miniatur|Der Totenkopf als Symbol der SS-Totenkopfverbände, die für die Bewachung der NS-Konzentrationslager zuständig waren mini|Offiziere der SS-Totenkopfverbände vor Häftlingen im KZ Gusen (Oktober 1941) mini|Häftlinge bei der Zwangsarbeit im Konzentrationslager Dachau (20. Juli 1938)
SS-Totenkopfverbände (SS-TV), ursprünglich als SS-Wachverbände und später unter den Bezeichnungen SS-Totenkopf-Wachsturmbanne und SS-Totenkopf-Standarten bekannt, waren besondere, kasernierte Teile der Schutzstaffel (SS), die explizit für die bewaffnete Bewachung und den Betrieb der Konzentrationslager aufgestellt wurden.
In dieser Funktion waren die SS-Totenkopfverbände ein zentrales Machtinstrument der NSDAP zur Unterdrückung und Beseitigung politischer Gegner, zur Ausbeutung durch Zwangsarbeit, zu medizinischen Menschenversuchen und zur Internierung von Kriegsgefangenen.Hilde Kammer, Elisabet Bartsch: Jugendlexikon Nationalsozialismus. Begriffe aus der Zeit der Gewaltherrschaft 1933–1945, Eintrag „SS-Totenkopfverbände“, S. 206–208.
In den Vernichtungslagern im besetzten Polen und Weißrussland waren die SS-Totenkopfverbände im Rahmen der sogenannten „Aktion Reinhardt“ speziell für den Massenmord an Juden aus ganz Europa und weiteren von den Nationalsozialisten verfolgten Personengruppen verantwortlich.
Anfangs spielte das Konzentrationslager Dachau bei München unter dem Kommandanten Theodor Eicke eine wichtige Rolle als Ausbildungsstätte der SS-Totenkopfverbände. Die SS-Männer lebten ursprünglich im Umfeld der Stadt Dachau und wurden im November 1935 auf dem Kasernengelände des SS-Übungslagers Dachau (damalige Anschrift: SS-Kaserne, Übungslager Dachau b. München)Anschriften-Verzeichnis der SS-Dienststellen, Stand vom 1. Oktober 1937, S. 8. untergebracht.
Am 10. Dezember 1934 wurde von Himmler die Inspektion der Konzentrationslager (IKL) gebildet; als Dienststelle der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) wurde sie eine staatliche Einrichtung, die zur Zentrale aller KZ-Verbände wurde. Eicke entwickelte in kurzer Zeit das „Dachauer Modell“: Es lässt sich „als Versuch beschreiben, den Terror zu systematisieren und zu zentralisieren“.das Zitat bei: Karin Orth, System, S. 28. Zu den Einzelheiten des „Dachauer Modells“, ebenda, S. 28 ff., S. 40; Johannes Tuchel, Konzentrationslager, S. 143–150.
Die frühen Konzentrationslager waren regional sehr unterschiedlich, von einem großen Maß an Improvisation geprägt, und die Öffentlichkeit war durch Presseberichte zumindest teilweise über die Zustände in den Lagern informiert. Eicke erließ im Oktober 1933 die „Disziplinar- und Strafordnung für das Gefangenenlager“ und eine Dienstvorschrift für Wachposten. Diesen wurde damit Straffreiheit zugesichert, wenn sie einen KZ-Häftling bei einem Fluchtversuch erschossen. Durch die strikte Unterbindung von Fluchtversuchen schottete Eicke das Verhalten dieser Gewalttäter im Lager nach außen sowohl gegen die Strafjustiz als auch gegen die Öffentlichkeit ab.
Zwischen 1935 und 1937 reorganisierte Eicke im Auftrag Heinrich Himmlers die der IKL unterstellten Konzentrationslager.Johannes Tuchel, Konzentrationslager, S. 315–342. Alle vorhandenen kleineren Lager wurden aufgelöst. Einzige Ausnahme war das KZ Dachau, das im Sommer 1937 erheblich erweitert wurde. Anstelle der aufgelösten, in vorhandenen Gebäuden untergebrachten Lager entstanden zwei große Neubauten, denen Kasernen der SS-Wachverbände angegliedert waren. Im Sommer 1936 wurde das KZ Sachsenhausen bei Oranienburg eröffnet. Im Sommer 1937 wurde das KZ Buchenwald in der Nähe von Weimar errichtet. Mit Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald gab es Ende 1937 drei große Lager für insgesamt 15.000 bis 20.000 Häftlinge.
Ab 1937 konzentrierte sich Eicke auf seine Funktion als „Führer der SS-Totenkopfverbände“, seine Aufgaben in der IKL übernahm schrittweise Richard Glücks. Die SS-Totenkopfverbände wurden neu in SS-Totenkopf-Wachsturmbanne und SS-Totenkopf-Standarten organisiert. So hießen die neu aufgestellten Totenkopfstandarten VI–XVI (einschließlich ihrer Reserveeinheiten) offiziell auch Verstärkte SS-Totenkopfstandarten (Polizeireserve).
Uniformierung und Insignien mini|Der Kragenspiegel mit dem Totenkopf – das Symbol der Totenkopfverbände (endgültige Version) Angehörige der SS-Wachverbände trugen anfänglich die schwarzen Uniformen der Politischen Bereitschaft, der sie organisatorisch zugeteilt waren. Lediglich der am linken Unterarm getragene Ärmelstreifen mit den Inschriften „Oberbayern“, „Ostfriesland“ oder „Sachsen“ usw. wies sie als Sonderteil der politischen Bereitschaften aus, die die frühen Konzentrationslager bewachte.
Gemäß Verfügung vom 11. März 1935 war es durch das SS-Hauptamt vorgesehen, dass sich die Einheiten der SS-Wachverbände durch einen silbernen Totenkopf über überkreuzten Knochen auf dem rechten Kragenspiegel von den Einheiten der Allgemeinen SS und der SS-Verfügungstruppe zu unterscheiden hätten. Jeder Totenkopfsturmbann sei durch Angabe der Sturmbann-Nummer in lateinischen Ziffern zu kennzeichnen:
SS-Wachtruppe „Oberbayern“: I SS-Wachtruppe „Ostfriesland“: II SS-Wachtruppe „Elbe“: III SS-Wachtruppe „Sachsen“: IV SS-Wachtruppe „Brandenburg“: V SS-Wachtruppe „Hansa“: VI
Doch letztendlich wurde die Wachtruppe „Hansa“ nicht im Rahmen der SS-Totenkopfverbände realisiert,Karin Orth: Die Konzentrationslager-SS, S. 34 (Fußnote). sondern über die Politische Polizei direkt in die Gestapo überführt.
Im April 1936 wurden sowohl die Totenkopfverbände als auch die Verfügungstruppe als „staatliche Organisationen“ bezeichnet, nachdem die Wachverbände seit dem 29. März als Totenkopfverbände tituliert wurden.Andrew Mollo: Uniforms of the SS, Vol. 4 „SS-Totenkopfverbände 1933–1945“, S. 3. Bis Herbst 1936 hatten sich die Totenkopfkragenspiegel als offizielles Symbol der KZ-Wachmannschaften generell durchgesetzt.
Zeitgleich mit der Einführung der erdgrauen Uniform in der SS-Verfügungstruppe (5. August 1935) führte Theodor Eicke für den „Lagerdienst“ in den Konzentrationslagern erdbraune Uniformen mit den militärischen Schulterstücken der Verfügungstruppe ein. Zu dieser war am linken Oberarm die Hakenkreuzarmbinde zu tragen, da die Totenkopfverbände nicht über einen Ärmeladler verfügten. Allerdings galt die Anweisung, dass innerhalb der Totenkopfverbände diese erdbraune Uniform nicht im Straßendienst oder zum Ausgang benutzt werden durfte. Allein die schwarze Uniform der SS sei die Ausgehuniform und die Uniform für den „Außendienst“ der SS-Totenkopfverbände, so die Anweisung Eickes.
1940 wurden die bestehenden SS-Totenkopfstandarten aufgelöst und als reguläre Infanterieregimenter in die Waffen-SS überführt, wo sie als Frontverbände mit den in der Waffen-SS üblichen SS-Insignien und Uniformen ausgestattet wurden. Der Kragenspiegel mit dem Totenkopf blieb nun ausschließlich den Regimentern der aus den Totenkopfverbänden gebildeten 3. SS-Panzer-Division „Totenkopf“, den Angehörigen der IKL sowie den in den KZ eingesetzten Totenkopf-Wachsturmbannen, der Standortverwaltung Dachau (SS-Übungslager Dachau) und den Ersatzeinheiten der Totenkopfverbände vorbehalten.Der Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Inneren: SS-Befehl, Betreff: „Feldgraue Uniform der Waffen-SS, der Sicherheitspolizei und des SD“, I. Waffen-SS, Ziffer 7, Berlin, den 10. Mai 1940.
KZ-Bewachung und Hilfspolizei Aufstellung des SS-Sturmbann „Dachau“ und Zuordnung zum SS-Sonderkommando 1 Die späteren Totenkopfverbände entstanden aus den „SS-Sonderkommandos“ bzw. nach deren Reorganisation aus den „Politischen Bereitschaften“ und wurden dort zu sogenannten „SS-Wachverbänden“ und später zu „SS-Totenkopf-Wachsturmbannen“ zusammengefasst. Sie waren als kasernierte Einheiten von Anfang an bewaffnet und unterstanden dem damaligen SS-Gruppenführer Theodor Eicke.
Der erste offizielle SS-Wachverband, der Sturmbann „Dachau“, wurde am 17. März 1933Robin Lumsden: The Allgemeine-SS, Ian Allan Publishing, 1991, ISBN 1-85532-358-3, S. 17. im KZ Dachau durch den damaligen SS-Sturmbannführer Hilmar Wäckerle aufgestellt, der dieses Lager bis zu seiner Entlassung am 26. Juni 1933 führte. Wäckerle war 1929 als SS-Anwärter dem SS-Sturm „Dachau“ beigetreten, der 1933/34 aufgelöst und mit Teilen der 1. und 34. SS-Standarte zum „SS-Sonderkommando 1“ der SS-Brigade „Süd“ umgewandelt wurde. Führer dieses SS-Sonderkommandos war Theodor Eicke, der am 30. Januar 1934 zum SS-Brigadeführer befördert und gleichzeitig in die Dienststellung des „SS-Brigadeführers Süd“. Als solchem unterstanden ihm alle SS-Einheiten der untergeordneten regionalen Organisationsgliederungen der SS. Wäckerle wechselte 1934 als Regimentskommandant zur 2. SS-Standarte „Deutschland“ und 1938 zur neuaufgestellten SS-Standarte „Der Führer“ über und übernahm dort die Leitung des III. Sturmbannes. Im Krieg gehörte Wäckerle als Regimentskommandant der 2. SS-Division „Das Reich“ (Regiment „Westland“) an und bekleidete bis zu seinem Tod den Dienstgrad eines SS-Standartenführers.
Das Kommando über das KZ Dachau hatte anfänglich eine Hundertschaft der bayerischen Schutzpolizei und wurde Mitte April 1933 durch eine Hilfspolizeitruppe übernommen, die sich aus Angehörigen der Landshuter, Augsburger und Münchner SS zusammensetzte.Bastian Hein: Die SS. Geschichte und Verbrechen, C.H. Beck Wissen, 2025, ISBN 978-3-406-83380-9, S. 79.
Der Historiker Bastian Hein schreibt in seinem Buch Die SS. Geschichte und Verbrechen, dass sich die ursprünglichen Wachmannschaften der frühen Konzentrationslager bunt zusammensetzten und aus Schutzpolizisten sowie aus arbeitslosen SA- und SS-Männern gebildet wurden. Diese erhielten einen Hilfspolizeisold sowie sogenannte „Unkostenbeiträge“, die sie von ihren Opfern abpressten.Bastian Hein: Die SS, S. 77.
Rolle des Sturmbann „Dachau“ beim „Röhmputsch“ Am 30. Juni 1934 wirkte der Sturmbann „Dachau“ aktiv bei der Ermordung der gesamten SA-Spitze um Ernst Röhm mit. Theodor Eicke und Michael Lippert erschossen Röhm am 1. Juli in seiner Stadelheimer Zelle, wobei es heute unsicher ist, wer von beiden den ersten Schuss abgab. Unmittelbar nach dem sogenannten „Röhm-Putsch“ wurde Eicke zum „Inspekteur des Konzentrationslagerwesens“ ernannt. Damit war er formal oberster „Dienstherr“ aller „SS-Wachverbände“ und nur noch dem Reichsführer SS Heinrich Himmler unterstellt. Seit dem August 1934 teilte sich der Dachauer Wachverband mit der SA-Standarte „Feldherrnhalle“ die „Ehrenwache“ an der Münchener Feldherrnhalle. Jeden Tag waren sie dort für ein paar Stunden präsent und mussten von den Vorübergehenden gegrüßt werden (siehe auch „Drückebergergasserl“).
Reorganisation in den SS-Wachverband „Oberbayern“ und Bildung deutschlandweiter KZ-Wachverbände Der Sturmbann „Dachau“ wurde am 29. November 1934 offiziell in SS-Wachverband „Oberbayern“ umbenannt und der ausschließlichen Verfügung Himmlers unterstellt. Damit wurde das KZ Dachau dem Zuständigkeitsbereich des SS-Oberabschnittführers „Süd“ entzogen. Die Außenbewachung des Lagers übernahm nun eine Standarte der Reiter-SS, deren geplanter Reiterabschnitt – in diesem befand sich das KZ Dachau – ebenfalls dem Zugriff des Oberabschnittführers entzogen wurde. Die 15. Reiterstandarte unter Hermann Fegelein löste die bisherige KZ-eigene Wachtruppe ab und war nun von da an für die Außenbewachung des Lagers zuständig. Daher trugen die Angehörigen dieser Standarte, sofern sie für den Wachdienst in Dachau vorgesehen waren, die Uniform der SS-Wachverbände. Gleichzeitig wurden alle KZ-Wachmannschaften der Allgemeinen SS und der Politischen Bereitschaften aus ihren Mutterorganisationen herausgelöst und Theodor Eicke als SS-Sondersturmbanne zugeordnet. Bereits am 14. Dezember 1934 reorganisierte dieser die Sondersturmbanne in reguläre SS-Wachverbände und teilte diese einem KZ zu. So entstanden auf diese Weise sechs Wachverbände, die in ganz Deutschland verteilt waren.