennten sich Richards’ Eltern, was zu einer langjährigen Entfremdung mit seinem Vater führte, die erst 1982 beigelegt wurde.
The Rolling Stones
mini|hochkant|Keith Richards (1973) mini|Richards (links) mit Mick Jagger (1981) mini|hochkant|Richards während eines Konzerts (1982) mini|Richards (links) mit Darryl Jones und Bobby Keys (Hyde Park, 6. Juli 2013) Seit Gründung der Band trug Richards als Rhythmusgitarrist maßgeblich zum Klang der Rolling Stones bei. Gemeinsam mit dem Schlagzeuger Charlie Watts und dem Bassisten Bill Wyman sorgte er für die rhythmische Grundlage, auf der sich der Sänger Mick Jagger und der Leadgitarrist Brian Jones präsentieren konnten. Die Musik der Rolling Stones klang rau und dreckig und war mit ihren „schwarzen“ Blues-Einflüssen etwas völlig Neues. Durch ihren Sound, ihre lauten, ungehobelten, rebellischen und vulgären Bühnenauftritte gelang es ihrem Manager Andrew Oldham, die Rolling Stones als wilden Gegenentwurf zu den Beatles zu stilisieren. Während die Bandmitglieder durch provokante Aussagen und anzügliche Gesten die Stimmung anheizten, endeten die Konzerte regelmäßig in gewalttätigen Ausschreitungen.
Bis 1964 bestand das musikalische Repertoire der Rolling Stones ausschließlich aus Coverversionen ihrer amerikanischen Vorbilder (Chuck Berry, Bo Diddley, Muddy Waters, John Lee Hooker, Howlin’ Wolf, Buddy Holly). Um langanhaltenden Erfolg zu ermöglichen, ermutigte Oldham Jagger und Richards, nach dem Vorbild des Komponisten-Duos Lennon/McCartney eigene Lieder für die Band zu schreiben. Damit war der Grundstein zu einem der erfolgreichsten Songwriter-Duos der Rockgeschichte gelegt. Nachdem mit The Last Time bereits im Frühjahr 1965 ein Stück von Jagger/Richards Platz eins der britischen Charts erobert hatte, gelang mit (I Can’t Get No) Satisfaction im Sommer 1965 der Durchbruch in den Vereinigten Staaten. Die Idee für das unverkennbare Eingangsriff war Richards in der Nacht zum 7. Mai 1965 nach einem Konzert ihrer US-Tournee in Clearwater (Florida) gekommen. In jener Nacht fand Richards im Fort Harrison Hotel keinen Schlaf; ihm kam jedoch eine Akkordfolge in den Sinn, die er gleich auf der Gitarre spielte und mit seinem tragbaren Kassettenrekorder aufnahm – die Anfangssequenz von Satisfaction. Am Morgen darauf spielte Richards die Aufnahme seinem Songwriter-Partner Mick Jagger vor und schlug ihm dazu die Zeile „I can’t get no satisfaction“ als Text vor, woraufhin der begeisterte Jagger den Song zu Ende schrieb. Das 1966 veröffentlichte Album Aftermath enthielt ausschließlich Stücke von Jagger/Richards und etablierte die Stones als entwicklungsfähige Band mit musikalischen Ambitionen. Nachdem Brian Jones in den ersten Jahren Bandleader der Rolling Stones gewesen war, bildeten spätestens ab 1965 die Songwriter Jagger/Richards das unbestrittene Zentrum der Band und gaben die musikalische Entwicklung vor. Diese Tendenz setzte sich insbesondere durch die einsetzende Zusammenarbeit mit dem Produzenten Jimmy Miller fort. Der durch Drogenmissbrauch gezeichnete Jones trat auf dem Album Beggars Banquet (1968) kaum mehr in Erscheinung, Jagger und Richards löschten dessen Beiträge nachträglich oder nahmen diese erst gar nicht mehr auf. Schließlich wurde Brian Jones am 8. Juni 1969 aus der Band ausgeschlossen und durch Mick Taylor ersetzt. Die Kombination aus Richards’ eigenwillig schludrigem Stil und der disziplinierten Verspieltheit des neuen Leadgitarristen eröffneten den Rolling Stones neue künstlerische Ebenen,laut.de wodurch die Alben Let It Bleed (1969), Sticky Fingers (1971) und insbesondere Exile on Main St. (1972) für zahlreiche Kritiker zu den qualitativ hochwertigsten Alben der Stones zählen. Es gelang ihnen, zwischen den verschiedenen Musikrichtungen wie Blues, Country und auch englischem Folk zu variieren, ohne dabei ihre Identität und Wurzeln zu verlieren. Besonders durch seine enge Freundschaft zu dem Country-Rocker Gram Parsons, gestorben an den Folgen einer ÜberdosisMarc Spitz: Jagger. Rebel, Rock Star, Ramble, Rogue. 2011 (Gewidmet Brendan Mullen); deutsch: Mick Jagger. Rebell und Rockstar. Aus dem Amerikanischen von Sonja Kerkhoffs. Edel Germany, Hamburg 2012, ISBN 978-3-8419-0122-4, S. 204. von Rauschmitteln, konnte Richards seine Kenntnisse der Country-Musik vertiefen, was sich auf diesen Alben deutlich bemerkbar machte.
Zu Beginn seiner Karriere mit den Rolling Stones trat Richards regelmäßig als Background-Sänger in Erscheinung, auf den Alben Between the Buttons (1967) und Beggars Banquet (1968) sang er jeweils mit Jagger gemeinsam die beiden Schlusslieder (Something Happend To Me Yesterday bzw. Salt Of The Earth). Bei der Ballade You Got the Silver (auf dem Album Let It Bleed) übernahm er erstmals alleine den Hauptgesang, ebenso bei Happy (Exile on Main St.), das Richards bei der folgenden US-Tour (The Rolling Stones American Tour) darbot. Seit den frühen 1970er Jahren wurde es zur Gewohnheit, dass Richards auf jedem Album, mit Ausnahme von Sticky Fingers (1971), It’s Only Rock ’n’ Roll (1974) und Blue & Lonesome (2016), mindestens ein Lied singt. Neben Happy war Before They Make Me Run das am häufigsten von Richards gesungene Lied während Stones-Konzerten, seit 1986 singt er zwei Lieder je Show. Seit der A-Bigger-Bang Tournee 2005 gehört You Got The Silver zum festen Bestandteil des Bühnenauftritts der Band.