mini|hochkant|Carl Schmitt als Student (1912)
Carl Schmitt (zeitweise auch Carl Schmitt-Dorotić;Bernd Rüthers: Besprechung von Carl Schmitt – Die Militärzeit. In: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Band 124, 2007, S. 729 (Digitalisat). Siehe auch die auf den Seiten der Carl-Schmitt-Gesellschaft. * 11. Juli 1888 in Plettenberg; † 7. April 1985 ebenda) war ein deutscher Jurist, der auch als politischer Philosoph rezipiert wird. Er gilt als einer der bekanntesten, wirkmächtigsten und zugleich umstrittensten deutschen Staats- und Völkerrechtler des 20. Jahrhunderts.
Schmitts Denken kreiste um Fragen der Macht, der Gewalt und der Rechtsverwirklichung. Neben dem Staats- und Verfassungsrecht streifen seine Veröffentlichungen zahlreiche weitere Disziplinen wie Politikwissenschaft, Soziologie, Theologie, Germanistik und Philosophie. Sein breitgespanntes Œuvre umfasst außer juristischen und politischen Arbeiten weitere Textgattungen wie Satiren, Reisenotizen, ideengeschichtliche Untersuchungen und germanistische Textinterpretationen. Als Jurist prägte er eine Reihe von Begriffen und Konzepten, die in den wissenschaftlichen, politischen und allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen sind, etwa „Politische Theologie“ (1922), „Freund-Feind-Unterscheidung“ (1927), „Verfassungswirklichkeit“ (1928), oder „dilatorischer Formelkompromiss“ (1931).Weitere Beispiele: „konstruktives Misstrauensvotum“, siehe Lutz Berthold: Das konstruktive Misstrauensvotum und seine Ursprünge in der Weimarer Staatsrechtslehre. In: Der Staat, Bd. 36 (1997), S. 81–94; Zum Konzept eines änderungsfesten Verfassungskerns, siehe Reinhard Mußgnug: Carl Schmitts verfassungsrechtliches Werk und sein Fortwirken im Staatsrecht der Bundesrepublik Deutschland. In: Helmut Quaritsch (Hrsg.): Complexio Oppositorum. Über Carl Schmitt, 1988, S. 517 ff.; Hans J. Lietzmann: Carl Schmitt und die Verfassungsgründung in der Bundesrepublik Deutschland. In: Klaus Hansen/Hans J. Lietzmann (Hrsg.): Carl Schmitt und die Liberalismuskritik, 1988, S. 107–118.
Schmitt trat ab 1933 für den Nationalsozialismus ein und wurde zum 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP. Die Morde zur vorgeblichen Prävention des sogenannten Röhm-Putsches von 1934 rechtfertigte Schmitt durch sein juristisches Prinzip der „Führer-Ordnung“. Die antisemitischen Nürnberger Gesetze von 1935 nannte er eine „Verfassung der Freiheit“. Er war Protegé von Hermann Göring und Hans Frank.Bernd Rüthers: Carl Schmitt im Dritten Reich – Wissenschaft als Zeitgeist-Verstärkung? 1. Auflage, München 1989, S. 36. 1936 wurde ihm aus Kreisen der SS Opportunismus vorgeworfen; er verlor zwar daraufhin seine Parteiämter, blieb aber Mitglied der NSDAP. Dank der Protektion durch Göring und Frank blieb er Preußischer Staatsrat und behielt seine Professur an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Nach dem Ende des Nationalsozialismus verweigerte er sich einer Entnazifizierung und wirkte fortan als Privatgelehrter ohne Professur. Über seine Schüler und Bewunderer verfügte er über einen gewissen Einfluss in der westdeutschen Rechtswissenschaft.
Schmitt wird wegen seiner Positionen und insbesondere wegen seines staatsrechtlichen Einsatzes für den Nationalsozialismus als Gegner der parlamentarischen Demokratie und des Liberalismus angesehen sowie als „Prototyp des gewissenlosen Wissenschaftlers, der jeder Regierung dient, wenn es der eigenen Karriere nutzt“.Thomas Darnstädt: In: Der Spiegel vom 29. Januar 2008, abgerufen am 21. Mai 2018 siehe auch PDF Allerdings wird er wegen seiner indirekten Wirkung auf das Staatsrecht und die Rechtswissenschaft der frühen Bundesrepublik sowie der internationalen Rezeption seiner Gedanken mitunter auch als „Klassiker des politischen Denkens“ eingeordnet.Herfried Münkler: Erkenntnis wächst an den Rändern – Der Denker Carl Schmitt beschäftigt auch 20 Jahre nach seinem Tod Rechte wie Linke. In Die Welt, 7. April 2005.
Prägende Einflüsse für sein Denken bezog Schmitt von politischen Philosophen und Staatsdenkern wie Thomas Hobbes,Helmut Rumpf: Carl Schmitt und Thomas Hobbes – Ideale Beziehungen und aktuelle Bedeutung. 1972 Niccolò Machiavelli, Aristoteles,Hugo Eduardo Herrera: Carl Schmitt als politischer Philosoph. Versuch einer Bestimmung seiner Stellung bezüglich der Tradition der praktischen Philosophie. 2010 Jean-Jacques Rousseau, Juan Donoso Cortés oder Zeitgenossen wie Georges SorelArmin Steil: Die imaginäre Revolte. Untersuchungen zur faschistischen Ideologie und ihrer theoretischen Vorbereitung bei Georges Sorel, Carl Schmitt und Ernst Jünger. 1984; und Vilfredo Pareto.S. Piet Tommissen: Gehlen – Pareto – Schmitt. In: Helmut Klages und Helmut Quaritsch (Hrsg.): Zur geisteswissenschaftlichen Bedeutung Arnold Gehlens, 1994, S. 171–197. Sein antisemitisches Weltbild war von den Thesen Bruno Bauers geprägt.Raphael Gross: Carl Schmitt und die Juden. Frankfurt/Main 2000
Leben Kindheit, Jugend, Ehe mini|Carl Schmitt (Mitte) mit Mitschülern vor dem Attendorner Konvikt im Winter 1902/03 mini|hochkant|links|Carl Schmitt als Schüler im Jahre 1904
Schmitt entstammte einer katholisch-kleinbürgerlichen Familie im Sauerland. Er war das zweite von fünf Kindern des Krankenkassenverwalters Johann Schmitt (1853–1945) und dessen Frau Louise, geb. Steinlein (1863–1943). Der Junge wohnte im katholischen Konvikt in Attendorn und besuchte dort das staatliche Gymnasium. Nach dem Abitur wollte Schmitt zunächst Philologie studieren; auf dringendes Anraten eines Onkels hin studierte er dann aber Jura.
Sein Studium begann Schmitt zum Sommersemester 1907 an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. In der Weltstadt traf er als „obskurer junger Mann bescheidener Herkunft“ aus dem Sauerland auf ein Milieu, von dem für ihn eine „starke Repulsion“ ausging.Schmitt hat 1946/47 rückblickend genauer beschrieben, wie abstoßend er den „gesteigerten Individualismus“ der Berliner Intelligenz empfand. Geistige Zuflucht fand er damals ausgerechnet bei Max Stirner. Siehe Carl Schmitt: Berlin 1907. In: Schmittiana. Hrsg. von Piet Tommissen. Band 1 (1988), S. 11–21 (16–21). Zu Stirner/Schmitt siehe unten: Nach 1945 und ausführlich in: Bernd A. Laska: ‹Katechon› und ‹Anarch›. Carl Schmitts und Ernst Jüngers Reaktionen auf Max Stirner. LSR-Verlag, Nürnberg 1997. Zum Sommersemester 1908 wechselte er an die Ludwig-Maximilians-Universität München.
Ab dem Wintersemester 1908/09 setzte Schmitt sein Studium an der Universität Straßburg fort, wurde dort 1910 mit der von Fritz van Calker betreuten strafrechtlichen Arbeit Über Schuld und Schuldarten promoviert und absolvierte im Frühjahr 1915 das Assessor-Examen. Im Februar 1915 trat Schmitt als Kriegsfreiwilliger in das Bayerische Infanterie-Leibregiment in München ein, kam jedoch – lediglich für Garnisonsdienst als geeignet gemustert – nicht zum Fronteinsatz, da er bereits Ende März 1915 zur Dienstleistung beim Stellvertretenden Generalkommando des I. bayerischen Armee-Korps kommandiert wurde.Bayerisches Hauptstaatsarchiv IV, zum Beispiel Kriegsstammrolle Nr. 25.
Im selben Jahr heiratete Schmitt Pawla Dorotić, eine angebliche kroatische Adelstochter, die Schmitt zunächst für eine spanische Tänzerin hielt und die sich später – im Zuge eines für Schmitt peinlichen Skandals – als Hochstaplerin herausstellte.Noack 1993 bezeichnet Dorotić fälschlich als Serbin (so u. a. auch William Scheuermann: The End of Law, 1999: „His first marriage in 1916 ended in embarrassment: Schmitt married a Serbian woman, Pawla Dorotić, who deceptively claimed an aristocratic background.“). Tatsächlich hatte die unehelich geborene Wienerin offenbar einen kroatischen Hintergrund (jedenfalls stammt der Spenglergehilfe, der ihre Herkunft durch Heirat der Mutter legitimierte, aus Zagreb). Detailliert Linder 2008, S. 269/270 und Mehring 2009, S. 57 ff. 1924 wurde die Ehe vom Landgericht Bonn annulliert. 1926 heiratete er eine frühere Studentin, die Serbin Duška Todorović (1903–1950).https://www.carl-schmitt.de/wp-content/uploads/CSG_Briefe-von-und-an.pdf, S. 7, abgerufen am 14. August 2023 Da seine vorige Ehe nicht kirchenrechtlich annulliert wurde, blieb er als Katholik allerdings bis zum Tode seiner zweiten Frau im Jahre 1950 exkommuniziert. Aus der zweiten Ehe ging sein einziges Kind hervor, die Tochter Anima (1931–1983). Diese war mit dem spanischen Rechtsprofessor Alfonso Otero Varela (1925–2001) verheiratet. Das Paar hatte vier Kinder. Deutsche Biografie, Carl Schmitt, Carl Schmitt und Álvaro d‘Ors, Briefwechsel. Berlin 2004, Vorwort, S. 9,
Kunst und Bohème, Beginn der akademischen Karriere, erste Veröffentlichungen mini|hochkant|Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität, 1922 mini|hochkant|Carl Schmitt, München 1917
Bereits früh zeigte sich bei Schmitt eine künstlerische Ader. So trat er mit eigenen literarischen Versuchen hervor (Der Spiegel, Die Buribunken, Schattenrisse; er soll sich sogar mit dem Gedanken an einen Gedichtzyklus mit dem Titel Die große Schlacht um Mitternacht getragen haben) und verfasste eine Studie über den bekannten zeitgenössischen Dichter Theodor Däubler (Theodor Däublers ‚Nordlicht‘). Er kann zu dieser Zeit als Teil der „Schwabinger Bohème“ betrachtet werden.Vgl. dazu Hansjörg Viesel: Jawohl, der Schmitt. Zehn Briefe aus Plettenberg. Support Edition, Berlin 1988, passim.
Seine literarischen Arbeiten bezeichnete der Staatsrechtler später als „Dada avant la lettre“. Mit einem der Gründerväter des Dadaismus, Hugo Ball, war er befreundet, ebenso mit dem Dichter und Herausgeber Franz Blei, einem Förderer Robert Musils und Franz Kafkas. Der ästhetisierende Jurist und die politisierenden Belletristen tauschten sich regelmäßig aus, und es sind wechselseitige Beeinflussungen feststellbar. Mit Lyrikern pflegte Schmitt zu dieser Zeit besonders enge Kontakte, etwa mit dem mittlerweile vergessenen Dichter des politischen Katholizismus, Konrad Weiß. Gemeinsam mit Hugo Ball besuchte Schmitt den Literaten Hermann Hesse – ein Kontakt, der sich jedoch nicht aufrechterhalten ließ. Später freundete sich Schmitt mit Ernst Jünger sowie mit dem Maler und Schriftsteller Richard Seewald an.
Schmitt habilitierte sich 1914 mit der Arbeit Der Wert des Staates und die Bedeutung des Einzelnen für Staats- und Verwaltungsrecht, Völkerrecht und Staatstheorie. Nach einer Lehrtätigkeit an der Handelshochschule München (1920) folgte Schmitt in kurzen Abständen Rufen nach Greifswald (1921), Bonn (1921), an die Handelshochschule Berlin (1928), Köln (1933) und wieder Berlin (Friedrich-Wilhelms-Universität 1933–1945). Der Habilitationsschrift folgten kurz nacheinander weitere Veröffentlichungen, etwa Politische Romantik (1919) oder Die Diktatur (1921) im Verlag Duncker & Humblot unter dem Lektorat von Ludwig Feuchtwanger. Seine erste akademische Anstellung in München sowie später den Ruf an die Handelshochschule Berlin verdankte Schmitt dem jüdischen Nationalökonomen Moritz Julius Bonn.Jens Hacke: Moritz Julius Bonn – ein vergessener Verteidiger der Vernunft. Zum Liberalismus in der Krise der Zwischenkriegszeit. In: Mittelweg 36, Heft 6, Dezember 2010/Januar 2011, S. 31.
Auch unter Nichtjuristen wurde Schmitt durch seine sprachmächtigen und schillernden Formulierungen schnell bekannt. Sein Stil war neu und galt in weit über das wissenschaftliche Milieu hinausgehenden Kreisen als spektakulär. Er schrieb nicht wie ein Jurist, sondern inszenierte seine Texte poetisch-dramatisch und versah sie mit mythischen Bildern und Anspielungen.Christian Linder: Freund oder Feind, Lettre International, Heft 68, 2005, S. 86.