mini|Seite A (Original) mini|Seite B (Original) Der Diskos von Phaistos (, auch Diskos von Phaestus oder Diskos von Festos), eine in Phaistos auf Kreta gefundene Scheibe aus gebranntem Ton, ist eines der bedeutendsten Fundstücke aus der Bronzezeit. Er ist mit kreis- und spiralförmig angeordneten Abstrakta, Menschen-, Tier- und Sachmotiven (Gerätschaften und Pflanzenteilen) versehen, die mit einzelnen Stempeln eingedrückt wurden. Der Diskos stellt damit den ersten bekannten „Druck mit beweglichen Lettern“ der Menschheit dar, in dem Sinne, dass zum ersten Mal ein kompletter Textkörper mit wiederverwendbaren Zeichen produziert wurde.Herbert E. Brekle: Das typographische Prinzip. Versuch einer Begriffsklärung. In: Gutenberg-Jahrbuch. Band 72, 1997, S. 58–63 (60f.) (epub.uni-regensburg.de PDF).

Der Diskos von Phaistos ist einzigartig, da bislang kein weiteres Fundstück seiner Art entdeckt werden konnte. Nahezu alle den Diskos betreffenden Fragen, wie die nach seinem Zweck, seiner kulturellen und geografischen Herkunft, der Leserichtung und der Vorderseite, sind umstritten. Selbst seine Echtheit und die Annahme, dass es sich bei den Zeichen um Schriftzeichen handelt, wurden schon angezweifelt. Das Objekt befindet sich heute im Archäologischen Museum in Iraklio.

Entdeckung, Fundort und Datierung Fundort Koordinaten der Fundstelle:

mini|Lageskizze von Luigi Pernier mit der Kammer 8 (rechts), dem Fundort des Diskos Der Diskos wurde am Abend des 3. Julis 1908 bei Ausgrabungen des Italieners Luigi Pernier im Zuge der von Federico Halbherr 1857–1930 geleiteten italienischen Archäologischen Mission von 1908 gefunden. Man entdeckte ihn im westlichsten Gebäude des altpalastzeitlichen Nordosttrakts der minoischen Palastanlage von Phaistos auf Kreta. Pernier war jedoch bei der Auffindung nicht persönlich anwesend. Der Diskos lag etwa einen halben Meter über dem Felsboden nach Norden geneigt mit der später als „A“ bezeichneten Seite nach oben zwischen Schutt- und Keramikresten in einem rechteckigen 1,15 × 3,40 Meter großen Vorratsraum, der heute als Kammer 8 des Gebäudes 101 bezeichnet wird. Neben ihm befanden sich eine zerbrochene Schrifttafel (Ph-1) in Linearschrift A, Keramik aus der Zeit von 1650 bis 1600 v. Chr., Asche, Kohle und angebrannte Rinderknochen. Der Raum besaß keinen ebenerdigen Zugang. Nördlich der Kammer 8 schließt sich eine Reihe von mit Ziegeln abgetrennten Behältnissen an, die nach Westen über die Westwand der Kammer hinausreicht. Stratigrafische Angaben zur exakten Lage des Diskos in Kammer 8 hat Pernier nicht gemacht. Dies schränkt die Möglichkeiten zur relativen Datierung des Diskos aus seinem Fundzusammenhang heraus ein.Thomas Berres: Der Diskus von Phaistos. Grundlagen seiner Entzifferung. Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2017, ISBN 978-3-465-03977-8, S. 3 mit Anmerkung 21.

Datierung mini|links|Fundort des Diskos in Phaistos Luigi Pernier datierte die Entstehungszeit des Diskos zwischen 1700 und 1600 v. Chr., in die Periode Mittelminoisch III. Dabei nahm er an, dass der Diskos nicht in dem Raum aufbewahrt wurde, wo man ihn fand, sondern dass er aus einem oberen Stockwerk beim Zusammenbrechen des Gebäudes 101 in die Kammer 8 fiel. Schon Pernier wies jedoch darauf hin, dass zwar die Mehrheit der Keramikfunde im Auffinderaum des Diskos aus der mittelminoischen Zeit stammten, einige hellenistische Fundstücke jedoch nicht dazu passten. Die stratigrafischen Daten des Fundortes sind für die zeitliche Einordnung des Diskos folglich nicht verwertbar, da uneindeutig, zumal der Zeitpunkt seiner Herstellung nicht mit dem der Einlagerung am Auffindeort übereinstimmen muss. Wissenschaftler wie Yves Duhoux und Derk Ohlenroth, erweitern deshalb den möglichen Herstellungszeitraum des Diskos um Mittelminoisch II, und damit insgesamt von 1850 bis 1550 v. Chr., und beziehen sich dabei auf die Nutzung des Gebäudes 101 schon in der Altpalastzeit.

mini|Umzeichnung des neben dem Diskos gefundenen Linear-A-Schrifttafelfragments Sieht man von Extrempositionen ab, wie der, dass der Diskos von Phaistos eine Fälschung sei oder den wissenschaftlich nicht untermauerten Entstehungshypothesen von Victor J. Kean (2100 v. Chr.) und Kristian Jeppesen (1924–2014 - 1100 v. Chr.), so gibt es neben der klassischen Datierung nach Pernier und der erweiterten mittelminoischen nach Duhoux und Ohlenroth auch noch die von Wissenschaftlern, die die Entstehung des Diskos in der spätminoischen Zeit annehmen. Zu ihnen gehören Benjamin Schwartz, Henry D. Ephron und Louis Godart. Letzterer kommt nach der Untersuchung der auf der Tonscheibe aufgebrachten Zeichen und ihrer zeitlichen Bezugnahme zur archäologischen Realität Kretas zu dem Ergebnis, dass der Diskos „chronologisch in die Zeit zwischen 1550 v. Chr. und dem Ende des 13. Jahrhunderts v. Chr. einzuordnen ist“. Demgegenüber wiesen Günter Neumann (1920–2005) und Kjell Aartun darauf hin, dass bestimmte Zeichen auf dem Diskos mit denen auf der in den 1930er Jahren gefundenen Bronzeaxt von Arkalochori und mit drei männlichen Tonstatuetten aus dem Anfang der 1960er Jahre entdeckten Gipfelheiligtum von Traostalos korrespondieren. Sowohl die Bronzeaxt, deren Zeichen mit Linear A in Verbindung gebracht und als Silbenschrift interpretiert wurden, als auch die Nutzung des Höhlenheiligtums werden allgemein in die Mittelminoische Zeit I bis III datiert, die Entstehungszeit der Axt zwischen 1700 und 1600 v. Chr.

Problematik der möglichen Fälschung Der auf antike Artefakte spezialisierte Kunsthändler Jerome M. Eisenberg verdächtigt Luigi Pernier, den Schweizer Künstler und Restaurator Emile Gilliéron (1851–1924), der bei der Ausgrabung des Palastes von Knossos zusammen mit Arthur Evans wirkte, beauftragt zu haben, den Diskos zu fälschen.Jerome M. Eisenberg: The Phaistos Disk: A 100-Year-Old Hoax? Addenda, Corrigenda, and Comments. In: Minerva. International Review of Ancient Art & Archaeology. Band 19, Nummer 5, 2008, S. 15 f. So sind die Ergebnisse der Arbeiten von Emile Gilliéron und seinem Sohn Emile (1885–1939) oft „künstlerisch sehr frei“ bzw. werden von einigen Spezialisten auch als reine Kunstfälschungen betrachtet.Kenneth D.S. Lapatin: Snake Goddesses, Fake Goddesses. How forgers on Crete met the demand for Minoan antiquities. Archaeology (A publication of the Archaeological Institute of America) Volume 54 Number 1, Januar/Februar 2001 Ihre Arbeit orientierte sich nicht am archäologischen Standard auch zu jener Zeit; manches (wie eben der Diskos von Phaistos oder die Schlangengöttin von Knossos) steht sogar im Verdacht, eine reine Fälschung zu sein.Tim Heilbronner, Heinz Scheiffele: Der „Diskos von Phaistos“ und das Gipsschälchen im historischen Warenarchiv der WMF. Ein neuer Bezug zu den Künstler-Restauratoren Vater Sohn Emile Gilliéron. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege, 2 (2017), S. 147–150 (online).Kenneth D.S. Lapatin: Mysteries Of The Snake Goddess: Art, Desire, And The Forging Of History Paperback. Da Capo Press, 2003, ISBN 0-30681-328-9Judith Weingarten: Review of K.Lapatin, Mysteries of the Snake Goddess: Art, Desire, and the Forging of History. American Journal of Archaeology, Vol. 108, No. 3 (Juli 2004), S. 459–460 Thermolumineszenzuntersuchungen konnten an dem Kunstobjekt nicht durchgeführt werden.

rahmenlos|rechts|hochkant=0.2|Zeichen Nr. 21 Der Altorientalist Pavol Hnila kam nach einer Analyse der Eisenbergschen Ergebnisse zu dem Schluss, dass die Diskussion um die Authentizität des Diskos noch nicht abgeschlossen sei. Insbesondere zeuge Zeichen Nr. 21 der Scheibe (siehe rechts) davon, dass die Fälscher eine kaum erklärbare Kenntnis des denkbaren oder möglichen Zeichenrepertoires hätten besitzen müssen, da das exakt gleiche Zeichen fast ein halbes Jahrhundert später aus einem gesicherten Fundkontext auf einem minoischen Siegelabdruck in Phaistos gefunden wurde. Weitere Exemplare sind nicht bekannt geworden.Pavol Hnila: Notes on the Authenticity of the Phaistos Disk. In: Anodos. Studies of the Ancient World. Band 9, 2009, S. 59–66 (online); zum Siegelabdruck: Ingo Pini: Corpus der minoischen und mykenischen Siegel. Band 2,5: Die Siegelabdrücke von Phaestos, Iraklion, Archäologisches Museum. Mann, Berlin 1970, S. 208 Nr. 246 (PDF). Gegenüber der Einschätzung Eisenbergs, keines der 45 Zeichen lasse sich in eines der Systeme anderer minoischer Schriften einfügen, betont Hnila, dass sich neben dem Siegelabdruck aus Phaistos vergleichbare Zeichen auf der 1934 gefundenen Axt von Arkalochori und auf dem 1937 gefundenen Altarstein von Mallia nachweisen lassen. Manche dieser Zeichen seien sehr ähnlich, wenn nicht sogar identisch.Pavol Hnila: Notes on the Authenticity of the Phaistos Disk. In: Anodos. Studies of the Ancient World. Band 9, 2009, S. 59–66, hier S. 64 f.

Beschreibung Aufbau und Gliederung mini|hochkant=1.6|Umzeichnung mit Feldnummerierung nach Louis Godart Die Tonscheibe des Diskos ist von flacher und unregelmäßig runder Form. Ihr Durchmesser variiert zwischen 15,8 und 16,5 Zentimetern. Die Oberflächen beider Seiten, die mit den Bezeichnungen A und B unterschieden werden, sind glatt, aber nicht ebenmäßig und plan. Die Dicke der Scheibe schwankt zwischen 1,6 und 2,1 Zentimetern, wobei sich die Seite A am Rand verdickt, die Seite B in der Mitte. Der Diskos besteht aus qualitativ hochwertigem feinkörnigen Ton, im Farbspektrum von hellem Goldgelb bis dunklem Braun, der nach der Stempelung sorgfältig gebrannt wurde. Die Art des Materials erinnert an das kretominoischer Eierschalenware.

Beide Seiten des Diskos sind mit äußeren kreis- und nach innen spiralförmig angeordneten Abstrakta, Menschen- und Tiersignets sowie Gerätschaften und Pflanzenmotiven bestempelt. Insgesamt ist er mit 241 Stempeleindrücken beschriftet, die durch Trennlinien (sogenannte Feldtrenner) zu 61 Zeichengruppen zusammengefasst sind. Die Seite A enthält 122 Stempeleindrücke und 31 Zeichengruppen. Eine Lücke auf der Seite A verweist auf ein dort ehemals vorhandenes Zeichen, so dass die Gesamtzahl bei der Anfertigung des Diskos 123 Stempeleindrücke betrug. Auf Seite B finden sich 119 Eindrücke, zusammengefasst in 30 Zeichengruppen. Die längsten Zeichengruppen haben sieben Stempeleindrücke, die kürzesten zwei. Auf Seite B finden sich nur Gruppengrößen mit zwei bis fünf Zeichen und auf Seite A mit zwei bis sieben Zeichen. Die Nummerierung der Zeichengruppen wird unterschiedlich angegeben, beispielsweise bezeichnete Arthur Evans die Zeichengruppe mit der Rosette im Zentrum als A 1, Louis Godart dagegen als A-XXXI.

Entsprechend der Nummerierung von Louis Godart sind folgende Zeichengruppen auf den beiden Seiten des Diskos, A und B, abgebildet – die Zeichen sind dabei gemäß der von Godart angenommenen Leserichtung von außen nach innen, also von rechts nach links, in der Tabelle gespiegelt dargestellt. In der Zeichengruppe A-VIII (A8) fehlt das letzte Zeichen in der dort vorhandenen Lücke bzw. ist nicht mehr identifizierbar: