seite=2|mini|Der gesamte Codex Leningradensis aus dem Bestand der Russischen Nationalbibliothek, einzelne Seiten als PDF. Aufgeschlagen: Beginn des Buchs Bereschit (Genesis) Tanach oder Tenach () ist eine von mehreren Bezeichnungen für die Hebräische Bibel, die Sammlung heiliger Schriften des Judentums. Der Tanach besteht aus den Hauptteilen Tora (Weisung), Neviʾim (Propheten) und Ketuvim (Schriften). TNK ist das Akronym der Anfangsbuchstaben dieser Hauptteile (תנ״ך).

Der Tanach enthält insgesamt 24 in hebräischer Sprache verfasste Bücher; zwei Bücher davon enthalten auch längere aramäische Textpassagen. Tora und Neviʾim werden im jüdischen Gottesdienst am SchabbatAußerdem im Morgengottesdienst am Montag und Donnerstag. in der Synagoge regelmäßig für Schriftlesungen verwendet. Aus der Tora wird fortlaufend in Wochenabschnitten vorgelesen, so dass im Laufe eines Jahres die gesamte Tora vorgetragen wird. Zu jedem Tora-Wochenabschnitt (Parascha) gehört ein ausgewählter kürzerer Prophetentext (Haftara), der jeweils anschließend vorgetragen wird. Aus dem dritten Hauptteil, den Schriften, werden besonders die Psalmen (Tehillim) liturgisch verwendet sowie die fünf Festrollen zu den fünf Festen Pessach (Schir haSchirim), Schawuot (Rut), 9. Av (ʾEcha), Sukkot (Kohelet) und Purim (ʾEster). Das Christentum hat alle Bücher des Tanach übernommen und – in anderer Anordnung – als Altes Testament kanonisiert.

Namen „TNK“ ist ein Akronym, das aus den hebräischen Anfangsbuchstaben der Namen der drei Hauptteile zusammengesetzt ist. Die Konsonanten Taw , Nun und Kaph (Schlussform: ) werden vokalisiert zu Tanach oder Tenach ( oder ); der Schlusskonsonant wird als Reibelaut („ach“-Laut) ausgesprochen. Diese Bezeichnung für die heiligen Schriften des Judentums ist erst seit dem Mittelalter bezeugt.Konrad Schmid, Jens Schröter: Die Entstehung der Bibel. Von den ersten Texten zu den heiligen Schriften, München 2019, S. 32.

Eine ältere Bezeichnung, heute synonym mit Tanach verwendet, lautet Mikraʾ Gesenius. 18. Aufl. 2013, S. 732. (vgl. bereits ). mini|Torarollen erfüllen alle Kriterien für Kitve haKodesch In der rabbinischen Literatur begegnet man auch der Formulierung Kitve haKodesch .Hanna Liss: Tanach. Lehrbuch der jüdischen Bibel, Heidelberg 2019, S. 1. Diese Bezeichnung erinnert daran, dass während des Bestehens des Jerusalemer Tempels die dortigen Priester über die Tauglichkeit von Schriftrollen entschieden. Im Tempel wurden wahrscheinlich Musterhandschriften verwahrt.Alexander Achilles Fischer: Der Text des Alten Testaments, Stuttgart 2009, S. 23 f. Kitve haKodesch sind, bezogen auf die eigene Zeit der Rabbinen, Manuskripte, die bestimmte Kriterien erfüllen, welche sie für die Liturgie geeignet machen. Nach Mischna Jadajim 4,5 müssen Kitve haKodesch auf Hebräisch oder Aramäisch geschrieben sein, in Quadratschrift, auf einer Leder-/Pergamentrolle und mit Tinte.

Aufbau

Die drei Hauptteile des Tanach (Tora, Neviʾim und Ketuvim) sind in der Reihenfolge ihrer Kanonisierung angeordnet. Die Tora () ist innerhalb des Tanach von überragender Bedeutung. Sie wird auch „Pentateuch“ () oder als hebräische Ausgabe in Buchform genannt. Die beiden Teile Neviʾim und Ketuvim sind später als die Tora entstanden.

Tora

Die letzten Verse des Buchs Devarim () machen als Schlusstext der Tora einige zentrale Aussagen: „Die Mosetora ist unvergleichliche, unüberbietbare und ewig gültige Offenbarung und Lebensweisung.“Erich Zenger, Christian Frevel: Heilige Schrift der Juden und Christen. In: Einleitung in das Alte Testament (= Kohlhammer Studienbücher Theologie. Band 1,1). Hrsg. von Christian Frevel, 9. aktualisierte Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2016, S. 11–36, hier S. 25. Die Propheten, von denen der zweite Hauptteil des Tanach (Neviʾim) handelt, sind geringer als Mose. Unvergleichlich ist auch die von JHWH gewirkte Befreiung aus Ägypten unter Führung des Mose; sie ist das Grunddatum der Geschichte des Volkes Israel.

Neviʾim

Die Büchergruppe Neviʾim () lässt sich in zwei Untergruppen teilen. Die Neviʾim rischonim () sind die Bücher Jehoschuaʿ bis Melachim. Sie werden in christlichen Bibeln als Geschichts-, nicht als Prophetenbücher eingeordnet. Die Neviʾim ʾacharonim () umfassen die Bücher Jeschaʿjahu bis Zwölfprophetenbuch. Diese Einteilung in „vordere“ und „hintere“ Propheten findet sich erst im frühen hebräischen Bibeldruck (Soncino 1485). Neviʾim rischonim und Neviʾim ʾacharonim bedeuteten bis dahin zeitlich früher bzw. später aufgetretene Propheten. „Die frühen Drucke nehmen damit die chronologische Unterscheidung der Rabbinen … auf, wenden sie aber auf die Zusammenstellung der biblischen Bücher in den Bibel-Codices an.“Hanna Liss: Tanach. Lehrbuch der jüdischen Bibel, Heidelberg 2019, S. 257.

Vordere Propheten Als Vordere Propheten bezeichnet man die Bücher Jehoschuaʿ (), Schoftim (), Schemuʾel () und Melachim (). Die Bücher Schemuʾel und Melachim wurden in der antiken griechischen Übersetzung (Septuaginta) geteilt und als Bücher gezählt (in deutschsprachigen christlichen Bibeln 1. Buch Samuel und 2. Buch Samuel bzw. 1. Buch der Könige und 2. Buch der Könige). In der hebräischen Handschriftentradition sowie im frühen hebräischen Bibeldruck gibt es die Teilung der Bücher Schemuʾel und Melachim jedoch nicht, sondern erst in der zweiten Ausgabe der Mikraot Gedolot Venedig 1525. Sie wurde dann in spätere Tanach-Drucke übernommen und ist seitdem allgemein üblich.Hanna Liss: Tanach. Lehrbuch der jüdischen Bibel, Heidelberg 2019, S. 284.

Alle vier Vorderen Propheten zusammen genommen erzählen die Geschichte der Reiche Israel und Juda von der Geburt Samuels bis zum Babylonischen Exil. In den Büchern der Vorderen Propheten treten immer wieder Prophetengestalten auf, die als legitime Nachfolger des Toraempfängers und Propheten Mose (siehe ; und ) gezeichnet werden. So erinnern Samuel, Natan, Ahija von Schilo, der namenlose Gottesmann aus Juda, Micha ben Jimla, Elija, Elischa und die Prophetin Hulda an den in der Tora geoffenbarten Gotteswillen und begründen damit ihr Eingreifen. Sie treten mit Drohung oder Verheißung den Königen Israels und Judas gegenüber.Werner H. Schmidt: Einführung in das Alte Testament. 4., erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin / New York 1989, S. 191–194.

Die vier Bücher der Vorderen Propheten werden in der historisch-kritischen Bibelwissenschaft meist zum Deuteronomistischen Geschichtswerk gerechnet.

Hintere Propheten Die Hinteren Propheten sind vor allem Sammlungen von Prophetensprüchen. Auch sie umfassen vier Bücher, nämlich Jeschaʿjahu (), Jirmejahu (), Jechezkeʾl () und Tre ʿaśar (aramäisch: תְּרֵי עֲשַׂר „zwölf“).Im Gegensatz zur lateinisch-christlichen Tradition gilt Tre ʿaśar im Judentum als ein Buch, nicht als Sammlung von zwölf „kleinen Propheten“ (prophetae minores). Vgl. Hanna Liss: Tanach. Lehrbuch der jüdischen Bibel. Heidelberg 2019, S. 368. Es handelt sich um die Bücher der klassischen Schriftprophetie. Diese deuten die Geschichte Israels nicht als bloße Erinnerung an Vergangenes, sondern als Verheißung. Ihre Botschaft wendet sich meist nicht an die Könige, sondern die Allgemeinheit.

Auch der zweite Hauptteil des Tanach besitzt mit ein programmatisches Schlusswort. Die Propheten, deren Prototyp Elija ist, rufen demnach die Mosetora in Erinnerung und machen ganz Israel zu einer (endzeitlichen) Tora-Lerngemeinschaft.Erich Zenger, Christian Frevel: Heilige Schrift der Juden und Christen. In: Einleitung in das Alte Testament (= Kohlhammer Studienbücher Theologie. Band 1,1). Hrsg. von Christian Frevel, 9. aktualisierte Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2016, S. 11–36, hier S. 25 f. Malʾachi, dem diese Worte zugeschrieben werden, gilt in der jüdischen Tradition als der letzte Prophet, mit dem die Zeit der Prophetie (vorläufig, bis zum Anbruch der Endzeit) geendet habe. Wichtig ist der Rückbezug auf Mose, der zugleich eine Klammer um den Hauptteil Neviʾim bildet, da der Anfang des Buchs Jehoschuaʿ sich auf Mose zurückbezieht.Hanna Liss: Tanach. Lehrbuch der jüdischen Bibel. Heidelberg 2019, S. 409.

Ketuvim Die Ketuvim (auch Ketubim, Ketuwim, ) bilden den dritten Hauptteil des Tanach. Sie wurden von christlichen Autoren der Spätantike (Epiphanios von Salamis, Hieronymus) auch als Hagiographen () bezeichnet.

Zu den Ketuvim zählen elf Bücher: die Dreiergruppe Tehillim (Psalmen), Mischle (Sprüche) und ʾIjov – sie weisen ein eigenes Akzentsystem auf, das sich von dem der übrigen 21 Büchern des Tanach unterscheidet. Sie sind unter dem Merkwort ʾEMeT (אמ״ת) bekannt. Weitere Bezeichnungen dieser Dreiergruppe sind „Dichtungen“ (Piwutim) und TaʾAM (תע״ם). Wie die beiden Merkworte ʾEMeT und TaʾAM schon andeuten, war die Reihenfolge der drei Bücher variabel.Peter Brandt: Endgestalten des Kanons. Berlin/Wien 2001, S. 130. die fünf Megillot Rut , Hoheslied (Schir haSchirim, ), Kohelet (), Klagelieder Jeremias (Echa, ) und ʾEster (). Je eines dieser Bücher wird bei einem der jüdischen Feste Schawuot (Rut), Pessach (Schir haSchirim), Sukkot (Kohelet), Tischa beAv (ʾEcha) und Purim (ʾEster) gelesen. Die Zusammenstellung der Megillot ist frühmittelalterlich: Kohelet wurde erst im 10. Jahrhundert als Lesung von Sukkot festgelegt, und in den masoretischen Handschriften begegnen die fünf Megillot als Gruppe seit dem 11. Jahrhundert.Peter Brandt: Endgestalten des Kanons. Berlin/Wien 2001, S. 129. die drei übrigen Bücher – Danijʾel (), ʿEzraʾ () sowie Divre haJamim ().

Divre haJamim, das Chronikbuch, behandelt dieselbe Zeit wie das Buch Könige (Melachim), führt aber über das Ende des Babylonischen Exils hinaus bis zur Rückkehrerlaubnis für die Exilierten. Es wurde an das Ende des dritten Hauptteils gestellt. So kann das Kyros-Edikt zur Freilassung der exilierten Juden mit der Erlaubnis zum Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels um 539 v. Chr. als programmatischer Abschluss des Tanach verstanden werden: Die Heilsgeschichte JHWHs zielt auf ein erneuertes Leben seines erwählten Volkes im Land der Verheißung mit dem Zentrum Jerusalem.Erich Zenger, Christian Frevel: Heilige Schrift der Juden und Christen. In: Einleitung in das Alte Testament (= Kohlhammer Studienbücher Theologie. Band 1,1). Hrsg. von Christian Frevel, 9. aktualisierte Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2016, S. 11–36, hier S. 26. (Diese Deutung ist allerdings insoweit zu relativieren, dass die Anordnung der Ketuvim in der jüdischen Tradition sehr variabel blieb. So steht die Chronik im Codex von Aleppo sowie im Codex Leningradensis nicht am Ende, sondern am Anfang der Ketuvim, vor den Psalmen.)Vgl. die Kritik bei Rudolf Mosis: Eine neue Einleitung in das Alte Testament und das christlich-jüdische Gespräch. In: Trierer Theologische Zeitschrift 106 (1997), S. 233–240, zusammenfassend S. 240: „Seinem Entwurf einer ‚kanonischen Programmatik‘ des jüdischen Tenach legt Zenger keine der beiden großen auch in der Neuzeit bekannten jüdischen Traditionen zugrunde, also weder die der gedruckten Bibeln (Jakob ben Chajjim) noch die der ‚Masora‘ (Ben-Ascher-Tradition), sondern die in der deutschen Bibelausgabe der BHK/BHS gebotene und von beiden abweichende Mischform.“ Zur Kontroverse zwischen Zenger und Mosis vgl. Peter Brandt: Endgestalten des Kanons. Berlin/Wien 2001, S. 26–31.

Entstehung des dreiteiligen Kanons