Fitzcarraldo ist ein Film des Regisseurs Werner Herzog und war dessen vierte Zusammenarbeit mit Klaus Kinski, der einen Exzentriker spielt: Der Protagonist will im Dschungel ein Opernhaus bauen und versucht dafür scheinbar Unmögliches. Der Film startete am 4. März 1982 in den bundesdeutschen Kinos.
Inhalt Der an die historische Person des Carlos Fermín Fitzcarrald angelehnte exzentrische Abenteurer und Opernliebhaber Brian Sweeney Fitzgerald – von den spanischsprechenden Peruanern Fitzcarraldo genannt – ist besessen davon, in Iquitos im peruanischen Dschungel ein Opernhaus nach dem Vorbild des Teatro Amazonas in Manaus zu errichten und den Sänger Enrico Caruso zu engagieren. Um den Bau finanzieren zu können, kauft er mit dem Geld seiner Geliebten Molly – einer erfolgreichen Bordellbesitzerin – ein Erschließungsrecht für Kautschuk-Gewinnung in einem auf dem Flussweg unerreichbaren Urwaldabschnitt sowie einen alten Flussdampfer, mit dem er den Kautschuk transportieren will.
Da der Fluss zwischen den gewinnversprechenden Kautschuk-Feldern und dem Amazonas durch Stromschnellen unpassierbar ist, kommt Fitzgerald auf die Idee, über den benachbarten Fluss eine Stelle anzusteuern, an der nur ein kleiner, bewaldeter Bergrücken die Flüsse trennt. Hier will er das Schiff über den Berg ziehen, um es auf dem anderen Fluss oberhalb der Stromschnellen als Transportschiff zu benutzen. Dabei helfen ihm unerwartet als feindselig gefürchtete peruanische Ureinwohner, die in dem Schiff ein Gefährt aus göttlicher Verheißung zu erkennen glauben.
In der Nacht nach der Erfolgsfeier der geglückten Bergrücken-Überquerung lösen die Indianer die Ufer-Vertäuung des Schiffs, unbemerkt von der an Bord schlafenden Restmannschaft, um es der von den Eingeborenen angenommenen Bestimmung zuzuführen, nämlich ihnen die Fahrt in ihre göttlich verheißene Zukunft zu ermöglichen und sie dabei vor bösen Naturdämonen zu beschützen. Das manövrierunfähige Schiff treibt durch die Stromschnellen und wird dabei leicht beschädigt, wozu vom Grammofon das Sextett aus der Oper Lucia di Lammermoor von Gaetano Donizetti („Wer vermag, den Zorn zu hemmen“) erklingt. Aufgrund der Unmöglichkeit einer Rückkehr hat das Schiff seine kommerzielle Bestimmung verwirkt.
Fitzgerald verkauft das Schiff notgedrungen dem früheren Eigentümer und nutzt den Erlös für die Verwirklichung seines Traums auf anderem Wege: Er macht das Schiffsdeck zu seinem „Opernhaus“ im Urwald für eine einzige Aufführung; Fitzgerald genießt dies als eine Traumverwirklichung vor dem Hintergrund seines Scheiterns im Großen. In der Schlussszene wird auf dem Schiff das berühmte vom Chor begleitete Duett „A te, o cara“ (An dich, oh Teure) aus der Oper I puritani von Vincenzo Bellini aufgeführt.
Hintergrund Vor Beginn der Dreharbeiten Im Februar 1979 erschienen Vertreter der 1978 von Werner Herzog und Walter Saxer gegründeten Filmgesellschaft Wildlife Films Peru in der Gemeinde von Wawaim, um über die geplanten Dreharbeiten vor Ort zu informieren. Das Volk der Aguaruna lehnte jede Kooperation ab und schickte einen Einspruch an die zuständigen Behörden. Im Juli kam es erneut zu Verhandlungen. Die Gemeindeversammlung lehnte weiterhin ab, erst im August konnte es zu einer vertraglichen Einigung kommen. Während Herzog im SPIEGEL erklärte, nach anfänglichen Problemen sei man „in vollem Einvernehmen“ mit der Bevölkerung, beschuldigten Vertreter der Aguaruna das Filmteam, die Unterzeichnung des Vertrages mit Gewalt erzwungen zu haben. Im Dezember 1979 wurde das Camp des Filmteams gestürmt. Der Drehort wurde daraufhin verlagert.
Die Kontroversen fanden ein breites internationales Medienecho und führten zu politischen Kampagnen gegen das Filmvorhaben. Die deutsche Regisseurin Nina Gladitz thematisierte die Ereignisse in ihrem Dokumentarfilm Land der Bitterkeit und des Stolzes von 1982.
Dreharbeiten Gedreht wurde der Film von Januar bis Februar, April bis Juli und Oktober bis November 1981.CineGraph – Lexikon zum deutschsprachigen Film. Lieferung 4 – Werner Herzog Drehorte waren Iquitos und Umgebung, Manaus und schließlich Rom (Ernani-Inszenierung).filmportal.de
Die Dreharbeiten in Peru verliefen unter teilweise äußerst schwierigen Umständen, die das Projekt in die Länge von insgesamt zwei Jahren zogen. Ursprünglich war Jack Nicholson für die Titelrolle vorgesehen, der auch sehr interessiert war, jedoch mit 5 Mio. US-Dollar eine für die Produktion viel zu hohe Gagenforderung stellte.IMDb Trivia. Auch Warren Oates interessierte sich für die Rolle, erkrankte jedoch und starb 1982. Schließlich wurde Jason Robards für die Rolle des Fitzcarraldo verpflichtet, während Mick Jagger dessen Gehilfen und Mario Adorf den Kapitän spielen sollten. 40 Prozent des Films wurden mit diesen drei Schauspielern gedreht. Nachdem Robards die Dreharbeiten wegen einer Krankheit hatte abbrechen müssen, über die viel spekuliert wurde, überlegte Werner Herzog kurzzeitig, die Hauptrolle selbst zu spielen. Vorübergehend stand der völlige Abbruch des Films zur Diskussion, auch die Finanziers waren skeptisch. Mick Jagger, der zuvor in Begleitung von Jerry Hall die erste Fassung des Films in Peru gedreht hatte, wollte zunächst weitermachen, musste dann aber wegen einer anstehenden Welttournee der Rolling Stones absagen. Adorf kehrte angesichts der Unterbrechung der Dreharbeiten nach Europa zurück. Nachdem er wochenlang nichts mehr von Herzog gehört hatte, hielt er das Projekt für erledigt und ließ sich von Rainer Werner Fassbinder für dessen Film Lola gewinnen.Seine Erlebnisse bei den Dreharbeiten für Fitzcarraldo schildert Adorf unter dem Titel Der Grenzgänger in seinem Buch: Der römische Schneeball. Wahre und erfundene Geschichten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2001, S. 107–173. Schließlich wurde Klaus Kinski für die Hauptrolle engagiert, wobei die Erstellung eines detaillierten Vertrags erforderlich war. Auch das Drehbuch musste umgeschrieben werden, unter anderem wurde die für Jagger vorgesehene Rolle des Gehilfen entfernt. Die Rolle des Kapitäns übernahm anstelle von Adorf der Laiendarsteller Paul Hittscher, der sich als gebürtiger Hamburger mit einem Restaurant in Peru niedergelassen hatte und zuvor lange Seemann gewesen war."Wie ich einmal mit Fitzcarraldos Kapitän aneinander gerasselt bin"
Kinski verhielt sich teils kooperativ, teils schwierig; er stellte während der Dreharbeiten viele Forderungen, die er lautstark durchsetzen wollte. Auch private Umstände trugen zu Kinskis wechselnder Stimmung bei.Christian David: Kinski. Die Biographie. Aufbau-Verlag, Berlin 2006, S. 296–305. Während der Dreharbeiten boten die Ureinwohner nach Angaben Herzogs an, Klaus Kinski zu töten, der bei den Dreharbeiten wiederholt seine gefürchteten Wutausbrüche hatte. Besonders ein heftiges Wortgefecht zwischen Kinski und dem Produzenten Walter Saxer wurde berühmt,YouTube-Video: " Klaus Kinski - Wutausbruch am Filmset von Fitzcarraldo" nachdem es in Herzogs Dokumentation Mein liebster Feind gezeigt worden war. Andererseits ermunterte Kinski auch Herzog dazu, trotz der Schwierigkeiten der Dreharbeiten den Film zu vollenden, und gab wichtige Impulse. Das glückliche Ende der Arbeit an Fitzcarraldo wurde von allen Beteiligten mit großer Freude und Erleichterung begrüßt.Christian David: Kinski. Die Biographie. Aufbau-Verlag, Berlin 2006, S. 307.
mini|alternativtext=|Das Fitzcarraldo-Schiff Molly Aida verrottet heute in der Region Madre de Dios Die Dreharbeiten im Dschungel gestalteten sich schwierig, zumal Herzog mitten im Urwald ohne Spezialeffekte, wenngleich mit Bulldozern, den Flussdampfer über den Berg ziehen ließ.IMDb Trivia Dabei schrieb Herzog in seinen 2004 veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen Eroberung des Nutzlosen, dass „meine Aufgabe und die der Figur identisch geworden sind“.W. Herzog: Eroberung des Nutzlosen. Eintrag vom 18. Februar 1981, S. 158. Dazu kamen Finanzierungsprobleme; über die Verhandlungen mit der Chefetage von Twentieth Century Fox in Hollywood schreibt Herzog: „[Es] gilt hier als nicht diskutierte Selbstverständlichkeit, ein Modellschiff aus Plastik über einen Studiohügel zu ziehen, möglicherweise sogar in einem botanischen Garten, […] und ich sagte, die nicht diskutierbare Selbstverständlichkeit müsse ein wirklicher Dampfer über einen wirklichen Berg sein, aber nicht um des Realismus willen, sondern wegen der Stilisierung eines großen Opernereignisses.“W. Herzog, Eroberung des Nutzlosen, Eintrag vom 19./20. Juli 1979, S. 10. Mario Adorf hat später in Der Grenzgänger Herzog als menschenverachtenden und größenwahnsinnigen Regisseur dargestellt, der nicht nur hunderte von Urwaldbäumen fällen lässt, sondern auch planmäßig das Leben von Schauspielern und Indigenen riskiert. Umgekehrt sah Herzog bei den beiden ursprünglichen Darstellern Robards und Adorf „Starallüren“ und warf ihnen Feigheit und Dummheit vor.W. Herzog, Eroberung des Nutzlosen, Einträge vom 6. Januar 1981, S. 132, 7. Februar 1981, S. 141 f. u. a.
Tatsächlich kam es zu mehreren Unglücken am Filmset. Die Hand des Kameramanns Thomas Mauch wurde aufgerissen, ohne dass medizinische Hilfe in der Nähe war. Bei den Szenen, in denen das Schiff durch die starken Strömungen schlitterte, mussten sechs Menschen auf dem Schiff anwesend sein, um es zu navigieren. Von den sechs Freiwilligen, zu denen auch Herzog gehörte, verletzten sich drei dabei. Nach Angaben von Herzog wurde ein peruanischer Arbeiter von einer hochgiftigen Schlange gebissen und schnitt sich daraufhin seinen eigenen Fuß mit der Motorsäge ab, damit sich das tödliche Gift nicht im Körper verteilte. Des Weiteren wurde einem Kameramann von einem Piranha ein Zeh abgebissen. Es kam am Rande der Dreharbeiten zu einem Flugzeugabsturz, bei dem sechs Personen beteiligt waren. Einige der Insassen wurden zwar schwer verletzt, überlebten jedoch. Weiterhin wurde das Filmset von einem Urwald-Volk auf Beutejagd attackiert, wobei weitere Menschen verletzt wurden.IMDb Trivia Die Beziehungen zwischen Herzog und den mit ihm zusammenarbeitenden Ureinwohnern wurden indes als weitgehend positiv geschildert. Andere Stimmen warfen dem Regisseur jedoch auch vor, dass er die am Film beteiligten Ureinwohner unter schlechten Bedingungen hausen ließ und ihnen nur einen geringen Lohn gab.IMDb Trivia Werner Herzogs persönlicher Berater, der Anthropologe Cesar Vivanco, beschrieb in einem Interview, wie Herzog die Ureinwohner mit Waffen bezahlte, um den Film fertigzustellen.
Bezüge zur Realität Die Figur des Fitzcarraldo entstand in Anlehnung an den wohlhabenden Kautschuk-Baron Carlos Fermín Fitzcarrald, genannt „Fitzcarraldo“, sowie an das Leben des Kautschuk-Barons Waldemar Scholz. Soweit bekannt, interessierte sich der reale Fitzcarraldo jedoch nicht für die Oper, und ferner hat Enrico Caruso nie in Manaus gesungen. Allerdings transportierte Fitzcarrald sein Schiff ebenfalls über einen Berg, jedoch nicht als Ganzes, sondern in Einzelteile zerlegt. Fitzcarrald schiffte vom Río Ucayali flussaufwärts in den Río Urubamba, dann in den Río Inuya und ließ dort die Schiffsteile über den heute nach ihm benannten Isthmus tragen. Dies erforderte in Wirklichkeit jedoch einen wesentlich längeren Marsch als im Film gezeigt. Er beschäftigte für dieses Unternehmen tatsächlich hunderte Ureinwohner, darunter Machiguenga, Asháninka, Yine und Shipibo-Conibo, wobei die Opferzahl wesentlich höher lag als im Film. Dazu war die Mitarbeit der Ureinwohner in der Realität nicht freiwillig. Herzog beschäftigte beim Dreh Indianer der ethnischen Gruppen der Asháninka und Ashéninka, Machiguenga und einigen wenigen Yaminahua und Yin, die in ihrer tatsächlichen Kleidung spielten und ihre originäre Sprache sprachen.