mini|hochkant=1.2|Bralitz, ein Dorf in Brandenburg mini|hochkant=1.2|Gievgessuoloj, Sommerdorf der Sirkas-Samen in Schweden mini|hochkant=1.2|Traditionelles Dorf (= Kampung) Praijing auf Sumba (Indonesien)
Ein Dorf ist eine Gruppensiedlung im ländlichen Raum, eine ländliche Siedlung.
In der siedlungsgeographischen Typisierung werden in Deutschland Einzelsiedlungen und Gruppensiedlungen unterschieden. Nur Gruppensiedlungen einer bestimmten Größe („Große Gruppensiedlung“) werden als Dörfer bezeichnet. Die Größe, die eine Siedlung haben muss, um als Dorf zu gelten, ist dabei regional verschieden und oft geschichtlich bedingt. In der Geografie bezeichnet Dorf eine ländliche Gruppensiedlung ab einer Größe von etwa 100 Einwohnern bzw. 20 Höfen oder Gebäudekomplexen.Bundeszentrale für politische Bildung. Ländliche Räume: Dörfer und Kleinstädte im Wandel Als Dörfer werden nur Siedlungen des ländlichen Raums bezeichnet.
Idealtypische Dörfer waren traditionell von der Landwirtschaft geprägt, die meisten Einwohner waren Bauern oder landwirtschaftliche Beschäftigte, die Siedlungsform wurde von den Bauernhäusern bestimmt und stand im engen Zusammenhang mit dem umgebenden Ackerland, der Flur und den traditionellen Flurformen. Neben diesen „Agrarsiedlungen“ gab es aber auch immer landwirtschaftsnahe Gewerbe und ganze Gewerbedörfer. Heutige mitteleuropäische Dörfer haben auch dann, wenn sie sehr ländlich geprägt sind, nur noch einen geringen Anteil landwirtschaftlich Beschäftigter. Zudem lebte früher der größte Teil der Bevölkerung in ländlichen Siedlungen, heute nur noch ein geringer. Waren es im Deutschen Reich im Jahr 1900 noch fast die Hälfte (46 Prozent), fiel der Anteil in der Bundesrepublik Deutschland bis zum Jahr 2015 auf etwa ein Viertel ab (23 Prozent).
Kleinere Gruppensiedlungen werden regional als Weiler oder Bauerschaft bezeichnet. Streusiedlungen werden in manchen Gegenden nicht als Dorf bezeichnet, sondern in Nordwestdeutschland als Bauerschaft, am Niederrhein als Honnschaft. Noch kleinere Wohnplätze mit nur einem oder zwei Haushalten werden als Einzelsiedlung, Einzelgehöft, in Süddeutschland und den deutschsprachigen Alpenländern als Einöde oder Einödshof bezeichnet.
Es gab auch Dörfer, in denen sich die meisten Bewohner einer speziellen Tätigkeit der Marktproduktion widmeten, etwa Fischerdörfer, Flößer- und Wanderhändlerdörfer, Weber- oder Töpferdörfer.
Dauersiedlungen saisonale Siedlungen Ständig bewohnte menschliche Ansiedlungen kennzeichnen den Dauersiedlungsraum der Erde (Ökumene). Hier bestehen Dörfer seit dem Beginn der Landwirtschaft vorwiegend aus festen Behausungen (ursprünglich verschiedene Formen von Pfostenhäusern).
Unter klimatisch schwierigeren Bedingungen, die nur eine saisonale Nutzung des Landes als Feld oder Weide zulassen (Subökumene), fanden und finden sich zum Teil bis heute auch Dörfer nomadisierender bis halbsesshafter Bevölkerungen, die als Sommer- oder Winterdörfer genutzt wurden. Sie bestehen entweder aus festen Behausungen, die zeitweise unbewohnt bleiben, oder aus mobilen Behausungen, wie etwa Zelten oder Jurten. Alle denkbaren Kombinationen lassen sich finden: Häufig sind feste Winterdörfer als Hauptwohnsitz und mobile Sommerlager mit einer stark reduzierten Dorfstruktur oder nur für bestimmte Personen (etwa Hirten und ihre Familien), wie es für die transhumante Lebensweise z. B. die Yailas in Anatolien typisch ist. Feste Sommer- und Winterdörfer haben etwa die samischen Rentierhüter in Lappland.
Siedlungsgrößen Zur Einordnung der Ortsgröße von Dörfern sind verschiedene Maße herangezogen worden. Neben der Einwohnerzahl des Orts klassifizieren einige Siedlungsgeographen und Statistiker auch nach der Anzahl der Häuser (Wohneinheiten, Hofstätten) oder nach dem Umfang der überbauten Fläche (wobei ein Abstand der Häuser zueinander von etwa 150 Metern als Grenze zwischen Einzel- und Gruppensiedlung vorgeschlagen wurde). Als grobe Faustformel wird oft ein Wert von vier bis fünf Einwohnern pro Hausstätte angenommen, wobei Mehrfamilienhäuser nicht berücksichtigt wären. Die meisten Fachleute sind der Ansicht, dass eigentlich eine Charakterisierung nach infrastruktureller und funktionaler Ausstattung der Siedlung vorzuziehen wäre.Martin Born: Zur funktionalen Typisierung ländlicher Siedlungen in der genetischen Siedlungsforschung. In Werner Kreisel, Wolf D. Sick, Jörg Stadelbauer (Hrsg.): Siedlungsgeographische Studien. Festschrift für Gabriele Schwarz. De Gruyter, 1979. (Reprint 2019, ISBN 978-3-11-007573-1) Da diese aber oft mit der Einwohnerzahl korreliert und diese leichter messbar ist, wird diese als Hilfsgröße verbreitet verwendet.
Recht verbreitet ist eine Terminologie, die durch eine internationale Arbeitsgruppe für die geographische Terminologie der Agrarlandschaft (später: Historical Geography Research Group), initiiert durch Harald Uhlig und publiziert durch dessen Schüler Cay Lienau eingeführt wurde. Demnach hätte eine kleine ländliche Gruppensiedlung, oder Weiler, 10 bis 20 Hausstätten und bis zu 100 Einwohner. Ein kleines Dorf hätte mehr als das, aber weniger als 100 Haus- oder Hofstätten und weniger als 500 Einwohner. Unter etwa 400 Haus- und Hofstätten und etwa 2000 Einwohner wäre es ein normales Dorf. Siedlungen darüber wären als Großdorf bzw. Stadtdorf einzuordnen.Cay Lienau: Die Siedlungen des ländlichen Raums. Westermann Verlag, Braunschweig 1995, ISBN 3-14-160283-2, Tabelle auf S. 64. Die Größenklassen wurden etwa durch Gerhard Henkel übernommen,Gerhard Henkel: Das Dorf. Landleben in Deutschland – gestern und heute. (= Schriftenreihe der bpp Bundeszentrale für politische Bildung. Bd. 10539). 2020, ISBN 978-3-7425-0539-2, S. 214–215. sie werden auch im Handwörterbuch der Stadt‐ und Raumentwicklung akzeptiert.Hildegard Schröteler‐von Brandt: Dorf. In: ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.): Handwörterbuch der Stadt‐ und Raumentwicklung. Hannover 2018, ISBN 978-3-88838-559-9. Die Abgrenzung zu den Weilern und zu städtischen Siedlungen (Landstädten) ist aber vom jeweiligen Autor abhängig.Annett Steinführer: Lässt sich die Zahl der Dörfer in Deutschland bestimmen? Von Definitionsbemühungen, Suchwegen und unterschiedlichen Befunden. In: Berichte über Landwirtschaft. 99 (3), 2021. doi:10.12767/buel.v99i2.358 So begrenzt Gerhard Henkel im Handwörterbuch zur ländlichen Gesellschaft in Deutschland Weiler, als kleine Gruppensiedlungen, schon bei etwa 20 Haus- oder Hofstätten.Gerhard Henkel: Dorf und Gemeinde. In: Stephan Beetz, Kai Brauer, Claudia Neu (Hrsg.): Handworterbuch zur ländlichen Gesellschaft in Deutschland. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005, ISBN 3-8100-3749-4. In Österreich ist zu statistischen Zwecken eine geschlossene Ortschaft mit 10 oder mehr Gebäuden ein Dorf.z. B. Statistik Austria (Hrsg.:) Ortsverzeichnis Vorarlberg. Wien 2004, ISBN 3-902452-47-1. 5. Kürzungsschlüssel für die Topographische Kennzeichnung und „Sonstige Kürzungen“. analog in den anderen österreichischen Ortsverzeichnissen.
Rechtliche Stellung Traditionell stellte das Dorf – auch in Abgrenzung zum kleineren Weiler – als Gemeinde der Bauern eine politische Einheit dar. Vor der Schaffung von Gemeinderäten im 19. Jahrhundert gab es im deutschsprachigen Raum den Schultheiß, Bürgermeister, Ortsvorsteher und Dorfschulzen. Durch die Gebietsreformen der 1970er bis 1990er Jahre sind die Dörfer in Deutschland überwiegend keine Gebietskörperschaften mehr, sondern wurden zu ländlichen Gemeinden zusammengefasst oder in benachbarte Städte eingemeindet. Einen Kompromiss mit Resten von Eigenständigkeit der Dörfer stellen manche Samt- und Verbandsgemeinden dar.
In Bayern gilt gemäß der Entschließung des dortigen Staatsministeriums des Innern vom 18. Oktober 1950 (Nr. I B1 – 68a 1) grundsätzlich jede Ansiedlung mit zehn oder mehr Wohngebäuden, die keine Stadt ist, als Dorf. Größere Dörfer mit stärkerer Arbeitsteilung und einzelnen städtischen Funktionen heißen in Süddeutschland, insbesondere in Bayern, Markt. In Norddeutschland, vor allem in Niedersachsen, nennt man sie Flecken. In Hessen ist hierfür die Bezeichnung Marktflecken verbreitet.
In Österreich ist ein Dorf ebenfalls ein geschlossener Ort mit zehn oder mehr Gebäuden, mit historischer Struktur und gewisser Infrastruktur wie Kirche oder Gasthaus.Statistik Austria (Hrsg.): Ortsverzeichnis 2001. Wien 2005, gemeinsame Einleitung der Länderbände, S. 20 (etwa ) Kleinere geschlossene Orte und Orte ohne jede Infrastruktur werden als Weiler, Rotte oder Zerstreute Häuser klassifiziert, moderne Neuanlagen als Häusergruppe. Größere Dörfer mit besonderer Bedeutung in geografischer oder wirtschaftlicher Hinsicht können zum Markt erhoben werden.
In Frankreich, der Schweiz und Namibia sind sehr viele Dörfer eigene Gebietskörperschaften.
Etymologie Der älteste Beleg für das Wort Dorf, thaurp, findet sich in der gotischen Bibelübersetzung des Wulfila, wo es einen eingezäunten Bereich (z. B. Pferch, Gehege) bezeichnet.Rudolf Schützeichel: „Dorf“. Wort und Begriff. In: Herbert Jankuhn, Rudolf Schützeichel, Fred Schwind (Hrsg.): Das Dorf der Eisenzeit und des frühen Mittelalters: Siedlungsform, wirtschaftliche Funktion, soziale Struktur. Bericht über die Kolloquien der Kommission für die Altertumskunde Mittel- und Nordeuropas in den Jahren 1973 und 1974. (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Philologisch-Historische Klasse 3. Folge Nr. 101). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1977, S. 25–27. Eine solche Einfriedung diente dem Schutz des Nutzviehs (Pferd, Rind, Ziege, Schaf, Schwein, Huhn, Gans, Ente usw.) vor Fressfeinden, wie dem Wolf. Diese Bedeutung ist auch für das nordfriesische terp, das altfriesische therp, wie auch das alemannische Dorf anzunehmen, das Wort sollte ursprünglich also nicht den Unterschied zwischen einer Einzel- und Gruppensiedlung anzeigen.Rudolf Schützeichel: „Dorf“. Wort und Begriff. In: Herbert Jankuhn, Rudolf Schützeichel, Fred Schwind (Hrsg.): Das Dorf der Eisenzeit und des frühen Mittelalters: Siedlungsform, wirtschaftliche Funktion, soziale Struktur. Bericht über die Kolloquien der Kommission für die Altertumskunde Mittel- und Nordeuropas in den Jahren 1973 und 1974. (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Philologisch-Historische Klasse 3. Folge Nr. 101). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1977, S. 31. Im Schwedischen steht der Begriff torp für einen einsam gelegenen, kleinen Bauernhof. Torp hat den gleichen sprachlichen Ursprung aus dem gemeingermanischen Wort wie das althochdeutsche dorf, das altenglische bzw. altsächsische thorp, angelsächsisch thorpe, das altisländische þorp und das niederländische dorp. Auf Südjütisch heißt Dorf trop. Auch das Suffix -trup – mit all seinen Varianten – bedeutet in den nord- und westgermanischen Sprachen immer „-dorf“; jedoch im ursprünglichen Sinne von Einzelhof.William Foerste: Zur Geschichte des Wortes Dorf, in Studium Generale 16, 1963, S. 427.
Archäologie des Dorfes miniatur|hochkant=1.2|Dorfgründung im Mittelalter (Heidelberger Handschrift des Sachsenspiegels)
Seit dem Frühneolithikum sind Siedlungen bekannt, die sich durch eine Ansammlung gleichzeitiger Häuser, eine ökonomische Grundlage in der Landwirtschaft und gemeinsame Einrichtungen auszeichnen. Nach einer Definition des Dorfes, die auf ebendiese Kriterien abzielt, ist das „Dorf“ somit eine grundlegende Siedlungsform der Agrarkultur. Vorläufer des Dorfes ist der von Jägern und Sammlern mitunter nur saisonal aufgesuchte Wohnplatz. Gleichwohl sind in den Jahrtausenden der Vorgeschichte und des Mittelalters einige Veränderungen des Dorfes zu beobachten. Bedeutend zu sein scheint etwa die Entwicklung von der Tellsiedlung, die zu Beginn des Ackerbaus in Südosteuropa bis in den Donauraum verbreitet ist, zur Reihensiedlung und am Übergang zum Mittelneolithikum zur Streusiedlung mit lockerer, einheitlich orientierter Bebauung. Hier mögen kulturelle, soziale und wirtschaftliche Umwälzungen im Hintergrund stehen.