Unter Stimmung versteht man in der Musik die Festlegung der Tonhöhen (Frequenzen) von Schallquellen, insbesondere von Musikinstrumenten. In der Praxis genügt hierzu oft (etwa bei einigen Blasinstrumenten) die Festlegung der absoluten Tonhöhe durch Abgleich mit einer vorgegebenen Frequenz, z. B. mit dem Kammerton (a1 = 440 Hz) oder dem Cornettton. Vor allem bei Saiten- und Tasteninstrumenten müssen außerdem die Frequenzverhältnisse der Saiten oder der einzelnen Töne untereinander eingestellt werden.
Die meisten Streichinstrumente, etwa die Violine, können innerhalb eines weiten Bereichs grundsätzlich jede beliebige Tonhöhe erzeugen, insbesondere z. B. jedes Intervall rein spielen (Eine reine Stimmung beruht auf dem Tonmaterial der Obertonreihe). Dagegen werden bei Tasteninstrumenten zwölf Halbtöne pro Oktave im Allgemeinen fest eingestimmt. Eine in allen Tonarten zugleich reine Stimmung mit nur zwölf Tonstufen gibt es nicht; daher müssen Kompromisse eingegangen werden (siehe Temperierte Stimmung, Wohltemperierte Stimmung, Reine Stimmung bei Tasteninstrumenten).
Viele Blasinstrumente können nicht alle verwendbaren Tonstufen (üblicherweise zwölf) innerhalb der Oktave gleichmäßig leicht und rein erzeugen, sondern haben bevorzugte diatonische Tonleitern. Auch dies wird meist einfach als die „Stimmung“ des Instruments bezeichnet, bei Blechblasinstrumenten manchmal genauer als Grundstimmung. Unabhängig davon ist der oben genannte Abgleich der absoluten Tonhöhe auf einen Stimmton, z. B. den Kammerton, für das Zusammenspiel mit anderen Instrumenten außerdem nötig.
Kammerton
Eine Angabe wie „Stimmung 440 Hz“ nennt die Frequenz eines bestimmten Stimmtons, üblicherweise des a’ (eingestrichenes a, auch Kammerton genannt). Heutige Instrumente werden beispielsweise auf a1 = 440 oder 442 Hz gestimmt. Um 1900 herum war 435 Hz üblich. In früheren Jahrhunderten waren, lokal abhängig, verschiedenste Stimmhöhen, auch deutlich höhere als 440 Hz, gebräuchlich (→ Cornettton). Heute wird bei historischen Instrumenten häufig ein Kammerton von 415 Hz verwendet, der ziemlich genau einen Halbton tiefer als 440 Hz ist (→ Chorton).
Grundtonleiter und transponierende Instrumente
Mit der Stimmung eines Instruments ist manchmal seine Grundtonleiter oder deren Grundton gemeint, wie zum Beispiel F-Dur bzw. der Ton f1 bei der Altblockflöte; siehe Holzblasinstrument.
Manchmal ist mit der Stimmung eines Instruments der Ton gemeint, der bei Verwendung von speziell für dieses Instrument geschriebenen Noten an Stelle eines geschriebenen C erklingt (siehe Transponierendes Musikinstrument). Dieses ist bei manchen Instrumenten, z. B. der Trompete, zugleich der Grundton (siehe oben), bei anderen aber nicht; z. B. ist bei der „in B gestimmten“ Klarinette eher F-Dur als Grundtonleiter anzusehen.
Mit „C-Stimmung“ kann dementsprechend gemeint sein, dass für das betreffende Instrument Noten in wirklicher Tonhöhe üblich sind.
Stimmungssysteme
Ein Stimmungssystem ist die Art, wie bei einem Instrument die genauen Frequenzverhältnisse der spielbaren Töne innerhalb einer Oktave, also in den meisten Fällen die zwölf Halbtonschritte des gewählten Tonsystems gestimmt sind. Eine andere Bezeichnung dafür (insbesondere bei Tasteninstrumenten) ist Temperatur oder Temperierung. Die Stimmungssysteme machen nur Aussagen über die Frequenzverhältnisse der einzelnen Töne zueinander. Es wird keine Aussage über die absolute Tonhöhe bzw. die Frequenz selbst gemacht. Die absolute Tonhöhe wird durch die Angabe der Frequenz des Anfangstons oder des Tons a1 festgelegt.
Frequenzverhältnisse im Tonsystem
Jeder Ton kann an beliebigen Positionen einer Tonleiter vorkommen. Z. B. ist das E in der E-Dur-Tonleiter der Grundton, in der C-Dur-Tonleiter der dritte Ton (die Terz) und in der A-Dur- sowie der a-Moll-Tonleiter der fünfte Ton (die Quinte). In reiner Stimmung und anderen nichtgleichstufigen Stimmungen hängt das Frequenzverhältnis zweier Töne von ihren Positionen in der jeweiligen Tonleiter ab. Auf fest gestimmten Instrumenten müssen die Frequenzverhältnisse aller Töne zueinander aber so angeglichen werden, dass sie in allen gewünschten Tonarten gespielt werden können.
Stimmtechnische Bedeutung haben dabei vor allem die Diskrepanzen zwischen Oktav- und Quintreihen, zwischen Oktav- und Terzreihen sowie zwischen Quint- und Terzreihen. So weichen die Frequenzverhältnisse mitteltöniger Intervalle, die aus ganzzahligen Teilungen oder Vielfachen reiner großen Terzen (5:4) bestehen, um Mikrointervalle von denen der gleichnamigen pythagoräischen, aus reinen Quinten (3:2) gebildeten Intervalle ab. Um bspw. sämtliche Ausprägungen einer großen Sexte auf einem festgestimmten Instrument wiedergeben zu können, wären weit mehr als die üblichen zwölf Tonstufen pro Oktave erforderlich. Solche mikrotonalen Instrumente sind jedoch aufgrund ihrer speziellen Spieltechnik und geringen Adoption musikalischen Nischen vorbehalten. Das zwölfstufige Tonsystem muss daher Kompromisse eingehen: Je reiner eine bestimmte Tonart gestimmt wird, umso unreiner klingen andere Tonarten. Besonders auffällig wird dieses Problem in mehrstimmiger, modulationsreicher Musik.
In der klassischen indischen Musik basiert die Struktur der Melodie auf den Ragas, deren Skala jeweils aufsteigend und absteigend festgelegt ist. Er drückt eine bestimmte emotionale Stimmung (rasa) aus, die in Ragamalas bildlich umgesetzt wurde. Die in der westeuropäisch geprägten Musikästhetik umgangssprachlich benutzte Begriff von der „Stimmung eines Musikstückes“ erfährt in der indischen Ästhetik eine reale und bewusst erlebte Konkretisierung.
Überblick über die Stimmungssysteme Es gibt eine Vielzahl von Systemen, die Töne des Tonsystems für eine 12-stufige Tastatur einzustimmen. Die wichtigsten Stimmungssysteme sind: Pythagoreische Stimmung (alle Quinten außer einer Wolfsquinte sind rein, Terzen sind dissonant) Reine Stimmung oder Natürlich-harmonische Stimmung (In allen Tonarten reine Terzen und Quinten) Mitteltönige Stimmungen (Möglichst reine Terzen, nur in wenigen Tonarten möglich.) die 1/4-Komma mitteltönige Stimmung (die Basistonarten B-, F-, C-, G-, D-, A-, E-Dur enthalten reine Terzen.) Silbermann-Sorge-Temperatur (sie kann als 1/6-Komma mitteltönige Stimmung bezeichnet werden) Wohltemperierte (Temperierte) Stimmung (alle Tonarten sind akzeptabel spielbar) Werckmeister-Stimmung Kirnberger-Stimmung Vallotti-Stimmung Neidhardt-Temperatur Gleichstufige Stimmung (Die Oktave ist in 12 gleiche Halbtöne geteilt)
Die geeignete Wahl der Stimmung hängt davon ab, welche Musik gespielt werden soll. Die heute überwiegend verwendete gleichstufige Stimmung ist im Allgemeinen für Musik nach 1800 geeignet. Frühere Musik oder außereuropäische Musik (Weltmusik) lebt sehr stark von der Intonationsreinheit oder von verschiedenartigen Tonartcharakteren. Diese Anforderungen kann die gleichstufige Stimmung nicht erfüllen. Im Rahmen der Historischen Aufführungspraxis Alter Musik werden daher ältere Stimmungssysteme wieder verstärkt erforscht, um adäquate Wiedergaben zu ermöglichen.
Geschichte Antike mini|Pythagoras mit verschiedenen in Quinten gestimmten Instrumenten (eingezeichnete Intervallverhältnisse 16:12:9:8:6:4).Aus: Franchino Gaffurio: Theorica musicae, 1492 (1480?) Einer Legende nach beschrieb der Philosoph und Mathematiker Pythagoras erstmals ein Stimmungssystem auf mathematisch-theoretische Weise (Legende von Pythagoras in der Schmiede). Pythagoras war der Auffassung, dass der gesamte Kosmos nach bestimmten Zahlenverhältnissen geordnet und die Musik Abbild der kosmischen Ordnung sei. Der Überlieferung nach untersuchte Pythagoras auf dem Monochord die musikalischen Intervalle zwischen Saitenteilen mit ganzzahligen Längenverhältnissen. Beispielsweise klingt eine Saite, wenn sie in der Hälfte geteilt wird, eine Oktave höher als in ihrer vollen Länge; das zugehörige Zahlenverhältnis ist also 1:2. So habe Pythagoras die natürlichen Intervalle beschreiben, die aus der Obertonreihe bekannt sind. Das nächsteinfache Zahlenverhältnis ist 2:3, das einer reinen Quinte entspricht. Pythagoras soll eine siebentönige Skala auf der Grundlage der reinen Quinte eingeführt haben. Die Töne werden dabei von einem Anfangston ausgehend durch Quintschritte ermittelt und in eine gemeinsame Oktave transponiert. Das Ergebnis ist die Pythagoreische Stimmung.
Mit der Pythagoreischen Stimmung befasste sich später die Musiktheorie des Euklid. Von Euklid stammt die erste genaue Berechnung der Frequenzproportion des pythagoreischen Kommas. Im 1. Jahrhundert v. Chr. führte der Musiktheoretiker Didymos die „Naturterz“ (Frequenzverhältnis 5:4) in sein enharmonisches Tongeschlecht ein. Eine andere Tradition geht auf Aristoxenos zurück, der die Ungenauigkeiten älterer Untersuchungen mit dem Monochord herausstellte und eine alternative Tonskalenberechnung begründete.
Mittelalter Das Tonsystem des Pythagoras wurde von den Römern und im mittelalterlichen Europa übernommen. Monochorde, Glocken (vgl. Abbildung) und Orgelpfeifen wurden pythagoreisch gestimmt und in der gregorianischen Musizierpraxis verwandt. Die Harmonik der frühen Mehrstimmigkeit bevorzugte die in der pythagoreischen Stimmung tatsächlich reinen Intervalle (die Komplementärintervalle Quinte und Quarte sowie Prime und Oktave).
Renaissance In der Renaissance gab es vor allem zwei für das Tonsystem wichtige Entwicklungen: Die zunehmende Chromatik in der Vokalpolyphonie erweiterte den Tonvorrat endgültig auf zwölf Töne. Das Dissonanzempfinden veränderte sich. Die Terz, im Mittelalter noch als dissonant eingestuft, wurde zum Harmonieträger im entstehenden Dur-Moll-System. Unterstützt wurde dieses Dissonanzempfinden allerdings dadurch, dass die Terz in der im Mittelalter verwendeten pythagoreischen Stimmung (Frequenzverhältnis 81:64) auch aus heutiger Sicht dissonant klingt; die reine große Terz (Frequenzverhältnis 5:4) kam erst mit dem Wechsel zur reinen Stimmung in das System.
Die neue Orientierung an der Terz und der Bedarf einer chromatischen Tonleiter führte zu Problemen mit der quintbasierten pythagoreischen oder auch der reinen Stimmung: Zwölf aufeinander geschichtete Quinten ergeben keinen geschlossenen Quintenzirkel. Der 13. Ton ist um das pythagoreische Komma höher als der Ausgangston. (Physikalisch ist er 7 Oktaven plus das pythagoreische Komma höher; bei der musikalischen Betrachtung von Tonleitern und Intervallen werden aber Töne im Abstand von Oktaven als gleichwertig angesehen.) Vier aufeinander geschichtete Quinten (z. B. C — G — D — A — E) ergeben keine reine große Terz. Der fünfte Ton ist um das syntonische Komma höher als eine reine große Terz auf dem Ausgangston.
Man wählte, dem neuen Klangideal entsprechend, die reine große Terz (mit dem nach Quinte und Quarte nächsteinfacheren Frequenzverhältnis 5:4) als neues Stammintervall und entwickelte, da die reine Stimmung auf den üblichen Tasteninstrumenten nicht verwirklicht werden konnte, die sogenannte mitteltönige Stimmung. Dabei führte man, um dem syntonischen Komma aus dem Weg zu gehen, leicht verkleinerte Quinten ein, von denen vier aufeinandergeschichtet eine reine große Terz bilden.
Durch die Folge von elf mitteltönigen Quinten Es — B — F — C — G — D — A — E — H — Fis — Cis — Gis erhielt man die zwölf Töne unseres abendländischen Tonsystems.
So erhielt man acht große Terzen wie gewünscht rein. (z. B. C — E durch vier mitteltönige Quinten C — G — D — A — E); vier Terzen mussten unrein bleiben (z. B. H-Dis, da Dis als Es eingestimmt ist und Dis deshalb nicht vier mitteltönige Quinten über H liegt, sondern acht mitteltönige Quinten unter H; vgl. obige Quintfolge).
Die mitteltönige Stimmung war jedoch auch ein Kompromiss und in mancher Hinsicht nicht zufriedenstellend. Theorie und Praxis: