Die Wiener Werkstätte GmbH (WW) war eine Produktionsgemeinschaft bildender Künstler.
Gründungsmitglieder im Jahr 1903 waren Josef Hoffmann, Koloman Moser und der Industrielle Fritz Waerndorfer, der sich als Kunstmäzen einen Namen machte. Am 2. September 1905 nahm die WW Carl Otto Czeschka als weiteren Gestalter (Designer) unter Vertrag.Senta Siller: Carl Otto Czeschka – Leben und Werk. Dissertation 1992, S. 28. Vorbild war das britische Arts and Crafts Movement. Ziel der Werkstätte war die Erneuerung des Kunstbegriffes auf dem Bereich des Kunstgewerbes. Sie arbeitete hier mit der Wiener Secession und der Wiener Kunstgewerbeschule zusammen. Produziert wurden sowohl Alltagsgegenstände als auch Schmuck und Möbel. Zeitweise waren die Künstler der Wiener Werkstätte so erfolgreich, dass Verkaufsstellen in New York, Berlin und Zürich eingerichtet wurden. Von 1905 bis 1911 errichtete Josef Hoffmann das Palais Stoclet in Brüssel und das Sanatorium in Purkersdorf. Die Ausstattungen stammten ausschließlich von der Wiener Werkstätte. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise kam es zum Einbruch der Verkaufszahlen, da die Zielgruppe, das Bürgertum, verarmte. 1926 konnte sich das Unternehmen nur knapp durch Ausgleich vor dem Konkurs bewahren. 1932 war der Bankrott nicht mehr abzuwenden.
Geschichte
Die Gemeinschaft strebte im Zusammenhang mit der Wiener Kunstgewerbeschule und der Wiener Secession eine Erneuerung der Kunst auf Basis handwerklicher Gediegenheit an. Wien sollte zum Zentrum geschmacklicher Kultur auf dem Gebiet des Kunstgewerbes werden. Das Unternehmen, gelegentlich auch bezeichnet als: Wiener Werkstatt, Vienna Workshop, Wiener Werkstaetten oder Wiener Werkstätten, hatte eine klare Zielsetzung: die gesamten Lebensbereiche des Menschen gestalterisch zu vereinen, im Sinne eines Gesamtkunstwerkes.
Dies begann mit der Schaffung fortschrittlicher Arbeitsbedingungen für Handwerker und endete mit dem Wunsch, alles neu zu gestalten, egal ob Alltags- oder Schmuckgegenstände. Ziel war, nur Gegenstände außerordentlicher Eigenständigkeit und Schönheit herzustellen. So legte man sehr großen Wert auf exquisite handwerkliche Verarbeitung, nach der Devise: „Lieber zehn Tage an einem Gegenstand arbeiten, als zehn Gegenstände an einem Tag zu produzieren.“ Das besondere Verdienst der Wiener Werkstätte lag in der Überwindung der wuchernden Jugendstilornamentik belgischen und französischen Stils. Nun dominierten geometrisch-abstrakte Formen, die das Kunsthandwerk des gesamten 20. Jahrhunderts beeinflussten.
Der Sitz des Unternehmens befand sich in Wien-Neubau, Neustiftgasse 32–34, wo ein Gewerbebau adaptiert wurde. 1907 wurde ein Verkaufsgeschäft im Stadtzentrum am Graben 15 (1. Bezirk) eröffnet. Ab 1912 mietete man in einem an den Firmensitz angrenzenden Neubau von Otto Wagner in der Döblergasse 4 weitere Räumlichkeiten.
In der Zeit nach 1907 war die Hamburgerin Helga Malmberg (* 1888, † 1967Friedhöfe Wien – Verstorbenensuche Helga Blau(-Malmberg): Ober St. Veit J-16-10 (aufgelöst).) von Fritz Waerndorfer für den Verkauf in der WW aus der Galerie Miethke abgeworben worden. 1961 beschreibt sie in ihrem BuchHelga Malmberg: Widerhall des Herzens – Ein Peter Altenberg-Buch. München 1961, S. 51 ff. anschaulich, wie der Alltag damals bei der Wiener Werkstätte verlief.
Der zeitweilig sehr große Erfolg der kunstgewerblichen Artikel erlaubte die Einrichtung mehrerer Verkaufsstellen in Wien (ab 1916 / 1917 Verkaufslokal für Mode in der Kärntner Straße 41 im 1. Bezirk; ab 1917 / 1918 Verkaufslokal für Stoffe, Spitzen und Beleuchtungskörper in der Kärntner Straße 31) und die Gründung von Filialen im Ausland (Karlsbad 1909am Goetheplatz 311, Marienbad 1916im „Haus Mercur“ und Zürich), 1917–1919 von Dagobert Peche geleitet. In der Nachkriegszeit versuchte die Werkstätte (mit wenig Erfolg), ausländische Kunden zu gewinnen, da das inländische Bürgertum viel weniger kaufte als früher. Man richtete 1922 in New York und 1929 in Berlin Verkaufsgeschäfte ein. Auch in Breslau war die Werkstätte vertreten. Das Verkaufsbüro der „Wiener Werkstaette of America Inc.“ in New York, 581, Fifth Avenue / 2. Stock wurde von dem 1872 in Wien geborenen Joseph Urban geleitet. Weil sich nachhaltig keine Verkaufserfolge einstellten, wurde das Büro 1924 geschlossen.Herta Neiß: 100 Jahre Wiener Werkstätte – Mythos und ökonomische Realität. Wien 2004, S. 68.
Das Duo Hoffmann und Moser ergänzte einander so gut, dass es oft schwierig war, zwischen den Entwürfen zu unterscheiden. Nun konnte man in der eigenen Werkstätte gründliche Kenntnisse in der Behandlung der verschiedenen Materialien erwerben. Zu den Kunden der Wiener Werkstätte zählten hauptsächlich Künstler und die aufstrebende jüdische Ober- und Mittelschicht der Monarchie. Die Bekanntschaft Josef Hoffmanns mit Berta Zuckerkandl führte zum ersten großen Auftrag: dem Sanatorium Purkersdorf. Viktor Zuckerkandl, Bertas Schwager, plante dieses westlich von Wien.
Unter den Mitarbeitern der Werkstätte war auch rund ein Dutzend Frauen, „die damals entscheidend für den Stilwandel vom Jugendstil zum Art Déco der 20er-Jahre waren.“„Wiener Weiberkunstgewerbe“ verkauft sich hervorragend. In: Die Welt. 27. Mai 2005, abgerufen am 2. Juli 2009. Von Kritikern als „Wiener Weiberwirtschaft“ oder „Wiener Weiberkunstgewerbe“ verspottet, brachten es die Frauen zu einigem Erfolg. Vally Wieselthier etwa führte von 1922 bis 1927 ihre eigene Werkstätte, die Keramische Werkstätte Vally Wieselthier, und belieferte die Wiener Werkstätte mit Kommissionswaren, bevor sie 1928 in die USA übersiedelte.Jason Jacques Inc, abgerufen am 2. Juli 2009., abgerufen am 2. Juli 2009. Gudrun Baudisch kam im August 1926 zur Keramikabteilung der Wiener Werkstätte, wechselte später zur Tonindustrie Scheibbs und gründete 1945 die Keramik Hallstatt.Keramikmuseum Scheibbs, abgerufen am 2. Juli 2009. Weitere bekannte Künstlerinnen waren Reni Schaschl, Hilda Jesser und Susi Singer. Die Gründung der Tonindustrie Scheibbs 1923, die sich auf die Herstellung von Keramik spezialisierte, führte zu regem Austausch zwischen den Werkstätten, besonders durch Vally Wieselthier und Gudrun Baudisch.
Schmuck
miniatur|Firmenschild der Wiener Werkstätte in New York miniatur|Taschen aus der Produktion der Wiener Werkstätte
Die Werkstätte stellte bereits im ersten Jahr Schmuck her. Dieser blieb bevorzugtes künstlerisches Medium. Der Einfluss Gustav Klimts zeigte sich am Beginn sehr deutlich: er inspirierte vor allem die Kunst Koloman Mosers, der ihm von allen Künstlern der Wiener Werkstätte am nächsten stand. Seine Silberkreationen sind von vielen Bildern bekannt, auf denen Emilie Flöge Koloman Mosers Schmuck zu Klimts Kleidern trägt. Vorwiegend Silber wurde gehämmert, getrieben, patiniert und zu Halsbändern, Ketten, Ringen und Broschen verarbeitet. Unter den Silberschmiede-Meistern der WW ist insbesondere Adolf Erbrich (1874–1940) zu nennen.
Dazu verwendeten die Künstler der Wiener Werkstätte Schmucksteine wie Achate, Karneole, Malachite und Amethyste, aber auch Lapis, Opale, Mondsteine und Korallen. Dagobert Peche setzte sich besonders mit der Elfenbeinschnitzerei auseinander.
Die Wiener Kunstgewerbeschule, wo sich die Schüler Josef Hoffmanns und Koloman Mosers auf dem Gebiet der Schmuckherstellung entfalten konnten, leistete Pionierarbeit für die Wiener Werkstätte. Um 1900 dominierte das florale Ornament bei Schmuckstücken wie auch bei anderen kunstgewerblichen Arbeiten. Der französische und asiatische, vor allem der japanische Einfluss, waren ebenfalls sehr bedeutend.
Eine 1908 von Josef Hoffmann für die Wiener Werkstätte entworfene Brosche konnte 2015 vom Wiener Auktionshaus „Im Kinsky“ um 529.200 € zugeschlagen werden.Inserat des Auktionshauses in der Tageszeitung Der Standard, Wien, 4. Juli 2015, Beilage Album, S. A7.
Möbel
Ab dem Jahr 1904 war eine eigene Tischlerwerkstätte an die Produktion angeschlossen. Diese fertigte jedoch nur einen geringen Teil der Wiener-Werkstätte-Möbel. Die Werkstätte beauftragte vielmehr die exzellenten Tischlereien Portois & Fix, Johann Soulek (Palais Stoclet, Haus Ast), Anton Ziprosch und Franz Gloser (Sanatorium Purkersdorf), Anton Herrgesell, Anton Pospisil, Friedrich Otto Schmidt und Johann Niedermoser mit der Herstellung der Möbel. Diese galten jedoch als entworfen und ausgeführt von der Wiener Werkstätte. Einige Historiker meinen deshalb, dass es nur sehr wenige originale Möbel der Werkstätte gäbe. Sie gehen davon aus, dass bei Zuschreibung eines Kunstgegenstandes der Gründungsgedanke der Wiener Werkstätte maßgeblich sei: Eine Produktiv-Genossenschaft mit gleichberechtigten Künstlern und Handwerkern. Eine andere Auffassung widerspricht dem und sagt, dass die Möbel den hohen Ansprüchen der Werkstätte entsprächen. Die Stücke wurden außerdem in den Schauräumen der Wiener Werkstätte ausgestellt und verkauft. Einige Exemplare sind signiert. Ergänzend zu den Entwürfen für die Wiener Werkstätte ist Hoffmanns Bedeutung als führender Industriedesigner bei seinen Entwürfen für die Bugholzmöbelindustrie nicht hoch genug einzuschätzen. Diese zeichnen sich durch einfache Formen und zeitlose Eleganz aus. Es war die Firma Jacob & Josef Kohn, die diese Möbel einem internationalen Publikum nahegebracht hat.
Textilien und Keramik
miniatur|links|Wiener Werkstätte Museum bei der Firma Backhausen in Wien Von der Wiener Werkstätte wurden ab 1905 weiter handbemalte und bedruckte Seidenstoffe sowie Teppiche hergestellt. Für die maschinell bedruckten und gewebten Textilien war die Firma Joh. Backhausen & Söhne zuständig. Neben Arbeiten in Leder, Email oder Postkarten verfügte die Wiener Werkstätte sogar über eine Hutabteilung und eine bedeutende Keramikherstellung.
Ansichtskarten
mini|Für 11.000,- Euro im Jahr 2003 versteigerte Postkarte „Krampus mit Kind“;Künstlerpostkarte Nummer 542 der Wiener Werkstätte, anonymer Künstler, um 1911
Es wurden über 1000 verschiedene Künstlerpostkarten veröffentlicht, wovon Oskar Kokoschka dreizehn Ansichtskarten gestaltete. Andere Künstler waren Mela Köhler, Egon Schiele, Fritzi Löw und Ludwig Heinrich Jungnickel. Von insgesamt 48 verschiedenen Künstlern wurden sie entworfen.Susan Brown Nicholson: The Encyclopedia of Antique Postcards. Wallace-Homestead Book Company, Readnor, Pennsylvania 1994, S. 212. Diese Karten wurden ab 1908 fortlaufend nummeriert und werden heute von Sammlern hoch gehandelt. Die geschätzten Auflagen betrugen zwischen 200 und 1000 Stück. Die Karten wurden von 1908 bis 1915 gedruckt.vgl. AK Express, Ausgabe Nr. 14 von 1980. Zentralverkaufsstelle der Postkarten war das 1907 errichtete Stadtlokal der Wiener Werkstätte am Graben 15 und gegenüber am Graben 16, aber auch die Filialen in Zürich und in Marienbad verkauften die Karten.Hans Dichand (Hrsg.), Michael Martischnig: Jugendstilpostkarten. Harenberg Kommunikation, Dortmund, S. 157. Eine der teuersten in Mitteleuropa gehandelten Ansichtskarten (Krampus mit Kind) stammt aus der Wiener Werkstätte und wurde am 12. Oktober 2003 um 11.000 Euro versteigert.Rekordpreiskarte, Websitebetreiber: Volker Wichmann, abgerufen am 19. Oktober 2010.
Signaturen
Ein großer Teil der in der Wiener Werkstätte hergestellten oder von ihr verlegten Objekte wurden mit dem Signet der Wiener Werkstätte, dem Monogramm des Entwerfers und des ausführenden Handwerkers versehen. Bis Anfang der 1920er Jahre war auch die Rosenmarke und bei Silberarbeiten der Silberfeingehalt eingeprägt.
Die Wiener Werkstätte verfügte im Jahre 1905 über etwa 100 Mitarbeiter. Davon waren 37 Handwerksmeister.
Palais Stoclet