Die Kölnische Zeitung war im 19. und im 20. Jahrhundert bis zum Beginn des Nationalsozialismus eine der führenden überregionalen deutschen Tageszeitungen. Die beiden anderen großen Zeitungen der Zeit waren die Frankfurter Zeitung und die Allgemeine Zeitung.
Ausrichtung und Bedeutung Das Blatt verstand sich selbst im Sinne der Aufklärung und Französischen Revolution als demokratisch, bürgerlich und liberal. Sein Ruhm basierte auf der soliden, aktuellen Berichterstattung und einer obrigkeitskritischen Grundhaltung. Die Redaktion geriet – wie ein Jahrhundert zuvor die Gazette de Cologne – häufig mit Vertretern des preußischen Kaiserreichs in Streit und war ein wichtiges Sprachrohr der Märzrevolution 1848.
Ihr erster großer Herausgeber Joseph DuMont setzte in den 1830er Jahren modernste Drucktechniken ein und baute als erster deutscher Verleger eine Nachrichtenverbindung über berittene Eilboten zur damals weltweit bedeutendsten Zeitung, der Times in London, auf. Daher stammt die schmeichelhafte Bezeichnung der Kölnischen Zeitung als „die deutsche Times“. Das Blatt führte 1838 eine feste Kulturrubrik ein und damit das erste Feuilleton. Bis zum Ende der Weimarer Republik blieb die Kölnische Zeitung eine der wichtigsten überregionalen deutschen Tageszeitungen. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung schwenkte sie relativ rasch auf den Kurs der NS-Propaganda um. Einen knappen Monat vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges stellte die Kölnische Zeitung nach 147 Jahren ihr Erscheinen ein. Nach Kriegsende wurde sie von den Alliierten verboten. Aus ihrem Restbestand ging der Kölner Stadt-Anzeiger hervor.
Geschichte
Vorläufer und Anfänge Der Name „Kölnische Zeitung“ geht einigen Quellen zufolge auf den 19. Juli 1798 zurück. Zuvor hatte das Blatt die Titel „Kaiserliche Reichs-Ober-Post-Amts-Zeitung“ (seit 1763), „Reichs-Ober-Post-Amts-Zeitung“ (ab 1795), „Postamtszeitung zu Cölln“ und „Kölner Zeitung“ getragen und mehrfach den Besitzer gewechselt. Franz Dieudonné schrieb 1903 in seiner kritischen Chronik der Zeitung:
Der Zeitungschronist Ludwig Solomon entwickelte in seiner Geschichte des Deutschen Zeitungswesens von 1906 die Entstehungsphase der Kölnischen Zeitung ausführlicher:
Politisch sah sich die kleine Redaktion in den allerersten Jahren in der Tradition der französischen Revolution – und der französischen Staatsmacht. Sie begrüßte, wie viele Kölner, ausdrücklich Napoleons Besetzung des Rheinlands. 1802 druckte die Kölnische Zeitung eine Hymne auf Napoleon:
Als 1805 der Jurist Marcus DuMont die Druckerei Schauberg, wo die Kölnische Zeitung in einer Auflage von 250 Exemplaren hergestellt wurde, und damit auch die Zeitung übernahm, konnten nur ca. 10 % der Bevölkerung lesen. Trotzdem stieg die Auflage. 1806 spitzten sich die Spannungen zwischen Napoleon und Preußen zu, und die politische Ausrichtung der Kölnischen Zeitung wurde Frankreich-kritischer. Im August 1809 war die Auflage auf 400 gestiegen. Im gleichen Jahr verbot die französische Besatzungsmacht das Erscheinen der Zeitung. Mit dem Einzug preußischer Truppen in Köln im Januar 1814 erhielt Marcus DuMont wieder eine Lizenz.
Die neue Erstausgabe der Kölnischen Zeitung erschien am 16. Januar 1814. Sie erschien zunächst viermal, ab 1829 sechsmal wöchentlich, bei einer Auflage von knapp 3000 Exemplaren. Seit 1816 befand sich das Verlagsgebäude in Kölns Zentrum, in der Hohe Straße 133.
Das Beiblatt als Sonntagsausgabe mini|Kölnische Zeitung, Beiblatt vom 17. März 1816 mit einem antisemitischen Artikel
Alle zwei Wochen erschien ab dem 3. März 1816 sonntags das „Beiblatt der Kölnischen Zeitung“, die vermutlich erste deutsche Sonntagszeitung. Standardrubriken darin waren „Anekdoten“, „Verschiedenes“, „Lyrik“ sowie der „Literarische Anzeiger“ – eine Eigenwerbung des Verlags der „DüMont Bachem’schen Buchhandlung“. Das Beiblatt bewegten auch wissenschaftliche Ereignisse, die sich leicht und witzig aufbereiten ließen, Statistiken und ausführliche Zitate aus Büchern, wenn sie die Meinung der Redaktion eloquent darstellten.
So geschehen in dem abgebildeten Beispiel vom 17. März 1816, wo die Kölnische Zeitung ein in der hauseigenen Buchhandlung vertriebenes antisemitisches Buch bewirbt und über zwei Seiten hinweg zitiert. Die redaktionelle Einleitung beginnt bildungsbürgerlich harmlos, sucht sich jedoch das populistischste Kapitel aus, ein scheinbar rationales Pamphlet zur Unterdrückung der jüdischen Bevölkerung:Wie in den meisten antisemitischen Schriften der Zeit und noch bis zum Holocaust wurde hier die systematische gesellschaftliche Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung seit dem Mittelalter unterschlagen, die ihr unter anderem das Betreiben von Handwerken verbot
Texte wie diese heizten die politische Stimmung an. Die Kölnische Zeitung machte sich damit zum Werkzeug einer Bewegung, die zu den gewaltsamen Ausschreitungen gegen jüdische Mitbürger bei den Hep-Hep-Krawallen drei Jahre später führten.
Das Beiblatt der Kölnischen Zeitung wurde 1838 aus unbekannten Gründen eingestellt.
Joseph DuMont mini|hochkant|Levin Schücking, ab 1845 Kulturredakteur der Kölnischen Zeitung unter Joseph DuMont hochkant|mini|Auskopplung aus der Zeitung als Buch: „Über die Bestrafung der Geistlichen“. Die Kölnische Zeitung, häufig als zu Preußen-freundlich eingestellt, gibt hier 1848 einem Geistlichen den Raum, das neue Strafrecht für Geistliche kritisch zu prüfen.
1831 übernahm Joseph DuMont die Zeitung von seinem Vater Marcus und führte zahlreiche Innovationen durch, die der Zeitung größere Verbreitung und Ansehen in den deutschen Städten brachten. Er investierte zunächst in neue Dampfdrucktechnik von Koenig und Bauer und steigerte damit die Effizienz um den Faktor 3 – die Auflage von 3300 Exemplaren konnten wesentlich schneller gedruckt werden.
Die Aktualität war ein treibendes Element für die wachsende Zahl der Abonnenten, weswegen Joseph DuMont ein eigenes Korrespondentennetz sowie eine Nachrichtenverbindung über berittene Eilboten zur damals weltweit bedeutendsten Zeitung, der Times in London aufbaute. Times-Artikel wurden umgehend ins Deutsche übersetzt und standen damit den Lesern der Kölnischen Zeitung zeitnah zur Verfügung. Nicht nur deswegen, sondern auch wegen ihres neutralen Geists nannte man sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts „die deutsche Times“. Gelegentlich bezog sich umgekehrt die Times, wenn auch selten, auf die Kölnische.Die Times vom 5. März 1894 etwa zitiert einen über die Nachrichtenagentur Reuters überbrachten Kommentar der Kölnischen Zeitung zum Rücktritt des liberalen Englischen Premierministers William Gladstone. Die einzige andere deutsche Zeitung, deren Kommentar die Times zu dem Thema zitiert, ist die Frankfurter Zeitung.
Die erste Erwähnung der „Kölnischen Zeitung“ in der Times fand am 8. Januar 1886 statt.Die Times vom 8. Januar zitiert die Kölnische Zeitung zu außenpolitischen Themen über zwei Absätze hinweg. Jedoch bezeichneten die angelsächsischen Zeitungen des 18. und 19. Jahrhunderts Zeitungen häufig als Gazetten, sodass „Cologne Gazette“ oder „Gazette de Cologne“ in diesen Zusammenhängen vermutlich die Kölnische Zeitung meint. Erstmals erwähnt die Times eine „Gazette de Cologne“ am 3. August 1840.„Letters from Bessarabia, published in the Gazette de Cologne, speak of the marck of large bodies of troops from Poland, followed by a considerable quantity of siege artillery“, schreibt die Times. Sie zitiert die Ausgabe vermutlich der Kölnischen Zeitung vom 10. Juli 1840 über vier Absätze hinweg zu außenpolitischen Themen. Dies hat nichts mit der in Köln erschienenen französischsprachigen Gazette de Cologne zu tun, die bereits 1799 ihr Erscheinen einstellte.
Joseph DuMont integrierte 1838 die bislang eigenständige Literaturbeilage als feste Rubrik in die Kölnische Zeitung und schuf damit das erste Feuilleton in einer deutschen Tageszeitung. Er stellte mehrere liberal gesinnte Redakteure ein, die sich als zukunftsweisend für das Blatt erwiesen, unter anderem Levin Schücking, dessen direkte Kontakte zur Literaturszene der Zeit maßgeblich die Qualität und Aktualität des Kulturteils steigerten. Für den politischen Teil riskierte Joseph DuMont die Anstellung des vom preußischen Innenministerium als „communistisch-subversiv“ eingestuften und wegen Hochverrats vorbestraften Journalisten Karl Heinrich Brüggemann. So aufgestellt war die Zeitung eine der wichtigen Motoren bei der öffentlichen Meinungsbildung, die zur Märzrevolution 1848 führte. Der Herausgeber ließ im selben Frühjahr den preußischen Adler aus dem Logo der Kölnischen Zeitung verschwinden. Wegen der staatskritischen Kommentare seiner Redakteure („Majestätsbeleidung des Königs“) kam Herausgeber Joseph DuMont am 10. Januar 1850 vor Gericht und wurde nach vier Verhandlungsstunden unter großem Beifall freigesprochen.
Bismarcksche Innenansichten mini|hochkant|Original-Titelseite der ersten Ausgabe des Kölner Stadt-Anzeigers vom 14. November 1876 Die Nachfolger von Joseph DuMont († 1861) hielten zunächst an dem liberalen Kurs fest. 1866 begann der Verlag mit der Herausgabe einer Wochenzeitung, die die innerhalb der Kölnischen Zeitung entstehenden Artikel zusammenfasste. Diese Publikation stellte sich insbesondere im Ausland (und da besonders in Brasilien) als sehr erfolgreich heraus.Kurt Weinhold: Die Geschichte eines Zeitungshauses 1620–1945. Köln 1969, ISBN 3-7701-2478-2, S. 159 Die Zeitung vertrat eine kritische Haltung zum deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck. Diese änderte sich im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, als die Kölnische Zeitung in ihren politischen Kommentaren patriotische Positionen bezog. Bismarck lernte die Zeitung damit so sehr zu schätzen, dass er dem Berlin-Korrespondenten regierungsinterne Informationen zuspielte. Das Blatt erhielt auch Mittel aus dem Welfenfonds.Gordon A. Craig: Deutsche Geschichte 1866-1945. Aus dem Englischen von Karl Heinz Siber. 2. Auflage. Beck, München 1999, ISBN 3-406-42106-7, S. 87.
Die Kölnische Zeitung galt Ende des 19. Jahrhunderts als aktuell best informierte Publikation und festigte damit ihre Position als meistgelesene deutschsprachige Tageszeitung. Gleichzeitig häuften sich die Kritiken wegen zu großer Staatsnähe.
Als Gegengewicht zur internationalen Bedeutung startete der Verlag 1876 eine für Abonnenten in Köln kostenlose Beilage, deren erste Seite komplett aus Kleinanzeigen bestand. Das Lokalblatt hieß „Stadt-Anzeiger“ (und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg das, was von der Kölnischen Zeitung übrig blieb: der Kölner Stadt-Anzeiger). Ab 1882 erschien unter dem neuen Verlagsleiter August Libert Neven zudem eine eigene Zeitschrift für das durch den Krieg gegen Frankreich neu entstandene Reichsland Elsass – sehr zum Gefallen Bismarcks.
Erster Weltkrieg und Weimarer Republik Mit Beginn des Ersten Weltkrieges kletterte die Auflage der Kölnischen Zeitung auf einen bei bisher keinem deutschen Blatt dagewesenen Rekord von 200.000 Exemplaren. Während des Kriegs dagegen sanken die Abonnentenzahlen vor allem im Ausland dramatisch, und der Verlag kämpfte erstmals mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Unter ihrem Herausgeber Alfred Neven DuMont bezog die Zeitung eine klare Position für die politische Mitte und änderte daran auch nichts, als Ende der 1920er Jahre sein Sohn Kurt Neven DuMont zunehmend den Kurs bestimmte. Die Kölnische Zeitung wurde in der Weimarer Republik mit Gustav Stresemann und dessen Deutscher Volkspartei DVP assoziiert. Sie stand nach Alfred DuMonts eigener Einschätzung rechts von den drei anderen inzwischen groß gewordenen überregionalen deutschen Zeitungen, der Frankfurter Zeitung, der Vossischen Zeitung und dem Berliner Tageblatt. Chefredakteur war Ende der 1920er Anton Hassmüller.German Group Takes part on New Steamship, April 1927